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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wenn Regen fällt
Eingestellt am 02. 08. 2003 11:11


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deni
???
Registriert: Jul 2003

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Eiskalter Wind zerrt an den Bäumen, reißt die farbigen Blätter mit sich, gelb, rot, braun leuchten sie, er nimmt sie mit sich, stiehlt den kahlen Bäumen ihr letztes Gewand. Jetzt stehen sie nackt, karg und leer sehen sie aus, einsam, ohne ihre Pracht, nur ihr braunes, abgemagertes Knochengerüst ist noch mit der Erde verwurzelt, wie seit hundert Jahren, und auch der Wind kann das nicht ändern. So sehr er sich auch bemüht, er bekommt nur ihre Blätter, aber nicht sie selbst. Mein Blick folgt den langen, dürren Ästen, die in den Himmel ragen, als würden sie anklagend auf ihn zeigen. Was für Verbrechen mögen sie ihm wohl vorwerfen. Egal, den Himmel kümmert das nicht. Grau und abweisend, über alles erhaben, gleichgültig blickt er auf uns herab. Es interessiert ihn nicht, was hier unten vorgeht, zu klein und unbedeutend sind wir, zu unwürdig, als dass er auch nur einen Gedanken an uns verschwenden würde. Nur die Wolken schenken uns manchmal ihre Aufmerksamkeit, lassen Schnee auf unsere frierenden Gesichter fallen, schenken uns Regen, der ausgetrocknete Erde wieder erblühen lässt. Und als hätten sie mich gehört, spüre ich einen Tropfen, prall gefüllt, der auf meinem Gesicht zerplatzt, und nichts wird übrig bleiben, ich hebe meinen Ärmel und lasse den Stoff das Wasser aufsaugen. Eine Frau, die an mir vorbei geht, hebt missmutig den Blick, sagt etwas zu dem Kind neben ihr und beschleunigt ihren Schritt. Auch zwei alte Herren, die auf der Parkbank neben mir sitzen, erheben sich, ihre Hüte auf dem Kopf, gehen sie in die andere Richtung davon. Der Regen wird immer stärker, Tropfen prasseln auf die Menschen im Park, auf Mütter, die ihre widerstrebenden Kinder vom Spielplatz wegzerren, auf Hundebesitzer und ihre Hunde, auf den Jogger, der sich gerade niederkniet um seine Schnürsenkel zu binden, auf die Jugendlichen, die unter den Bäumen Schutz gesucht haben. Aber natürlich können sie keinen Schutz mehr bieten. Der Regen fällt auch auf sie, färbt das braune Holz schwarz, lässt sie ihre Wehrlosigkeit spüren. Der Regen fällt auch auf mich. Aber ich bewege mich nicht. Ich stehe nicht von der Parkbank auf und flüchte in ein warmes, sicheres zu Hause.

Der Regen durchnässt meine Kleider, lässt meine Haare in feuchten Strähnen vor meinen Augen hängen, trübt meinen Blick. Aber ich fühle ihn nicht, ich fühle nichts, nur das Gefühl von Händen in meinem Körper ist mir geblieben. Die Hände der Ärztin, die mir beruhigend zulächelt, dann wollen wir uns das mal ansehen, hat sie gesagt. Ich spüre auch die Kälte nicht, die sich langsam einen Weg durch meinen ganzen Körper bahnt. Wie eine eiskalte Hand umfängt sie mich, lässt eine Gänsehaut auf meinen Armen entstehen, umklammert mein Herz. Ich sehe mich vor der Untersuchung, sehe mich das Wartezimmer betreten, wie ich versuche meine Angst zu verbergen, der Arztgehilfin ein verzerrtes Lächeln zuwerfend, hallo, ich habe einen Termin. Dann sitze ich auf den feinen Ledermöbeln, nehme ein Magazin von dem Tischchen vor mir und lege es gleich wieder hin. Mit meinen Augen zeichne ich das Muster des Teppichs nach. Ineinandergeschlungene Karos, Karos in allen Farben, ich verfolge die Linien so konzentriert, als würde ich ein Kunstwerk betrachten, in meinem Inneren erklingt mein Mantra, es kann nicht sein, es kann nicht sein, es kann nicht sein, der Satz, der seit ein paar Tagen mein ständiger Begleiter ist, es kann nicht sein, und dann schimpfe ich mit mir, natürlich kann es nicht sein, es ist lächerlich, dass ich überhaupt hier bin. Nie im Leben kann es wahr sein, wie komme ich nur auf solche Ideen, wir haben doch immer aufgepasst. Schon will ich aufstehen und gehen, davonlaufen und mein Leben weiter leben. So wie es jetzt ist, meine Ausbildung beenden, mit meinen Freunden Spaß haben, nur für mich selbst leben. Es ist mein Leben, ich lasse es mir nicht wegnehmen. Aber da werde ich aufgerufen, es ist zu spät, ich kann nicht mehr gehen.

Ich bin allein, der Regen hat alle fortgetrieben, hat den Park von Menschen gereinigt, als wären sie Schmutz, der nicht dorthin gehört. Würde er doch auch mein Inneres erreichen und alles fortspülen, meine Gedanken auslöschen, meine Erinnerungen in einem breiten Strom mit sich reißen, die Wirklichkeit verwässern, sodass alles nur ein Traum wäre. Dann wäre mein Leben klar und sauber wie die Luft im Park, jetzt wo der Regen langsam nachlässt, bald wird er nur noch eine Erinnerung sein. Es hört auf zu regnen, aber die Stimmen und Gesichter stürmen weiter auf mich ein. Das breite Lächeln auf dem Gesicht der Ärztin, Herzlichen Glückwunsch!, sagt sie, aber dann sieht sie mein Gesicht und ihr Lächeln erlischt. Ich sehe wieder das Namensschild auf seiner Tür, wie ich mit meinem Finger darüber fahre, eine Staubspur bleibt auf ihm zurück. Ich wage nicht zu klingeln, ich wage nicht davonzugehen, anstatt darüber nachzudenken, wie ich es ihm sagen soll, denke ich daran, dass ich noch einkaufen gehen muss, ich habe es meiner Mutter versprochen, als ob es wichtiger wäre, was es zum Essen gibt als jetzt da hineinzugehen und mit ihm zu reden. Ich starre auf seinen Namen, es ist ein Messingschild mit gewundenen Buchstaben, mein Körper ist erstarrt, mit ausgestreckter Hand stehe ich da, ohne eine Bewegung, als wäre ich gerade in diesem Moment gestorben und die Leichenstarre hätte bereits eingesetzt. Und ich denke, vielleicht ist das ja auch der Fall. Bevor ich mich entscheiden kann zu klingeln oder zu gehen, öffnet sich die Tür. Wieder wird mir eine Entscheidung einfach abgenommen, über nichts habe ich die Kontrolle, das ist nicht mein Leben, das ich lebe, mein Schicksal wird von jedem bestimmt, aber niemals von mir. Überrascht sieht er mich an, hallo, was machst du denn hier, wollten wir uns nicht im Café treffen? Ich sehe ihn nur an, er sieht so jung aus, er ist so jung. Er wird ungeduldig, was hast du, wieso sagst du nichts, aber ich starre ihn nur weiter an und schweige. Wenn ich nur wüsste, was ich sagen sollte, wenn mich nicht alle Gedanken so im Stich gelassen hätten, es gelingt mir nicht, einen klaren Kopf zu kriegen. Wenigstens lässt meine Erstarrung nach, langsam schiebe ich mich an ihm vorbei in seine Wohnung, er lebt allein, ich lasse mich auf das Sofa nieder, noch immer habe ich meine Sprache nicht wieder gefunden. Er ist mir gefolgt, groß und schmal steht er im Türrahmen, sieht mich fragend an. Ich sehe, dass er langsam zornig wird, die Falte zwischen seinen Augen wird tiefer, seine Brauen ziehen sich zusammen, als wüssten sie, was kommt und suchten deshalb Schutz beieinander. Ich will nicht, dass er wütend wird, also öffne ich meinen Mund und erst als die verhängnisvollen Worte aus meinem Mund purzeln, schnell und sich überschlagend, wie verspielte Kinder, die um die Wette laufen, erst dann wird mir ihre Bedeutung klar. Und ich sehe, dass auch ihm klar ist, was ich da sage, seine dunklen Augenbrauen sind nur mehr ein langer Strich, man sieht nicht, wo die eine aufhört und die andere anfängt.

Ein Sonnenstrahl blendet mich und ich versuche das Bild zu verdrängen, das noch immer so deutlich vor mir steht, mitten im Wohnzimmer steht er und sieht mich kalt an. Die Sonne streckt langsam und vorsichtig, als hätte sie Angst davor, was passieren könnte, ihre silbrigweißen Finger hinter einer Wolke hervor, trotzdem spüre ich noch die nassen Regentropfen auf meinem Gesicht. Ich berühre meine Wange mit einem Finger und koste das Wasser, dieses Geschenk der Wolken, denen die Menschen vielleicht nicht völlig gleichgültig sind. Aber es schmeckt salzig. Plötzlich werde ich wütend, wütend wische ich die Tränen fort, wütend spüre ich, wie mein Gesicht sofort wieder nass wird. Ich bekomme seine Stimme nicht aus meinem Kopf, auch er ist wütend, mit großen, wütenden Schritten läuft er im Zimmer auf und ab und schreit mich an. Was willst du von mir, was habe ich damit zu schaffen, das ist ganz und gar dein Problem, du hättest eben was nehmen sollen, damit das nicht passiert. Wieso kommst du überhaupt noch her, es ist dir doch wohl klar, dass ich nichts mehr mit dir zu schaffen haben möchte, glaubst du, dass ich das jetzt brauchen kann, ich will doch kein Kind, das geht mich nichts an, .... Endlos dröhnt sein Monolog in meinem Kopf, ich sitze auf dem Sofa, ohne ein Wort, ohne eine Bewegung und am liebsten möchte ich ihn anschreien, was geht es mich denn an, ich will es doch auch nicht, glaubst du, ich kann das gebrauchen, aber ich schreie nicht, sage nichts, gehe nicht. Ich mache keine Anstalten aufzustehen und die Wohnung zu verlassen, höre lieber seinem Monolog zu, der mich zerreißt, als wäre ein Nagetier in meinem Inneren, das seine Zähne in mein Fleisch schlägt, meine Eingeweide zerfetzt, mein Herz in kleine Stücke hackt und meinen Körper leblos und hohl zurücklässt, bis er mich an den Armen packt, zur Wohnungstür schleift und die Tür hinter mir zuschlägt. Ich stehe vor seiner Tür, plötzlich ganz ruhig, die Erstarrung meines Körpers löst sich, ich gehe langsam die Treppe hinunter, ich fühle keine Wut mehr, keinen Schmerz, ich fühle nichts, nehme nichts wahr. Ich verlasse sein Haus, stoße auf der Straße mit Menschen zusammen, überquere ohne zu schauen die Straße, aufgebrachtes Hupen verfolgt mich, aber ich merke es nicht. Nebel umgibt mich, wie in einem Traum, als würde ich schlafwandeln, und vielleicht ist es das ja auch, ein Traum. Alles verblasst um mich herum, die Geräusche der belebten Straße dringen aus weiter Ferne zu mir, ich sehe die Menschen nicht, die um mich sind.

Und dann sitze ich hier, hier auf dieser Parkbank. Ich weiß nicht wie lange, ich weiß nicht wie spät es ist, ich weiß nicht mehr, was für ein Tag heute ist. Die Sonne ist wieder verschwunden, vielleicht gefiel ihr nicht, was sie sah, vielleicht hielt auch sie uns für zu unwürdig um uns mit ihren Strahlen zu wärmen. Mir ist kalt. Immer noch ist der Wind auf Beutefang, Blätter sind ihm nicht genug, er will mehr, er zerrt an meinem Schal, und ich nehme ihn von meinem Hals und lasse ihn los um dem ungeduldigen Wind eine Freude zu machen. Und wirklich, eine neue Sturmböe reißt ihn mit sich, als hätte sie nur darauf gewartet und bald ist mein Schal nur noch ein roter Punkt, der immer kleiner wird. Und plötzlich fällt mir wieder ein, dass ich versprochen habe einzukaufen. Meine Mutter wartet sicher, ungeduldig auf die Uhr blickend, wann kommt sie denn endlich, was ist nur mit ihr in letzter Zeit, und ich denke an meinen Vater, wie er von der Arbeit nach Hause kommt, hungrig und müde, alles, was er möchte, ist ein gutes Mittagessen und zwei Stunden Ruhe, bevor er wieder zurück muss, aber auf dem Tisch findet er nur die lauwarmen Reste vom gestrigen Abendessen vor. Er wird ihr Vorwürfe machen, kein Wunder, dass sie so unzuverlässig ist, wenn du sie immer so verwöhnst, sie muss endlich mal lernen Verantwortung zu übernehmen, wie soll sie denn lernen für sich selber zu sorgen, wenn du sie immer noch wie ein kleines Kind verhätschelst. Und meine Mutter wird nichts sagen, nur müde nicken und einen traurigen Blick auf die Kinderfotos auf dem Fensterbrett werfen, wie stolz sie doch immer auf mich waren, ihre einzige Tochter, und jetzt?

Müde schließe ich meine Augen, ich will nichts mehr sehen von der Welt da draußen, ich will nicht mehr über die Vergangenheit nachdenken müssen und schon gar nicht über die Zukunft. Aber bald werde ich eine Entscheidung treffen. Ich allein, egal ob richtig oder falsch, es wird meine Entscheidung sein. Ich öffne meine Augen, stehe auf, der Wind hat aufgehört Forderungen zu stellen, kein Grashalm bewegt sich mehr, ich fühle den Kies unter meinen Sohlen, folge dem Weg bis zur Straße, setze einen Fuß vor den anderen, wie ich es immer getan habe, seit meinen ersten Schritten im Garten, meine winzigen Hände fest um die Hände meiner Eltern geklammert. Ich sehe nach oben, der Himmel, grau und abweisend ist er, ihn kümmert es nicht, was für eine Entscheidung ich treffe, ihn kümmert überhaupt nichts, nichts interessiert ihn, kein Leid und kein Glück der Welt, auch meines nicht.

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strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
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Liebe Deni,
das ist ein ganz bewegender Text. Ich habe noch immer eine Gänsehaut. So sehr fühlt man mit deiner Protagonistin, dass man sie am liebsten in die Arme nehmen und ihr Hilfe anbieten würde, damit sie eine Möglichkeit findet, das Leben in ihr wahr zu nehmen, es zu fühlen, sich von ihm wärmen zu lassen, weil es die schönste Wärme ist, die es gibt...
Ganz liebe Grüße und bitte weiterschreiben
Doro

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think twice
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 2
Kommentare: 40
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Hallo deni,

Auch mir hat deine Geschichte sehr gut gefallen, allerdings finde ich, wäre es kein Fehler, ein paar Absätze einzubauen. Ich bin beim Lesen richtig außer Atem gekommen.

Liebe Grüße
think twice

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

keuch keuch

Hallo!

Man kann sich gut in die junge Frau hinein versetzen, spürt ihre Ängste, Gedanken, Sorgen. Gut geschrieben.

Vielleicht ein paar Absätze, ich habe fast das Atmen vergessen.

Ciao
Tim

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xzar
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

möchte mich den lobenden Worten anschließen. Eine sehr berührende, beklemmende Geschichte, auch gut geschrieben. Die Verbindung mit dem Regen, der die Gedanken leer waschen soll, gefällt mir ausgezeichnet.
Ich möchte - wie bereits erwähnt - aber auch den Wunsch nach Absätzen äußern. Es würde der Lesbarkeit gut tun, wenn sich die Augen wo "festhängen" (mir fällt kein besseres Wort ein) können. Auch hätte ich die Aufklärung, dass sie schwanger ist gerne noch ein wenig weiter gegen Schluss gesehen bzw. das Thema erst nur unbewusst durch Symbolik angedeutet.

Alles in Allem aber ein Text, den ich sehr gerne gelesen habe und der mich berührt und ergriffen hat. (und das ist wohl das Wichtigste)

liebe grüße,

constantin

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deni
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 22
Kommentare: 15
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Hallo,

vielen Dank für euer Lob und für eure Anmerkungen!

Euren Wunsch nach Absätzen habe ich mir gleich zu Herzen genommen. Ich hoffe das Lesen - und auch das Atmen - fällt jetzt leichter!

Nochmals danke,

deni
__________________
Mein Bild ist fast fertig; ich muss nur noch kurz in den Laden gehen und neue Wörter kaufen.

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