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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Wenn das Mondlicht singt
Eingestellt am 05. 03. 2015 10:35


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Rafi
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Wenn das Mondlicht singt

Ihre Augen gew├Âhnten sich nur langsam an die Nacht. Schwarze Schatten lauerten auf sie da, wo der Wald begann, wo Steine und Baumst├╝mpfe vor dem Haus lagen wie schlafende Tiere, wo sie den See wusste, der ruhig und glatt und kalt im hellen Licht des Vollmondes auf sie wartete.
Vorsichtig setzte sie einen Fu├č vor den anderen. Die alten Holzstufen vor der Veranda knarrten; Ger├Ąusche, welche die Nacht zerrissen.
Ihr nackter Fu├č ber├╝hrte den kalten Waldboden, sie sp├╝rte Zweige, Laub, Fichtennadeln. Schnell jetzt, schneller. Weg von der H├╝tte, hin zum See. Auf die Schatten achten, nicht stolpern, nicht st├╝rzen! Der Wind, frisch, k├╝hl, strich ├╝ber ihre erhitzte Haut, leckte den Schwei├č aus ihren Poren.
Der Pfad hinab zum See war kaum mehr als ein dunkelgrauer Strich in der Schw├Ąrze unter den dichten B├Ąumen. In ihrem Kopf pochte etwas, ihre Haut trocknete, sie hielt inne, blickte sich um. In der Wand der H├╝tte gl├╝hte ein helles Rechteck: das Fenster, dahinter eine leise glimmende Petroleumlampe.
Tief sog sie die Nacht ein, schloss die Augen, hob den Kopf, als wittere sie eine F├Ąhrte. Weiter laufen, schneller. Der See blitzte unten. Er versprach Erl├Âsung. Sie durfte nicht vom Weg abkommen. Zu dicht die Dunkelheit am Rand, zu schwer und z├Ąh. Sie streckte sich dem k├╝hlen Wind entgegen, lieferte sich ihm aus, empfing ihn gierig, lie├č ihn mit sich spielen und benutzte ihn wie einen vor├╝bergehenden Liebhaber. Gespensterfinger! Kristallene Federn! Abk├╝hlung! In ihr jedoch, in ihr brannte es. Die Hitze f├╝llte sie aus, ganz und gar.
Die Schatten begannen sich zu bewegen, wanderten als lichtloses Nichts herum. Konturen sch├Ąlten sich aus ihnen heraus, von denen sie, die sie sich als einzige in dieser Nacht frei bewegen konnte, neidisch beobachtet wurde.
Wie gerne w├Ąren ihr die Schatten als Schatten ihres Schattens gefolgt. Doch sie lief, lief. Zum See hin, zum Licht. Vorsichtig, nicht ansto├čen.
Der traurige Ruf eines K├Ąuzchens lie├č die Schatten erschrecken. Im Schutz der Dunkelheit lauerte es auf ein unachtsames Nagetier, den Wind und das Laub als Verb├╝ndete. Wollte, musste seinen Hunger am warmen Fleisch und noch lebendigen Blut stillen. Lustvoll! Gierig!
Sie f├╝hlte ihr eigenes Herz schlagen, sp├╝rte es in ihrem Hals pochen und in ihrer Brust, jedes Mal, wenn ihre Lunge sich mit Luft f├╝llte. Ein paar Schritte noch auf dem Weg, dann w├╝rden Licht und Leben str├Âmen. Gehetzt warf sie einen Blick zur├╝ck. Nur das helle Rechteck des Fensters. Kein Schatten davor, der es verdunkelte. Die Stufen vor der Veranda schwiegen. Wie lange noch?
Gedanken wehten davon, nahmen Rei├čaus, verblassten und vergingen in dieser finnischen Nacht wie Schneeflocken, die auf warmen Asphalt fallen.
Sie war frei. Endlich frei!
Alle Ketten und Fesseln, jede Mauer und jede Grenze, jeder Graben und jede H├╝rde schwand, lie├č sie ziehen, musste sie ziehen lassen. Frei! Frei!
Der See ÔÇô sie hatte ihn erreicht. Fast meinte sie, ihn mit einem Schlag ihrer soeben gewachsenen Fl├╝gel ├╝berqueren zu k├Ânnen, sich weit, weit ├╝ber das Land und die Felsen und die W├Ąlder erheben zu k├Ânnen, zusammen mit dem Wind die Seen im Norden erreichen zu k├Ânnen, dem Mond auf der breiten Stra├če seines silbernen Scheins entgegenfliegen zu k├Ânnen. Ihre Seele l├Âste sich, wurde Eins mit der Nacht und den Schatten und der Welt, wurde schwerelos.
Sie stand am Ufer, atmete schnell, l├Ąchelte. Vor ihr glitzerte das Wasser diamanten; hinter ihr war Stille. Keine Schritte, kein Keuchen, kein Ruf. Nur der Wind, der ewige Wind. Und die fast greifbare Dunkelheit.
Von ihrer Haut stieg Dampf auf, der ├╝ber den See glitt und seine Reise antrat, weit, weit ├╝ber das Land. So weit, bis er eine andere Haut finden w├╝rde, auf die sich niederzulassen ihm gefiel.
Sie sp├╝rte die Hitze wieder, feine Schwei├čperlen sammelten sich zu Tropfen, rannen ihre Arme, ihre Beine, ihren R├╝cken hinab, fielen und vereinigten sich mit der Erde, versickerten und schenkten ihr Salz und Feuchtigkeit und Leben, aus dem allein neues Leben entstehen konnte.
Ihre Hand tastete die raue, rissige Oberfl├Ąche des gro├čen Steines ab, der zeitlebens vom See umsp├╝lt wurde; weiches, k├╝hles Moos wuchs in den Kuhlen und Kerben.
Ein Schauer durchlief ihren K├Ârper, als sie die K├Ąlte des Wassers an ihren Fesseln wahrnahm.
Kurz zuckte sie zur├╝ck, f├╝hlte die prickelnde Erregung, genoss den groben Sand und den Schlamm und die ├äste und die Steine unter ihren F├╝├čen, lie├č die Frische durch die weit ge├Âffneten Poren in ihre Haut eindringen, in ihre Muskeln und Sehnen und Knochen, in ihr Blut.
Sie schloss die Augen, ├Âffnete weit die Arme, als wolle sie die Nacht an ihr Herz dr├╝cken, h├Ârte ihre eigene Stimme einen Schrei formen und wartete, bis die Abk├╝hlung jede Faser ihres Leibes erreicht hatte.
Dann lie├č sie sich fallen.
Hinein in die Schw├Ąrze des Wassers, hinein in den silbrigen Weg, den der Mond nur f├╝r sie allein als Fanal auf die winzigen Wellen gewoben hatte, hinein in die Wiedergeburt, in das junge Leben, in das nasse Eden, das keine Schlange kennt.
Luftblasen tosten um sie herum, quirlten eilig der Oberfl├Ąche entgegen aus Angst, das Wasser k├Ânne sie besiegen; Luft und Wasser ÔÇô zwei, die auf Ewig einander jagen.
Als sie endlich auftauchte, den Atem in sich zur├╝ckstr├Âmen lie├č, hatte sich etwas ver├Ąndert.
Vorsichtig watete sie zur├╝ck zum Ufer.
Sie schaute sich um.
War dies noch die gleiche Welt, der sie eben erst entflohen war? War dies noch die gleiche Erde, die nur Augenblicke zuvor von ihren F├╝├čen ber├╝hrt worden war? War dies noch der gleiche See, der sie aufgenommen und umschlossen hatte, ohne sie festzuhalten? War sie noch die gleiche Frau?
Die H├╝tte! Die H├╝tte war so schwarz. Kein helles Rechteck mehr. Es wurde verdunkelt. Von einem Schatten. Schwarz! Schwarz! Er stand auf der Veranda. Er nahm der H├╝tte das Licht. Er beobachtete sie. Schwach, wie ein sterbender Stern im Universum, sah sie eine Zigarette aufgl├╝hen. Er blieb dort, lie├č sie allein im See, lie├č die Stufen in ihrem Schweigen.
Sie sah ihn nicht, ahnte ihn nur, weil er das Licht verdeckte, und doch wusste sie es. Wusste sie alles. Wie er aussah, wie er roch, wie seine Stimme klang, wie er sich anf├╝hlte. Sie wusste es. Sie sah es zwischen den Schatten.
Er war nackt, die Haare auf seinen Armen und seinen Beinen wiegten sich im Wind. Seine Lippen schmeckten nach Tabak und Wein, sein Atem ging ruhig. Seine Augen klammerten sich an ihren K├Ârper, und dann h├Ârte sie ihn denken.
Komm her, sagte er, ohne seinen Mund zu ├Âffnen, ohne seine Lippen von den Worten verletzen zu lassen, ohne die Nachtluft mit seiner Stimme zu zerrei├čen, komm zur├╝ck.
Sie wandte sich um, sah den Mond auf dem Wasser tanzen. Er und der Wind trieben kleine Wellen gegen den Bauch des gro├čen Steines, wo sie anschlugen und sich teilten und dabei sangen.
Sie sangen das Lied, dessen Strophen das Mondlicht geschrieben hatte und dessen Melodie nur der Mond allein auf einer Harfe spielen konnte.
Sie lie├č sich Zeit. Und als sie ihn erreichte, sich an seinen von der Sauna erhitzten, dampfenden K├Ârper schmiegte, ihn roch und sp├╝rte, fl├╝sterte sie: ÔÇ×Kiitos kuu. Kiitos j├Ąrvi. Kiitos suomi. ÔÇť
Er verstand sie nicht, und doch ahnte er, dass sie ihn liebte. So wie das Land und den Mond und den See. Und es war gut.

__________________
Wer stets nur in die Fu├čstapfen anderer tritt, wird niemals eigene Spuren hinterlassen ÔÇŽ

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aligaga
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Hallo Rafi,

es kann manchmal durchaus sinnvoll sein, den Leser im Dunkeln herumirren zu lassen wie deine Protagonistin, die in gut drei Viertel der Textl├Ąnge f├╝r den Rezipienten recht unmotiviert in einer ziemlich ├╝berladenen Kulisse unterwegs ist, aber man kann's auch ├╝bertreiben. Immer wieder wundert man sich ├╝ber ihren Schwei├č, den man nicht zuordnen kann, bis man am Ende erf├Ąhrt, dass sie gerade aus der Sauna geschl├╝pft ist.

Ah so ÔÇô nicht Krimi, sondern Sauna!

Weht im Wald der Wind wirklich so stark im Unterholz? Wenn ja, rauscht und knarzt es da nicht in den Wipfeln? Wie k├Ânnen die Tapser nackter F├╝├če da noch etwas ÔÇ×zerrei├čenÔÇť? Sieht man wirklich in derart d├╝ster-dunkler Nacht den d├╝nnen Dampf von der Haut noch aufsteigen, obwohl ja schon ein so langer Weg hinter einem liegt? Wie kann man auf die beschriebene Distanz K├Ârperhaare an einer Gestalt ÔÇ×sich wiegenÔÇť sehen? Die Figur muss ja behaart sein wie ein Orang-Utan, und auch bei dem s├Ąhe man die Bewegung auf seinen Affenarmen erst bei hellem Tageslicht.

Unklar bleibt, warum dem Leser die n├Ąheren Umst├Ąnde so lange vorenthalten werden. Nichts gegen K├Ąuzchenschreie und deren Nahrungsgewohnheiten, aber trotz der Opulenz der Kulisse entgeht dem Leser ohne vorherige Basisinformation jene Lust, die sich der Abk├╝hlung suchenden Saunag├Ąngerin bietet. Das ist schade, denn so k├Ânnen deren Gef├╝hle nicht wirklich nachempfunden werden. Es sei denn, man l├Ąse den Text ein zweites Mal; dann stolpert man aber erst recht ├╝ber den Wind, den Kauz und die K├Ârperbehaarung des rauchenden Weintrinkers.

Nicht recht plausibel sind auch die haussprachlichen Ausrufe der Saunag├Ąngerin am Schluss des Textes (der gewiss keine Erz├Ąhlung, sondern allenfalls eine Impression ist): Offensichtlich ist sie die Eingeborene. Wieso bedankt sie sich dann bei dem Behaarten f├╝r ein Land, das dem fremd sein muss? ÔÇŽ*gr├╝bel*ÔÇŽ

Tipp: Lass das M├Ądel getrost gleich zu Beginn aus der Saunah├╝tte kommen und mach die Abk├╝hlphase k├╝rzer und ein Tickchen weniger melodramatisch ÔÇô es ist doch ÔÇ×nurÔÇť ein Saunagang. Ich k├Ânnte mir vorstellen, dass man zum Ausgleich daf├╝r die Begegnung zwischen den beiden am Ende des St├╝ckerls ein wenig sensationeller gestalten k├Ânnte ÔÇô allein schon das gegenseitige Temperaturgef├Ąlle zwischen den Hautoberfl├Ąchen: die Gef├╝hle des Ausl├Ąnders werden glatt verschenkt (Nixe!). Und lass das Wesen etwas Sinnvolles sagen am Schluss; bestimmt f├Ąllt dir da noch etwas Besseres ein.

Gru├č

aligaga


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