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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnachtszirkus
Eingestellt am 21. 12. 2017 11:36


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Maribu
???
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Weihnachtszirkus

Frau Harms f├╝hlte sich nicht wohl in ihrer Haut.
Notgedrungen und unlustig r├Ąumte sie ihren Geschirrsp├╝ler aus.
Weihnachtsstimmung kam auch jetzt, drei Tage vor dem Fest, noch nicht auf.
Die Gedanken waren bei ihrer Tochter, die heute morgen einen Untersuchungstermin in der Klinik hatte. Es waren bereits zehn Tage ├╝ber den errechneten Zeitpunkt und sie bef├╝rchtete, dass eine Geburtseinleitung erfolgen m├╝sste.
Aus dem Augenwinkel meinte sie, eine Gestalt mit einem gro├čen Hund gesehen zu haben. Gleich danach klingelte es. Bevor sie die Haust├╝r erreichte, hatte ihr Mann sie bereits ge├Âffnet und sagte lachend: "Wollen Sie uns Ihr Tier verkaufen?"
Der vermeintliche Hund war ein Esel. Eine junge Frau mit Pelzm├╝tze, Lederjacke und langsch├Ąftigen Stiefeln hielt ihn an einer kurzen Hanfleine.
Die Frau l├Ąchelte und antwortete: "Nein, der ist unverk├Ąuflich!
Den brauchen wir f├╝r unsere Existenz. Ich sammle f├╝r unseren Zirkus im Winterquartier."
"St├Ąndig wird bei uns an der T├╝r geklingelt!", herrschte Frau Harms sie an. "Leute, die uns Weihnachtskarten andrehen oder Spenden sammeln wollen. Gestern hat uns jemand aus dem Mittagsschlaf gerissen, weil er uns einen Tannenbaum verkaufen wollte. Dabei haben wir selber welche im Garten!"
Die Frau schien ziemlich entmutigt und antwortete leise:
"Entschuldigung, dass konnte ich ja nicht wissen!"
Herr Harms lachte und sagte beschwichtigend: "Nat├╝rlich konnten Sie das nicht! - Wo sind Sie denn untergekommen?"
"Beim Bauer Krull."
"Ach da, das ist ja in der N├Ąhe, an der Grenze zu Duvenstedt. Und wann geht es wieder los?"
"Da jetzt ├╝berall Weihnachtsm├Ąrkte sind, erst Mitte Januar auf der Wiese hinter dem Marktplatz."
Sie hatte die Leine inzwischen losgelassen, und der Esel stand regungslos neben ihr. Es war ein sch├Ânes Tier. Vorne war er grau und fast in der Mitte bis zum Schwanz ging das Fell in ein dunkles Braun ├╝ber. Herr Harms strich genau bei diesem farblichen ├ťbergang ├╝ber den R├╝cken des Tieres und fragte:
"Wie hei├čt er denn?"
"Flecki."
Herr Harms schmunzelte. "Ja, wie denn sonst! - Und wie hei├čen Sie?"
"Ich?"
"Nein, nicht Sie pers├Ânlich! Ihre Zirkustruppe, die haben doch alle einen Namen so wie Busch, Renz oder Sarasani."
"Wir sind nur ein kleiner Familienbetrieb. ├ťber dem Zelt steht nur einfach 'Zirkus'."
"Und was haben Sie zu bieten?"
"Wir haben Jongleure, einen Feuerschlucker und einen Clown. Die Hauptattraktion ist aber Flecki mit seinen Kollegen." Sie klopfte dem Esel auf das Hinterteil, dass er zusammenzuckte.
"Wir spielen die 'Bremer Stadtmusikanten'. Meine beiden T├Âchter und die drei S├Âhne meiner Schwester trommeln ganz leise in der abgedunkelten Manege. Als erster l├Ąuft Flecki herein und stellt sich vor ihnen auf. Danach kommt der schwarze Hund, der auf ihn raufspringt. Die gelbe Perserkatze hat auch keine Schwierigkeit, mit einem Sprung auf dem Hund zu landen. Das Spielen der Kinder wird immer lauter, und bei einem Trommelwirbel flattert der Hahn nach oben."
"Donnerwetter!", entfuhr es Herrn Harms. Er griff dem Esel in die M├Ąhne und sagte: "Du bist ja ein richtiger Star! Da kann ich ja gar nicht anders, als dir einen Leckerli zu besorgen."
Er ging ins Haus. Frau Harms sagte: "Ich hab das vorhin nicht so gemeint!"
Die Frau winkte ab. "Das bin ich gewohnt!"
Herr Harms kam zur├╝ck und hielt dem Esel eine M├Âhre hin, die er sofort zerkaute. Er ├Âffnete sein Portemonnai und fragte: "Wo haben Sie die Sammelb├╝chse?"
"Wir nehmen das Geld so an", antwortete sie. "Mit diesen Metalldosen haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Die meisten stecken da nur M├╝nzen rein, manchmal nur zehn Cent."
"Ich verstehe!" Er entnahm einen Zwanzig-Euro-Schein und dr├╝ckte ihn ihr in die Hand.
"Oh, vielen Dank! Und frohe Weihnachten!" Sie nahm den Esel an die Leine und ging. Sie schauten ihnen hinterher. Kurz vor der Gartenpforte blieb der Esel stehen und bedankte sich mit einem gro├čen Haufen. Die Frau versuchte ihn noch nach drau├čen zu zerren, aber Esel sind ja bekanntlich stur.
"Nun auch noch diese Schweinerei!" schimpfte Frau Harms.
Ihr Mann lachte. "Man sagt doch, Schei├če bringt Gl├╝ck!"
"Ja, dann mach das man gleich wieder sauber!"
Als er zurückkam, war sie mit der Arbeit in der Küche fertig und hatte ein paar Äpfel zerschnitten. "Wo bist du damit abgeblieben?"
"Na, wo schon? Auf unserem Komposthaufen. Das ist doch bester D├╝nger!"
Jetzt lachte sie. "Ein dressierter Zirkusesel, den man nicht mal davon abhalten kann, bei gro├čz├╝gigen Leuten seine Hinterlassenschaft im Vorgarten abzuladen!"
Er blieb ganz ernst und fragte: "Bist du so sicher? Der hat ja noch nicht mal ein vern├╝nftiges Halsband! Du hast doch selbst diesen Strick von W├Ąscheleine gesehen!" Er nahm sich ein St├╝ck Apfel und erg├Ąnzte dann: "Bauer Krull z├╝chtet doch Esel und die Wiese hinter dem Markt hat schon seit Wochen einen Bauzaun!"
"Du meinst sie hat uns belogen und sich den Esel nur ausgeliehen?"
"Ja."
"Und dann hast du ihr trotzdem zwanzig Euro gegeben, nachdem sie vorher diese Masche mit der Spendendose und den M├╝nzen abgezogen hat?!"
"Ja, weil da gro├čer Mut zugeh├Ârt! Au├čerdem hatte sie viel Phantasie! Diese Ausschm├╝ckung der Bremer Stadtmusikanten war wirklich gelungen und fast ├╝berzeugend!"
Frau Harms schwieg. Er kaute nachdenklich an dem Apfel und sagte dann: "Au├čerdem ging mir noch etwas anderes durch den Kopf: Der Esel war doch damals auch in Bethlehem dabei. Vielleicht war das irgendein Zeichen?"
Seine Frau sch├╝ttelte l├Ąchelnd den Kopf. "Du hast auch so eine bl├╝hende Phantasie wie diese Zirkusprinzessin!"
Abends rief ihr Schwiegersohn an und Frau Harms sagte anschlie├čend zu ihrem Mann: "Herzlichen Gl├╝ckwunsch zum Gro├čvater! Susanne hat heute Mittag ein M├Ądchen entbunden.
Es war eine ganz normale Geburt ohne Komplikation."
Herr Harms l├Ąchelte gl├╝cklich und erleichtert und meinte:
"Von wegen Phantasie! Dann waren die zwanzig Euro doch gut angelegt!"

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aligaga
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Endlich mal eine echte Weihnachtsgechichte, die man gern von vorn bis hinten durchliest und dann nicht moralinbekleckert ins Badezimmer muss, sondern einen Zimtstern aus der B├╝chse holt und sich fast den Zahn daran abbei├čt, weil der noch so hart ist.

Kompliment! Wenn @ali Noten g├Ąbe, bek├Ąme diese h├╝bsche Weihnachtsnummer elf Punkte.

Quietschvergn├╝gt

aligaga

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Weihnachtszirkus

Hallo Ali,

ich bin ├╝berrascht ├╝ber deine Reaktion und hoffe, dass es nichts mit Milde anl├Ąsslich des bevorstehenden Festes zu tun hat!

Wenn ich dich ab und zu mal "angegangen" bin, bitte ich hiermit um Entschuldigung! (hat auch nichts mit Weihnachten zu tun!)

Ohne deine Mitgliedschaft w├Ąre die Leselupe ├Ąrmer!

Kollegiale Gr├╝├če
Maribu

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Sidgrani
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2017

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Eine prima Geschichte, die auf zwischenmenschliche Art den Geist der Weihnacht vermittelt, ich gratuliere.

Beeindruckt
Sidgrani
__________________
Dichten und dichten lassen

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 70
Kommentare: 224
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Weihnachtszirkus

Danke, Sidgrani!

Nachdem ich oft bei Ver├Âffentlichungen von ├╝berwiegend anonymen Kritikern - aus welchen Gr├╝nden auch immer - unter Wert "abgestraft" wurde, tut soviel Zustimmung auf einmal gut!

Beste Gr├╝├če
Maribu

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revilo
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 85
Kommentare: 7249
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einfach nur sch├Ân....Gl├╝ckwunsch.......
__________________
Manch mal wei├č ich nicht
ob der Tag anbricht oder
ausbricht (revilo)

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