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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Wer sich nicht geniert, krank zu sein, wird isoliert und stirbt allein
Eingestellt am 14. 08. 2019 11:27


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Etma
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Wer sich nicht geniert, krank zu sein, wird isoliert und stirbt allein

Das Dorf möchte Anne in die Isolationszelle werfen, denn Anne hat Schnupfen und das Dorf mag Schnupfen nicht; es könnten schließlich alle Schnupfen bekommen, nur weil Anne Schnupfen hat. Als, die in Wirklichkeit kerngesunde, Anne aufwacht, betritt ihre Mutter das Zimmer, schließt die TĂŒr, legt sich auf den Boden und starrt mit weiten Augen zur Decke hinauf. Anne grĂŒĂŸt. Ihre Mutter kauert sich zusammen und sagt: “Sie sind in Aufruhr wegen deinem Schnupfen. Gleich nehmen sie dich mit. Sie stehen schon vor der TĂŒr” Anne steigt aus dem Bett und monologisiert: “Habe ich denn Schnupfen, nur weil ich einmal geniest habe? Lag außerdem nicht alles am Pfeffer? DarĂŒber hinaus habe nichtmal ich gepfeffert, sondern der scheußliche Giselbert. Er verschweigt die Wahrheit. Und unsere GĂ€ste, diese Plauderer haben allen erzĂ€hlt, dass ich geniest habe. Eine MĂŒcke mit Trompete wird fĂŒr einen zornigen Elefanten gehalten!” Es klopft. Annes Mutter verdeckt ihr Gesicht und sagt: “Es tut mir Leid, Anne. Du musst jetzt gehen. Man erwartet dich schon.” - “Na, wenn sie schon im Hause sind, kann man sie ja nicht warten lassen”, sagt Anne. Ihre Mutter zittert, wie Wackelpudding. “Wenn du mich suchst”, sagt Anne und steigt ĂŒber ihre nun weinende Mutter, ”ich bin in der Isolationszelle - und krepiere!” Die TĂŒr geht auf, die beiden DorfwĂ€chter betreten das Zimmer. Sie packen Anne unter den Armen und zerren sie die Treppe hinab, hinaus durch den Vorgarten, unter der brennenden Sonne, ĂŒber die Dorfstraße hinweg zum Dorfplatz.

Dort, umgeben von Rathaus, Kirche, Kneipe und einigen pompös verzierten Fassaden, haben sich die Bewohner des Dorfes versammelt. Als sie Anne angeschleppt kommen sehen, verwandeln sie sich in eine wĂŒtenden Meute. “Fort mit ihr!”, schreit jemand. Geballte FĂ€uste werden in die Luft gestreckt, jemand hĂ€lt die Todesfahne hoch. Anne wird angespuckt und wenn nicht die beiden WĂ€chter die Menge teilen wĂŒrden, wĂ€re Anne schon verloren. Selbst Frauen und Kinder stehen kampfbereit in der ersten Reihe und funkeln hasserfĂŒllt mit ihren Augen. Man hat einen kleinen Podest errichtet, auf dem Anne nun prĂ€sentiert wird, die beiden WĂ€chter stehen zu ihrer rechten und linken und halten ihre Arme fest, und manchmal flĂŒstert Anne ihnen schmeichelnde Worte ins Ohr, damit Anne wenigstens die beiden als VerbĂŒndete gewinnt. Vom Podest aus sieht sie die ganze Gemeinde. Sie bemerkt den Übergang zwischen den Reihen: WĂ€hrend ganz vorne weiterhin gespuckt und gebrĂŒllt wird, stehen dahinter eher traurige und Ă€ngstliche GemĂŒter. Hier und da guckt jemand zum Himmel und bekreuzigt sich. Andere bĂŒcken sich scheu zum Boden hinab. Dritte weinen vor Ekel. “Stirb, Kranke!”, ruft jemand aus der Mitte. Die Menge tobt. “Isoliert sie”, kreischt eine Mutter und zieht ihre Kinder hinfort. Plötzlich verstummt die Menge. Hinter Anne - die WĂ€chter erlauben ihr nicht, sich umzudrehen - beginnt ein Knabenchor zu singen. Anne wendet ihren Kopf, bis sie endlich aus dem Augenwinkel etwas erkennt. Der BĂŒrgermeister steigt, gefolgt von seinen Gehilfen, die Stufen des Rathauses hinab. Als der Knabenchor zu Ende gesungen hat, wird der BĂŒrgermeister von den Dörflern mit leidenschaftlichem Applaus empfangen. Bis jetzt hat Anne nur geschwiegen, da sie aber nun eine Chance sieht, sich zu retten, ruft sie aus voller Kehle: “Ich habe keinen Schnupfen, der Pfeffer hat mich zum Niesen gebracht!” - “Verstopft ihr das Maul”, sagt der BĂŒrgermeister, “sonst verbreitet sich die Seuche ja noch heute.” Er lacht, sodass sich sein Bauch nur so schĂŒttelt. Anne wird eine Kartoffel in den Mund gesteckt. Der BĂŒrgermeister erklimmt den RĂŒcken einer seiner Gehilfen, setzt sich auf seine Schultern und spricht von dort oben, aus der Höhe, hinab zum Dorf: “Die Isolationszelle.” Die Menge jubelt. “Ist unser Schatz!” Die BĂ€ckchen des BĂŒrgermeisters werden rot. “Nie hĂ€tte unser Dorf.” Seine Stimme ĂŒberschlĂ€gt sich vor Aufregung. “so viele gesunde Bewohner ohne die Isolationszelle! Sie lebe hoch, hoch, hoch.” Gejauchze und Begeisterung.

Die Glocken lĂ€uten Mittag. Anne sieht, wie sich einige entfernen. Da tritt aus der Menge Gaa hervor, ein Kindheitsfreund von Anne, er hat sich bislang nur zurĂŒckgehalten, beginnt nun aber eine Rede gegen die Sitten des Dorfes. WĂ€hrend er spricht, ziehen ihn mehrmals zwei Kerle zurĂŒck, doch Gaa ist krĂ€ftig und mit kleinen Seitenhieben bringt er sie zur Ruhe. Gaa rebelliert gegen die Isolationszelle. Sie wĂ€re doch schon lange veraltet und man könne sich in der heutigen Zeit solch eine unmoralische Angewohnheit nicht mehr leisten. Als Gaa aber den Höhepunkt seiner vielleicht spontanen, vielleicht vorhin eingeĂŒbten, vielleicht schon lange formulierten Rede erreicht, da packt ihn ein Greis, der sich in der Zwischenzeit recht flott herangeschlichen hat, wirft Gaa auf den Boden und verprĂŒgelt ihn mit seinem Gehstock, sodass Gaa sich kaum wehren kann. Die beiden Kerle, die soeben schon fast ihre Hoffnung aufgegeben haben, Gaa jemals zum Schweigen bringen zu können, schlagen ebenfalls auf ihn ein und grinsen sich dabei immer wieder gegenseitig an. Der BĂŒrgermeister guckt euphorisch zu, als wĂ€re diese PrĂŒgelei sein höchster Wunsch gewesen. Anne, die das alles leidend beobachtet, spuckt die Kartoffel aus, um allem ein Ende zu setzen. Die Menge weicht zurĂŒck. “Sie wird uns anstecken!”, schreit jemand. Viele fliehen, wie vor dem Ende der Welt. Der BĂŒrgermeister beauftragt seine Gehilfen dazu, alle zurĂŒckzuholen, der Platz ist nĂ€mlich beinahe leer. Die Geflohenen verstecken sich aber in den Gassen und HĂ€usern oder klammern sich an ZĂ€unen und Laternen fest, sodass es lange dauert, bis wenigstens der kleinste Teil wieder zurĂŒckkehrt. Bis dahin ist selbstredend erneut fĂŒr Ordnung gesorgt: Anne wird mit der Kartoffel gestopft, der zusammengeschlagene Gaa wird fortgetragen und fĂŒr den BĂŒrgermeister wird ein kleines Mittagessen hinauf gereicht!

Nachdem dieser seine Mahlzeit verzehrt hat, hebt er pathetisch die Arme, verliert fĂŒr einen Moment fast das Gleichgewicht und spricht: “Anne wird zur öffentlichen Sicherheit, und zur Bewahrung von Recht und Ordnung, in die Isolationszelle gesperrt. Lebenslang. Denn wer sich nicht geniert, krank zu sein, wird isoliert und stirbt allein.” Annes verbleibenden Gegner nicken zufrieden und verlassen den Platz. Der BĂŒrgermeister steigt heiter von den Schultern des Gehilfen hinab - der wĂ€hrend der ganzen Versammlung immer gequĂ€lter aussah und nun endlich entlastet ist und befreit ausatmet. Auch sie verschwinden.

Die WĂ€chter begleiten Anne nach Hause. Dort soll sie packen fĂŒr die Haft. “Ich habe keinen Schnupfen”, sagt Anne, “lasst mich einfach fliehen.” Die WĂ€chter wechseln Blicke, drehen sich um und beginnen zu tuscheln. Anne möchte zuhören, doch einer der WĂ€chter hĂ€lt sie auf Abstand. Schließlich wenden sie sich ihr wieder zu, wippen auf ihren Zehenspitzen vor und zurĂŒck und sagen (mal gleichzeitig, mal abwechselnd): “Wir sehen doch, du bist nicht krank. Dich zu isolieren wĂ€re blödsinnig. Wir werden dich in einem Sack aus dem Dorf schmuggeln.” Anne rast die Treppe hinab, in die Speisekammer, greift nach einem Mehlsack, aus dem flink eine Maus hinaus flitzt, und sprintet wieder auf ihr Zimmer. Dort schlĂŒpft Anne hinein, in den Sack, und die WĂ€chter heben sie kichernd ĂŒber die Schulter. “Jau, ist es hier eng und finster!”, sagt Anne und wird von einem der WĂ€chter zum Schweigen gekniffen. Als sie den Dorfrand erreicht haben, legen sie Anne sanft auf den Boden. Anne steigt in die Freiheit. Der Mond scheint hell. Die WĂ€chter verneigen sich und gehen Arm in Arm zurĂŒck ins Dorf. Anne lĂ€uft zum nĂ€chsten Bahnhof, fĂ€hrt zum Flughafen und fliegt hinweg. Im Flugzeug starrt sie mit gebrochenen Augen aus dem Fenster hinaus und weiß, es gibt keine RĂŒckkehr, kein ZurĂŒck mehr in das Dorf, das einst noch Heimat war, und sie fĂŒhlt sich, wie die vereinsamte TrĂ€ne, die gerade fĂŒr immer ihr Auge verlĂ€sst und sie stellt sich vor, diese TrĂ€ne gelangt eines Tages endlich in den Ozean.

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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Hallo Etma,

hier ein paar Beispiele:

Als, die in Wirklichkeit kerngesunde, Anne aufwacht, betritt ihre Mutter das Zimmer, schließt die TĂŒr, legt sich auf den Boden und starrt mit weiten Augen zur Decke hinauf. Anne grĂŒĂŸt. Ihre Mutter kauert sich zusammen und sagt: “Sie sind in Aufruhr wegen deinem Schnupfen. Gleich nehmen sie dich mit. Sie stehen schon vor der TĂŒr” Anne steigt aus dem Bett und monologisiert: “Habe ich denn Schnupfen, nur weil ich einmal geniest habe? Lag außerdem nicht alles am Pfeffer? DarĂŒber hinaus habe nichtmal ich gepfeffert, sondern der scheußliche Giselbert. Er verschweigt die Wahrheit. Und unsere GĂ€ste, diese Plauderer, haben allen erzĂ€hlt, dass ich geniest habe.

Also: keine Kommas fĂŒr den vermeintlichen Einschub "die in Wirklichkeit kerngesunde Anne", ein Komma hinter den "Plauderern", denn das ist wirklich ein Einschub...

Trotzdem: ein außergewöhnlicher Text!

LG

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