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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wer war er schon
Eingestellt am 22. 02. 2002 22:17


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Libell
???
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Wer war er schon

Wolfgang Koslowski stand auf einer Trittleiter und wechselte Gl├╝hbirnen aus. Es war sp├Ąter Nachmittag, die meisten B├╝roangestellten hatten die Firma bereits verlassen. Koslowski freute sich auf den Feierabend und pfiff leise vor sich hin.

Dr. Andresen kam aus der Direktions-Herrentoilette, schritt wort- und gru├člos an Koslowski vorbei, ri├č die T├╝r zum Vorstandsb├╝ro auf und verschwand. Wenigstens gr├╝├čen h├Ątte er k├Ânnen, Koslowski sch├╝ttelte den Kopf. Aber B├╝roboten gr├╝├čt man nicht, wenn man es so weit gebracht hatte wie Andresen: Abitur, Betriebswirtschaft-Studium in Hamburg, zwei Semester an einer amerikanischen Universit├Ąt, Promotion, Direktionsassistent, Abteilungsleiter. Heute war Andresen Niederlassungsleiter und Koslowskis oberster Chef.

Die beiden Sekret├Ąrinnen von Dr. Andresen erschienen auf dem Flur, w├╝nschten Koslowski einen sch├Ânen Feierabend und verschwanden im Fahrstuhl. Der Buchhalter aus der ├ťbersee-Abteilung rief Koslowski ein fr├Âhliches: "bis morgen!" zu und verschwand im Treppenhaus. Koslowski beugte sich auf der Leiter etwas vor und sp├Ąhte aus dem Flurfenster. Die Sekret├Ąrinnen und der Buchhalter hielten auf dem Betriebsparkplatz noch ein kleines Schw├Ątzchen, stiegen in ihre Autos und fuhren vom Hof. Jetzt waren nur noch Andresen und Koslowski im Haus.

Koslowski r├╝ckte die Leiter zwei Meter weiter und inspizierte die n├Ąchsten f├╝nf Gl├╝hbirnen, die an einer Deckenschiene angebracht waren. Eine Birne flackerte leicht, er w├╝rde sie am besten sofort mit auswechseln. Andresen sollte keinen Anla├č bekommen, mit Koslowskis Arbeitseinsatz unzufrieden zu sein. Andresen war als kritischer Chef bekannt und Koslowski brauchte diese Stelle. Mit 56 Jahren war es fast aussichtslos, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Wer Arbeit hatte, der klammerte sich daran und nahm Kritik oder Nichtbeachtung klaglos hin. Klaglos hatte er Andresens Geringsch├Ątzung hingenommen. Klaglos hatte er ertragen, da├č Andresen ihn seit Jahren fast nie gr├╝├čte, ihn "Bosowski" nannte statt "Koslowski", ihn sogar einmal angeschrien hatte, als Koslowski aus einem dringenden Bed├╝rfnis heraus die Direktionstoilette zum Pinkeln benutzt hatte: "Sie haben hier gar nichts zu suchen!", hatte er gebr├╝llt, "wissen Sie nicht, wer Sie sind, Mann?!"

Ja, wer war er schon. Jemand, der es in 40 Arbeitsjahren nur dazu gebracht hatte, als B├╝robote und Firmen-Faktotum Befehle und Auftr├Ąge anderer auszuf├╝hren. Jemand, den der Chef mi├čachten, drangsalieren und schikanieren konnte. Und dabei waren sie doch einmal in die gleiche Klasse gegangen, Andresen und er. Damals, in der Volksschule. Sie hatten nebeneinander in der dritten Reihe gesessen. Ingo Andresen, der Sohn des Apothekers und Wolfgang Koslowski, Sohn eines Landarbeiters.

Hatte Andresen das ganz vergessen? War ihm niemals der Gedanke gekommen, da├č er Wolfgang Koslowski aus l├Ąngst vergangenen Kindertagen kannte? Wolfgang, der in der Klasse viel beliebter war als Ingo, Wolfgang, der besser turnen konnte als Ingo, Wolfgang, der besser rechnen konnte als Ingo. Und doch hatte Ingo, im Gegensatz zu Wolfgang, von der Lehrerin eine Empfehlung f├╝r das Gymnasium erhalten, keine Frage als Sohn des Apothekers. Und was sollte der Sohn eines Landarbeiters schon auf dem Gymnasium? Ingos Weg war vorgezeichnet, Abitur, Studium, Karriere. Wolfgang Koslowski beendete mit 16 Jahre die Volksschule und wurde Lagerarbeiter in einer Papierfabrik, Arbeiter auf dem Schlachthof, Taxifahrer und schlie├člich B├╝robote und "M├Ądchen f├╝r alles" in seiner jetzigen Firma. Als vor vier Jahren der Konzern einen neuen Chef aus der Zentrale in die Provinz schickte und Dr. Andresen sich den Mitarbeitern vorstellte, da h├Ątte Koslowski ihn fast mit "Hallo Ingo!" begr├╝├čt. Zum Gl├╝ck hatte er sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge gebissen.

Koslowski hatte die letzten Gl├╝hbirnen inspiziert und stieg von der Leiter, als er pl├Âtzlich aus dem Direktionsb├╝ro ein seltsames Ger├Ąusch h├Ârte. Es klang wie ein Keuchen. Koslowski horchte. Jemand st├Âhnte laut und etwas polterte. Koslowski ri├č die T├╝r auf. Dr. Andresen lag auf dem Fu├čboden mit bl├Ąulich verf├Ąrbtem Gesicht und rang nach Luft. Sein Brustkorb hob und senkte sich krampfhaft. Ein schwerer Asthmaanfall. Koslowski kannte die Symptome von seinem Vater, der sich als Kettenraucher die Lungen ruiniert hatte. Andresen keuchte, sog pfeifend Luft ein, schien etwas sagen zu wollen. Seine rechter Arm war lang ausgestreckt, die Hand tastete nach etwas. Koslowski sah, was Andresen suchte. Eine kleine Arznei-Plastikflasche ÔÇô vermutlich ein Asthmaspray ÔÇô sie war gerade ein paar Zentimeter aus Andresens Reichweite gerollt. "Bosowski, verdammt machen Sie schon, der Spray!", keuchte Andresen.

Im ersten Impuls wollte sich Koslowski b├╝cken, die Flasche greifen, Andresen den lebensrettenden Spray gleich auf die Zunge spr├╝hen.. Aber dann besann er sich eines Besseren. Er stellte ganz leicht seinen rechten Fu├č auf die Flasche und entzog sie damit Andresens kraftlos zitternden Fingern, die vergeblich nach der rettenden Arznei tasteten. "Koslowski, nicht Bosowski!", er starrte in Andresens immer bl├Ąulicher werdendes Gesicht, und las in dessem glasiger werdenden Blick erst Wut, dann Verwirrung, dann so etwas wie Erkenntnis. Andresens Kopf fiel auf die Seite. Atmete er noch? Der Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr. Koslowski gab dem Arzneifl├Ąschchen einen kleinen Sto├č, so da├č es ganz aus Andresens Reichweite kullerte. Er lie├č Andresen so liegen wie er lag, zog sich vorsichtig auf den Flur zur├╝ck und schlo├č die T├╝r zu Andresens B├╝ro. Er hatte nichts geh├Ârt und nichts gesehen. Er war schlie├člich nur Bosowski, der B├╝robote.

Koslowski trug die Trittleiter zur├╝ck in den Abstellraum, ergriff seinen einsam am Garderobenhaken h├Ąngenden Anorak, zog ihn ├╝ber, nahm seine alte abgewetzte Aktentasche und verlie├č leise vor sich hinpfeifend das Geb├Ąude.

Dr. Andresen wurde in den fr├╝hen Morgenstunden des n├Ąchsten Tages von der Putzfrau gefunden. Der eilig herbeigerufene Arzt konnte nicht mehr helfen. Nach dem Zustand der Leiche war Andresen bereits seit Stunden tot. Offenbar war ihm der rettende Asthmaspray aus der Hand geglitten und unter den Schreibtisch gerollt. Tragisch. Der Arzt sch├╝ttelte mitf├╝hlend den Kopf und stellte den Totenschein aus.





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vreni
M├Âchtegern-Schreiber
Registriert: Feb 2002

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Es gef├Ąllt mir. Mit der Vorgeschichte welche du ├╝ber Koslowski erz├Ąhlt wird er mir richtig symphatisch, dadurch dr├╝ckt man ruhig mal beide Augen zu wenn er etwas moralisch inaktetables macht
__________________
Tempora motantur nos et mutamur in illis !

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Libell
???
Registriert: Feb 2002

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Danke, vreni, ich habe mich sehr ├╝ber Dein Lob gefreut!

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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nee,

das ist kein grund, einem menschen die hilfe zu versagen. dein koslowski soll sich was sch├Ąmen!
__________________
Old Icke

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Libell
???
Registriert: Feb 2002

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yep

Yep, Flammarion, Recht hast Du, werde mir meinen Koslowski vorkn├Âpfen und es ihm ausrichten!

Mich interessieren Menschen in Konfliktsituationen, die sich nicht so verhalten, wie sie sich aufgrund ihres bisher gef├╝hrten Lebens immer verhalten haben. Mit hinein spielt da die Frage, ob es so etwas wie Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft gibt.

Libell

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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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Super, aber...

das koennte fast noch ein bisschen mehr Fiesheit vertragen. Die Vorgeschichte Deines Anti-Helden ist klasse eingefaedelt, Du baust ganz toll eine gespannte Erwartung auf udn dann - ist der Hoehepunkt irgendwie viel zu schnell vorbei. Lass doch Deinen Koslowski den einzigen Triumph, den er im Leben hat, etwas laenger auskosten. Vielleicht zoegert er erst, nimmt das Spray auf, dann kriegt er einen kalten Glanz in den Augen...
Die Geschichte erzeugt jetzt schon ein seltsames Gefuehl im Bauch, das koennte aber noch verstaerkt werden!
Gruss
Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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