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Wer ist
Eingestellt am 10. 05. 2003 01:26


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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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Wer ist "Wir"?

Wer ist "Wir"?

Da haben wir den Salat. Dieses auf den ersten Blick so harmlose Personalpronomen "Wir" erweist sich bei eingehender Betrachtung als recht sperrig. Vergleichsweise harmlos kommen die ganz kleinen "Wirs" daher. Die selbst bestimmte- oder von anderen angenommene Zusammengeh├Ârigkeit geht leicht und widerstandslos ├╝ber die Lippen, "Wir Liebhaber des Musikantenstadel" (hei├čt das so?), "Wir Fu├čballfans", oder "Wir im Tennisklub", bleibt recht unverbindlich. Die Schnittmenge zu den anderen Teilhabern des "Wir" ist beruhigend gering.

Auch die erhabenen "Wirs", wie: "Wir in Europa" oder "Wir Erdenmenschen", verursachen im Gebrauch kein Stolpern. Die Grenzen sind ausreichend weit und diffus. Dem Monarchen vorbehalten blieb seine erhabendste Form, das k├Ânigliche "Wir". "Wir, Fridrich- Wilhelm, von Gottes Gnaden K├Ânig von Preussen", las ich neulich auf einer Urkunde und erschauerte. Im Herrscher versammelt und zum Ausdruck gebracht; der Wille des Staates mit allem was darin kreuchte und fleuchte. Er benutzte es machtbewusst und mit gr├Â├čter Selbstgewissheit

Je kleiner der Kreis wird, den das "Wir" einschlie├čt, desto mehr beginnt es zu zwacken. "Wir k├Ânnten mal ne Currywurst zusammen essen gehen", erscheint im Bekanntenkreis recht akzeptabel, meinem Sitznachbarn gegen├╝ber im Zug ge├Ąu├čert, wirkt es befremdlich. Schon einem m├Ą├čig kultivierten Mitteleurop├Ąer k├Ąme es nicht in den Sinn derartig einverleibend mit diesem Wort umzugehen.

Stand ├╝ber den schicklichen Gebrauch des Wortes "Wir" und ├╝ber die Grenzen seines Gebrauches jemals etwas im Knigge? In nahezu jeder Ausgabe h├Ątten die Anweisungen ge├Ąndert werden m├╝ssen.

Wenn vor hundert Jahren ein Mann sagte: Ich bin stolz des Kaisers Untertan zu sein, meinte er damit sich und seine Familie. Er, der Patriarch, dehnte ganz selbstverst├Ąndlich das "Ich" auf das "Wir" aus. Wir d├╝rfen sicher sein, dass er das ohne Absprache tat. Er befand sich damit v├Âllig in ├ťbereinstimmung mit Sitte und Anstand. Dieser Mensch als Familienoberhaupt vor f├╝nfzig Jahren k├Ânnte gesagt haben: "Wir halten nichts von Frauen in politischen ├ämtern." Er k├Ânnte das gesagt haben, w├Ąhrend seine Frau neben ihm stand, brav eingehakt - schweigend. Immerhin, er benutzte das "Wir". Nach ihrer Meinung gefragt hat er sie ziemlich sicher nicht.

Heute bedarf das "Wir" in der Partnerschaft f├╝r jeden ├Ąu├čeren Gebrauch der Abstimmung, w├Ąhrend es im "Team", in der Firma, geradezu inflation├Ąr gebraucht wird. Dieser Jemand w├╝rde sagen: "Ich komme zu der Fete. Vielleicht kommt meine Frau/ Freundin auch; ich werde sie fragen." Es gilt weitgehende Emanzipation. Individualit├Ąt ist Zeitgeist und Individualit├Ąt bedeutet Abgrenzung, auch, und mit zunehmendem Bestand der Partnerschaft, gerade dort. Leichtfertige Vereinnahme durch zu ├╝ppigen Gebrauch des "Wir" erzeugt Abwehr. Es ist nur neben dem "Ich" und nicht stattdessen geduldet. Das "Wir" hat sich nach Innen zur├╝ckgezogen und es will mehr gef├╝hlt als ausgesprochen werden in einer Beziehung, wenn es nicht um ausgesprochene Banalit├Ąten geht, wie: "Wei├čt du, dass wir gestern Hochzeitstag hatten?" Nach einigen Mutationen ist es ein empfindliches Pfl├Ąnzchen geworden, das der besonderen Behandlung bedarf. Nur zu oft verfl├╝chtigt es sich unbemerkt. Zur├╝ck bleibt eine sinnentleerte H├╝lse, benutzt, auch unwidersprochen gelassen, aber einvernehmlich stillschweigend als bedeutungslos angesehen. Die Peinlichkeit einer Debatte soll vermieden werden. Dem "Wir" haftet Sehnsucht an - und die Gefahr, sich die Finger zu verbrennen.


itsme



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Klabautermann
???
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zum Wir

Hallo Itsme,

welch interessante Gedankeng├Ąnge zu einem so h├Ąufig geschriebenen, gesagten Personalpronomen...

Woran es liegt, dass der fr├╝here, selbstverst├Ąndliche und andere einvernehmende Gebrauch des "Wir" gewichen ist einem viel vorsichtigerem Umgang, liegt vielleicht an der egozentrischeren Stellung des menschlichen Ichs. An der Emanzipation oder an der Tatsache, dass man mehr in der "Ich-Form" als in der "wir-Form" denkt.
Doch andererseits dr├╝ckt es meinem Empfinden nach auch eine Art Respekt aus, wenn man nicht automatisch f├╝r andere spricht.
Wenn ich ein P├Ąrchen sehe und einer der beiden sagt mir
"Wir lieben uns", dann wandert mein Blick zuerst zu dem, der nichts gesagt hat. Denn ich bin der Meinung, dass man solche Worte nicht umschlie├čend verwenden kann, sondern eben nur f├╝r sich selbst sprechen darf/sollte.
Man kann sagen:" Er ist mein bester Freund."
Das "Wir sind beste Freunde" aus dem Munde eines einzelnen der beiden ├╝bersieht manches Mal vielleicht die Realit├Ąt.

Wirklich, Itsme, Deine Gedankeng├Ąnge gefallen mir sehr gut.

w├╝nsch Dir noch einen sch├Ânen Abend
viele Gr├╝├če

Klabauti

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itsme
???
Registriert: Mar 2002

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So ist es, Klabautermann - Danke f├╝r deinen Kommentar.

Gru├č
itsme
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Zarathustra
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Hallo ITSME,

Ich gebe dir recht.
So wie man mit dem Wort umgeht, geht man mit seinem Inhalt um!

Fr├╝her wollte jeder rein in die Gruppe.
Keine Bindungsangst.
Wir .... da wollte jeder dabei sein,
koste es was es wolle.

Heute?
... bitte beleidige mich nicht.
Wie kannst du sagen Wir?
Ich, Ich und nochmals ich...

Fr├╝her wa┬┤s nicht o.k.
aber heute? Ist es besser?
Gr├╝sse Hans
__________________
Was sind das f├╝r Zeiten, wo ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt! (Bertold Brecht)

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