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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Wenn ich zwanzig bin
Eingestellt am 06. 01. 2005 13:57


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flammarion
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Wenn ich zwanzig bin

Im Nachlass meiner Tante fand ich einen alten Schulaufsatz, den sie 1934 geschrieben hatte. Das Thema war: ÔÇ×Wenn ich zwanzig bin.ÔÇť Meine Tante war in aller Naivit├Ąt bei der Wahrheit geblieben. Ihr Aufsatz lautete:
Wenn ich zwanzig bin, dann bin ich schon lange aus der Schule. Ich mu├č f├╝r mein eigenes Leben sorgen. Darum mu├č ich arbeiten gehen. Weil ich so gerne Locken k├Ąmme, werde ich wohl Friseuse werden. Wahrscheinlich werde ich auch schon einen Freund haben. Nat├╝rlich kein Halbstarker oder einer, der mal klauen geht. Es soll aber auch kein Million├Ąr sein, sondern einer wie alle anderen. Ich geh dann mit ihm ins Kino oder spazieren. Nat├╝rlich schreiben wir uns Briefe. Unsere Eltern d├╝rfen das alles erfahren. Er kommt aber auch mal zu mir. Eines Tages werden wir uns verloben. Dann kauft jeder einen Ring und am Verlobungstag schenkt man dem anderen den Ring. Wenn wir dann verlobt sind, sorgt der Mann f├╝r eine Wohnung. Das dauert auch etliche Jahre. Mein Verlobter mu├č dann immer von der Arbeit aus zum Wohnungsamt gehen. Wenn wir die Wohnung haben, heiraten wir. Es ist nat├╝rlich eine wei├če Hochzeit. Es werden alle eingeladen, alle, die wir kennen. Wir feiern auch nicht zu Hause, sondern in einem feinen Restaurant. Die Hochzeit ist erst morgens um zwei oder drei Uhr aus. Dann fahren wir gleich in unsere Wohnung. Den ersten Tag schlafen wir noch auf dem Fu├čboden, aber am n├Ąchsten Tag kaufen wir uns ganz neue M├Âbel. Wenn wir unsere Wohnung eingerichtet haben, laden wir unsere Eltern ein. Aber ich brauche noch gar nicht ans heiraten zu denken, weil ich ja erst zehn Jahre alt bin. Und vielleicht kommt auch alles ganz anders.

Es kam vieles anders. Sie heiratete in den schweren Nachkriegsjahren. Ihr wei├čes Hochzeitskleid musste sie sich selber n├Ąhen. F├╝r die Seide opferte sie den Knirps, den sie als Gratifikation von ihrem Chef erhalten hatte, die Spitze kostete nur zwei Eimer Kirschen aus dem Garten ihrer Mutter.
Der Hochzeitsstrau├č bestand aus Schneeball-Bl├╝ten aus dem Garten der Schwiegereltern. Statt der wei├čen Hochzeitskutsche fuhr ein Transportpferdewagen vor und gefeiert wurde in der Zweiraumwohnung der Eltern im engsten Familienkreis.
Sie wohnten noch lange bei den Eltern, bis der junge Mann durch Zufall und weil er einen kannte, der einen kannte, eine annehmbare Wohnung fand.
Die Ehe allerdings hielt 65 Jahre.

__________________
Old Icke

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lapismont
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Hallo Christa,

sch├Ân, dass Du das aufgeschrieben hast! Manche einfache Geschichten erz├Ąhlen viel mehr, als in ein Geschichtsbuch neben den Gro├čen hineinpasst.

cu
lap
__________________
Kunst passiert.

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Monfou Nouveau
???
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Ja, hallo Christa!

Eine anr├╝hrende Geschichte, ein hoch interessantes St├╝ck Geschichte, wenn man das jetzt noch (als Kommentierende) politisch einbetten k├Ânnte.

1934. Da schrillen ja alle Alarmglocken. Nazis. BDM. Kriegsvorbereitungen bald. Verluste. Wenn sie 1934 zehn war und dachte in diesem Schulaufsatz, was ist mit zwanzig, w├Ąre das das Jahr 1944 gewesen!

Also ein sehr bitterer Kontrast zu dieser kindlichen Zukunfts"vision". Die Wirklichkeit war wahrscheinlich die reine Brutalit├Ąt dagegen.
Du deutest ja die Nachkriegszeit an. Da wird dann etwas normales Leben nachgeholt, denke ich.

Liebe Gr├╝├če

Monfou

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flammarion
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hallo,

vielen dank f├╝rs lesen und kommentieren. ich war so ger├╝hrt von diesem aufsatz, dass es wochen brauchte, ehe ich mich zum schreiben entschloss. aber das hochzeitsfoto solltet ihr erst mal sehen! wie eine heilige madonna sieht die tante aus!
lg
__________________
Old Icke

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