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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnachten ist wie ein Bad
Eingestellt am 08. 12. 2005 13:30


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Rudolf Wolter
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Weihnachten ist wie ein Bad
Weihnachten ist wie ein Bad, dachte sie. Gestern hatte sie es wieder genossen, das Licht des Christbaums, das mit nichts anderem zu vergleichen ist, wie es alles zum Leuchten bringt, das Wohnzimmer vergoldet. Sie hatte alles losgelassen und nur auf die Krippe gesehen aus dem Erzgebirge, sch├Ân, dass man so etwas jetzt wieder bekommt, nur, sie nehmen auch ihren Preis daf├╝r, aber den brauchen sie wohl. Sie erinnerte sich mit kaltem Schaudern an die Erz├Ąhlungen ihrer Mutter von den Kindern in den Knopffabriken Th├╝ringens, und manchmal blieben ihre Finger in den Maschinen. An die Finger in den Knopfmaschinen dachte sie, als sie die Geldscheine hinz├Ąhlte, obwohl diese Kinder l├Ąngst gestorben waren in diesem m├Ârderischen Jahrhundert. Ihre Tochter sollte eine Krippe haben, und nun hatte sie davor gesessen und auf das Kind in der Krippe geschaut, w├Ąhrend die Kinder das Geschenkpapier von den P├Ąckchen rissen. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesem kleinen Kind, alles andere versank um sie herum, sie h├Ârte nicht, als der Junge auf seiner Autorennbahn die Renner rasen lie├č, gedankenlos lie├č sie sich von dem M├Ądchen abhorchen mit dem Stethoskop aus dem Arztkoffer. Sie konnte sich von Maria und Joseph nicht trennen und nicht von dem Kind.
Es dauerte lange, bis sie wieder auftauchte. Dann aber freute sie sich ├╝ber den L├Ąrm der Rennbahn, erinnerte sich an ihren Jungen, der sich damals einen Mountain-Express gew├╝nscht hatte und auch bekam, ein l├Ąrmendes Blechspielzeug, mit dem er drei Tage lang die Familie terrorisierte. So ist das, wenn man Kinder hat. Was ihr Junge wohl in Brisbane seinen Kindern unter den Baum legt? Ob er am Strand feiert? Weihnachten in der Badehose?
Heute war sie allein. Sie war froh dar├╝ber, aber auch dankbar, dass ihre Tochter sie zum Heiligen Abend eingeladen hatte. Ohne den Weihnachtsbaum, die Kerzen, die Kinder, die Krippe h├Ątte sie dieses Gef├╝hl nicht gehabt, einzutauchen in ein reinigendes, erfrischendes, beruhigendes Bad. Sie goss noch einmal Wasser in den Filter, nun w├╝rde der Kaffee reichen f├╝r den Vormittag. Sie nahm die Kanne, die Packung mit den Dominosteinen, Honigkuchen, Marzipan und Gelee, sie schmecken nur in diesen Tagen, ging ins Wohnzimmer, z├╝ndete die Kerze auf dem Tannengesteck an. Was soll sie auch mit einem Baum, ohne Kinder w├╝rde er sich gr├Ąmen im leeren Zimmer. Sie goss sich einen Kaffee ein, freute sich ├╝ber das tiefschwarze Getr├Ąnk und ├╝ber den goldenen Rand rundherum, griff nach einem der dunkelbraunen W├╝rfel, legte ihn dann aber wieder zur├╝ck, stand auf, ging zur Wand, und ├Âffnete die 24. T├╝r ihres Adventskalenders. Gestern war sie nicht dazu gekommen, erst musste sie zum Schlachter, das Fonduefleisch holen, dann musste sie es kleiner schneiden, die machen immer so gro├če St├╝cke, dann sollte sie die Geschenke noch einwickeln, nur die B├╝cher und das Parf├╝m packen sie heutzutage noch im Laden ein, es war so viel zu tun f├╝r jemanden, der sonst nichts mehr erledigen muss. Jetzt aber ├Âffnete sie das gro├če Tor.
War sie nicht kindisch, eine alte Frau und ein Adventskalender? Als die Kinder ausgezogen waren, fand sie ihn auf dem Boden. Keiner hatte ihn mitgenommen. Junge Leute lachen ├╝ber den Kitsch. So ein buntes Bild vom windschiefen Stall, schwebende Engel, die Posaune blasen, dunkle Hirten, die auf die Knie fallen, K├Ânige, die Geschenke bringen, Ochsen, Schafe und Esel, was sollen junge Leute damit! Aber sie hatte ihn aufgeh├Ąngt, jedes Jahr wieder, und sie freute sich ├╝ber den blauen Mantel der Maria und den finster blickenden Joseph im Hintergrund, und das Jesuskind trug einen goldenen Strahlenkranz um den Kopf. Nat├╝rlich wusste sie, was hinter der 24. T├╝r war, aber sie war gl├╝cklich, jedes Jahr feierlich die beiden Fl├╝gel dieses Fensters zu ├Âffnen.
Aufatmend lie├č sie sich auf ihren Stuhl fallen. Jetzt erst biss sie in den Dominostein. Ja, sie war ein Kind. Sie war ein Kind seit siebzig Jahren. Doch sie sch├Ąmte sich dessen nicht. Den goldenen Kranz ums Haupt trug sie nicht. Das wusste sie. Immer, wenn sie neugierig in einen Kinderwagen guckte, so ein winziges Gesicht sah, tauchte vor ihren Augen das Kind auf, das sie hatte wegmachen lassen, sie wollte doch erst ihre Lehre abschlie├čen, es passte einfach nicht. Einen strahlenden Kranz auf den Locken verdiente man sich nicht mit dem stundenlangen Warten im kargen Zimmer der billigen Absteige, bis er dann endlich kam, und sie holte sp├Ąter atemlos ihre Kinder von der Nachbarin, um zeitig genug das Essen auf dem Tisch zu haben, auf das er Anspruch hatte, solange er das Geld nach Hause brachte. Pl├Âtzlich war es wieder da, dieses brennende Lodern im Bauch, als sie damals zur Bescherung gerufen wurde, und sie hatte ihrer Mutter doch 5 Mark aus den achtlos auf dem K├╝chentisch abgelegten Portemonnaie genommen. Die Kerzen am bunten Tannenbaum leuchteten, als w├Ąre das nicht gewesen. An diesem Fest war Weihnachten zum erstenmal wie ein Bad f├╝r sie. Im Licht der Kerzen verbrannten vor Jahren die Schl├Ąge, die sie ihrer Vierzehnj├Ąhrigen verabreicht hatte, weil sie erwischt worden war mit einem Nagellack bei Douglas, in ihren Lichtern schmolzen die Ketten, die sie an die Flasche gefesselt hatten, nachdem er gegangen war f├╝r immer, denn die andere war f├╝nfzehn Jahre j├╝nger, blond und ging regelm├Ą├čig auf die Sonnenbank.
Es ist keine Schande, ein Kind zu sein von dem da, dessen Namen sie nur selten dachte. F├╝r die anderen bin ich nur die Alte, die sich aufregt, wenn der flotte Single nebenan wieder die Treppe nicht gemacht hat, eine Rentnerin, die sich schon mal an der Kasse frech vordr├Ąngelt, obwohl sie doch genug Zeit haben m├╝sste. Seit jenem peinlichen Weihnachten konnte ihre Mutter das Geld lose in die Schublade des K├╝chenschrankes legen, sie r├╝hrte es nicht an, nie wieder.
Wie in dieser Jugendzeit lernte sie auch jetzt von dem Kind in der Krippe. So viele Schritte konnte sie ihm hinterhergehen, und sie w├╝rde es tun. Sie wollte nicht wieder schweigen, wenn ein trunkener Deutscher in der U-Bahn die fremde Familie beschimpfte: Nicht mal Deutsch sprechen k├Ânnen die, aber von meinen Steuern leben! Sie wird die Angst abstreifen und den Mund aufmachen. Sie wird auch der Reichmann im Treppenhaus zuh├Âren, die immer das gleiche erz├Ąhlt, von den Kindern, die sich nicht sehen lassen, von der H├╝fte, die so sehr schmerzt. Nein, das waren keine Weihnachtsgedanken, das hatte mehr mit dem Gef├╝hl zu tun, das sie fr├╝her hatte, wenn sie Weihnachtsbaum abschm├╝ckte und auf den Balkon stellte, wenn die Tage heller und l├Ąnger wurden. Jetzt f├Ąngt alles neu an, so empfand sie es jedes Jahr.
Als sie gefunden wurde, war die Kerze verloschen und der Kaffee kalt geworden.

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flammarion
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