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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnachten im Postamt
Eingestellt am 30. 12. 2001 21:11


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Oliver Uschmann
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WEIHNACHTEN IM POSTAMT


In den elf Monaten des Jahres, welche man getrost als „normal“ bezeichnen kann, bietet sich den Menschen in unserem Viertel folgendes Bild : In den SupermĂ€rkten, Buchhandlungen, BĂ€ckereien, ReformhĂ€usern, FotolĂ€den oder Junkfood-Tempeln plĂ€tschern Stunden und Menschen gemĂ€chlich vor sich hin.
Am Mittag oder Abend kommt in den Burger-LĂ€den sanfte Hektik auf, am Samstag kann es schon mal passieren, daß im riesigen Supermarkt die HĂ€lfte aller Einkaufswagen in Gebrauch sind – aber alles in allem nehmen die Tage in so ihren Lauf.
Menschen sitzen auf den BĂ€nken und fĂŒttern die Tauben, Menschen stehen in GrĂŒppchen und meckern leise schielend ĂŒber „die Idioten, die die Mistviecher auch noch fĂŒttern“, Jugendliche posieren und Kinder quĂ€ken verhalten in die halblaut sprudelnde GerĂ€uschkulisse hinein. Soweit die elf normalen Monate.

Doch da gibt es noch einen Monat und der bewirkt, daß sich das Bild unseres Viertels schlagartig verĂ€ndert und mit den Menschen eine nahezu beĂ€ngstigende Verwandlung vor sich geht.
Es ist, als wĂŒrde man einen Film beschleunigen und gleichzeitig den Ton lauter drehen. Die Gesichter der Menschen fĂŒllen sich mit Panik, Angst und Hilflosigkeit, sie treiben wild strampelnd und taumelnd umher und haben jegliche Orientierung verloren. Die Rede ist natĂŒrlich vom Dezember und von der Weihnachtszeit.

Und diese Zeit geht auch an unserem kleinen, entspannten Postamt nicht spurlos vorĂŒber. Wo es in den elf normalen Monaten ruhig daliegt, die Menschen ein-und ausgehen, hinter den Schaltern der Kaffee dampft und immer mal einer Zeit findet, ein privates PlĂ€uschchen zu halten, da gelten auch hier im verflixten zwölften Monat die Regeln des Ausnahmezustands.
Als ich am 21.Dezember das Postamt betrat, da wurde die TĂŒr direkt durch den RĂŒcken eines großen Mannes gestoppt, der schrecklicherweise das Ende der Schlange bildete – einer von drei monströsen Schlangen, welche MĂŒhe hatten, sich in dem kleinen Raum klar voneinander zu unterscheiden.
Immer mal wieder vermischten sich Teile der drei Schlangen, so daß unĂŒbersichtliche Verknotungen entstanden und in den Gesichtern ein latentes Mißtrauen und ein bitterer Argwohn gegen alle anderen auftauchten, da man in dem Durcheinander nicht unterscheiden konnte, ob nun heimlich einer von der ersten in die zweite Schlange ĂŒbergewechselt war oder an seinem rechtmĂ€ĂŸigen Platz ausharrte.

Eine verzwickte Sache bei solchen Schlangen ist ja die Geschwindigkeit. Hat man sich durch Zufall oder Absicht fĂŒr eine Schlange entschieden, kann man mit sehr großer Wahrscheinlichkeit im nĂ€chsten Moment feststellen, daß die Nachbarschlange um einiges schneller abgefertigt wird.
So schien die kleine, untersetzte und durchaus adrett gekleidete Frau an der Spitze meiner Schlange dem Schalterbeamten eine Aufgabe von immenser KomplexitĂ€t auferlegt zu haben. Der lieb in die Welt blickende MittfĂŒnfziger mit dem zersausten Haar auf Kopf und Nase tippte, stempelte, schrieb und schwitzte, was das Zeug hielt und wer nicht direkt im vordersten Teil der Schlange stand, der reckte immer mal wieder den Kopf hervor, um sich zu versichern, ob da vorne ĂŒberhaupt irgendein Fortschritt gemacht wurde.
Derweil rĂŒckte die Schlange links neben uns im Minutentakt vorwĂ€rts und die Leute, die sich an unserer Schlange vorbei zum Ausgang quetschten, schienen sich mit jedem Blick fĂŒr ihr GlĂŒck zu entschuldigen.
ÜberflĂŒssig zu erwĂ€hnen, daß wĂ€hrend der ganzen Zeit vom Eingang her neue Kunden hineinschwappten und die Schlangen wieder auffĂŒllten.

Der kraushaarige Beamte war immer noch mit der adretten Frau beschÀftigt und langsam machte sich Unmut in unserer kleinen Schlangen-Gemeinde auf.
Ein kurzhaariger, dezent parfĂŒrmierter und professionell rasierter Mann setzte einen abschĂ€tzigen Blick auf, so, als hĂ€tte er mit all den anderen hier ja gar nichts zu tun – doch sein erfolgsverwöhntes Aussehen konnte nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, daß auch er hier hilflos anstehen mußte, um die Weihnachtspost an seine Großtanten loszuwerden, wie jeder andere auch.
Ein anderer Mann begann bestĂ€ndig mit dem Fuß zu wippen und zu pfeifen, wĂ€hrend eine Frau in einem verstörend-unproportionalen Mantel die Artikel im Regal neben ihr skeptisch in ihre Wurstfinger nahm, drehte, begutachtete und dann verĂ€chtlich ins Regal zurĂŒckwarf als sei ihre Verachtung fĂŒr Eigenproduktionen der Post Rache genug fĂŒr die langen Schlangen.
Gute Stimmung herrschte lediglich am Anfang der Schlange, denn die adrette Frau hatte sich mittlerweile umgedreht und plauderte entschuldigend mit den Wartenden hinter ihr,welche ihre grimmigen Masken direkt abgesetzt hatten und munter mit einfiehlen :„Ach ja, das is‘ immer so’was mit den Feiertagen...und die Verpflichtungen...und eigentlich schenken mein Mann und ich uns nichts mehr...außer jetzt das in der TĂŒte...und wenn’s wenigstens schneien wĂŒrde aber so is’ses ja nix..“
Der alte Mann vor mir grinste bestÀndig wie blöde in die Runde und beschrÀnkte sich weiterhin darauf, wie ein Schrank im AntiquitÀtenladen zu stinken.

Plötzlich stockte die ansonsten so flotte Nachbarreihe und der Grund dieser VerĂ€nderung lenkte einen Großteil der Aufmerksamkeit der versammelten Gesellschaft auf sich.
Eine alte Frau stand an dem Schalter. Sie war so klein, daß sie gerade mal den Beamten von unten sehen konnte und steckte in krummen, unförmigen Stiefelchen.
Eine mĂŒhsam gestickte Entschuldigung fĂŒr ein Kleid hing an ihr herunter und auf dem kleinen Kopf saß ein viel zu großer, turbanartiger Hut.
„Wie, fĂŒnf Mark soll das kosten ???!!!“ , krĂ€chzte sie dem Beamten entgegen.
„Ab 50Gramm fĂŒnf Mark, bis 50Gramm 3 Mark 50, jawoll.“
„Ab 50 Gramm?“
„Ja, ab 50 Gramm.“
„FĂŒnf Mark ?!“
„Ja, fĂŒnf Mark.“
„Geht das nicht billiger ?“
„Nein, wir machen keine Sonderkonditionen.“
Nun begann sie mit verkniffenem Gesicht in ihrer Geldbörse zu kramen und ließ sich dermaßen viel Zeit dabei, daß in einigen Gesichtern in ihrer Schlange eine mittlerweile ernstzunehmende Verfinsterung zu beobachten war.
Als die Frau leise vor sich hin schimpfend den Raum verließ, sah man eine spĂŒrbare Erleichterung in den Gesichtern, die nun frischen Mut fassend alle einen Meter vorwĂ€rts purzelten.
Alle Augen richteten sich nun auf den nÀchsten Kunden am Schalter und musterten ihn skeptischin der Angst, auch hinter dieser Fassade könne ein weiterer hartnÀckiger, personifizierterVerkehrsstau stecken.

Der war allerdings nun wieder unserer Schlange vorbehalten und so wurde die Aufmerksamkeit unserer Gemeinde wieder auf lokale Angelegenheiten gelenkt.
Der kraushaarige Beamte rĂŒmpfte seine behaarte Nase : „Das ist ja eigentlich ein Paket, junge Frau “, sagte er und nickte zur ersten Schlange hinĂŒber. Der leidende Blick der Frau sagte soviel wie „Sie wollen mich doch wohl jetzt nicht ans Ende der ersten Schlange schicken, in die kalte Ferne, wo ich schon seit einer halben Stunde in dieser Schlange gelebt habe ?“
Der Beamte setzte ein gĂŒtiges Grinsen auf : „Nun ja, sie können’s auch als PĂ€ckchen schickchen, kostet dann nur 12 Mark, ist aber nicht versichert.“
Das Telefon klingelte. „Überlegen sie schon mal.“ Diese vier Worte schienen wie eine Welle durch unsere Reihe zu fluten, denn plötzlich bekam der ewig grinsende, nach Muff stinkende Mann vor mir einen so heftigen Schluckauf, daß sein Hut ein ganz klein wenig auf-und abhĂŒpfte.

„Nein, ich werd‘ wohl erst heute Abend Zeit haben“, meldete der Beamte dem anderen Ende der Leitung, derweil die junge Frau skeptisch ihr PĂ€ckchen betrachtete und sich ĂŒberlegte, ob sie wohl das Risiko eingehen könne, es unversichert loszuschicken.
„Ja...nein...ja...hm...nein...Du...ich hab’ne Menge...ja...Kunden...ich...hm...ja...ich mach jetzt Schluß‘ ne ? Ja...hm...tschĂŒss. So, haben sie es sich jetzt ĂŒberlegt mit dem PĂ€ckchen ?“
„Ja, machen wir.“
„Prima.“

Der weitere Verlauf des Mittags bot keine grĂ¶ĂŸeren Überraschungen mehr. Die Schlangen bewegten sich in verschiedenen Geschwindigkeiten fort, so, als wĂŒrden Kinder ein Wettrennen mit ihren hilflosen Hausschnecken veranstalten, der muffige Mann bestellte zwölf Briefmarken und grinste, ein Mann in der zweiten Schlange stolperte ĂŒber ein Kind und fluchte und ein Kind in der dritten Reihe stolperte ĂŒber seine eigenen FĂŒĂŸe und heulte.
Ich kam endlich an die Reihe und erntete von dem kraushaarigen Beamten fragende Blicke ob meiner Gelassenheit, aber ich wollte die Schlange nicht noch mehr aufhalten, indem ich ihm erzĂ€hlt hĂ€tte, daß ein Schriftsteller solche Situationen als stiller Beobachter ertragreich ertrĂ€gt.

Ich verließ die Post und wĂ€re beinahe von einer Mutter mit vielen TĂŒten ĂŒberrannt worden, in deren Augen Panik und Agonie blitzten.
Vor dem Briefmarkenautomaten stand eine weitere Menschentraube mit Bergen von unfrankierter Weihnachtspost. Plötzlich fiel der Automat aus. Die Menschen sahen sich an, drehten sich um und plötzlich strömte die Traube auch noch ins Postamt.
Die drei Schlangen verschmolzen zu einem Sumpf, das heulende Kind verstummte und verschwand im Wald der Beine und das letzte was ich sah, war ein flehender, Àngstlicher Blick des kraushaarigen Beamten, der stumm um letzte Hilfe zu schreien schien.
Der Dezember ging weiter.


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