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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wendezeit
Eingestellt am 24. 03. 2011 08:18


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Lutz Sehmisch
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2011

Werke: 9
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Die Mauer fällt

Es ist Freitag der 10.November 1989, ein grauer verregneter Tag. Ich bin auf dem Weg nach Halle zur Vorlesung und immer noch aufgeregt. Gestern Abend bin ich spät ins Bett und hab kaum geschlafen. Was war das, was da gestern passierte? Ist es wirklich wahr, dass die Gren-ze jetzt offen ist und ich tatsächlich in den Westen könnte? Die Fernsehbilder der jubelnden Menschenmassen trügen nicht. Die Menschen waren an den Berliner Grenzanlagen. Sie hatten Mut, sich den Grenzern entgegenzustellen, auf die Mauer zu klettern. Nach Mitternacht drängel-ten sie durch die Grenzübergänge gen Westen.

Und ich? Ich kann es immer noch nicht fassen, bekomme eine Gänsehaut. Tränen schiessen mir in die Augen.
Schon vor 10 Jahren wollte ich ausreisen. Ich habe alles versucht, freigekauft zu werden. Aber es klappte nicht. Die Stasi hatte etwas anderes mit mir vor. Arbeiten sollte ich erst mal. Lernen, gehorsam gegenüber dem Staat zu sein. Stasi-Leute drohten mir. Sie sprachen von Schwierig-keiten, die ich auf der Arbeitsstelle bekommen würde. Sogar die Familie würde Probleme be-kommen, wenn ich nicht für sie arbeite. Ich habe trotzdem abgelehnt, war nicht käuflich.
7 Jahre haben sie mir dann gezeigt, wer das sagen hat, haben mich gebrochen. Mein Leben ist seit dem von Angst geprägt. Angst immer nur das tun zu müssen was andere wollen. Erst in den letzten 3 Jahren habe ich durch Sabine wieder Halt gefunden. Sie und ihr Sohn Norman geben mir die Kraft, die Dinge zu nehmen wie sie sind und etwas daraus zu machen. Doch die Furcht vor der Staatsmacht hört deshalb nicht auf. Und so betrachte ich die Ereignisse auch jetzt nur aus der sicheren Ferne. Traue mich nicht, mich einfach auf den Weg in den Westen zu machen, sondern fahre brav zur Hochschule und setze mein Studium fort.

Doch es ist ein Ausnahmetag. Alle diskutieren wie wild durcheinander. Es gibt nur ein Thema! Alle fragen sich, wie das wohl weiter gehen wird.
Zur Mittagszeit ist Vorlesungsschluss und für mich kein halten mehr. Ich setze mich in meine kleine Rennpappe und düse so schnell es geht nach Hause. Sabine ist schon von ihrem Lehr-gang zurück und wartet auf mich. Sie erzählt mir gleich, dass die Grenze tatsächlich offen ist. Jeder DDR-Bürger, der ein Visa beantragt, könne in den Westen reisen.
„Sabine, ich möchte unbedingt los, sofort. Kommst Du mit?“ Sie starrt mich an, als ob ich wahnsinnig geworden sei. „Aber wir brauchen doch noch das Visa.“ „Ja, ich weiß doch. An der Meldestelle steht schon eine riesige Menschenschlange. Was denkst Du was da los ist! Komm lass uns gleich hingehen.“ Sie gibt nach und wir starten in die Höhle des Löwen, zur Meldestelle der Polizei. Während Sabine sich in die Warteschlange einreiht, stelle ich mich an der gegenü-berliegenden Tankstelle an. Auch hier wird lange gewartet. Die meisten wollen ihr Auto vor der großen Tour in den Westen volltanken.

In der Meldestelle endlich dran, fange ich an zu zittern, bekomme Schweißausbrüche. Ob ich wohl den begehrten Stempel in meinen Ausweis bekomme? Oder steht mir meine Vergangen-heit wieder im Weg? Nein, diesmal nicht. Die „Genossen“ sind selbst verunsichert. Sie fühlen sich von den Ereignissen überrollt.
Die Nacht kann ich vor Aufregung nicht richtig schlafen. Samstag Morgen stehen wir schon ge-gen 4 Uhr auf und fahren nach Berlin. Mich befällt eine eigenartige innere Unruhe. Endlich kann ich in den Westen! Und dieser scheint uns samt unserem Trabbi wie ein starker Magnet anzu-ziehen, regelrecht in sich aufzusaugen. Eh wir uns versehen, fahren wir schon an der Abfahrt Rangsdorf vom Berliner Ring ab. Es ist nicht mehr weit bis zum Grenzübergang Lichtenrade. Dunkelheit und gespenstige Ruhe am Straßenrand. Nur die Fahrbahnen sind voller Autos gen Westen. Die Grenzkontrollstation passieren wir erstaunlich reibungslos.
Ich bin im Westen!! Endlich……. Ein unglaubliches Glücksgefühl überkommt mich. Wenn ich nicht das Lenkrad festhalten müsste, würde ich am liebsten Sabine um den Hals fallen und sie fest drücken. Ich bin ausgelassen und aufgeregt. Sie kann das überhaupt nicht verstehen. Wo-her auch. Ich konnte ihr nie erzählen, wie es mir vor ihrer Zeit erging. Sie kennt nur Bruchstücke meines Lebens. Es sind nur die wenigen Ereignisse, von denen sie selbst berührt war. Alles andere habe ich fein säuberlich vergraben. …..und jetzt? ….. Jetzt kommen all diese Erinne-rungen wieder in mir hoch.

„Schau doch mal Sabine, dort die Menschenmenge. Ist das nicht aufregend?“ Ich suche nach der S-Bahnstation Lichtenrade und einem Parkplatz in der Nähe.
Endlich gefunden, sehe ich beim Aussteigen ein Stück entfernt eine riesige Schlange wartender Menschen. Frühmorgens kurz nach 7 Uhr? Und in dieser Hundekälte? „Schau mal Sabine, da vorne wo die Leute anstehen ist eine Bank. Wollen wir uns nicht erst mal das Begrüßungsgeld holen?“ Sie ist einverstanden und so reihen wir uns für die nächste Stunde geduldig ein. Frauen mit großen Henkelkörben kommen vorbei, sind freundlich und offenherzig. Sie sprechen mit uns und bieten heißen Tee und Kaffee an. Es berührt mich sehr, wie sich auch die Menschen im Westen mit uns freuen.

Endlich sind wir drinnen am Bankschalter angekommen. Die Dame, die uns bedient, ist ebenso freundlich, drĂĽckt ihren Stempel in unseren Ausweis, reicht jedem die 100 DM rĂĽber und heiĂźt uns herzlich willkommen.

Und jetzt? Wie geplant, fahren wir mit der S-Bahn Richtung Stadtmitte und genieĂźen dieses einzigartige GefĂĽhl. Ich fĂĽhle mich so frei. Es ist als ob der Panzer um meine Brust gesprengt ist, ich wieder tief atmen kann.
Die Eindrücke sind gewaltig. Ich sehe so viele Farben, Fröhlichkeit. Ich fühle Wärme obwohl es ein bitterkalter Novembertag ist. Unglaublich. Überall wohlriechende Düfte. Die Vielzahl der Ge-schäfte und ihr Angebot erschlägt mich.
Sabine ist genau wie ich unfähig, etwas zu kaufen. Das erste Mal haben wir legal Westmark in der Tasche und wenn wir die jetzt umsetzen, wäre es nur verschleudert. Einzig für Norman su-chen wir als kleines Mitbringsel ein Spielzeugauto aus.

Wir können uns nicht satt sehen, bummeln am Tiergarten vorbei zum Kurfürstendamm. Es ist einfach nur ein toller Tag, der hoffentlich nie zu Ende gehen mag. Aber das geht wohl nicht. Ist mir natürlich auch klar.

Sabine`s Vorschlag zurückzufahren macht mich traurig. „Biene, müssen wir wirklich zurück? Ich möchte so gern hier bleiben.“ „Wie stellst Du Dir das denn vor?“ Ich erkläre ihr, dass wir uns ja hier eine Wohnung suchen können und Norman nachholen. Doch ihr gefällt das überhaupt nicht. Sie hängt zu sehr an ihrer Familie.
Ich weiĂź nicht was ich machen soll.
Fahre ich jetzt mit ihr zurück, wird womöglich die Grenze hinter uns wieder zugemacht. Dann würde ich wieder auf der falschen Seite festsitzen. Dieser Gedanke macht mir unheimliche Angst.
Bleibe ich dagegen hier, verliere ich Norman und Sabine. Das macht mir genauso groĂźe Angst.
Enttäuscht gebe ich auf und gehe mit Sabine zum Auto.

Am Parkplatz versuche ich noch einmal, Sabine zu überzeugen. Aber ich schaffe es wieder nicht. Also steigen wir ein und los geht’s ….. heimwärts.
Im Schritttempo geht es Stoßstange an Stoßstange durch eine riesige jubelnde und feiernde Menschenmasse an den Straßenrändern zum Grenzübergang. Trotz des frischen Windes sind die Scheiben heruntergekurbelt. Auch wir winken den Leuten zurück. Ein Hupkonzert erfüllt die Luft. Es ist ein unglaubliches Glücksgefühl und doch bin ich traurig und niedergeschlagen.
Ich habe verlernt, darauf zu hören, was mir meine innere Stimme sagt und rät. Wieder mache ich etwas, was andere von mir wollen und erwarten. Doch ich mache es aus Liebe, aus Liebe zu meiner Frau und unserem Sohn. Tut man aus solch einem Grund nicht manchmal auch et-was, was man eigentlich gar nicht will?

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