Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
52 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wellen
Eingestellt am 01. 05. 2006 07:48


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hedwig Storch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wellen

Lolo von Buttl├Ąr, die Enkelin der Generalin von Palikow, geht ins Wasser; genauer, in die Ostsee dort oben an der Kurischen Nehrung. Fischer fischen Lolo, die schon geschluckt hat, gerade noch so heraus. Der resoluten Generalin reicht es. Schnurstracks marschiert sie hin zu der Gr├Ąfin Doralice K├Âhne-Jasky und redet Klartext. Man kann sich als Frau nicht dauernd entf├╝hren lassen, auch wenn man bildh├╝bsch ist, weist die alte Generalin die junge, von Lebensgier erf├╝llte Doralice zurecht. Erst war Doralice der Gatte, dieser alte Graf K├Âhne, zu langweilig. Deswegen hatte sich Doralice von dem Maler Hans Grill entf├╝hren lassen. Und nun sieht es ganz so aus, als ob sich Doralice von Leutnant Hilmar von dem Hamm entf├╝hren lassen m├Âchte. Hilmar, der Mann "mit spr├╝henden Augen", dessen Gesicht w├Ąhrend des Verf├╝hrens "den eigensinnig entschlossenen Ausdruck" hat, ist Lolos Br├Ąutigam. Hilmar stellt fest: "Was ist denn unser Leben anders, als ein best├Ąndig dummes Vers├Ąumen der ganz kostbaren Augenblicke."
Zu der zweiten Entf├╝hrung kommt es nicht. Hilmar muss zur├╝ck zu seinen Braunschweiger Husaren. Jahre vor dem Ersten Weltkrieg herrschte in unseren Breiten scheinbar Zucht und Ordnung.
Offensichtlich kann Doralice keinen Mann halten. Ihr Maler Hans Grill wird von der See verschlungen. Doch Doralice, unsere Heldin, findet am Ende des wohltuend kurzen Romans ├╝berraschend einen v├Ąterlichen Freund, mit dem es weitergehen k├Ânnte. Unabl├Ąssig wandert das sonderbare Paar die Wasserkante entlang. Doch die See gibt Hans nicht her, und die See gibt somit die beiden ewigen Strandwanderer nicht frei. Der Leser merkt es beim abschlie├čenden Zuklappen des Romans: Doralice hat Hans doch geliebt. Dem Leser wird nach der Lekt├╝re klar, was Doralice eigentlich immer suchte, aber von keinem Manne bekam: Liebe.
├ťber Liebe wollen wir nicht sprechen, obwohl die sehr besprechenswert w├Ąre. Unser Thema h├Ąngt heute mit dem Wort zusammen und was das Wort meinen k├Ânnte. "Ach Kind", sagte Hans einmal zu Doralice, "mit dem Sprechen ist es so eine Sache, man spricht und es klingt hart und sauer und h├Ąsslich und ist ungerecht und r├╝cksichtslos und ist doch nicht das, was man sagen wollte." Weshalb Doralice kein Gl├╝ck mit M├Ąnnern hat, kann der Leser m├╝helos herauskriegen, wenn er den sch├Ânen Kurzroman liest. Wirklich sch├Ân. Um Sch├Ânheit geht es hier heute in Verbindung mit knappen Worten.
Eduard von Keyserling hat in seinem Roman "Wellen" die See gepriesen. Mitunter will es uns beim Lesen scheinen, als sei das Meer bei Keyserling so etwas wie ein Spiegel f├╝r die Vorg├Ąnge in der abgr├╝ndigen Seele des Menschen. Der baltische Autor findet Worte, die uns irgendwie anr├╝hren, aber unserem wachen Verstand gleichzeitig signalisieren, was f├╝r ein gebrechliches, mangelhaftes Ding unsere Sprache doch ist. Keyserling schreibt von den "Wellen ohne Schaum, gro├č und gr├╝ngrau, ein m├Ąchtiges, stilles Atmen." Was k├Ânnen wir dem noch hinzuf├╝gen? Das ist die See. Oder, so kann sie auch sein - "ein gl├Ąsernes H├╝gelland,... nur von einem sanften, langatmigen Auf- und Abschwellen bewegt." Der Horizont kann "von einem feinen, silbernen Lichtnebel verhangen" sein, der die "unendliche Weite" wie die "dunkle Tiefe" f├╝hlen l├Ąsst. "Furchtbar" k├Ânnen Weite und Tiefe des Meeres ins Bewusstsein dringen. Nachts unter gestirntem Himmel kann sich das Meer regen "wie eine sacht bewegte schw├Ąrzere Finsternis. Durch die Brandung" f├Ąhrt "das Boot ├╝ber wei├če Schaumh├╝gel in graugr├╝ne Wellent├Ąler." Doralice empfindet das Meer "so sch├Ân, da├č man lieber gar nicht davon spricht." Wie wahr! Doch wir m├╝ssen, mitteilsam, wie wir sind, zu Ende rezensieren. Auch Hans bevorzugte, wie wir oben erfuhren, zu Lebzeiten das Schweigen. Was tat er am Strand? "Weite einatmen."
"In der D├Ąmmerung", bei starkem Wind, heben "sich die Wellen wie gro├če wei├če Gestalten, die sich aufrecken, sich neigen, niederfallen." Andermal wieder scheint die Sonne, und "ihr gelber Glanz" flie├čt "wie ├ľl an den Wellen herab." Einmal ist das Meer "gr├╝n, durchsichtig und s├╝├č wie russische Marmelade."
Nach dem Gewittersturm, der Hans verschlungen hat, liegt "das Meer unter dem eisengrauen Himmel, wei├č von Schaum wie kochende Milch."

Es w├Ąre so manches zu sagen ├╝ber den bedeutenden Eduard Graf von Keyserling. Zwei Leseeindr├╝cke noch. Erstens, der Graf erweist sich als Meister des verbl├╝ffend gleitenden Szenenwechsels. Die dem Wechsel innewohnende Dynamik muss man lesend erlebt haben. Jener Wechsel geschieht jedes Mal in einem Moment und man f├╝hlt in jenem Augenblick ganz deutlich: so muss geschrieben werden. Und zweitens, in Keyserlings beherrschtem Vortrag der Fabel ist nichts Gewaltsames auffindbar. Der gro├če Erz├Ąhler will nicht mit Macht fertig werden und wahrt doch K├╝rze. Still und voller Kraft rollen seine "Wellen" n├Ąher und n├Ąher an uns heran.

Eduard Graf von Keyserling wurde am 15. Mai 1855 auf Schloss Paddern bei Hasenpoth (heute Aizpute im Kurland) geboren und starb am 28. September 1918 in M├╝nchen. Das Kurland liegt in Lettland (Baltikum).

Eduard von Keyserling: Wellen
Roman (1911)
ISBN 3-937793-53-4


Hedwig Storch 5/2006

__________________
Hedwig

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!