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Leselupe.de > Kurzprosa
Wenn jetzt der große, böse Wolf käme
Eingestellt am 12. 05. 2005 23:20


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sohalt
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Während sie allein durch den finstren, finstren Wald wandelt, denkt sie an alle die Warnungen, die man ihr mitgegeben hat, die alle nur um eines kreisen, um den großen, bösen Wolf. Nimmt dich in acht, raunten sie ihr zu, nimm dich in acht, sagten sie und wogen bedächtig ihre weisen Häupter, nimmt dich in acht, sagt sie und lacht. Unter allen den grausigen Geräuschen, die diese Stille manchmal so plötzlich durchbrechen, dem heiseren Rufen des Totenvogels, dem Ächzen des Holzes, wie unter Schmerzen, als würden die Äste, die sich nach ihr strecken, die Ranken, die sich um sie winden wollen, Arme sein, Arme von etwas Lebendem, Lauerndem, unter all diesen grausigen Geräuschen ist ihr Gelächter das Grausigste. Trocken ist es, bitter und brüchig - als ob der große, böse Wolf das Schlimmste wäre, was sie hier zu fürchten hätte!
Das Blätterdach lässt kein Mondlicht durch. Sie wird stolpern, fallen, sich in den Ranken verstricken, liegen bleiben und überwuchert werden. Sie wird vom Erdboden verschluckt werden. Es wird sein, als ob es sie nie gegeben hätte. Vielleicht schon bald. Sie hätte einfach gern Gesellschaft. Egal welche.

Wenn jetzt der große böse Wolf käme, denkt sie, ich würde nicht fragen: Warum hast du so große Ohren?

Zuerst hat sie es à la Dornröschen probiert, aber dann fiel ihr auf, dass sie vermodert dabei, vertrocknet und verfault. Und sie macht sich auch nicht so gut in einem Glassarg wie Schneewittchen. Das mit den Fröschen klappt nicht. Außerdem kann sie ihnen einfach nicht ab, diesem giftgrünen, glatten, glupschigen Gesocks. Locken mit wunder-welchen Versprechungen, machen erst mal auf klein und arm und appellieren an dein Mitleid, aber wehe, du küsst sie! Winzig und widerlich bleiben sie trotzdem, aber was sind sie dann nicht groß dran! Blähen sich auf, wie nur Frösche das können, bis sie zerplatzen und dir die Gedärme um die Ohren fliegen und du darfst den Gatsch dann aufwischen.

Da lobt sie sich doch die Wölfe. Sie riechen streng, ihr Fell ist struppig, von ihren Lefzen tropft der Speichel und alles was sie von sich geben, ist Knurren. Ja, manche fressen Kreide und tragen einen Schafspelz, aber das tut nichts, sie sind darin wie kleine Mädchen, die an das Schminkzeug der Mutter geraten sind und feine Damen spielen, der Wolfsgeruch lässt sich nicht verbergen, sie wittert ihn sofort. Es fällt nur darauf herein, wer verzweifelt darauf hereinfallen will und sie kann sich schon vorstellen, wozu man das wollen sollte. Für mich müsstest du keine Kreide fressen, denkt sie. Aber selbst die Kreidefresser sind nicht so falsch wie die Frösche, sie vertuschen vielleicht das „Böse“ , aber nicht den Anspruch auf „Groß“ – sie kommen von Anfang an so groß daher, wie sie sich fühlen, du kannst von Anfang an prüfen, ob du ihnen das glauben willst.

Lieber sind ihr natürlich die im echten Fell. Eigentlich sind es Rudeltiere, aber manchmal heulen sie auch ganz gerne allein den Mond an. Manchmal treten sie sich Dornen ein und lassen sich pflegen. Aber eigentlich brauchen sie dich nur, um den Hunger zu stillen. Sie sind gierig. Oder auch nur sehr hungrig. Sie brennen vor Hunger, kein Wunder, sie wissen ja nicht, wonach sie so hungern. So sind sie. Und manchmal auch ein bisschen zu – dumm? nein, vielleicht.. zu einfach? zu verloren? zum Leben, sie fallen auf die ältesten Tricks rein, sie enden öfters mit einem Bauch voller Steine in tiefen Brunnenschächten, sie sind die Underdogs im Märchen, sie wecken Beschützerinstinkte.

Sich so einen Zähmen. Das wärs. Nicht nur eine Notlösung, denkt sie, wenn sie länger darüber nachdenkt, das Beste überhaupt. Besser als wach geküsst werden, besser als Prinzen aus dem Nichts küssen. Aber unmöglich. Und doch, wenn dann einer in der Dunkelheit an ihren Beinen vorbeistreicht, ohne sie zu bemerken - in ihrem Geruch fehlt etwas, das die Wölfe anlockt - dann kann sie sich fast nicht beherrschen, dann würde sie verzweifelt gern durch sein Fell streifen, ihn hinter den Ohren kraulen, sacht, sacht, sacht, auch wenn er sie dann wahrscheinlich beißt. Aber selbst wenn einer sich einmal streicheln lässt, es sind keinen großen, liebe Hunde. Das würde sie nie vergessen.

Wenn jetzt der große, böse Wolf käme, denkt sie, er bräuchte mir nur an die Schulter zu tippen, und ich würde in seine Arme sinken.

Aber in ihrem Geruch fehlt etwas, das die Wölfe anlockt.




__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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xzar
Guest
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hi sohalt,

ich sehe, du hast den text erst seit kurzer zeit hier - es haben sich ein paar fehler reingeschlichen. ich erlaube mir ein paar vorschläge zu machen:

Nimmt dich ihn acht, raunten sie ihr zu, nimm dich ihn acht, sagten sie und wogen bedächtig ihr weisen Häupter, nimmt dich ihn acht, wiederholt sie es jetzt für sich, nimmt dich in acht, sagt sie und lacht

müsste wohl heissen: "Nimm dich IN Acht" (Acht groß laut neuer rechtschreibung) und "wogen bedächtig ihrE weisen Häupter"

Zuerst hat sie es à la Dornröschen probiert, aber dann fiel ihr auf, dass sie vermodert dabei, vertrocknet und verfault
nur ein vorschlag: "... aber dann fiel ihr auf, dass sie dabei vermodert ..." - klingt weniger holprig

Besser als Wach-geküsst werden, besser als Prinzen aus dem Nichts küssen.
"Besser als wach geküsst werden"

lg
co

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sohalt
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autsch, peinlich.
Danke!
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Zarathustra
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Hallo Sohalt,

der Schluß versöhnt,
der Schluß reißt die Geschichte noch ein wenig heraus.

Ich hätte mir das alles, kapper, prägnanter, wölfischer gewünscht.

Aber trotzdem, deine Geschichte hat was..

L.G. Hans
__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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sohalt
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Besser?

hmm, wölfisch muss es nicht sein, es handelt ja nur von ihnen.
Aber knapper wär trotzdem nicht schlecht, hast recht.


Überarbeitung:

Wenn jetzt der große, böse Wolf käme

Während sie allein durch den finstren, finstren Wald wandelt, denkt sie an alle die Warnungen, die man ihr mitgegeben hat, die alle nur um eines kreisen, um den großen, bösen Wolf. Nimmt dich in Acht, raunten sie ihr zu, nimm dich in Acht, sagten sie und wogen bedächtig ihre weisen Häupter, nimmt dich in Acht, sagt sie und lacht. Unter allen den grausigen Geräuschen, die diese Stille manchmal so plötzlich durchbrechen, dem heiseren Rufen des Totenvogels, dem Ächzen des Holzes, wie unter Schmerzen, als würden die Äste, die sich nach ihr strecken, die Ranken, die sich um sie winden wollen, Arme sein, Arme von etwas Lebendem, Lauerndem, unter all diesen grausigen Geräuschen ist ihr Gelächter das Grausigste. Trocken ist es, bitter und brüchig - als ob der große, böse Wolf das Schlimmste wäre, was sie hier zu fürchten hätte!
Das Blätterdach lässt kein Mondlicht durch. Sie wird stolpern, fallen, sich in den Ranken verstricken, liegen bleiben und überwuchert werden. Sie wird vom Erdboden verschluckt werden. Es wird sein, als ob es sie nie gegeben hätte. Vielleicht schon bald. Sie hätte einfach gern Gesellschaft. Egal welche.

Wenn jetzt der große böse Wolf käme, denkt sie, ich würde nicht fragen: Warum hast du so große Ohren?

Zuerst hat sie es à la Dornröschen probiert, aber dann fiel ihr auf, dass sie vermodert dabei, vertrocknet und verfault. Sie macht sich auch nicht so gut in einem Glassarg wie Schneewittchen. Und das mit den Fröschen klappt nicht. Falsche Versprechungen.

Da lobt sie sich doch die Wölfe. Sie riechen streng, ihr Fell ist struppig, von ihren Lefzen tropft der Speichel und alles was sie von sich geben, ist Knurren. Für mich müsstest du keine Kreide fressen, denkt sie.

Eigentlich sind es Rudeltiere, aber manchmal heulen sie auch ganz gerne allein den Mond an. Manchmal treten sie sich Dornen ein und lassen sich pflegen. Aber eigentlich brauchen sie dich nur, um den Hunger zu stillen. Sie sind gierig. Oder auch nur sehr hungrig. Kein Wunder, sie wissen ja nicht, wonach sie so hungern. So sind sie. Und manchmal auch ein bisschen zu – dumm? nein, vielleicht.. zu getrieben? zu verloren? zum Leben, sie fallen auf die ältesten Tricks rein, sie enden öfters mit einem Bauch voller Steine in tiefen Brunnenschächten, sie sind die Underdogs im Märchen, sie wecken Beschützerinstinkte.

Sich so einen zähmen. Das wärs. Nicht nur eine Notlösung, denkt sie, wenn sie länger darüber nachdenkt, das Beste überhaupt. Besser als wach geküsst werden, besser als Prinzen aus dem Nichts herbei küssen. Aber unmöglich. Und doch, wenn dann einer in der Dunkelheit an ihren Beinen vorbei streicht, ohne sie zu bemerken - in ihrem Geruch fehlt etwas, das die Wölfe anlockt - dann kann sie sich fast nicht beherrschen, dann würde sie verzweifelt gern durch sein Fell streifen, ihn hinter den Ohren kraulen, sacht, sacht, sacht, auch wenn er sie dann wahrscheinlich beißt. Aber selbst wenn einer sich einmal streicheln lässt, es sind keinen großen, liebe Hunde. Das würde sie nie vergessen.

Wenn jetzt der große, böse Wolf käme, denkt sie, er bräuchte mir nur an die Schulter zu tippen, und ich würde in seine Arme sinken.

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mirami
Guest
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hallo sohalt,

dein text hat was. viel sogar. :-) meiner meinung nach verliert er nur sehr stark indem du diese vielen brücken zu den grimms märchen schlägst. die würde ich komplett weglassen. deine eigenen gedanken, dein verhältnis zum “bösen wolf“ finde ich viel lesenswerter und interessanter als die altbekannten, in tausend texten immer wiederkehrenden gestalten der gebrüder grimm, die mir hier untergeschoben werden. vielleicht waren sie dir inspiration, doch ich las so was schon zu oft. dein spaziergang durch den lebenswald sollte dein eigenes abenteuer sein. den anfang finde ich zum beispiel wirklich gut, bis zur frage: warum hast du so große ohren? die würde ich weg lassen. im sinne von: wenn jetzt der große böse Wolf käme, denkt sie, ich würde nicht lang fragen :-). dann würde ich den abschnitt: - sich so einen zähmen. das wärs – anschließen und nach und nach dem leser begründen warum die prot. „sich die wölfe lobt“. mit all den wirklich toll geschriebenen elementen die du vorher bringst. wenn du es da schaffst die anlehnungen an die grimms märchen (dornröschen, schneewittchen, kreide fressen usw.) komplett herauszunehmen, wäre das meines erachtens ein super geiler text. erfrischend, modern, romantisch, frech mit ganz eigener note und schöner melodie.


alles nur ein vorschlag :-)

liebe grüße
mirami

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sohalt
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Hmm.. sich auf die Schultern von Giganten stellen und dann so tun als gäbe es sie nicht? Irgendwie will man doch seinen Tribut erweisen.
Allerdings, die Assoziationen ergeben sich so automatisch, da ist es tatsächlich leicht unnötig ist, sie explizit zu machen.
Muss ich mir noch überlegen.

Danke für die Anregung!
lg
sohalt
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