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Wer ist Deutschland?
Eingestellt am 04. 07. 2006 17:32


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petrasmiles
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Es ist eine frühe Erkenntnis aus meinen jungen Tagen an der Front der Bedarfsweckungsgesellschaft: Beworben werden die Produkte um so heftiger, desto geringer ihr Nutzen für den Verbraucher. Wenn ich das Produkt schon nicht brauche, so soll ich es mir wenigstens wünschen, mich besser fühlen dürfen, wenn ich es erwerbe. Aber es bleibt die Erkenntnis – beworben wird, was keiner braucht.

Was bedeutet das für die Kampagne ‚Du bist Deutschland’?

Wir kaufen etwas, was wir nicht wirklich brauchen und wir zahlen für eine Selbstverständlichkeit. Aber warum muss man auf eine Selbstverständlichkeit hinweisen? Es ist ja nicht wie in einer langjährigen, zufriedenen wenn nicht gar glücklichen Beziehung, wo man etwas als selbstverständlich hinnimmt und vergisst, was man am anderen hat.
Deutsche zu sein, das kann mir nicht verloren gehen.
Also, warum will man uns etwas verkaufen, was uns schon längst gehört?

Kann es sein, dass die Tatsache dieser Kampagne verschleiern soll, dass wir vielleicht Deutschland sind, es uns aber nicht mehr gehört?

Sehen wir das Ganze einmal deutsch/deutsch.
Im Westen gab es nach Zusammenbruch/Befreiung, Wirtschaftswunder und Studentenrevolte eine Art von spĂĽrbaren Staatszweck: Allen sollte es besser gehen. Bildung, Gesundheit, bescheidener Wohlstand. Alles war irgendwie auf dem Weg, besser zu werden. Wer nicht hatte, dem wurde gegeben. Kein Schlaraffenland, kein Sozialismus, aber eine soziale Marktwirtschaft.
Unternehmen wussten noch, dass ihr Erfolg und ihre Gewinne mit den Menschen erwirtschaftet wurden, die für sie arbeiteten. Gejammert wurde immer, hier wie da, aber das gehörte zum guten Ton. Wir waren glücklich.
Im Osten gab es den Sozialismus und die Planwirtschaft; die Menschen hatten Arbeit, Bildung, Gesundheit und die Freiheit, sich für das zu entscheiden was sie hatten. Das darf man nicht gering schätzen. Sie waren glücklich.
Wir hatten den ‚Vater Staat’, sie vielleicht den ‚Genossen’ oder die ‚Partei’, aber es war das gleiche Gefühl: Ich muss viel geben, aber dafür wird für mich gesorgt.

Dann kam die Wende, und während wir noch überlegten, lieber eines, oder zwei, lieber mit oder ohne neuer Verfassung, da war alles schon passiert.
Und während wir noch stritten, ob nun dies oder das besser gewesen wäre, wurde die eine wiedervereinigte Hälfte ausverkauft.
Und während wir noch über Soli klagten und über Schuldzuweisungen lamentierten und der ersten großen Sau, die durchs Dorf getrieben wurde, hinterher schimpften, rüstete man sich schon zu Ausverkauf Teil II.

Teil I trägt den Namen Kohl, Teil II den Namen Schröder, und den Rest gibt uns die Große Koalition. Das macht Sinn.
Von der Politik ist sowieso kein konzeptioneller Beitrag zu einem staatstragenden Ziel mehr zu erwarten. Nur noch technokratische Verwaltung eines fahrlässig herbeigeführten Mangels.
Darum wird die Chiffre ‚Deutschland’ und das Pronomen ‚Wir’ und ‚Du’ gebraucht.

Wir sind Deutschland, Papst und bald vielleicht Weltmeister – und wir sind die einzigen, die sich dafür nichts kaufen können.

Vor mehr als dreißig Jahren lernte ich als Hauptschülerin die Produktivkräfte der Marktwirtschaft: Arbeit, Kapital und Boden. Die der Arbeit, das war die Arbeitskraft der Menschen um mich herum, die nicht nur ihr Dasein damit fristeten, sondern durch Konsum den Boden bereiteten für weiteren Aufschwung. Kapital war das Geld, das nicht für Aufwendungen benötigt wurde, sondern als Investitionen in den Wirtschaftskreislauf gelangten. Und der Boden war die notwendige Grundlage für die Produktion, vielfach in privater Hand, aber der größte Teil Deutschlands gehörte dem Staat, also irgendwie auch mir.
Da war der bei der Produktion von Gütern entstandene Mehrwert noch ein Bindeglied. Der Unternehmer stellte Kapital und Boden bereit, der Arbeitnehmer veredelte mit seiner Arbeit diese Produktivkräfte und beide zahlten Steuern und bestückten Solidarkassen für die Menschen, die aus eigener Kraft an diesem Kreislauf nicht, nicht mehr, oder noch nicht teilnehmen konnten.

Da waren wir noch alle Deutschland.

Mittlerweile sind nur noch die Menschen und ihre politischen Verwalter Deutschland. Der Rest sind ‚Global Player’, die immer schamloser den Mehrwert für sich allein beanspruchen. Die immer ungenierter die gesellschaftlichen Grundlagen zerstören und dabei Helfer in der technokratischen Politik haben.
Das ist nicht einfach Kapitalismus. Es ist eine Aushöhlung funktionierender Gemeinwesen zugunsten eines menschen- natur- und weltfeindlichen Bestrebens, wonach nur noch Geld Geld hervorbringen soll.

Divide et impera: Ost/West, alt/jung, mit oder ohne Arbeit, krank/gesund. Abwechselnd werden die Schwachen durchs Dorf getrieben. Jeder Entscheidungsträger hat mittlerweile verstanden, dass man auf Kosten der Allgemeinheit sich nicht nur bereichern kann, sondern auch das eigene ‚Geschäft’ optimieren kann. Das ist nicht unbedingt böser Wille, dass am Ende nicht mehr genug da ist für alle.

Die Konzernsteuern sollen gesenkt werden, damit Konzerne überhaupt ihre Steuern in Deutschland zahlen und Arbeitslosen, Kranken und Schwachen wird Sozialschmarotzertum vorgeworfen um davon abzulenken, dass es nicht für alle reicht, dass man am besten den stummen Körper beschneidet.
Das ist Deutschland?

Deutschland gibt es gar nicht mehr. Wir sind schon längst aufgegangen in die eine große Bewegung des Geldes, das die Regeln macht.
Wir dürfen noch ein bisschen über Europa herummäkeln und so tun, als sei es wirklich wichtig, wie und wie schnell ein Einigungs- und Erweiterungsprozess vonstatten geht. Europa rettet uns nicht mehr.

Die Landschaft wird sich überall gleichen. Die, die haben werden und sich einbilden müssen, sie hätten das verdient, um morgens in den Spiegel sehen zu können. Und die anderen, die zu nichts kommen, oder die nichts mehr haben und immer weniger bekommen können. Die in Gettos landen werden, die sich für sich und ihre Kinder weder Gesundheit noch Bildung werden leisten können, deren Kinder sich in den Versuchen, etwas zu sein, etwas zu gelten, gegenseitig umbringen werden und bei den anderen nur ein Achselzucken hervorrufen – wir haben es ja gewusst, das ist alles krimineller Abschaum und in die zu investieren, lohnt sich nicht.
In Amerika ist das schon so.

Dort wie hier schafft es nur Geld oder Jugend, sich erfolgreich am Markt zu behaupten. Sie werden absorbiert, erzogen dazu, erfolgreich sein zu wollen, koste es, was es wolle. Die Welt gehört ihnen. Heute. Morgen nicht mehr. Morgen bringen sie keine 120 % mehr. Morgen haben sie Kinder, oder sind physisch oder psychisch nicht mehr so belastbar. Morgen finden sie vielleicht Geschmack an einer eigenen Meinung. Aber dann sind schon wieder neue nachgewachsen, die nachrücken als Helfer für den Geld-Zeitgeist. Die sich toll fühlen, wenn sie mitspielen dürfen.

Was waren das noch Zeiten, als wir gegen und für Ideologien kämpfen durften. Als es noch Sinn machte, die beste aller möglichen Welten mit einem System auszugestalten, an dem alle teilhatten!

Aber gleich werden wir aufstehen und uns bereit machen, Deutschland zuzujubeln.
Denn da gibt es das noch: Deutschland einig Vaterland. Fahnenwirbel, Hupkonzerte, überschäumende Euphorie angesichts einer nationalen Leistung. Wir dürfen das wieder zeigen; wir brauchen uns nicht mehr schamhaft zu verstecken. ‚Ich find das schön’ sagen wir unisono. Ja. Du bist Deutschland.




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Thys
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Kompliment

petrasmiles!

Besser kann man das nicht beschreiben. Auf den Punkt gebracht!

GruĂź

Thys

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petrasmiles
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Vielen Dank Ihr beiden fĂĽr das ausgesprochene positive feed back und allen anderen fĂĽr den 'stummen Zuspruch'.
Manchmal muss ich meinem Herzen Luft machen, eben weil ich mich oft genug in dieser lebensverneinenden Welt bewegen muss - beruflich bedingt.
Mein Traum wäre es, den wirklich positiven Schritt zu tun, und nicht nur auf den Punkt zu bringen, was nicht stimmt, sondern literarisch Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man alternative Lebenskonzepte entwirft und dann auch umsetzt. Theoretisch wissen wir alle irgendwie, dass die Regeln nicht von uns gemacht werden, dass wir Ablehnung von unpersönlichen Systemen erfahren, die uns gar nicht kennen, etc., aber die wichtigste Konsequenz, sich von den Rahmenbedingungen nicht unterkriegen zu lassen und unser Potenzial an Glücksfähigkeit zu leben, das bekommen die wenigsten hin. Dabei kann es nur an der eigenen inneren Einstellung liegen. Dieses Phönomen erinnert mich an den Film 'Matrix' und die Fähigkeit, Löffel zu verbiegen, wenn man akzeptiert hat, dass es sie nicht gibt. Was im Film für Auserwählte nur zu schaffen scheint, und auch den negativen Beigeschmack hat, dass die Fiktion die Realität ist und umgekehrt, würde ich gerne aufzeigen können, wie man 'Löffel verbiegt', obwohl sie die Realität sind.
Bis dahin kommt mir alles irgendwie nur vor wie 'Jammern'.
Aber es ist ja erst vorbei, wenn die dicke Frau aufsteht und singt ;-)
Danke nochmals!
Liebe GrĂĽĂźe
Petra
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petrasmiles
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Ich brauchte etwas Zeit

Da hatte sich ja Einiges getan, während ich in Urlaub war.
So ein bisschen fühlte ich mich intellektuell überfordert, alles zu würdigen; vieles musste ich mir häppchenweise noch einmal zu Gemüte führen.

Jetzt möchte ich einiges schon anmerken.

@ Hanna
Wir alle schreiben aus unterschiedlichen Gründen und der damit verbundene Selbstausdruck 'klebt' an unserer Biographie, ist individuell. Auch wenn wir uns nicht nur um uns selbst drehen und versuchen, uns über unseren Zustand und unsere Zeit hinaus zu 'erheben', dann können wir das nur auf unsere eigene Weise tun und über den Diskurs mit anderen wirklich aus dem eigenen Schatten treten. Jede Ausdrucksform verdient dabei den Respekt und die Grundannahme, dass jeder gibt, was er hat. Das entzieht sich meines Erachtens dem Geschmack und quasi objektiven Kriterien.
Ich finde es schwierig, diese Grundregeln mit Begriffen wie 'gestylten ErgĂĽssen' auszuhebeln. Darin ist eine Ohrfeige verborgen, die niemand verdient hat. Schlichtweg ĂĽberflĂĽssig.

Bis zu einem gewissen Grad stimme ich Deiner Analyse zu. Sie ist sehr klug und irgendwie distanziert. Das ist mein Text nicht und wollte es nicht sein. Ich wollte eben genau diese sehr persönliche Perspektive auf das Geschehen zulassen. Ich persönlich habe diese Gefühle der Enttäuschung, dass mir "meine Gesellschaft" quasi unbemerkt unterm Hintern weggezogen worden ist. Aber es geht mir eben nicht um das Jammern, sondern um eine Bestandsaufnahme. Wo stehe ich, wo stehen wir alle, was können wir tun.
Selbst wenn Westdeutschland das Schaufenster für den Osten war, selbst wenn die alte BRD kein Puppenheim war, so hat sich mein Koordinatensystem in jener Zeit entwickelt, ich habe es 'mitgenommen', es existiert unabhängig von den Zeitläuften und ist nicht weniger real als ich selbst.

Ich habe meine GefĂĽhle zugelassen, den Schmerz darĂĽber, dass der "kleine Mann" nicht nur nicht mehr wichtig ist, sondern im Gegenteil zu einer Konkursmasse generiert ist.
Aus der Enttäuschung wird Wut, aus der Wut setzt sich Energie frei, Gefühle in Worte zu fassen und in den Diskurs zu treten. Ich habe diesen Diskurs nirgendwo gesehen. In allen arrivierten Medien scheint eine Art Einverständnis darüber zu herrschen, dass die aktuelle Realität kein Unrecht, sondern allenfalls bittere Notwendigkeit sein soll.

Ich sehe keinen Anlass fĂĽr Resignation.

Mir kommt Deine Perspektive aus der weisen Distanz schon verletzend abgehoben vor. Mir geht es nicht um mich, sondern um den Zustand dieser Gesellschaft - ich habe mein Erleben nur beispielhaft in den Raum gestellt. Nenn' es wie Du magst.

Was Identitätsbrüche anbelangt, wird kein 'Wessi' je ermessen können, was es bedeutet, wenn einem sein ganzes Land unterm Hintern weggezogen wird. Das ist auch hier nicht mein Thema.

Und es hilft auch nicht, nur die Gesellschaftsformen im clinch zu sehen. Ich sehe Technokraten am Werk, die unfähig sind, Interdependenzen zu erkennen. Ganz konkret. Unsere diese Gesellschaft ist krank, und das hat nicht der Kapitalismus oder die Kapitalisten gemacht. Das ist die Summe an persönlichem Versagen und das Schweigen darüber - oder noch schlimmer Schönreden.

Du hast etwas Falsches hineingelesen. Und vor allem hast Du vergessen, dass allein schon die Mitteilung über das Medium, hier in der Leselupe, 'etwas tun' ist - selbst, wenn es nur der zweite Schritt nach dem 1. (Denken) vom Anfang ist. Ich hätte auch mit meinem Schatz ein Bier trinken gehen können ...

Ich bin nicht hoffnungslos - ich bin wütend und Deine Haltung, der Diskurs wäre intellektuelles Geschwafel, hebt meine Laune auch nicht, und ganz sicher nicht, wenn man sich auf diese Killerphrase zurückzieht, man sage es ja nun einmal nur so wie es sei. Naaa toll!

@ Mumpf
Danke fĂĽr die links - habe ich gleich ausprobiert

Deine AusfĂĽhrungen zur Eigenverantwortung haben mir sehr gefallen - und ich habe sie auch verstanden ;-) - im Gegensatz zu den sozialistischen Phantasien und dem Neoliberalismus - das ist nun mir zu intellektuell

@ Mumpf und Waldemar
Ich bitte um Verständnis, dass mir in diesem Zusammenhang der "konstruktivistisch/systemische" Ansatz irgendwie verloren gegangen ist ... und bei der "Autopoiese" bin ich erst Recht ausgestiegen.

@Höldereden
Danke fĂĽr Deinen Idealismus.

@Höldereden und Waldemar Hammel
Ob es das FlĂĽchten wirklich bringt?
Vielleicht ist das einzige, was man ohne politische Macht tun kann: alle Menschen mit freundlichem Respekt zu behandeln - und zuhören. Dafür werden wir hier gebraucht.
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