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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weine noch einmal
Eingestellt am 28. 12. 2003 23:39


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Gute Fee
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Dec 2003

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Ich habe mir lange ├╝berlegt, ob ich sie dir erz├Ąhlen soll. Diese Geschichte, die ich nicht vergessen kann - nein, die mich verfolgt, seit siebenundzwanzig Jahren. Im Grunde war alles halb so schlimm, damals, und aus heutiger Sicht, meine Gott, eigentlich gar nicht der Rede wert. Ich war jung. Vielleicht war es deshalb ein so einschneidendes Erlebnis, dass die Erinnerung bis heute fast t├Ąglich in meine Gedanken f├Ąllt und ich in den belanglosesten Momenten wieder und wieder darauf sto├če.
Jetzt habe ich mich hingesetzt, um dir alles zu erz├Ąhlen, alles, was in mir rumort, nicht mehr und nicht weniger, als an jedem Tag zuvor.

An seinen Namen erinnere ich mich ├╝berhaupt nicht mehr, wohl an sein Gesicht und an seine Haare. Ein seltsames Gesicht und eine seltsame Frisur, ein wenig indianisch vielleicht, schwarz, mit einem Mittelscheitel. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, dem ein Mittelscheitel wirklich gut steht, noch nie. Dieser Mann hatte die durchscheinende Bl├Ąsse eines Molches und grobe Furchen im Gesicht, er konnte nicht sehr alt sein. Falten von zuviel Alkohol und zu vielen Zigaretten, was nicht wundert, bei dem Beruf. Er war Kellner dort, und er war der Freund von Eikes Freund.
Eike und ich kannten uns seit ├╝ber einem Jahr, wir waren so etwas wie beste Freundinnen. Ich gebe zu, ich war naiv und etwas unbedarft, trotzdem, niemand h├Ątte ahnen k├Ânnen, dass so etwas geschehen w├╝rde.

Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit und ich merke, dass mich die Angelegenheit loswerden will, die Erinnerung mich losl├Ą├čt, oder ich sie. Ich werde sie nicht entlassen, ohne sie aufgeschrieben zu haben, ohne jemanden wissen zu lassen, was meine Seele wieder und wieder wundgescheuert hat - bevor sich die Geschichte aus dem Staube macht. Du kennst mich, du wirst mir keine Vorw├╝rfe machen.

Wir waren fein herausgeputzt und ausstaffiert, Eike und ich. Ich hatte die bessere Figur und ich war die H├╝bschere, dass war mir damals nur nicht bewu├čt. Erst viel sp├Ąter, ich kann es ohne Arroganz behaupten, wurde mir klar, dass ich ein h├╝bsches - ein sehr h├╝bsches M├Ądchen gewesen war.

In der Diskothek war richtig was los. Nicht, dass ich mich in Diskotheken wohl f├╝hlte, auf keinen Fall, aber Eikes Freund war dort Diskjockey und ich gerade 18 Jahre alt geworden. Hey, ich kann tun und lassen, was ich will, ich bin frei. Dass ich da nicht hingeh├Ârte, dass ich nicht zu diesen Menschen geh├Ârte, habe ich nicht gesp├╝rt. Muss man so etwas mit 18 Jahren sp├╝ren?

Es muss wohl gegen 4 Uhr morgens gewesen sein, als wir uns entschlossen, fr├╝hst├╝cken zu gehen, mit Eike, Eikes Freund, beim Freund vom Freund. Das war super, das machten sonst immer nur die anderen. Das Leben zog nicht an mir vorbei - ich war mittendrin!
Ich erinnere mich, dass es in seiner Wohnung sehr sauber war, auch in der K├╝che. Erstaunlich sauber f├╝r einen betrunkenen Kellner. Auch jetzt musste er wohl betrunken sein. Er zeigte uns stolz seine B├╝cher, riesige Regale, vom ersten bis zum letzten Platz mit B├╝chern gef├╝llt. So einer konnte doch unm├Âglich so viele B├╝cher gelesen haben...... Nacheinander nahm er die B├Ąnde hinaus und lie├č die Seiten durch die Finger schnellen. Ich traute meinen Augen nicht, zwischen den Seiten lagen, glatt gepresst, Geldscheine - Unmengen von Geldscheinen. Ein seltsamer Mensch, ein komischer Kauz!

Wir a├čen und schwatzten und lachten.
Die Drei tuschelten. Eike sah mich an: W├╝rdest du vielleicht mit ihm..., sie machte gro├če Augen, knipste mit dem einen Auge und nickte in Richtung Indianer. Ich verstand nicht. Wie bitte? Sie legte die Hand an den Mund, als h├Ątte sie etwas zu verbergen, beugte sich zu mir vor und fl├╝sterte: Er hat schon lange keine Freundin mehr gehabt. Ich warf den Kopf in den Nacken und lachte: Du bist ja verr├╝ckt, was f├╝r ein bl├Âder Scherz. Und Eike lachte auch.

Sie waren beide fort, als ich von der Toilette kam, mir wurde schlagartig schlecht. Nerv├Âs fragte ich, wo sie denn hin w├Ąren - er grinste. Sie kamen nicht wieder. Aber er kam, dieser rotgesichtige ausgemergelte Mensch kam und machte sich an mir zu schaffen. Hastig lief ich zur T├╝r. Nat├╝rlich - die T├╝r war zu und der Schl├╝ssel an seinem Hosenbund!

Nein, schrie es in meinem Hirn, das ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein. Eisige K├Ąlte kroch in mich hinein, begann von meinen F├╝├čen aufw├Ąrts, stieg an meinen Beinen hinauf zu meinem gl├╝henden Kopf.
So ist Eike nicht, sie wird gleich kommen, gleich wird sie vor der T├╝r stehen. Alles ist nur ein Spa├č.
Sie kam nicht - und der Mensch lie├č nicht ab von mir.....
Von Sinnen vor Angst, zog ich meine Knie bis unter mein Kinn, umklammerte sie mit beiden Armen und verkeilte die Finger. So wie damals, in der Schule, als wir unsere H├Ąnde wie Haken ineinanderlegten und wie besessen zogen, um zu pr├╝fen, wer von uns wohl die St├Ąrkere sei. Er lie├č nicht ab von mir und ich hatte seine Kr├Ąfte untersch├Ątzt. Betrunkene sind entsetzlich stark. Seine w├Ąssrigen blauen Augen in diesem widerlichen Gesicht starrten mich gierig an. Er zerrte an mir und er zerrte an meinen Haaren und ich heulte und heulte. Nein, ich weinte - und hatte Todesangst.

Er w├╝rde mich knacken m├╝ssen, knacken wie eine Nuss und er w├╝rde es nicht schaffen. Sein mageres rotes Gesicht vor mir, viel zu nah an meinem. Er schaute mich an, fast z├Ąrtlich: Weine noch einmal, du siehst so sch├Ân aus, wenn du weinst .....
Mein Gott, so etwas passiert mir doch nicht, nicht in Wirklichkeit!
Wieder und wieder sank er auf das Kissen, um gleich darauf wieder aufzustehen. Ich sagte kein einziges Wort: nicht sprechen, nichts sagen, ich bi├č auf meine Lippen, keine Verbindung aufnehmen, keine Ann├Ąherung, nur aushalten, ausharren, bis alles vorbei war - aber wie lange, wann?
Tosendes Blut in meinen Ohren, schmerzende Augen und die T├╝r war zu und der Schl├╝ssel an seinem Hosenbund.

Bis heute habe ich nicht begriffen, wie es m├Âglich war, dass ich im gleichen Moment jedes kleinste Detail, jede winzige Kleinigkeit aufgenommen und nie wieder vergessen habe, obwohl mein Kopf dr├Âhnte und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Welcher Schein liegt in welchem Buch? Ich h├Ątte es sagen k├Ânnen.
In der Not werden die Sinne scharf!
Wie auf einer Rundb├╝hne zogen volle Regale, Hunderte von B├╝chern, entsetzlich grelle Lampen an mir vorbei. Kalte Kellerr├Ąume, glei├čendes Licht, schreckliche Verh├Âre, Gedankenfetzen, und meine Stimme schrie in mein Hirn hinein: Halte durch, halte durch, nicht loslassen, nur nicht aufgeben!
Du hast keine Vorstellung, wie langsam Stunden vergehen, wenn jede Sekunde eine Ewigkeit z├Ąhlt.

Wie konnte ein Mensch pl├Âtzlich so fest schlafen? Er schnarchte! Zum ersten Mal schnarchte er. Er schlief. Jetzt nicht die Nerven verlieren, minutenlang starrte ich ihn an. Dann stand ich langsam auf und ging langsam zum B├╝cherregal. Er schnarchte immer noch. Ich wandte die Augen nicht von ihm. Wenn ich mich umgedreht h├Ątte, er w├╝rde wieder hinter mir stehen.
Ich wei├č, wie kalter Schwei├č sich anf├╝hlt. Keinen Moment in meinem Leben war mein Schwei├č k├Ąlter. Ich zog ein Buch aus dem Regal, und nahm den Zehnmarkschein heraus. Meine Tasche war in Eikes Auto, ich hatte keinen Pfennig.

Der Indianer seufzte im Schlaf und mein Blut erstarrte in den Adern. Wie ein Tier suchte ich nach einem Ausweg. H├Âren, Sehen, F├╝hlen, alles vermischte sich zu einem tosenden Brei, selbst meine Gedanken waren zu laut.

Die T├╝r war zu und die Schl├╝ssel an seinem Hosenbund - an seinem Hosenbund, jetzt direkt vor meinen Augen. Mit den Fingerspitzen schob ich den Karabinerhaken zur├╝ck und entnahm den Schl├╝ssel. Ewigkeiten hielt ich die Luft an. Die Zeit lief, als w├Ąre sie nie da gewesen.
_

Als ich die T├╝r von au├čen zuzog, war es mir egal, ob das Ger├Ąusch laut oder leise sein w├╝rde, und ich beeilte mich nicht, um die Stufen hinunter zu kommen. Ich war noch nicht einmal erleichtert.

Viele Leute sa├čen in der Stra├čenbahn, als sie endlich kam. Ich hatte das Gef├╝hl, sie alle starrten mich an. Mein Kopf dr├Âhnte unaufh├Ârlich und meine Augen waren dick und rot, das wu├čte ich, ohne mich in der Scheibe zu spiegeln. Ich sch├Ąmte mich - wof├╝r?

Jetzt, wo du alles wei├čt, wo ich dir Dinge erz├Ąhlt habe, die weit vor deiner Zeit liegen, die dich eigentlich gar nichts angehen, f├╝hle ich mich leicht.

Mit Eike habe ich nie wieder gesprochen und als sich nach Tagen die Wut einstellte, waren mir selbst meine Schimpfw├Ârter f├╝r sie zu schade.

Noch in der gleichen Woche brachte ich dem Kellner seinen Zehnmarkschein in die Diskothek. Er lachte mich freundlich an, als w├Ąre nichts gewesen.

Ich wei├č, ich habe Gl├╝ck gehabt, damals, verdammtes Gl├╝ck.
Und mit einem hat er recht gehabt, dieser h├Ą├čliche Indianer, der mich verschont hat: Ich sehe sch├Ân aus, wenn ich weine.

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Minds Eye
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Registriert: Not Yet

Herzlich Willkommen.
Du hast Dich hier mit einem eindrucksvollen Text vorgestellt. Bin immer noch gefangen von der sprachlichen Intensit├Ąt.
Viele Gr├╝├če,
ME.

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Herbert Stahlvogel
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

Werke: 15
Kommentare: 29
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Hallo Gute Fee,

als ich den Anfang gelesen hatte, dachte ich nur wow. Da gibt es S├Ątze, die Du auch irgendwann h├Ąttest schreiben k├Ânnen. War wirklich wirklich beeindruckt.
In der Mitte hing Deine Geschichte etwas, konnte mir die Szene im Zimmer nicht ganz so gut vorstellen und vor allem war ich ├╝ber das pl├Âtzliche Einschlafen des Indianers ├╝berrascht. Ich finde die L├Âsung etwas ungl├╝cklich. Auch vom Schluss h├Ątte ich etwas mehr erwartet.

Im Gro├čen und Ganzen fand ich aber Deine Geschichte spannend und gut herausgearbeitet und die wohlbedachten W├Ârter taten ihr ├╝briges. Die Personen konnte ich mir sehr gut vorstellen. Das ist prima. Gro├čes Lob.

Viele Gr├╝├če
Herbert

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Enza ost
Guest
Registriert: Not Yet

Da kann ich mich nur anschliessen: Wunderbar gelungen! Du h├Ąltst die Spannung bis zum Schlu├č, da mu├č man einfach weiterlesen! Kompliment und bitte mehr davon...

Gru├č von Enza ost

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Gute Fee
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 1
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
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Profil

@ Minds Eye
@ Herbert Stahlvogel
@ Enza ost

Hallo alle miteinander,

herzlichen Dank f├╝r Euer Lob ÔÇô ich habe mich wahnsinnig gefreut! Ganz besonders, weil es meine erste Geschichte ist und weil ich mich ├╝berhaupt nicht zum Schreiben ÔÇ×berufenÔÇť f├╝hle.
Ich h├Ątte nicht gedacht, dass diese Anerkennung mir so viel Mut macht und ich Lust bekomme, gleich noch eine Geschichte zu schreiben.
Mal schaun, was draus wird.....

Sch├Âne Gr├╝├če sendet die
Gute Fee

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