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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnachtslust, feuchtfröhliches Musiktheater in 4 Akten
Eingestellt am 07. 12. 2017 10:23


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dubidu
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Vorhang auf zum 1. Akt, Musik: J.S. Bach WO "Jauchzet frohlocket"


Heiligabend, 14 Uhr im Aufenthaltsraum eines drittklassigen Seniorenwohlfühlheims: Alfred, 94, dementer Akademiker und Horst, 79, nimmermüder Kleinkrimineller sowie Hannelore, 81, abgeschobene Mutter von fünf Kindern, hocken an einem Resopaltisch, auf dem sich die Reste des Mittagessens türmen. Es riecht nach ranzigem Fett.


„Habt ihr Lust auf das Weihnachtsfest?“, fragt Horst in die Runde. Alfred starrt die Wand an, während Hannelore den Kopf schüttelt: „Verbranntes Fraß und zum Nachtisch einen Nikolaus, der mal ein Osterhase war? Ohne mir!“

„Isses schon wieder Ostern?“, krächzt Alfred, hebt den Finger und fügt hinzu: „Ohne mich, heißt das!“ Horst knallt die Faust auf den Tisch und schmettert: „Lasst uns ausbüxen!“ Hannelore runzelt die Stirn und fragt: „Wohin denn?“

„Auf den Weihnachtsmarkt!“ Hannelore mustert Horst ungläubig.

Währenddessen hat Pfleger Kai den Raum betreten und stolziert zwischen den Senioren herum. Horst nickt in Richtung des eitlen Gecken und malt mit den Händen ein Auto in die Luft. Hannelore weitet die Augen und öffnet den Mund.

Horst lächelt verschmitzt und schnippt mit den Fingern in Alfreds Richtung. Der zuckt zusammen und quengelt: „Wo bin ich, wer seid ihr?“ Horst klopft ihm auf den Rücken und raunt: „Alles in Ordnung, Alter!“

Kai baut sich vor den dreien auf: „So, Mädels und Jungs, Kai macht mal Pipi, ist aber gleich zurück. Seid lieb und bleibt sauber. Nicht über Hanne Schnuckiputz herfallen, hörst du, Alfred?“ Sagt es, grinst, schiebt sich an Horst vorbei, der blitzschnell seine Hand in der Kitteltasche des Pflegers verschwinden lässt, anschließend ebenso schnell wieder hervorzieht und etwas unter seinem Po bunkert. Kai zögert einen Moment, guckt wie ein Fragezeichen, besinnt sich, zwinkert Hannelore zu und geht ab.

Hannelore beugt sich vor: „Hast du den Schlüssel?“ Horst nickt, blickt sich um und sagt hastig: „Kommt, nix wie weg!“ Alfred springt auf. „Ne, nicht vorne raus, Alfred, hinten rum durch die Tür zum Raucherbereich!“ Hannelore hält Horst am Arm fest: „Kommst du da hoch mit dem Rolli?“

„Ich geh ohne!“ ächzt er, zieht sich hoch, humpelt ein paar Meter und greift sich an die Hüfte.


Vorhang fällt.


Vorhang auf zum 2. Akt, Musik: „Wenn ich 64 bin“, Udo Lindenberg (Beatles Cover)


Fünf Minuten später stehen die Ausbrecher vor Kais schrottreifem Golf.


„Guck mal, da ist doch ein Zeichen auf dem Schlüssel, drück da mal drauf!“, befiehlt Hannelore. Es macht klick und Horst sagt: „Ich bin halt nicht von gestern.“ Alfred räuspert sich: „Früher war alles besser.“ Horst öffnet die Beifahrertür und säuselt: „Bitte, zuerst die Dame!“ Hannelore macht einen Knicks und steigt ein. Horst knallt die Tür zu, ergreift Alfreds Hand und bugsiert ihn auf den Rücksitz.

„Bist du so eine Kiste schon mal gefahren?“

„Ja, allerdings ein Vormodell, das vor dreißig Jahren auf den Markt kam. Egal, Auto bleibt Auto, da hat sich seit hundert Jahren nix geändert.“ Er steckt den Schlüssel ins Zündschloss und sie ruckeln los.

Horst dreht das Autoradio auf und sie singen gemeinsam mit den Beatles „Drive my car“

„Pupst du wieder, Alfred?“ Keine Reaktion, der Angesprochene ist eingenickt. Hannelore zuckt mit den Schultern und fächert sich Luft zu: „Wo ist die Kurbel, um die Scheibe runterzudrehen?“

„Keine Ahnung, erstunken ist noch niemand, aber erfroren“, sagt Horst und lacht laut. So laut, dass Alfred aufgewacht ist, zusammenzuckt und flüstert: „Alle Kameraden sind erfroren, damals in Stalingrad!“

„Da vorne ist der Weihnachtsmarkt, ja da ist noch ein Parkplatz, kommst du da rein?“, fragt Hannelore.

„Türlich!“ Horst setzt zu einem riskanten Einparkmanöver an.

„Ich glaube, du hast den vorne gerammt“, sagt Hannelore leise und runzelt die Stirn. „Jetzt auch den hinten“, erwidert Horst kleinlaut und fügt abwiegelnd hinzu:

„Egal, wozu haben die Autos Stoßstangen? Um Stöße abzufangen, logisch!“

„Hast du überhaupt einen Führerschein?“, hakt Hannelore nach.

„Was? Fahren wir zum Führerhauptquartier?“, fragt Alfred, plötzlich wieder hellwach.

„Nein, Alfred, bleib ganz ruhig, reg dich ab!“

„Hast du oder hast du nicht, sag schon!“ Hannelore lässt nicht locker.

„Hatte, habe ihn vor zehn Jahren abgegeben. Aber es ändert sich ja nix – wer es einmal gelernt hat, kann es ewig – im Prinzip isses wie Fahrradfahren.“ Nach einem Hüsteln krakeelt er: „Alles austeigen!“

Vorhang fällt.

Vorhang auf zum 3. Akt, Musik: “Last Chrismas”, Wham!



Sie flanieren an leerstehenden Geschäften vorbei und steuern den ersten Glühweinstand an. Auf den Buden schmilzt der Neuschnee, aus den Lautsprechern schmalzt das unvermeidliche Weihnachtslied. Hannelore und Horst übertönen George Michaels Gejaule und schneiden Grimassen.

„Dreimal Glühwein bitte!“

„Mit Schuss?“, fragt die kaum weniger betagte Dame hinter dem Tresen nach. „Aber natürlich, warum fragen Sie, wir sind schon über 18.“ Die Serviererin schmunzelt und stellt ihnen drei Gläser vor die Nase.

Nach dem zweiten Glas Glühwein.

„Meine Dame, meine Herren, trinken Sie noch einen?“

„Wieder einen mit Schuss?“, fragt Hannelore. Alfred nickt. „Kannst du dann noch fahren?“ Ihre Stimme klingt ängstlich.

„Ne, besser nicht. Das würde eine Materialschlacht werden“, sagt Horst und zieht die Schultern hoch.

„Ja, Schlacht an der Somme, 1916!“, fügt Alfred hinzu und hebt einen Finger.

„Alfred, da warst du doch gar nicht dabei“, belehrt ihn Horst mürrisch. „Nein, aber der Führer hat immer davon gesprochen.“

Horst zieht die Augenbrauen hoch. „Der Adolf hat geschwindelt, ein Frontschwein war er nie, nur ein feiger Meldegänger!“

Alfred salutiert: „Obergefreiter Alfred Richter meldet sich zum Dienst!“

„Lass gut sein, Alfred, der Krieg ist vorbei. Jetzt wir gefeiert!“


Fünfzehn Minuten später.

„Einer geht noch, einer geht noch rein!“, singt Alfred mit rotem Kopf. Hannelore verdreht die Augen und raunt: „Also nehmen wir ein Taxi, hast du Geld?“

„Noch nicht. Siehst du den aufgeblasenen Typen dahinten? Du gehst jetzt unauffällig zu ihm. Sobald er trinkt, gibst du ihm einen Schubs, den Rest mache ich, klar?“

„Abgemacht!“

„Alfred, du bleibst hier und hältst die Stellung!“

„Zu Befehl, Herr Feldwebel!“

Hannelore und Horst verlassen den Stand. Die Dame hinter dem Tresen guckt ihnen verwundert nach und mustert Alfred: „Zahlst du die Zeche, Opa?“

„Jawoll!“

Zwanzig Schritte weiter. Der Mann, ein schnieker Weißhaariger, bekleidet mit Seidentuch, Kaschmirpullover und Pelzmantel, hebt sein Glas und doziert vor seinem Publikum, drei Damen und zwei Herren der besseren Gesellschaft: „Wir waren am letzten Loch und gerade als ich einputten wollte …“ Weiter kommt er nicht. Er wankt, fängt sich, schaut sich um und schimpft:

„Verdammt, können Sie nicht aufpassen?“

„Entschuldigung, das war keine Absicht, mein Herr.“ Der Weißhaarige guckt den abziehenden Senioren wütend hinterher.

Als sie am Glühweinstand ankommen, flüstert Hannelore: „Hast du die Geldbörse?“

„Ne!“, erwidert er und grinst.

„Wie, ne?“

„Viel besser. Er hatte einen Hunni in der Manteltasche. Das reicht.“

Hannelore strahlt und stimmt an: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Zu dritt beginnen sie zu schunkeln.

„Jetzt isses aber gut, die Leute gucken schon“, sagt Hannelore mit zittriger Stimme. Horst nickt, wischt sich eine Träne aus den Augen und bestimmt: „Lasst uns gehen. Dahinten ist ein Taxistand.“ Er reicht der Dame hinterm Tresen den Geldschein und nimmt das Wechselgeld entgegen.

Vorhang fällt.



Vorhang auf zum 4. Akt, Musik: „Charmaine“ (One Flew Over the Cuckoo's Nest) von Jack Nitzsche


15 Minuten später im Aufenthaltsraum. Kai blickt theatralisch auf seine Armbanduhr.

„Wo wart ihr?“, fragt Kai und guckt sie streng an.

„Eine rauchen!“, erwidert Hannelore.

„Eine? In der Zeit rauch ich zwei Schachteln!“

„Übrigens, wir haben deinen Autoschlüssel vor dem Aschenbecher gefunden“, mischt sich Horst ein. Hannelore blickt ihn überrascht an.

„Mach Witze!“, sagt Kai verdutzt und klappert seine Taschen ab.

„Hier, nimm!“ Horst wirft ihm den Schlüssel zu. Kai blickt ihn verwundert an. „Tatsächlich!“ Die drei Senioren grinsen ihn an.

„Worauf wartet ihr?“

„Finderlohn?“, erwidert Horst.

„Zehn Euro, reicht das?“

Horst hält die Hand auf und Kai legt noch einen Fünfer drauf.

„Danke und Frohe Weihnacht.“ Kai schüttelt den Kopf, macht kehrt und verlässt den Raum. Sechs Augen schauen ihm hinterher.

„Was nutzt ihm der Schlüssel?“

Horst zuckt mit den Schultern: „Wir wissen von nix, stimmt’s, Alfred?“

„Alles vergessen. Ich weiß nichts.“

„Ich auch nicht“, fügt Hannelore hinzu.

„Und ich weiß nur, dass wir das nächstes Jahr wieder machen“, triumphiert Horst.

„So Gott will!“, antwortet Hannelore mit leuchtenden Augen.

„Türlich!“


Vorhang fällt. Musik im Abspann: „Little Wing“, Akustik Version von Stevie Ray Vaughan (Jimi Hendrix-Cover).
__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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