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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wendepunkt
Eingestellt am 02. 08. 2001 17:41


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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

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Wendepunkt
Es krachte und rummste, dann splitterte und klirrte es heftig; Scherben schlitterten ĂŒber Steinböden. Der LĂ€rm hörte abrupt auf; Totenstille erfĂŒllte die breite Straße. Karl nahm den Kopf von den Knien – gerade so hoch, dass er quer ĂŒber die Straße blicken konnte. Er blinzelte mit den verklebten Augen, aber es half nicht viel; also nahm er den rechten Ellbogen zur Hilfe und wischte ĂŒber Stirn und Augen.
Er saß im Halbdunkeln; die nĂ€chste Straßenlampe war etliche Meter weit weg, warf gelbliches Licht auf BĂŒrgersteig und Fahrbahn. Die krustige Mauer in seinem RĂŒcken gehörte zum U-Bahnschacht, endete am Kaufhofeck und bot ihm in den SommernĂ€chten Schutz vor den Blicken der schwarzen Sheriffs. Er fĂŒrchtete ihre Launen und ihre harten Stiefel mehr als die scharfen RĂŒffel der Polizisten.
Die Straße lag gĂ€hnend leer; kein Autofahrer war auf der Jagd nach weiblicher Beute; kein FußgĂ€nger bummelte ziellos, auf der Suche nach Bars, die lĂ€ngst geschlossen hatten. Im Osten war der Himmel schon bleigrau.
Eine leere Coladose drehte sich leise, vom sanften Nachtwind getrieben, torkelte ziellos ĂŒber den Asphalt. GegenĂŒber, auf der anderen Straßenseite, parkte ein schwarzer, total verdreckter Jeep. Die hell erleuchteten Fenster des Juwelierladens wurden teilweise von dem hochrĂ€drigen Wagen verdeckt.
Karl versuchte mĂŒhsam die Quelle des Krachs zu entdecken. Er schaute angestrengt von links nach rechts. Sein Kopf dröhnte und in seinen Ohren spielte eine Violine hĂ€ssliche Töne. Aber da war nichts, keine Bewegung war zu entdecken.
Er seufzte ergeben. Vielleicht war es wieder nur ein Traum gewesen. In der letzten Zeit waren ihm immer wieder Dinge passiert, die er nicht erklĂ€ren konnte. Erst vor zwei NĂ€chten hatte er ein brĂŒllendes Flammenmeer ĂŒber den HausdĂ€chern gesehen, war schreiend in die U-Bahn gestĂŒrzt. SpĂ€ter, viel spĂ€ter erst, hatte er begriffen, dass es die frĂŒhe Morgensonne war, die ihr rötliches Licht durch den Dunstschleier der Stadt drĂŒckte. Und seit diesem Morgen hatte er Angst; eine wĂŒrgende Panik ĂŒberfiel ihn, wenn eine Sirene aufheulte, wenn ein von einem Autofenster erzeugter Lichtblitz ihn traf.
Irgendwie wusste er, dass es am Alkohol liegen musste, den er im Sommer reichlicher bekam als in den harten Wintermonaten. Die Touristen warfen ihm MĂŒnzen und Scheine in den speckig glĂ€nzenden Hut, fotografierten ihn, wenn er das Geld gierig aus dem Hut klaubte und in seine Rocktasche steckte. Heute erst hatte eine dicke Amerikanerin ihr kleines Töchterchen dicht neben ihn gestellt, hatte deren weiße, kleine Hand - die sich heftig verkrampfte - auf seine Schulter gelegt und dann mehrere Fotos von ihnen gemacht. Ihm warÂŽs egal gewesen; den Schein hatte er am Abend im Aldi gegen Rotwein getauscht.
Jetzt bewegte sich etwas; hinter dem Jeep ruckten Köpfe und Schultern. Zwei mÀnnliche Schatten bewegten sich vorsichtig, sichernd, offensichtlich fluchtbereit.
„Haben was vor, die Jungs“, dachte er und prĂŒfte, ob der Schatten der Mauer ihn genĂŒgend verdeckte.
Durch das Jeepfenster konnte er das Glas des Schaufensters mit dem zackig geformten Loch sehen. Dann wuchteten sich zwei breite Schatten vor dem erleuchteten Fenster hoch, bewegten sich hektisch, hasteten, duckten sich, warfen GegenstÀnde in den Jeep, tauchten wieder hoch und verharrten dann stocksteif.
Die Coladose hatte vom Wind einen krĂ€ftigen Schubs bekommen, schepperte langanhaltend, rollte vor Karls FĂŒĂŸe; an der Bordsteinkante machte sie zwangsweise Halt. Karl hielt den Atem an, drĂŒckte sich tiefer in den Schatten.
Über der LadeflĂ€che des Jeeps blitzte eine starke Taschenlampe auf, warf weißes Licht herĂŒber. Der suchende Strahl traf zuerst die Coladose, dann Karls FĂŒĂŸe, wanderte hoch, glitt sehr schnell ĂŒber seinen Körper und heftete sich an seinem Gesicht fest. Er sah nichts mehr, nur weiße und rötliche Kringel waberten. Das grelle Licht hielt ihn fest, machte ihn unbeweglich.
Der unsichtbare Beobachter sah in ein rotweiß-fleckiges, schorfiges Gesicht mit einem offenstehenden, fast zahnlosen Mund. Wirre, weißgraue Haare quollen unter der Hutkrempe hervor, bedeckten die flache Stirn. Das Weiß der starr glotzenden Augen leuchtete im Lampenlicht, machte das Gespenstergesicht vollstĂ€ndig. Karl saß unbeweglich, wie eingefroren.
Dann hörte er aus der Richtung Marienplatz das Signalhorn eines Polizeiwagens. Im selben Augenblick erlosch die Taschenlampe.
Es war schlagartig stockdunkel auf der Straße, und er glaubte, die gesamte Beleuchtung der Stadt sei ausgefallen. Aber dann kam langsam das Sehvermögen zurĂŒck; zur gleichen Zeit heulte der Jeepmotor auf, Reifen schrieen, quietschten gellend und ein schlecht eingelegter Gang ließ ein kreischendes, anklagendes GerĂ€usch hören.
Langsam wurde Karl bewusst, dass er nicht getrĂ€umt hatte, dass ihn diesmal keine Hirngespinste narrten – er war Zeuge eins Einbruch gewesen. Langsam rutschte er auf die Knie, griff sich den dicken Pappkarton, der im Sommer seine Matraze war, packte mit der anderen Hand das schwere BĂŒndel, in dem Glas klirrend aneinander stieß, und stand schwankend auf.
Er musste weg! Die Polizei wĂŒrde ihn entdecken, verhören, verdĂ€chtigen, einsperren – und das im Sommer, wennÂŽs soviel zu Trinken gab.
Und dann fiel ihm die forschende Taschenlampe ein! Sie hatten ihn bestimmt genau gesehen; sie hatten sich sein Gesicht gemerkt; sie wĂŒrden denken, die Polizei hĂ€tte einen Zeugen, der sie beschreiben könnte.
Mit unsicheren, tapsenden Schritten bewegte er sich auf die U-Bahntreppe zu. Das Heulen des Signalhorns war schon sehr nahe; also beschleunigte er mĂŒhsam seine Schritte, drehte sich um die Mauer, duckte sich, stolperte die Stufen herunter. Am ersten Absatz rutschte er aus, fiel seitlich gegen das GelĂ€nder, prellte sich die HĂŒfte; er stöhnte unterdrĂŒckt. Unten im Gang drĂŒckte er sich flach an die Wand und linste um die Ecke; niemand war in dem schwach erleuchteten U-Bahnflur zu sehen. Also schlich er noch einige Meter weiter, Ă€ngstlich an die Wand gedrĂŒckt.
Er legte seine Pappe dicht an die Wand, sein BĂŒndel direkt daneben. MĂŒhsam setzte er sich, stöhnte auf, als er sich an der verletzten HĂŒfte stieß. Völlig geschafft, legte er den Kopf auf die Knie und schloss die Augen. Es war stickig und warm hier unten, das Atmen fiel schwer. Das Signalhorn heulte jetzt direkt ĂŒber ihm und erstarb plötzlich mit einem gequĂ€lten Seufzer. Dann war dröhnende Stille; er wartete auf polternde Polizistenschuhe.
Er wartete lange; der Nebel in seinem Kopf wallte hoch, waberte, schaukelte ihn in einen traumlosen Schlaf.
„He! Penner! Aufwachen!“
Ein unsanfter Tritt traf ihn in der Seite, die vom Sturz schmerzte. Er schrie auf, schoss hoch und fiel zurĂŒck an die Wand. Zwei Polizisten standen dicht vor ihm, beobachteten mit ernsten Gesichtern seine tapsigen BemĂŒhungen.
„Wie lange biste schon hier?“
„Weiß nicht. – Bin irgendwann eingeschlafen. Warum habt ihr mich getreten?“
„Keiner hat dich getreten, Penner! Du hast schlecht getrĂ€umt, Alter!“
Karl brummte Widerspruch und schaffte es endlich sich aufrecht an die Wand zu lehnen; trotzdem schwankte er leicht, die Gesichter vor ihm waren von Nebelschwaden bedeckt.
„Haste was gehört oder gesehen?“
Karl schĂŒttelte unwillig den Kopf, verdrehte dabei die Augen zur Decke.
„Ach komm! Lass den besoffenen Penner in Ruhe. Der sieht ja noch nicht einmal uns richtig“, sagte der zweite Polizist und zog seinen Kollegen am Ärmel.
„Mach, dass du hier weg kommst! Verzieh dich! Du weißt, dass du hier unten nicht schlafen darfst. Leg dich draußen in den Englischen Garten. Da sind genug von deiner Sorte“, stieß der erste Polizist rau heraus und dann gingen sie weg.

Er saß auf dem warmen Gras, dicht unter dem Monopteros, und beobachtet die SpaziergĂ€nger. Der Kopf schmerzte unertrĂ€glich; aber die Angst, die seinen Hals zudrĂŒckte war schlimmer. Er war ĂŒberzeugt, dass sie ihn suchten, dass sie ihn beseitigen mussten, dass sie deshalb die Stadt abgrasten.
Erfahrene Verbrecher, da war er sicher, kannten die PlĂ€tze, wo sie Typen wie ihn finden konnten; sie wussten genau, wie er aussah – und er kannte seine Verfolger nicht, kannte nur ihre Schatten. Sie wĂŒrden ihn jagen, ihn zusammenschlagen, in der Isar ertrĂ€nken. Er hatte keine Chance, keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen. Ohne Wohnung, ohne feste Unterkunft, blieb ihm nur die offene BĂŒhne der Stadt, auf der ihn alle beobachten und erkennen konnten.
Er kratzte seine zerstörten Beine und wurde starr; er spĂŒrte, dass er beobachtet wurde. Eisige KĂ€lte strich ihm ĂŒber den RĂŒcken. Sehr langsam drehte er den Kopf und schielte nach hinten.
„Ein MĂ€dchen!“, dachte er erleichtert und sah in die schlĂ€frigen Augen einer jungen Frau, die - mit hochgeschobenem Rock - ausgestreckt im Gras lag.
Von der linken Seite kamen zwei MĂ€nner auf ihn zu, schlenderten betont langsam, blickten den wenigen Sitzenden ins Gesicht.
„Das sind sie! Verdammt, sie haben mich schon! Scheiße! Scheiße!“
Er sprang auf, torkelte und saß schon wieder. Dann waren sie da, gingen dicht vor ihm durchs Gras, sahen nur kurz, abfĂ€llig grinsend, in sein Gesicht. Sie trugen MaßanzĂŒge, Lackschuhe und diskutierten ĂŒber etwas, was er nicht verstand.
Er stand auf, nahm seine Sachen und trottete eilig ĂŒber die Wiese. Erst in der belebten Straße wurde er ruhiger.
„Sollen sie doch den Englischen Garten absuchen! Ha! Ich wird®s ihnen schon zeigen!“
Er stakste in Richtung Viktualienmarkt und sah sich alle paar Meter um. Nichts! Oder doch? Was wollten die MĂ€nner da hinter ihm, kaum fĂŒnf Meter entfernt? Warum gingen sie so langsam? Er bog ab, querte die Fahrbahn, schlich an den HauswĂ€nden entlang.
„Warum laufen die hinter mir her?“
Die zwei junge Burschen mit schwarzen T-Shirts folgten ihm, wollten ihn nicht ĂŒberholen. In seinem Hals pulsierte das Blut, seine schmutzigen HĂ€nde krampften sich um das schwere BĂŒndel. Der Schweiß lief ihm ĂŒber die Stirn, brannte in den entzĂŒndeten Augen.
„Das sind sie! Mist! Sie haben mich! Das sind sie! Genau das waren die Figuren, die ich gesehen habe.“
Die schmerzenden Beine wollten nicht mehr; er ging langsamer. Es hatte keinen Zweck; sie waren jung und viel schneller als er. Er lehnte sich an die Wand der PfĂ€lzer Weinstube und schloss die Augen. Nichts geschah. Er machte die Augen langsam auf. Frauen und MĂ€nner hasteten an ihm vorbei, hatten keinen Blick fĂŒr den wackeligen Alten, der so gar nicht in das fröhliche Sommerbild der Weltstadt passte.
Karl atmete auf und ging langsam weiter. In Einfahrten blieb er stehen, linste um die Ecke, beobachtete misstrauisch die Passanten.
Endlich war er am Viktualienmarkt; hier kannte er jeden Winkel. Er schlich hinter den StĂ€nden, Buden und HĂ€uschen hin und her, saugte die typischen MarktdĂŒfte in sich hinein. Hier war er alleine und sicher. Leergut und AbfĂ€lle stapelten sich an den RĂŒckwĂ€nden; halbfaule Bananen, Äpfel und Kartoffeln schichteten sich in Kartons. Er sammelte alles auf, was noch brauchbar erschien, stopfte es in seinen riesigen Beutel.
Er wusste nicht warum er das machte; noch nie hatte er VorrĂ€te angelegt, hatte immer „frische Ware“ fĂŒr den Tag gesucht. Ein GerĂ€usch störte ihn, ließ den Schweiß sofort wieder fließen. Er verharrte, sah sich um – auf alles gefasst. Leichter Nebel senkte sich ĂŒber seine Augen. Dann explodierte vor ihm die TĂŒr an der Bude mit den frisch geschossenen Kaninchen, spuckte zwei MĂ€nner aus, die mit geschwungenen KnĂŒppeln auf ihn zustĂŒrmten.
Er fiel auf den RĂŒcken, schrie gellend um Hilfe, ruderte mit Armen und Beinen; er lag da wie ein hilfloser MaikĂ€fer. Er fĂŒhlte SchlĂ€ge auf dem Kopf und auf dem ganzen Körper. Er schrie immer weiter, bis er das Lachen entdeckte.
Vorsichtig öffnete er die Augen. Zwei kleine, schmĂ€chtige Jungen in kurzen Sporthosen standen vor ihm, stĂŒtzten sich auf ihre TennisschlĂ€ger und lachten; sie mussten sich die Rippen halten, weil ihnen vom Lachen das Zwergfell schmerzte.
Sie hatten ihn nicht berĂŒhrt! Sie hatten ihn nicht einmal erschrecken wollen! Sie waren nur in jungenhafter UnbekĂŒmmertheit aus der Bude gestĂŒrzt. Das begriff er ganz plötzlich. Langsam rappelte er sich auf, ergriff sein BĂŒndel und schleppte sich weg.
„Gespenster! Ich sehe Gespenster! Verflucht, wie soll das enden?“
Er bog ab in eine unbelebte Seitenstraße und setzte sich auf den Bordstein. Er musste in Ruhe nachdenken. Er brauchte Zeit. Er versuchte mĂŒhsam einen Anfang zu finden. Es war schwer, unendlich schwer. Er hatte ewig nicht mehr nachgedacht, keine PlĂ€ne gemacht; er hatte wie Treibgut gelebt, ohne Kraft und Ziel. An allen Tagen hatte er nur das getan, was ein Bettler tun muss um zu ĂŒberleben. Er hatte gebettelt, gesammelt, im Abfall gewĂŒhlt, billigen Fusel gekauft oder gestohlen, einen sicheren, trockenen Schlafplatz gesucht und getrunken bis zur Bewusstlosigkeit. Mehr war nie gewesen.
Aber jetzt war da etwas, was er nicht benennen konnte. Angst? Angst hatte er schon immer gehabt. Angst vor PrĂŒgel, Diebstahl, Polizisten, GefĂ€ngnis, Sheriffs und Fußtritte; Angst vor der eisigen WinterkĂ€lte und vor den nassen NĂ€chten unter den BrĂŒcken. Ja, er hatte Angst, tierische Angst vor den Verfolgern. Das hier war eine andere Angst! Lebensangst!
„Das macht nur dieser verfluchte Alkohol!“, dachte er entschuldigend.
Er legte den Kopf auf die Knie, faltete die HĂ€nde im Nacken und schloss die Augen. Lange blieb er so, suchte seine Gedanken zu ordnen – und fand den Anfang nicht. Dann hörte er Schritte, leichte Schritte, klappernde AbsĂ€tze. Er hob langsam den Kopf und sah den FĂŒĂŸen entgegen. Sie waren schlank, braun und gehörten zu einer hĂŒbschen jungen Frau. Ihr schlanker Körper wiegte sich beim Gehen und ihre Brust wippte rhythmisch.
Die Frau ging hastig vorbei, ein StĂŒck von ihm weg. Ihre Augen! Er sah den Ekel, den Widerwillen, fĂŒhlte ihren Abscheu und auch ihr Misstrauen – es traf ihn schmerzhaft intensiv. Er starrte die elegante Frau an, wollte sie hochmĂŒtig, grinsend, mindestens aber gleichmĂŒtig ansehen, es gelang nicht; er musste den Blick senken. Die Frau runzelte die Stirn, ging schnell weiter, drehte sich nicht einmal um.
Karl besah seine zitternden HandrĂŒcken, auf denen die wettergegerbte Haut mit schwarzen Dreckstriemen bedeckt war. Er brauchte nicht viel Fantasie, um die gleiche Farbe seinem Gesicht zuzuordnen. Er roch seine Haut, den Schmutz seiner Kleidung. Die nĂ€sseschimmeligen Schuhe waren an den Seiten aufgebrochen, zeigten gĂ€hnend ihre ZĂ€hne.
Er fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, kam nicht durch den Filz.
„Wann hab ich das zum letzten Mal probiert?“. dachte er. Und dann kam der Gedanke von ganz alleine.
„Sie suchen einen vergammelten Penner! Sie suchen ihn hier, in MĂŒnchen! Ich muss alles umkrempeln. Ich muss mit dem Saufen aufhören. Ich muss weg von hier! Dann hab ich eine Chance; dann finden sie mich nicht!“
Wie er das machen wollte, wie er die Kraft, den richtigen Weg finden wĂŒrde, das wusste er alles nicht. Aber er wusste, dass er es tun musste. Langsam fasste er den Entschluss fĂŒr den nĂ€chsten wichtigen Schritt. Aus seiner ausgebeutelten Rocktasche zog er das gesammelte Klimpergeld. Ein GeldstĂŒck neben dem anderen legte er vor sich auf den Bordstein. Dann zĂ€hlte er sehr bedĂ€chtig. Er staunte, als er die Endsumme kannte.
„Dreiunddreißig MĂ€rker! Donnerwetter!“
Er sammelte das Geld wieder ein, stand mĂŒhsam auf, schlurfte los, suchte und fand endlich das Haus mit dem großen Silberteller an der Kette. Er ließ sich fĂŒr fĂŒnfundzwanzig Mark die Haare schneiden und fĂŒr fĂŒnf Mark rasieren. Das angeekelte Stieren des Friseurs nahm er reglos in Kauf.
Ein völlig neues Gesicht sah ihn aus dem Spiegel an; die Haut war immer noch schorfig, fleckig, aber die ordentlich geschnittenen Haare, die glatt rasierte Haut, machten einen anderen Menschen aus ihm.
„Ob die mich noch erkennen können?“, dachte er und spĂŒrte wieder diese beklemmende Angst.
Dann fasste er den nĂ€chsten Entschluss. Er ging zum Kaufhof, steckte ein MarkstĂŒck in den Schlitz eines Einkaufswagens und legte sein schweres BĂŒndel hinein. Dann schob er los. StĂ€ndig sah er sich um, suchte Verfolger, prĂŒfte jedes mĂ€nnliche Gesicht, blieb immer wieder vor Schaufenster stehen, um in der Spiegelung die hastenden Leute abzuprĂŒfen.
Er kam nur langsam vorwĂ€rts; wenn seine Beine zu sehr schmerzten, stĂŒtzte er sich auf dem Griff des Einkaufswagens ab, machte lange Pausen. Es war schon dunkel, als er endlich den Stadtrand erreichte. Er ging nach SĂŒden, mehr war ihm im Moment nicht bewusst. Da hinten, irgendwo, wo man ihn nicht finden wĂŒrde, da wĂŒrde er ein neues Leben anfangen.
An einem WaldstĂŒck blieb er stehen, kramte in seinem riesigen BĂŒndel und zog die beiden Weinflaschen heraus. Eine war halb voll die andere noch nicht angebrochen. Er sah sie stirnrunzelnd an, roch am Korken der geöffneten Flasche, zog ihn mit den ZĂ€hnen heraus und roch noch einmal. Dann warf er sie in weitem Bogen ins Gehölz. Die volle Flasche folgte, flog surrend und verschwand wie die erste Flasche im Gras zwischen den BĂŒschen.
Er lachte laut und anhaltend; der Wagen lief viel schneller; die Beine schmerzten nicht mehr. Weit voraus standen Sterne am schwarzen Himmel.

Im Zimmer des Untersuchungsrichters saßen zwei junge Burschen, dunkelhaarig, breitschultrig, mit dĂŒmmlich starrenden Gesichtern.
„Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass ihr Burschen die Schlauheit mit dem Schöpflöffel gefressen habt. Das war die schnellste Festnahme nach einem Einbruch“, lachte der Kriminalbeamte und ĂŒbergab die Unterlagenmappe an den Untersuchungsrichter.
„Genau zehn Minuten hatten sie ihre Beute fĂŒr sich. Sie sind mit hundert Stundenkilometer hinter dem Bahnhof durch die Radarfalle gefahren. Als wir sie stoppten, hoben sie die HĂ€nde bis zum Himmel; wir waren ĂŒber unseren Blitzfang selber ĂŒberrascht. Sie haben alles gestanden, haben geredet wie ein Wasserfall - und sie haben von einem Zeugen gesprochen, der sie beobachtet hat. Angeblich soll das ein Penner gewesen sein. Wir suchen ihn noch.“

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Ich schreibe - also bin ich.

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