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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wenn der Kabeljau mit ´ner Kabelfrau*
Eingestellt am 24. 08. 2002 00:00


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urte
Autorenanwärter
Registriert: Oct 2000

Werke: 3
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"Ein Bismarck-Hering biss mal stark
´ner Scholle hinten bis ins Mark ...“,
dies nicht ungestraft, das wissen wir durch Bruno Bansen, denn was ist bei Beißenden anzubringen? Richtig: ein Maulkorb. Und wenn’s ganz schlimm kommt, - dann „hat er Leinenzwang“. Das alles auf nur sechs weiteren Zeilen dem staunenden Leser zu vermitteln, dazu allerdings bedarf es der besonderen – nicht nur - sprachlichen Inspiration.

Und diese Inspiration verblüfft uns immer wieder bei Bruno Bansens kleinen geschliffenen Juwelen, oder, um im Wasser zu bleiben: Perlen. Sie verblüfft uns in den Balladen vom freundlich grüßenden Zackenbarsch, der leider auf einen Haifisch traf (nein, Menschen sind da nicht gemeint, oder?), von den Glas-Aalen, von Silber-(!) und Goldfisch, von der „Dichtung“. Sie erfreut uns beim „karpfenden Karpfen“, in gleich zwei „Forellenquintetten“, - ja, auch ich bin ein Fan von Bruno.

Es juckt mich, etwas herauszufinden: Welche „kreativen Strategien“ liegen nämlich diesen genialischen „Perlen“ aus der Bansen’schen Tiefe zu Grunde? Denn es ist Tiefe, nicht Flaches, was ich da sehe. Ich grübele noch darüber, aber ein paar Dinge sind mir aufgefallen.

Da ist erst mal die ganz genaue Beobachtung, genaues Wissen, genauer Ausdruck:
„Der Lachs, der wandert ohne Pause
durch Fluss und Bäche und nach Hause ...“
Da ist das Wörtlichnehmen, präzise verdichtete Formulierungen, das Überspringen von Gattungsgrenzen zwischen gewohnten Kategorien:
„Im blauen Meer, im Wasser kuscheln,
wie alle Welt, nur hier zwei Muscheln ...“

Dann das Bekannte, köstlich auf den Punkt gebracht, wie beim dackelfressenden Wels aus der Bildzeitung, und diese scheinbar bloßen Selbstverständlichkeiten, unvermutet-unvermittelt, dennoch nicht platt:
„Fährst du per Schiff, dann weißt du, dass
direkt da drunter ist es nass.“
(Denn was, wenn es das mal nicht wäre? Diese Möglichkeit – ja, die muss denn doch mal gedacht werden dürfen...)

Da gibt es die blitzschnellen Perspekivenwechsel, die dann auch mal buchstäblich jenseits der Realität im Absurden landen können, wenn der Tintenfisch in der Bank auf seine Tinte zurückgreift, und es gibt ein rasantes Umschalten zwischen Bild- und Sprachebenen, wie bei Wasserhuhn und Wasserhahn oder bei der köstlichen „Scholle Herbert“.

Da haben wir weiter dieses „Zwischen-die-Dinge-Denken“ der Zauberer, das Sehen von Gleis 9 ¾. Da haben wir den typisch Bansen’schen Schluss-Dreh, meist in der allerletzten Zeile, oft eine subtile Weisheit, die man allzu leicht beim ersten Lesen über-liest, so wie hier:
„Ein Oktopus, der fand ´nen Makel
an einem seiner acht Tentakel. ...“
Denn atmen wir nicht ein wenig getröstet auf, am Ende, diesem wunderbaren, aber auch herzzerreißenden Ende?
„ ... Er fand soeben,
er könnt‘ auch ohne diesen leben.“
Lieber Bruno aus dem Internet, du weißt, wovon du sprichst ...

Tja, und jetzt? Da habe ich nun allerlei für sich genommen so hohe Qualitäten ausfindig gemacht, aber das ist es doch alles noch nicht? Natürlich sind es auch noch diese deine eigenen, so vertrackten grammatischen Gesetze, über die ich mich immer wieder überkugeln könnte. Manches davon kann wohl fast jeder, und trotzdem - dies hier kann kein anderer so. Aber was macht diesen besonderen Witz, Humor, Spaß aus? Erst das ganz persönliche Zusammenwirken aller dieser – und anderer, hier „vergessener“ Fähigkeiten und Motive, erst der besondere Blick für das allgegenwärtig Komische, das Verrückte, der Blick auch in so manche Abgründe -, erst das perfekte Spiel auf dieser ganzen Klaviatur eben, das macht’s wohl. Und ein enormer Fleiß, - denn man täusche sich nicht über die Leichtigkeit der Produktion des „Leichten“, – es ist sauschwer, es ist Abstraktion, es ist Leistung, es ist eine größere Leistung, als manch langer oder auch manch „freier“ lyrischer Text sie vortäuscht. Respekt vor Bruno Bansen!

Und wenn wir uns nun dankbar diesen so „harmlosen, kleinen“ Gedichten überlassen, dann fliegen wir, wie Brunos „fliegender Fisch“, und wir landen, und dies mit dem größten Vergnügen, in einer anderen, ungeahnten Dimension, aber im Gegensatz zum fliegenden Fisch: genau in unserem Element.

„Man sieht, in Fragen der Natur
gibt’s reichlich Fragezeichen nur,
und jener, der sie fleißig klärt,
der wird mit Preisen dann geehrt!“
Wann kriegt Bruno Bansen endlich mal einen Preis?
- fragt ein ehemals aktives Mitglied der Leselupe.

*
Bruno Bansen: Wenn der Kabeljau mit ´ner Kabelfrau.
Den Fischen auf die Flossen und hinter die Kiemen geschaut.
KARISMA Verlag, Buchholz i.d.N. 2002,
ISBN-Nr. 3-936171-06-8

__________________
(C)Urte Skaliks-Wagner

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