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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wenn Bukowski Student wäre
Eingestellt am 20. 11. 2017 21:28


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Sploink
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Mar 2017

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Die Tage an der Hochschule wurden kürzer. Vorlesung von halb Neun bis viertel nach zehn. Raucherpause. Vorlesung von halb elf bis zwölf. Mensa. Pasta mit Spinat. Anschließend Übungsgruppe.
Ziel der heutigen Übung war es, eine Formel herzuleiten. Wir saßen zu viert am Tisch und teilten den Raum mit sechs oder sieben anderen Gruppen. Regentropfen perlten durch die offenen Fenster, ein endloser Wolkenteppich zog über den Himmel. Grau. Bis zum Horizont nichts als grau.

„Fertig.“, sagte ich.
Meine Kommilitonen sahen mich an.
„Jetzt schon?“, fragte Vasili.
„Nein, gestern.“
„Zeig her.“
Er riss den Zettel aus meinen Händen und überflog ihn. Seine Stirn kräuselte sich.
„Hmmm.“, sagte er. „Hmmmmmmmmmmmm.“
Vasili war ein Trottel. Solange er nicht verstand, was ich tat, war ich auf dem richtigen Weg.

Ich meldete mich. Die Professorin gab mir mit einer Handgeste zu verstehen, dass ich meine Formel an das Whiteboard schreiben sollte. Ich stand auf, ging zum Whiteboard, schnappte einen Edding, schrieb die Formel dermaßen groß, dass sie die gesamte Fläche einnahm.

Als ich fertig mit Schreiben war, drehte ich mich um und sah in die Gesichter der Anwesenden. Der dumme Haufen hatte keinen Schimmer. Sie starrten auf meine Formel und kratzten sich am Hinterkopf. In der hintersten Reihe schüttelte jemand mit dem Kopf. Er packte seinen Kram und verließ den Raum. Er kam nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus, selbst als er die Tür hinter sich schloss.
Das Vasili Prinzip war universell. Die Leute glotzten wie Zombies. Sie glotzten, als hätten sie Hunger auf Gehirn.

„Das müssen Sie uns mal erklären.“, sagte Frau Kurz, meine Professorin.
„Tun Sie mal nicht so, als wüssten Sie nicht, was das ist.“, sagte ich.
Frau Kurz lachte. Sie versuchte, ihre Studenten mit Respekt gegenüberzutreten. Bei dem IQ der Anwesenden eine schwierige Angelegenheit. Ich machte es ihr nicht leichter.
„Doch doch.“, sagte sie. „Ihre Formel ist richtig. Korrekt, korrekt. Erklären Sie aber trotzdem mal, damit es auch alle anderen verstehen, ja?“
Ich wandte mich an meine Kommilitonen. Erwartete der Haufen jetzt noch, dass ich ihnen das Denken erkläre? Neunundneunzig Prozent der Studenten schreiben sich für ein Studium ein, weil sie nicht für 10€ die Stunde arbeiten wollen. Wer an Geld denkt, bekommt Schwierigkeiten in allen anderen Belangen. Vor meinem geistigen Auge sah ich Unternehmensberater und Manager, die in ihren Mercedes-Karren über den Klippenrand stürzten.
Als ich erklärte, wie meine Formel funktionierte, guckten die Studenten immer dümmer aus der Wäsche. Die Spinner haben den Anschluss bereits verloren, als ich den ersten Punkt meiner Erklärung darlegte. Scheiß drauf. Nicht mein Problem.
Niemand hakte nach, als ich fertig war. Keine weiteren Fragen. Die hatten wohl Schiss, sich als Idioten zu outen. Gut so.

Ich schnappte mir meinen Rucksack, kramte Papiere und Stifte zusammen und verließ die Übungsgruppe.
Ich schloss mich in meiner Wohnung ein. Trank Bier. Onanierte zu den Vorstellungen meiner knackigen Kommilitoninnen. Las Bücher.
Der Tag wurde dunkel und ich wurde blau.
Ich verzweifelte. Hoffte. Kapitulierte. Zog das Pizzamesser aus der Schublade und hielt es mir an die Kehle.
Ich bin allen voraus.
Es war ein Tag wieder jeder andere.

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