Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92194
Momentan online:
67 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weit
Eingestellt am 21. 02. 2011 16:06


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Chrisch
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2009

Werke: 23
Kommentare: 75
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Chrisch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Weiter

Ich mache die Kaffeemaschine an und sehe aus dem K├╝chenfenster wie Autos durch Pf├╝tzen fahren und die Parkenden vollspritzen. Die diesige Luft erzeugt eine merkw├╝rdige Stimmung in mir. Ich m├╝sste f├╝r das Wochenende einkaufen, wenn ich ├╝berhaupt noch etwas essen m├Âchte. N├Ąchste Woche habe ich eigentlich jede Menge Termine. Ich muss unbedingt zum Arzt, meinen R├╝cken r├Ântgen lassen, habe akute Taubheitsgef├╝hle im rechten Arm oder beim Laufen auch im linken Bein. Auch der Friseur erwartet mich am Dienstag. Konferenz am Mittwoch vom Verein. Montag wollte ich mich endlich mit dem alten Freund Hans treffen. Wir schicken uns manchmal Mails, aber jeder hat seinen Platz in seiner eigenen Familie. Die Schnittmenge unserer Interessen ist mit den Jahren immer weiter geschrumpft.
Gedankenverloren ziehe ich mich an und schaue mir zu, wie ich den Koffer packe. Ich lege einen Zettel auf den Fu├čboden im Flur, falls meine Kinder mich vermissen oder die Polizei nachforschen sollte.
Mehr als ÔÇ×Bin dann mal weg" wie Kerkelings Buchtitel, f├Ąllt mir nicht ein. Immerhin habe ich aber mein Handy dabei. Damit k├Ânnen sie mich im Notfall erreichen. Ich stecke es abgeschaltet in meine Jacke, ziehe den Rei├čverschluss des kleinen Koffers zu, in den ich irgendetwas hineingeworfen habe, kaum mehr als eine Hose und ein paar Hemden. Dann sitze ich, nachdem der Strom und das Wasser abgeschaltet ist, vor dem dunklen Fernseher als wenn ich in ihm sehen k├Ânnte wo die Welt ist.
Eine Stunde sp├Ąter fahre ich die Avus hinunter, wobei ich glaube, dass ich falsch unterwegs bin, der Norden ruft. Also, H├╝ttenweg raus und zur├╝ck. Immer Richtung Hamburg. Irgendwann biege ich doch ab. Vielleicht nach Riga und dann wird man weitersehen. So schl├Ąngele ich mich erst durch Brandenburg und dann bin ich pl├Âtzlich in Anklam, stecke im Stau wie vor f├╝nfzehn Jahren.
Damals wartete meine Freundin in Heringsdorf mit ihren Kindern. Ihr s├╝├čes kleines M├Ądchen ist jetzt eine erwachsene Frau mit eigenem Kind. Die Zeit verschwimmt; wenn mich nicht gerade das Knie etwas plagen w├╝rde, wann w├Ąre ich jetzt?
Wenn ich auf Usedom oder R├╝gen bin, dann w├╝nsche ich mir jedes mal dort zu wohnen, m├Âglichst dicht an der See, aber Berlin ist doch stets meine Heimat gewesen. Ich liebe Fisch, besonders gebratenen. Wie w├Ąre es eigentlich in Finnland an einem der Tausend Seen zu angeln? Bisher hielt mich der Gedanke an die Millionen M├╝cken und die Ablehnung meiner Exfrau zur├╝ck, aber jetzt?
Irgendwann komme ich an die polnische Grenze. Mir wird pl├Âtzlich schlecht und auf dem Klo sitzend wird mir klar, warum. Erleichtert stelle ich sp├Ąter fest, dass die Grenzer nichts von den Vopos der DDR haben, mir nicht an die W├Ąsche wollen und sogar nett sind. Damit ├Ąndern sie mein Weltbild, das immer noch stark von der absto├čenden Diktatur gepr├Ągt ist. Dankbar nehme ich die Freiheit der heutigen Zeit in mich auf.
Es wird langsam dunkel. Irgendwie komme ich zur F├Ąhre in Swinem├╝nde r├╝ber nach Schweden. Will ich zu Mankells Wallander? Seine Krimis lese ich ganz gerne, aber solcher Art Pilgerfahrt liegt mir nicht. Vielleicht fahre ich kurz durch Ystad, wo die Romanfigur arbeitet. Nein, ich will irgendwie sp├╝ren, dass es noch Gegenden gibt, die unbewohnt sind. Sicher wird irgendjemandem das Land geh├Âren, aber vielleicht finde ich etwas, das richtig weit weg ist.
Ich miete mich auf der F├Ąhre ein. Die teuerste Kabine scheint mir gerade angemessen, der automatischen Gedanke an Sparsamkeit ist mir im Augenblick v├Âllig egal.
Irgendwann geht es los. An der Reling schaue ich auf die entschwindende Stadt. Die See ist schwarz, aber die Sterne strahlen, ein merkw├╝rdiger Kontrast. Sp├Ąter in der Bar betrinke ich mich als wenn ich irgendetwas hinuntersp├╝len m├╝sste. So schwanke ich in meine Unterkunft. Lange dreht sich mein Leben und die Deckenleuchte.
Mit einem ekligen Geschmack im Mund erwache ich. Ich hasse es in meinen Sachen zu schlafen. Klopfend wird mir klar gemacht, dass Schweden auf mich wartet und die Kaj├╝te umgehend ger├Ąumt werden muss.
Herrlich wie das warme Wasser auf mein Gesicht prasselt.
Zwei Stunden sp├Ąter bin ich wieder in meinem kleinen Auto unterwegs, hinaus aus der Stadt. Ich habe keine Lust auf H├Ąuser, schnell raus und immer nach Norden. Es wird Tag und die Sonne zieht am Himmel; die Tankanzeige neigt sich dem Ende zu; ich fahre weiter. Irgendwo bleibt er stehen, gibt stotternd auf. Er kann meinem Vorw├Ąrtswillen nicht mehr folgen. Ich Rolle auf den n├Ąchsten Parkplatz. Pl├Âtzlich bekomme ich keine Luft mehr in diesem kleinen Vehikel, rei├če die T├╝r auf und marschiere einfach los. Stunden sp├Ąter, wie im Traum, stehe ich, v├Âllig au├čer Atem, auf einem H├╝gel. Mein Herz h├Ąmmert warnend. Keuchend schaue ich mich um. Da ist kein Horizont. Himmel und Erde gehen ineinander ├╝ber. Ich falle auf den R├╝cken. Die Sonne verschwindet, so f├╝hle ich mich auch. Liegend lasse ich die Pracht des Himmels auf mich einstr├Âmen.
Wenn das hier das Ende ist, dann ist das ein sehr sch├Âner Anfang.

__________________
"ist wie Schach, nur ohne W├╝rfel" Lukas Podolski

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!