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Eingestellt am 28. 11. 2017 21:39


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Sunyata
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2017

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Die Luft war belebend und, durch ihre Reinheit, kraftspendend. Sonnenstrahlen erw├Ąrmten die Wiese unter seinen F├╝├čen, sodass er die noch vom Morgentau feuchte Erde riechen konnte. Der Himmel schimmerte blau, blau so wie ein T├╝rkis; feine, wei├če Wolkenspuren verst├Ąrkten den Eindruck, unter einer Kuppel aus diesem Edelstein zu stehen.
Vor ihm erstreckte sich eine Landschaft aus unz├Ąhligen Kuppen, kleinen Bergen und lang gestreckten T├Ąlern. Leuchtend gr├╝ne Grasfl├Ąchen wurden unterbrochen von kleinen, schwarzgr├╝nen ├ťberbleibseln von jenen W├Ąldern, die sich hier einst befanden. In den entlegensten Winkeln der T├Ąler fanden sich Siedlungen, so als w├Ąren sie Dreck, der in kleinen Ritzen vom reinigenden Regen verschont wurde.
Rolfs Rucksack f├╝hlte sich heute sehr leicht an, denn er hatte nichts au├čer einer Karte, einem kleinen Getr├Ąnk, einen alten M├╝sliriegel und einer Regenjacke dabei. Er war zu der ├ťberzeugung gekommen, dass ihn zu viel Gep├Ąck nur bremste. Schlie├člich wollte er ja nur eine kurze Tour machen. Au├čerdem ging es ihm heute nicht ganz so gut, ihm war ein wenig schwindelig, deshalb w├╝rde er sich schonen. Er war sich sicher, dass seine ├ťbelkeit durch frische Luft und Bewegung verschwinden w├╝rde, also brauchte er sich nicht allzu viel Sorgen zu machen.
Sein Ziel war ein markanter Berg, der sich von den kleineren Kuppen um ihn herum abhob. Kein Weg f├╝hrte zu ihm hinauf, weshalb er ihn querfeldein erklimmen wollte. Der Wanderer musste nur eine M├Âglichkeit finden, an den Basaltfelsen vorbei zu kommen, die die Route zum Gipfel blockierten.
Rolf blickte noch einmal zur├╝ck zu seinem Auto, holte tief Luft und begann seine Tour. Die erst vor einer Stunde aufgegangene Sonne w├Ąrmte seinen R├╝cken, als er auf einer windigen Anh├Âhe im strammen Marsch voranschritt. Bald darauf ging es bergab, und es war nur dem guten Profil seiner Schuhe zu verdanken, dass er nicht abrutschte. Durch das Tal hatte sich eine Stra├če gefressen, jedoch wurde sie kaum genutzt, sodass der Wanderer sie problemlos ├╝berqueren konnte.
Dann begann der Aufstieg. Zwar wollte Rolf einen weniger steilen Abhang w├Ąhlen, doch dieser wurde ├╝ber eine eingez├Ąunte Weide versperrt. Nichts konnte ihn aufhalten. Selbst wenn es hart auf hart kam, zog er sich an kleinen Felsen und ├ästen hoch und ├╝berquerte so jedes Hindernis.
Zwischendurch hatte er einen kleinen Bach gesucht und in diesen seine ersch├Âpften F├╝├če abgek├╝hlt. Als er den M├╝sliriegel auspacken wollte, hatte sich die pappige, graue Masse nur ungern von der Verpackung trennen wollen, doch Rolf konnte zumindest Bruchst├╝cke befreien.
Nach einem Schluck Wasser brach er erneut auf, um bald darauf ein paar Felsen zu ├╝berwinden, danach meisterte der Wanderer eine l├Ąngere Steigung und durchquerte dorniges Gestr├╝pp, um letztendlich am Gipfel anzukommen.
Er hatte den Berg erklommen, das Ziel erreicht. Im stundenlangen Kampf zwischen Mensch und Natur hatte er gesiegt. Ein gewaltiges Gl├╝cksgef├╝hl durchstr├Âmte seinen K├Ârper.
Die Sonne stand bereits an ihrem h├Âchsten Punkt und brannte unerbittlich auf die Haut des Gipfelst├╝rmers, aber Rolf war von Stolz erf├╝llt, mit eigener Kraft einen Weg hinauf auf diesen Berg gefunden zu haben. Eine Urkraft schien durch seine Adern zu str├Âmen, und er war sich nie so sicher wie jetzt, dass ihn nichts und niemand aufhalten k├Ânnte. Keiner war f├Ąhig, ihn zu stoppen, weder die Natur, noch die Menschen, die ihn immer wieder entt├Ąuscht hatten.
Der Wanderer schaute gen Westen. Ein schroffer Basaltkegel, kaum h├Âher als der Berg, auf dem er stand, schien ihn magisch anzuziehen. Er sp├╝rte zwar, dass er mittlerweile schon ziemlich entkr├Ąftet war, aber der Ehrgeiz packte ihn. Sollte er m├╝de werden, k├Ânnte er auch langsamer laufen. Auf dem R├╝ckweg w├╝rde er dann einfach um die Erhebungen herum laufen und sich so schonen, obwohl sein Schwindel nicht mehr so schlimm war wie am Morgen und er nicht ├╝bervorsichtig sein wollte, schlie├člich war er im besten Alter.
Dieser Berg war schon bezwungen, den N├Ąchsten w├╝rde er genau so einfach meistern.
Beim Losgehen ahnte Rolf bereits, dass es vielleicht doch nicht so einfach werden w├╝rde. Es war schon ziemlich hei├č, an die drei├čig Grad k├Ânnten es heute schon gewesen sein. Er musste wieder das Tal zwischen beiden Gipfeln durchqueren, sodass wieder ein Abstieg bevorstand. Als er vorsichtig einen Abhang hinunterlief, schmerzten ihm bereits die Knie, aber davon lie├č er sich nicht st├Âren. Auf gewisse Weise motivierte es ihn, immer weiterzumachen, sich nicht bremsen zu lassen. Er musste sich selbst ├╝berwinden, denn man w├Ąchst nur mit Zielen, die gr├Â├čer sind als man selbst.
Als er auch dieses Tal durchquert hatte, wurde ihm erst bewusst, wie gro├č dieses Ziel war. Es gab zwar einen Weg nach oben ÔÇô aber er war lang und steil.
Doch Rolf ging ÔÇô trotz der zu erwartenden M├╝hen ÔÇô weiter. Er war zu stolz, um aufzugeben, er w├╝rde sich vor sich selbst sch├Ąmen, sollte er angesichts von ein paar M├╝hen kapitulieren.
Der Wanderer setzte einen Fu├č vor den anderen, blickte nicht nach oben, sondern auf den lehmbraunen Boden und keuchte. Jeder Schritt wurde zur immer grausamer werdenden Qual, sein Herzschlag war so schwer und schnell, dass er drohte, seinen Brustkorb zu zerreisen. Sein Gehirn hatte die Arbeit eingestellt, ans Denken war nicht mehr zu denken.
Rolf war bem├╝ht, die Signale seines K├Ârpers zu ignorieren. Er war der felsenfesten ├ťberzeugung, nur noch wenige Schritte vom Gipfel entfernt zu sein. Dann w├╝rde er sich selbst feiern, seine Leiden vergessen und gem├╝tlich nach Hause schlendern.
Aus wenigen Schritten wurden Meilen. Selbst wenn er sich verlaufen h├Ątte, so w├Ąre ihm das nicht aufgefallen. Die Ersch├Âpfung hatte ihm die Sinne geraubt, und so ging er einfach geradeaus weiter.
Es muss bereits Abend gewesen sein, denn es wurde langsam d├╝ster, als er aufh├Ârte seine Schmerzen zu sp├╝ren. Rolf f├╝hlte sich, als h├Ątte er seinen K├Ârper verlassen und w├Ąre hinweggeschwebt, wie ein Vogel, der sich federleicht erhebt. Losgel├Âst von seinem tr├Ągen Leib tr├Ąumte er sich schon triumphierend auf dem Gipfel.
Bald darauf sah er sich weiterfliegen, jeden noch so gro├čen Berg bezwingen; alle Entt├Ąuschungen, aber auch seine Unzul├Ąnglichkeiten schienen vergessen. Kein Felsen, keine Steigung und keine Schw├Ąche sollten ihn aufhalten. Jeden noch so langen und beschwerlichen Weg w├╝rde er in Sekunden bezwingen.
W├Ąhrend Rolfs Geist in die unendlichen Weiten hinausstrebte, k├Ąmpfte sich sein K├Ârper voran, durchn├Ąsst und vor Ersch├Âpfung zitternd. Der Schwei├č floss ihm brennend in die tr├Ąnenden Augen, auf seinen Wangen war er bereits verdunstet und bildete winzige Salzkristalle. Sein Leib war inzwischen ausgetrocknet, seine Kehle verdorrt, sein Blut z├Ąh wie Sirup. Muskeln und Knochen brannten vor ├ťberlastung, die Fersen badeten bereits im Blut, das an den am Schuh seit Stunden scheuernden Stellen austrat.
Ohne es zu bemerken, hatte er mittlerweile eine steinige Wiese an einer langen Steigung erreicht. Das Abendrot tauchte alles in ein unwirkliches Zwielicht.
Rolf kehrte aus seiner Verwirrung erst wieder zur├╝ck, als er ├╝ber einen Stein stolperte. Er konnte sich nicht erinnern, wie er es bis hier oben geschafft hatte. Ein Schmerz in seiner Brust lie├č ihm den Atem stocken, und er h├Ątte schw├Âren k├Ânnen, dass ein gl├╝hendes, mit S├Ągez├Ąhnen ausgestattetes Schwert seine Brust langsam durchbohrte. Seine Eingeweide verkrampften sich, als w├╝rden sie ein Eigenleben entwickeln.
Doch selbst das hielt ihn nicht auf. W├Ąhrend das Stechen langsam auf jedes K├Ârperteil ausstrahlte und er das dr├Âhnende Pochen des Pulses am Hals bis in den Kopf sp├╝rte, stolperte er Meter f├╝r Meter, solange, bis er den ersehnten Gipfel ersp├Ąhte. Hinter ihm war die Nacht, vor ihm, von der Bergspitze verdeckt, die Abendsonne.
Kurz, nachdem es vor Rolfs Augen zu flimmern begann, kroch er bereits auf den geschundenen H├Ąnden und F├╝├čen weiter.
Dann war er am vorerst letzten Ziel.
Er blickte erst triumphierend ins Tal hinunter, danach auf die orangefarbene Abendsonne.
Schlussendlich schloss Rolf die Augen und ergab sich gl├╝ckselig dem gnadenlosen Schmerz.



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tatsaviturvareṇyaṃ
bhargo devasya dh─źmahi

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