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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wenn bei Capri
Eingestellt am 12. 03. 2016 16:56


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Rhondaly DaCosta
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Registriert: Dec 2012

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Sie versinkt nicht in Rot sondern in Gelb oder, besser gesagt, in einem orangefarbenen Ton. Aber in „orangefarben“ hätte sich wohl nicht ganz so gut im Schlagertext gereimt. Und überhaupt … Capri.

Heiner hockt in diesem pittoresken Strandcafé und wartet darauf, dass die Zeit vergeht. Der Kellner lässt ihn in Ruhe, denn Heiner kommt fast jeden Tag hierher, schon seit Wochen, und er lässt regelmäßig seinen Obolus dort.
Karin sitzt oben im Hotel und spielt Karten mit den anderen Frauen. Das Mädchen Carina, es war schön wie ein Stern am Himmelszelt. Die 70er Jahre, Roy Black, eine schöne Zeit.
Heiner kommt von Heinrich und bedeutet „der Herr im Haus“. Das ist er aber nicht. Er steht aber auch nicht unter dem Pantoffel. Teppichsaugen und Geschirrspülen sind für ihn in Ordnung. Dem Rest an Hausarbeit geht er aus dem Weg.
Er war früher Lehrer. Am verehrungswürdigsten ist der Lehrer, so sagen die Chinesen. Naja. Die Hindus sagen auch, Unwissenheit sei die größte Unreinheit. Die Europäer sagen das nicht.
Wissen ist spannend, und das Internet ist für ihn eine Bereicherung, besonders hier im Urlaub. Daher weiß er auch seit Kurzem, was sein Vornamen bedeutet. Wikipedia ist ein hilfreiches Lexikon. Es soll allerdings wissenschaftlich nicht anerkannt sein, weil jeder in den Artikeln umändern kann. Es stört ihn nicht. An der Bedeutung von Heinrich kann man nicht mehr viel ummodeln. Und für die anderen Themen liest er populärwissenschaftliche Journale, online und in Papierform.
Die gedankliche Ablenkung verläuft jetzt im Sande. Heiner schaut auf die Uhr. Er muss noch eine gute halbe Stunde aushalten, bis Karin ihre Sitzung abgeschlossen hat.
Soll er später mit Holger schwimmen gehen, oben im hoteleigenen Thermalbad? Holger verbringt den halben Tag quietschvergnügt in seinem Infinity Pool. Der schwimmt wohl so weiter bis er umfällt. Aber Heiner hat keine Lust. Jeden Tag schwimmen … äh. Er streckt die Zunge heraus, als ob er speien müsste.
Verdammte Tat, was fängt man nach drei Wochen Langzeiturlaub mit seiner Zeit an? Es fehlt die Zwangsroutine des Berufes. Sie fehlt einfach. Er muss sich da etwas einfallen lassen. Nur was?

Er schaut sich um. Von wegen Romantik. Diese vorgefertigten Traumbilder wirken doch höchsten einen oder zwei Tage. Dann hast du dich an die Umgebung gewöhnt. Und dann die Musik – wer hat schon tagein und tagaus das Lied von den Caprifischern im Ohr? So einer muss doch bekloppt werden. Was ist denn mit den Italienern von hier, die sitzen auch nicht den ganzen Tag am Strand und kucken verzückt auf das Meer hinaus.
Alles Mist, diese Stereotypen, diese dämlichen Klischees. Man sollte diese irreführenden Weltbilder verbieten, damit die Leute nicht darauf hereinfallen. Und überhaupt, man sollte die Leute solange arbeiten lassen wie sie wollen und können.
Er möchte wütend aufspringen und ins Hotel gehen. Aber er reißt sich zusammen. Wenn er in seiner Wut jetzt den Tisch umstößt und die Tasse herunterfällt, dann wird der Kellner auf ihn aufmerksam.
Er wird Heiner nicht tadeln, denn der Gast ist doch immer so nett und freundlich und gibt ein gutes Trinkgeld. Aber cameriere könnte ihn am Arm nehmen und ganz freundlich bis zur Promenade geleiten. Damit dem netten Alterchen nichts passiert. Und damit das doofe Alterchen morgen wiederkommt und wieder Trinkgeldchen gibt.
Nein, Heiner muss sitzen bleiben, bis die Wut verraucht ist. Und außerdem ist Karin noch beim Kartenspielen. Also, Sonne ankucken. Sch… Capri.

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