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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wenn ein Toter Mann geht
Eingestellt am 23. 07. 2009 17:04


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Grand
Hobbydichter
Registriert: Jun 2009

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22 Uhr. Noch 2 Stunden…
Er schaut im Spiegel sein Gesicht. Das letzte Mal. Lebendig.
Sein L√§cheln zittert, m√ľhsam versucht er die Mundwinkel aufzurichten. Doch sie sind besiegt. Das L√§cheln zerschl√§gt.
Paweł Ważka. Die Zukunft wird ihn f√ľrchten. In ihr steht er als M√∂rder eingeschrieben.
Doch vielleicht… vielleicht geschieht noch ein Wunder.
Vielleicht klingelt noch das Telefon und sein Antrag um Aufschub wird erhört.
Und er darf weiter leben.
Noch weitere Atemz√ľge tun.
K√ľnftige Sonnenaufg√§nge sehen, wenngleich auch zwischen schwarzen Gitterst√§ben hindurch.
Doch das Telefon schweigt sich aus. Es verharrt behaglich im wohlverdienten Feierabend.
Er w√ľrde das Licht nicht mehr wieder sehen.
Die Schultern hängen ihm herab. Von den unbeugsamen Paragraphen zertreten.
Er wird sterben. Heute, am 28.Dezember 2008 um Mitternacht.
Die Neonlichter schimmern kalt auf den starrenden Fliesen. Gr√ľnlich-wei√ü dunst es sich allm√§hlich auf, gleich einem Leichengesicht. Sein Gesicht.
Nur noch wenige Stunden.
Schwei√ü steht ihm auf der Stirn, ein Tropfen rollt ihm den Nasenfl√ľgel herab. Wie eine letzte Tr√§ne. Doch das Auge blieb trocken.
Diese Sterilität ringsumher macht ihn wahnsinnig. Sie soll bloß den moralischen Schmutz dieser Tat verbergen. Der Staat wäscht seine Hände stets in Unschuld.
‚ÄěGrand!‚Äú, rufen ihn die W√§rter harsch.
Er genehmigt sich ein kurzes, verdorbenes Lächeln und seine Augen werden dabei schmal, beengt von kleinen Fältchen wie Krallenspuren, die eine Krähe eingehackt hat. Grand.
Sein verbrecherisches Pseudonym. Grand hat die Bank √ľberfallen und einen Zivilisten und den Bankwirt erschossen. Peng. Ihre Gesichter waren einfach weg gewesen.
Er hatte die Nerven verloren, er wollte doch nicht‚Ķ er wollte doch blo√ü Geld f√ľr sich und seine kleine Schwester. Wie h√§tte er sie denn ern√§hren, ihr eine angemessene schulische Edukation verschaffen sollen?
Sein dreistes Lächeln, das ihm einen gewissen Charme verleiht, erlischt wie die toten Gesichter seiner Opfer. Jetzt ist er einer von ihnen, er reiht sich neben ihnen ein.
Doch f√ľr seinen Tod muss niemand b√ľ√üen.
Er ist gerecht. Er ergeht im Namen des Volkes. Zum Wohle des Volkes.
Grand.
Sie kommen herein, in den H√§nden hallten sie die eisernen Fesseln bereit. Au√üerhalb der Zelle darf er nicht einmal seine Henkersmahlzeit mit freien H√§nden einnehmen. Die bindenden Ketten geh√∂ren bereits zu ihm, sie h√§ngen wie √ľberfl√ľssige Glieder an ihm herab, behindern ihn. Sie lasten ihm Ge-wicht auf, die Bedr√ľckung seiner Schuld, die in seiner Brust pocht.
Ja, er hatte getötet.
Ja, das Blut klebt den Händen an.
Aber er ist ein Mensch. Einerlei was sie sagen oder tun.
Er wirft noch einen letzten Blick hin zum blanken Spiegel und in seinen haselnussbraunen Augen brennt etwas, das er schon längst als ausgelöscht gedacht hat: Furcht. Verborgen in den Schatten seines Iriskranzes flammt sie. Lachend.
Sie sto√üen ihn vor. Die Ketten ziehen ihn hinunter. Die W√§rter geben einen eiligen Schritt vor. M√ľh-sam hinkt er hinterher, die Fesseln machen ihn straucheln. Die Schritte vor fallen ihm schwer.
Irgendwo wirft jemand klimpernd M√ľnzen in den Getr√§nkeautomaten. Menschen eilen gesch√§ftig umher. Er wei√ü, sie bereiten seinen Tod vor. Menschen, die leben. Die nach der Exekution heim fah-ren zu Frau und Kind. Es ist blo√ü ihr Job, sie m√ľssen ihr Geld auch verdienen. Wie jeder andere.
In all dem Leben wartet der Tod. Er sitzt grinsend auf einem Stuhl, die Beine auf dem Schreibtisch √ľbereinander geschlagen und raucht eine fette Zigarre. So muss es sein.
Die Zeit flieht voran. Es ist schon fast 23 Uhr. Noch knapp eine Stunde.
Sie sperren ihn in seine Zelle zur√ľck, der Pfarrer kommt, malt ihm das Kreuz auf die Stirn und geht. Den W√§rtern freundlich zunickend. Er braucht das Geld, keine Gemeinde will ihn.
Der Verurteilte hat ihm gebeichtet. Seine Reue bekundet. Der Pfarrer hat bloß genickt.
Mit abgewandten Gesichtern sitzen die Wärter bei ihm, die Arme verschränkt. Wartend. Ihre Blicke treiben den Zeiger der Uhr an.
Er ist allein. Niemand interessiert sich seiner.
Sein Name ist ein blo√ües Phantom. Paweł Ważka er kann sich seines Klanges kaum noch entsinnen. Sie nennen ihn Grand. Er ist Grand. F√ľr immer.
Oder Nummer 2606.
Sie und das heutige Datum werden das kleine, weiße Kreuz auf dem Friedhof zieren. Das Datum sei-ner Hinrichtung. Schwarz gemeißelt. Das Grab liegt schon ausgehoben. Dunkel und kalt.
‚ÄěIst es nicht seltsam?‚Äú, fragt er da, die Augen leicht zusammen gekniffen und sie sehen unl√§ngst La-gen, die er niemals zuvor betreten hat. Er hebt den Blick auf. ‚ÄěIn all den Jahren der Gefangenschaft wollte die Zeit nicht weichen, ein Tag erschien mir ein ganzes Leben lang anzudauern, sie kroch wie eine Schnecke voran. Jetzt, da ich versuche, sie festzuhalten, entflieht sie mir wie ein wilder Vogel.‚Äú Er lachte leise und senkte den Kopf.
Die W√§rter schauen sich einen Herzschlag an und beobachten dann weiter das flimmernde, kalte Ne-onlicht. Sie halten ihn seit seiner Aufnahme f√ľr einen Psychopathen.
Ihre starre, erzwungene Ignoranz verstärkt sein belustigtes, verzweifeltes Lachen nur noch. Es spricht sein ganzes Leben aus ihm.
Dann kommen sie ihn holen. ‚ÄěEs ist Zeit zu gehen, Grand‚Äú, sagt der Gef√§ngnisdirektor n√ľchtern. Allt√§glich. Er hat es schon so oft gesagt.
Paweł Ważka. Ich hei√üe Paweł Ważka, ruft er sich in Erinnerung, seine Lippen √∂ffneten sich.
Und schließen sich wieder. Resigniert sinken ihm die Schultern ab. Was macht es jetzt noch?
Die Uhr schlägt Mitternacht. Seine Todesstunde. Jetzt.
Es ist sein letzter Gang.

Er starb schnell. Im Gegensatz zu den Malen vorher, als er noch in seiner Zelle einsaß.
Sie sagen:
Ein letztes bitteres L√§cheln verzerrte seine Z√ľge am Ende.

__________________
Marschiere oder stirb

Version vom 23. 07. 2009 17:04

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KaGeb
Guest
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Hallo Grand,

willkommen auf der LeLu.
Das Thema Deines Plots hat Potential, doch ist die Umsetzung meiner Meinung nach nicht ideal.
Warum?
Du sicherst Absichten zu stark, manches wird mehrfach gesagt, was zu Tempoverlusten f√ľhrt und beim Leser leicht das Gef√ľhl aufkommen l√§sst, der Autor w√ľrde seiner Auffassungsgabe nicht trauen.
Hinzu kommen Textpassagen, die (m.M.n.) redundant sind.
Wie ich das meine, zeige ich mal an Deinem Text (wie gesagt, es sind MEINE Vorschläge. Andere Autoren könnten das ganz anders sehen!).
Desweiteren scheint Dir selbst nicht klar zu sein, WAS Du mit dem Text aussagen willst. Wenn der Leser Mitleid mit Pawel haben soll, so darf er die 2 Menschen nicht "kaltbl√ľtig" erschossen haben. Dann muss es eine Affekthandlung gewesen sein - Pawel, der Erstt√§ter, der einfach nur die Nerven verloren hat und seitdem auf das Schlimmste leidet, von Albtr√§umen verfolgt, die fragenden Gesichter der Toten immer wieder anklagend vor Augen. Schimpfen auf das System, dass ihn seiner Meinung nach ins Ungl√ľck gest√ľrzt hat (vielleicht ansatzweise: Job verloren, Wohnung zwangsger√§umt - er mit seiner kleinen Schwester auf der Stra√üe)
Auf diese Weise w√ľrde Pawels Handeln glaubw√ľrdiger. Wie gesagt: Die Tat muss "AUS VERSEHEN" passiert sein - nur dann gelingt eine periphere Identifikation des Lesers mit Pawel.
Nat√ľrlich ist seine Reue wichtig. Er k√∂nnte Gutes getan haben im Knast, was √ľberhaupt seinen ersehnten Aufschub aus seiner Sicht begr√ľnden k√∂nnte. Der pure Hinweis "Antrag auf Aufschub" ist unglaubw√ľrdig. Warum sollte die Justiz das tun?
Wenn Pawel gen√ľgend bereut, wird er auch das Urteil akzeptieren. Ja, er hat gemordert und ja, er hat den Tod verdient - das muss er denken und dazu stehen, und genau DAS muss m.M.n. im Text deutlicher werden.

√úbrigens glaube ich, dass Dein Text im Pr√§sens besser aufgehoben ist. Lass es in der Gegenwart geschehen. Dadurch w√§re es szenischer - und Du k√∂nntest aktives Geschehen besser mit den Reflexionen aus seiner Vergangenheit verkn√ľpfen.

Vorschläge (hauptsächlich zur Redundanz):

Der Zeiger der Uhr schlug unaufhaltsam voran.
22 Uhr.
Noch 2 Stunden…
Er schaute zum Spiegel auf, sah sein Gesicht. Das letzte Mal. Lebendig.

quote:
Sein L√§cheln zitterte, m√ľhsam versuchten sich die Mundwinkel aufzurichten. Doch sie waren besiegt. Das L√§cheln zerschlug.


Das musst Du √ľberarbeiten. Kommt so r√ľber, als w√§ren die Mundwinkel selbst√§ndig handlungsf√§hig.
Idee: Er versuchte zu lächeln, mehr ein Zittern der Mundwinkel.

Paweł Ważka. Dieser Name w√ľrde kaum noch einen Mund verlassen. Er war von Schande schwer, mit Blut behaftet. Schmach zierte ihn. Er w√ľrde mit ihm sterben. Get√∂tet werden.


Das dr√ľckt m.M.n. zu gewollt auf die Mitleidsdr√ľse.
Vielleicht: Paweł Ważka? Der war ein M√∂rder, wird die Zukunft fl√ľstern.


So, bis hier hin und (erstmal) nicht weiter, da ich nicht wei√ü, ob Du derartige Hinweise √ľberhaupt gut findest.
Bin gespannt auf Deine Antwort.

Gr√ľ√üe, KaGeb

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Grand
Hobbydichter
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Hallo KaGeb,

erst einmal vielen Dank f√ľr deinen Willkommensgru√ü.

Kritik ist durchaus erw√ľnscht, da ich den Text mit der Absicht zur Bearbeitung eingestellt habe. Urspr√ľnglich schrieb ich ihn als Eingangstext f√ľr mein Referat √ľber die Todesstrafe, deshalb ist er in seinem Inhalt beschr√§nkt und stark gek√ľrzt. Ich erhoffe mir durchaus Anregungen zur Ausweitung.

F√ľr Deinen Hinweis bez√ľglich der Redundanz bin ich dankbar, da es mir selbst erst nicht aufgefallen ist.Ich muss einr√§umen, dass du recht hast mit den betroffenen Stellen und ich werde daran arbeiten.

Zum folgenden Vorschlag deinerseits:

quote:
Idee: Er versuchte zu lächeln, mehr ein Zittern der Mundwinkel.

Es w√§re mir doch schon lieber Sein L√§cheln zitterte, m√ľhsam versuchte er die Mundwinkel aufzurichten. zu schreiben.

Allerdings gef√§llt mir dein zweiter Vorschlag gut und ich w√ľrde ihn gerne √ľbernehmen, wenn du nichts dagegen hast.

Kommen wir jetzt dazu, dass ich ein Vers√§umnis meinerseits eingestehen muss. Schon vorher fiel mir auf, dass der Begriff der Kaltbl√ľtigkeit mit der Affekthandlung nicht einher gehen kann. Jetzt hab ich in meiner Schusseligkeit vers√§umt dies vor der Ver√∂ffentlichung zu korrigieren. Ich werde es aber nachholen.

Über eine Darstellung im Präsens habe ich auch schon nachgedacht; du hast recht, es macht die Situation greifbarer und verdeutlicht zudem, dass sich solche Szenen heutzutage noch immer wiederholen - und dies nicht gerade selten.

Ferner bleibt zu sagen, dass ich mit dem Text eindeutig Position gegen die Todesstrafe beziehen m√∂chte. Dass der Eindruck einer m√∂glichen Unentschlossenheit entstanden ist, mag daran liegen, dass ich mir zu dem Zeitpunkt noch recht unsicher war, wie ich denn den Verurteilten, sprich Pawel, darstellen soll. Ich wollte ihn nicht romantisieren (was ich verabscheuen w√ľrde)und ich wollte ihn auch nicht als armes Opfer haben, mit dem man Mitleid haben muss - dies w√§re eine falsche Blickwinkeldarstellung eines Todesstrafengegners, der ich nun mal bin. Ich wollte seine Schuld schon betonen udn das sie nicht wieder gut zu machen ist.

Was ich aber schwebend offen lassen wollte, ist das Aufkommen der Reue. Angedeutet werden sollte es schon, allerdings auch, dass er den Bank√ľberfall wieder begehen w√ľrde; nur die Opfer waren ungewollt - er war eben in Panik geraten.
Andrerseits empfinde ich es nicht als wichtig, WAS der Verurteilte getan hat; ich fidne die Todesstrafe generell falsch und deshalb habe ich auch die Einzelheiten der Tat nicht unbedingt bedacht bzw. weiter ausgebreitet. In späteren Texten habe ich die Tat dann gar nicht mehr erwähnt.
Aber vielleicht empfnden die Leser es ja als wichtig, zu wissen, was der Verurteilte getan hat - womöglich möchtest du dich ja dazu äußern.
Jedenfalls werde ich deine Vorschläge bzgl. der Erwähnung des sozialen Umfeldes und der Lebenssitutaion bedenken.

Das reicht erst einmal von meiner Seite. Weitere Hinweise sind mir gerne willkommen.

Gruß,
Grand

__________________
Marschiere oder stirb

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