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Leselupe.de > Kurzprosa
Weißes Rauschen
Eingestellt am 23. 03. 2005 20:04


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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Sie tritt aus dem Haus und ahnt, es wird regnen. Aber da ist keine Wolke und alles geht gut, aber das wird ihr auch nicht zur Freude. Sie tritt aus dem Haus, spürt die Stufe unter dem Schuh und wie sich die Fußknochen bewegen, sieht sich fallen, spürt schon den Schmerz, stechend und grell, Trümmerbruch oder Kapselriss, Gips und Monate hinken. Noch während sie lauscht, ob die Tür auch ins Schloss fällt, sieht sie sich im Krankenhaus liegen, gelangweilt und depressiv von der Vollnarkose. Das ist nicht lustig, das ist nicht gesund. Das hat auch Methode. Aber alles ist besser, als zu hoffen, hinter der Gardine stünde eine, die winkte ihr nach und freute sich auf Rückkehr und Wiedersehen.
Sie tritt aus der Tür und alles ist wie immer. Der Kloß in ihrem Hals kratzt an der Kehle, aber der Arzt wird nichts finden außer vielleicht einer leichten Rötung. Der Fahrer des Postautos sieht sie und öffnet die Tür, als sie das Fahrzeug erreicht. Es ist Dienstag, Großauflagentag, sie fischt nach dem Vaterland in der Zeitungstasche am Eingang. Es braucht nicht viel Worte vor sieben Uhr, wie häsch es und gärn guat sind Ritual und erwarten nicht ernsthaften Lagebericht. Was wäre auch zu erzählen, kein Gips, kein Sturz, kein Regenschauer. Nur der Kloß im Hals, und der mag Folge des Heuschnupfens sein.
Die Fahrt ist kurz, sieben Minuten genügen, um ins andere Land zu gelangen, mit Ampelstopp oder Schranke sind es leicht auch zehn. An der Post das gewohnte Gedränge, sie entrinnt ihm und betritt die Bäckerei. Zwei Kornspitz, zwei Laugen, mol, die Gipfeli, die sind fein und das Wetter isch suprr und öppis anders als der trübe Dunst, der seit Tagen die Berge um das Rheintal einhüllte. Schöns Tägle noch und mol gliifalls und wieder spürt sie die Stufen und wieder kein Sturz.
Am Wegrand umsummen Bienen aufgeplatzte Zwetschgen, das Fallobst, von niemand gesammelt, färbt die Morgenluft mit violett schimmerndem, leicht fauligem Duft. Amseln im Geäst, die lassen sich vom Reifengeräusch auf dem Kopfsteinpflaster nicht lange übertönen und Fußgänger ignorieren sie ganz. Und wieder Stufen und wieder kein Sturz, Tasche und Bäckertüte abgelegt, den Rechner gestartet, die Jacke hängt am Haken, wider besseres Wissen nach der einen E-Mail geschaut, die schon so lange ausbleibt. Und der Kloß ist da und auch nicht und es ist alles Einbildung und Theater und Selbstmitleid und Meeresrauschen in Muscheln, weitab vom Strand. Das Herz pumpt Blut, das Ohr hört es wie ferne Brandung, wie Urlaub zu zweit, und das Herz, das verschenkt wurde und das Blut, das schneller pulst bei dem Gedanken. Da lässt sich träumen von Bein oder Schulter in Gips, ein Herz bricht nicht so leicht, nur in schlechter Lyrik. Prosaisch gesehen, wird es selten gebrochen, schon allein, weil Passivkonstrukte die Lesenden selten interessieren. Ein Seufzen und der Arbeitstag kann beginnen.
Sie steht auf für einen Kaffee und rammt sich die Tischkante ins Fleisch, kein Beinbruch, kein Gips, kein gar nichts. Nur Schmerz, aber den kennt sie und findet ihn fast so übertrieben pathetisch wie sich selbst. Erste Tropfen fallen, schon prasselt der Regen an die Scheiben, es wird Zeit, die Fenster zu schließen. Die Amseln schweigen, von fern dröhnt Berufsverkehr. Hoi, guta Morga, wie häsch es, Mistwetter, es war aber auch einmal Zeit, die Hitze und der Dunst und das war ja schon nicht mehr normal, und, häsch es streng, es gat, ghörig, gärn guat. Die Floskeln heben sich leicht, sind abrufbar auch vor dem Kaffee, an der Oberfläche sind die Meerungeheuer nur selten zu sehen, die großen Seeschlangen nicht und der weiße Hai ist längst Klassiker und sein eigenes Zitat. Doch selbst dort noch ein Love Interest, wie machen die das, stehen da auf den Stufen, haben nichts Besseres vor, sind einfach da und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und spüren nicht ihre Knochen, nicht die Stufen, keinen Gips, und alles immer neu und immer frisch und nie Ritual wie der Dienstag vor Sieben im Bus. Da, wo es nicht viele Worte braucht, wo das Kopfkino noch in allen Sälen das Popcorn zusammenfegt, egal welcher Film in der letzten Nacht riss.
Aber die Stufen, die bleiben und das Spüren, wie sich die Knochen im Mittelfuß bei jedem Schritt neu arrangieren und doch ihren Platz immer finden auch ohne Schmerz oder Ritual, einfach so, weil es so ist. Kein Sturz, kein Gips und kein Innehalten, kein Begegnen auf Treppen und schon lange keine mehr, die sich freut über Heimkehr und Wiedersehen. Nur eine, die noch den Amseln lauscht.








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Anmerkung: Der Text ist im Grenzgebiet Schweiz-Liechtenstein "verortet".
__________________
Dafür bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Montgelas
???
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liebe blaustrumpf,

ich habe einen bekannten, der ein leben lang in diesem gebiet wohnte, wo deine geschichte ihre geografie findet. er ist leider blind. vor ein paar jahren musste er nach preußen, konkret potsdam, umziehen.
auf die frage , wie es ihm denn so gehe in der neuen umgebung, antwortete er:
die kommunikation ist schwierig, bei den preußen habe ich gar keine orientierung . es wird nicht geschwätzt. ich weiß nicht ob die bäckerin das brot auf die ladentheke hebt, weil sie es nicht mit füll und fühlworten kommentiert.

deine geschichte dagegen hat eine menge kommunikativer füll-
und "fühlworte", die das ungute ende ahnen lassen.
lange rede, kurzer sinn: ich halte es für sehr schwer hochdeutsch mit dialekt zu versetzen, den sprachrhytmus
ins hochdeutsch zu transponieren. ich meine,
du häscht's guat gemacht.

schöns tägle noch !

montgelas

p.s. den einzug der moderne habe ich nicht überlesen,
ignoriere ihn aber. niemand hatte alle filme hollywoods gesehen. ich kann den herrn niemand niemals mehr einholen.. ;)

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Zarathustra
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liebe Blaustrumpf

deine Geschichte hat in mir ein Kopfkino ablaufen lassen.
Mir hat sie gefallen.

Der Schluss ganz besonders.

Bei alledem, die Stufen - sie bleiben. Niemand wartet. Darum auch kein Schmerz, kein Gips.
Bleibt nur noch übrig der Amsel zuzuhören.

Aber das "Weiße Rauschen" - der Titel, er blieb mir ein Rätsel.

Liebe Grüsse
Hans


__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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george
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Der Begriff "weißes Rauschen" kommt aus der Elektrotechnik oder Physik. Weißes Rauschen ist ein Rauschen, das auf allen Frequenzen die gleiche Amplitude hat. Nachrichtentechnisch gibt es nichts langweiligeres als weißes Rauschen, da in ihm keine Information enthalten ist (außer über die Temperatur).

Vermutlich steht "weißes Rauschen" hier als Metapher für die von der Protagonistin so wahrgenommenen Monotonie und Vorhersagbarkeit ihres alltäglichen Lebens. Es gibt keine Abwechslung. Ein gebrochener Fuß wäre so eine Abwechslung oder ein Urlaub zu zweit ...

Die Amsel am Schluss gibt Hoffnung.

Höchstpunktzahl von mir.

Grüße
Jürgen
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© Jürgen Locke

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Montgelas
???
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lieber george,
danke für die physikalische erklärung.
es scheint mir logisch. ich allerdings dachte
an muschelrauschen, warum auch immer.

ein meeressüchtiger

montgelas

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blaustrumpf
???
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Hallihallo

Es könnte sich bei dem ominösen Weißen Rauschen auch um den physikalischen Effekt handeln, den Akustiker nutzen, um Störgeräusche zu überdecken. Mit anderen Worten: Schade, dass ich erst heute dazu komme, eine Reaktion zu ventilieren, sowie vielen lieben Dank für eure Beschäftigung mit diesem Text!

Schöne Grüße von blaustrumpf
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Dafür bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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