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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wellengang
Eingestellt am 01. 01. 2009 14:25


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leonce
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2009

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WELLENGANG

Die TĂŒren schlossen sich laut und quĂ€lend mit der Bahnsteigdurchsage. Marie, ganz außer Atem, ließ ihren Rucksack neben mich auf den Sitzplatz fallen, auf den ich das Buch gelegt hatte, das ich die letzten Stunden der Bahnfahrt unentschlossen in der Hand gehalten hatte wie einen Schirm. Ein BegrĂŒĂŸungskuss, und ihre Finger suchten eine Stelle an mir, auf der sie liegen bleiben könnten. So fing er an, unser Sommer. Die Tage, die vor uns lagen, waren die einzigen, die wichtig waren. Nach all den einzelnen Wochenenden wollten wir uns an sie verschwenden.

Als wir am Flughafen ankamen, waren die Schalter noch geschlossen und diverse PĂ€rchen lagen in SchlafsĂ€cken davor, hielten in der sĂŒĂŸlich sterilen Hallenluft HĂ€ndchen. Ein großes rotes Schild zeichnete in gelben Lettern aus, dass Fliegen nicht teuerer sein muss als Taxifahren. Katharina hĂ€tte sich darĂŒber aufgeregt und den Rest der Nacht den Sinn der Kerosinbesteuerung insbesondere von Kurz- und Mittelstrecken erlĂ€utert. Marie murmelte nur mĂŒde „scheiß vergleichen“ und legte ihren Kopf in meinen Schoß. Die Spitzen ihrer langen blonden Haare krĂ€uselten sich auf dem synthetischen Stoff meiner braunen Faltenhose. Ich versuchte, das Gewicht ihres Kopfes gleichmĂ€ĂŸig auf beide Oberschenkel zu verlagern. Der Zeitungskiosk hatte natĂŒrlich auch noch zu.

Nach drei Tagen im Haus stieg langsam eine Ahnung in mir auf, ich schaute gerade von der Terrasse ĂŒber die kleinen VillendĂ€cher hinweg auf das blaue Meer, dass ich in diesem Sommer vielleicht das erste Mal die Anzahl der Tage hier nicht hinunterzĂ€hlen wĂŒrde, wie ich es seit meinen Kindertagen immer getan hatte, sondern sich die anwachsende Summe der Tage wie ein wuchernder Alp ĂŒber meine Stirn legen könnte. Ich sah hinĂŒber zu Marie, die mit geschlossenen Augen in der Sonne lag.
„Willst du spĂ€ter noch an den Strand?“
Sie zeigte keine Reaktion und ich streifte ihr zaghaft mit den Fingern durch die Haare. „Marie, magst du vielleicht noch schwimmen gehen?“
Sie versuchte meine Hand zu ergreifen. „Weiß nicht, vielleicht spĂ€ter.“
„Ja.“, ich drehte mich aus ihrer versuchten Umarmung, „Vielleicht spĂ€ter. Können wir ja spontan entscheiden.“, als suchte ich mit den Augen etwas auf dem Meer.

Das Wochenende kam konsequent, und damit der Tag, an dem wir ein Jahr zusammen waren. Marie hatte mit der ihr eigenen Bestimmtheit seit Wochen dieses Datum in meinem Taschenkalender fĂŒr uns reklamiert. Nur fĂŒr uns. Nicht fĂŒr Freunde, nicht fĂŒr die Arbeit, nicht fĂŒr ein Verhalten, wie ich an ihrem Geburtstag stundenlang mit dem Hund spazieren gegangen war. Frisch rasiert und mit langer Hose saß ich also unter sternenschwarzem Himmel, neben mir wuschen die Wellen in regelmĂ€ĂŸiger Geduld die Spuren von vorbeischlendernden NachtspaziergĂ€ngern aus dem noch warmen Sand. Der Kellner antworte jedes Mal auf Deutsch, wenn wir ihn auf Spanisch anredeten. Ich musste an Katharina denken, die immer fluchend der Unmöglichkeit getrotzt hatte, irgendetwas Vegetarisches auf der Speisekarte finden. Jetzt saß ich mit Marie vor frittierten Paprikaschoten und einem halben Liter Weißwein, spĂ€ter Fisch. Als wir irgendwann in den DĂŒnen lagen und unsere weißen Körper im Mondlicht glĂ€nzten, fragte ich mich, ob jede LĂŒcke gleich zu schließen ist.

Das SpĂŒlwasser war schon wieder kalt geworden. Marie stand neben mir und wollte das Geschirr abtrocknen, obgleich ich das fĂŒr ĂŒberflĂŒssig hielt. Irgendwo im Haus hatte jemand die eine Musik-CD eingelegt. „Glaubst du, du bist ein Mensch, der eher allein glĂŒcklich ist, oder eher ein Mensch, der zu zweit glĂŒcklich ist?“
Ich konzentrierte mich auf geschmolzene KĂ€sereste an den Innenseiten der Löffel. „Meinst du allein oder einsam?“
„Na, du weißt schon, hauptsĂ€chlich eben. Bist du lieber allein oder brauchst du jemanden um dich rum?“
Ich schaute kurz zu ihr herĂŒber. Ihr Blick war ernst auf mich gerichtet, ihr rotes Kleid schimmerte durch den Teller in ihrer Hand leicht grĂŒnlich. Ich versuchte die Lippen entschuldigend zu schĂŒrzen, „Du?“
„Ich hab dich zuerst gefragt.“
„Ich denke, ich bin nicht eines jener aufgespalteten Wesen, das seine andere HĂ€lfte sucht, die ehedem alle glĂŒckliche Hermaphroditen waren.“
„WĂŒrdest du es dir denn wĂŒnschen?“
Es fiel mir schwer, die Frage ernst zu nehmen und nicht als durchsichtig innerlich zu belĂ€cheln. Als ich aufschaute, um „Ja“ zu sagen, hatte Marie die KĂŒche bereits verlassen.

Der Rhythmus von tĂ€glichen Strand- und abendlichen Barbesuchen strukturierte sich wie von selbst durch die wiederkehrenden Mahlzeiten. Morgens joggte ich zum BĂ€cker, abends kochten wir gemeinsam. Die Sonne war heiß und brannte auf alles, was nicht im Schatten lag. Wir pendelten meist so unbekleidet wie möglich zwischen Meer und Pool. Irgendwann fuhren wir fĂŒr einen Tagesausflug nach Gibraltar. Einzelne Wolken deuteten einen milderen Tag als sonst an und der Verkehr auf der Schnellstraße trug uns flĂŒssig auf den sich immer deutlicher abzeichnenden Berg an der Spitze der KĂŒste zu. Auf der HĂ€lfte der Strecke leuchtete plötzlich die Batterieanzeige rot auf, aber das kannte ich schon aus den letzten Jahren, das bedeutete nichts und man durfte einfach nicht anhalten, bis die Anzeige wieder erlöscht war. Auf der Insel tauschten wir etwas Geld, freuten uns im Bus ĂŒber Reminiszenzen des British Empire und wanderten Hand in Hand zum höchsten Punkt des Berges. WĂ€hrend einige Touristen die Affen mit Obst fĂŒtterten, suchten wir Afrika am Horizont auszumachen. Vor der SteilkĂŒste vermischten sich Atlantik und Mittelmeer unidentifizierbar und ĂŒberspĂŒlten in heller Gischt ein paar alte Schiffswracks, deren Reste aus den Untiefen immer wieder sichtbar wurden. Wir kĂŒssten uns. Ein schöner Tag, dachte ich.

Der Sand, der langsam durch ihre HĂ€nde glitt, machte mich nervös. Immer wieder quoll der feine Sand zwischen ihren Fingern hervor und fiel auf ein und dieselbe Stelle, von der sie wieder eine Handvoll Sand aufnahm, um ihn wieder stoisch herabfließen zu sehen. Ich konnte nicht genau erkennen, ob die Faust, die sie dabei machte, den Sand schneller gleiten ließ, als ohne den Druck ihrer Finger, da ich aus den Augenwinkeln nur sehr unscharf ihre Bewegungen nachvollziehen konnte. Ich versuchte zu lesen. Marie fragte, ob ich ihr den RĂŒcken eincremen könne. Im Sand spielten kleine Kinder und im Wasser versuchten sich ein paar Jungen mit Surfbrettern. Die WasseroberflĂ€che war nur mĂ€ĂŸig bewegt, nur an einer, wie unsichtbar gezogenen Linie erhoben sich einzelne Wellen, wo sie sich kurz aufwarfen, dann schnell brachen und sich im kaum hĂŒfthohen Wasser auf den langen SandbĂ€nken ausliefen. Die Jungen warfen sich eifrig mit ihren Brettern in die Wellen, doch diese trugen immer nur fĂŒr Sekunden und begruben dann alles mit einem genĂŒsslichen Rauschen unter sich. Plötzlich beschwerte sich Marie: „Du, ich glaub die Sonnencreme ist eingezogen, danke fĂŒrs Einreiben“. Ich wusste nicht, wohin mit meinen öligen Fingern. Mein Buch konnte ich so nicht anfassen.

Die neue Sprinkleranlage funktionierte prima. Sie war letzten Sommer installiert worden und versorgte den Garten mit Wasser. Niemand musste sich um die Pflanzen kĂŒmmern. TĂ€glich abends nach Sonnenuntergang sprang sie automatisch an, und ich hörte das rhythmische PlĂ€tschern durch die offenen Fenster. Ich saß im Flur am Telefon und – unser RĂŒckflug nach Deutschland stand bevor – hörte meine Mailbox ab. Ich hatte versucht bewusst kurz angebunden auf der Bandansage zu klingen und erstaunlicherweise hatte auch nur ein einziger Kollege aus der UniversitĂ€t eine Anmerkung zur nĂ€chsten FakultĂ€tsratssitzung hinterlassen. Der Rest der Nachrichten waren lauter sekundenhafte Momente, wenn die Anrufer zu spĂ€t auflegten und die Mailbox bereits ĂŒbernahm. Einige Aufzeichnungen wurden sofort durch das GerĂ€usch des Auflegens beendet. Zwei, drei andere jedoch gefroren fĂŒr ein paar Sekunden bevor sie auflegten, als ob sie unsicher seien, ob sie etwas sagen sollten. Ich konnte ihr atmendes Schweigen hören, und drĂŒckte lustvoll die Telefonziffer, um die Reste endgĂŒltig zu löschen. Dann ging ich ins Wohnzimmer, wo Marie vor dem Fernseher lag. Auf dem Kaminsims standen noch die Teelichter der vergangenen Nacht. Ich meinte, wir hĂ€tten sie ausbrennen lassen, aber vielleicht hatte Marie auch schon wieder neue hingestellt.

Irgendwann nachts saß ich noch im dunklen Esszimmer und fragte mich, ob Marie wohl schon eingeschlafen sei. An der Wand konnte ich umrisshaft die GĂ€steliste erkennen, die schon meine Großeltern gefĂŒhrt hatten, wenn sie Freunde oder Bekannte fĂŒr ein paar Tage im Haus zu Besuch gehabt hatten. Inzwischen waren die Eintragungen seltener geworden und die meisten Namen beschrĂ€nkten sich auf die Familienmitglieder. UngefĂ€hr im mittleren Drittel stand in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ein Name immer wieder neben dem meinen. Ich schrieb mit dem Finger die Unterschrift in die schwarze Luft der Dunkelheit. Katharina hatte das Haus sehr gemocht und wir waren immer mindestens eine Woche geblieben, meistens im Sommer. Plötzlich meinte ich sie in der EsszimmertĂŒr stehen zu sehen und mir wurde erst in dem Moment, in dem Marie das Licht anschaltete, klar, wie sehr sich die beiden in ihrer Gestalt Ă€hnelten. „Warum kommst du nicht ins Bett?“
Ihre Stimme klang belegt, als ob sie schon geschlafen hÀtte. Oder geweint.
„Du hast mich erschreckt“ sagte ich und suchte nach einem LĂ€cheln. Eine Pause entstand.
Marie blinzelte, „Bitte“.
„Ja“, sagte ich, unfĂ€hig mich zu bewegen.

Am Flughafen standen wir noch gemeinsam zwischen den endlosen Kofferreihen und den dazugehörigen Besitzern, die meist so bekleidet waren, als ob es kurz zum Strand ginge und nicht endgĂŒltig zurĂŒck in die deutsche KĂ€lte. Ich wollte Marie noch vorgeschlagen, sich auf die beiden Warteschlangen unseres Fluges aufzuteilen, um in jedem Fall die kĂŒrzere zu erwischen, aber Marie blickte immer in eine andere Richtung und ich konnte hinter den dunklen GlĂ€sern ihrer Sonnenbrille keine Augen erkennen. Ohne das Ziel des Fluges zu wissen, konnte man genau ausmachen, fĂŒr welche Stadt die deutschen Touristen jeweils anstanden. BemĂŒht modisch die jungen Leute in hautengen Röhrenjeans nach Berlin, angestrengt offensichtlich das Geld der braun durchgebratenen Damen ab 50 nach MĂŒnchen. Marie schaute auf die Uhr. Ich ĂŒberschlug, dass wir seit unserem gehetzten Aufbruch am Haus, kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten.
„Wusstest du, dass manche Paare stets getrennte FlĂŒge buchen, damit sie nicht gemeinsam abstĂŒrzen?“
Marie zögerte und der zynische Ton ihrer Stimme hĂ€tte mir eine Warnung sein können: „Wer alleine fliegt, stĂŒrzt nicht ab?“
„Nein, manche Paare wollen sich absichern,“ und ich wollte jetzt witzig sein. „Zum Beispiel versuchen manche Eltern sicherzustellen, dass im Falle eines Flugzeugabsturzes zumindest ein Elternteil fĂŒr die Kinder ĂŒberlebt. Oder dieses KĂŒnstlereherpaar Christo hat mal in einem Interview gesagt, dass sie unbedingt sicher gehen wollen, dass wenigstens einer von ihnen ihr gemeinsames Verpackungswerk weiterfĂŒhren kann. Der Verlust wĂ€re ein zu großer fĂŒr die Welt.“
Marie hob nur skeptisch ihre Augenbrauen und zog ihre Unterlippe langsam unter den SchneidezĂ€hnen durch wie immer, wenn sie ĂŒber etwas nachdachte. Ihre Worte waren ganz leise und doch leicht wie Luft: „FĂŒr wen wĂ€re denn unser gemeinsamer Absturz ein Verlust?“
Ich versuchte ihre Worte zu deuten, aber wie Sie sich mir direkt zuwendete, konnte ich in ihren SonnenbrillenglÀsern nur mich selbst sehen.
„Vielleicht sollten wir auch getrennte FlĂŒge nach Hause nehmen“, sagte sie.
Ich konnte sie nur verwundert anschauen, wie sie fast vertrĂ€umt am Griff ihres Koffers spielte, und ich spĂŒrte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Weißt du, nur um sicher zu gehen...“, sagte sie, und das war unsere Zeit gewesen.



Version vom 01. 01. 2009 14:25

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