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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wetterbericht
Eingestellt am 29. 08. 2001 22:50


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Ingwer
Routinierter Autor
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Ich hielt Wetterfr├Âsche, fr├╝her. In einem hohen Glas eingesperrt, all ihren Lebensraum, der vorher Teich und Sumpf gewesen waren, nun auf ein Volumen von zwei Kubikdezimetern komprimiert, zusammengestaucht auf das, was ich f├╝r wichtig hielt. Etwas Wasser unten, ein wenig Futter auch- aber haupts├Ąchlich das Leiterchen, auf dem sich mein frosch emporschwingen sollte.
Sie lebten nicht lange, und irgendwann hatte ich es satt, st├Ąndig zum See zu fahren und einen neuen Frosch zu fangen und den toten, glibbrig und feucht, im Klo herunterzusp├╝len. Die M├╝he lohnte sich nicht; denn meistens stimmten ihre vorhersagen nicht. Sie waren faul, denke ich.
Sp├Ąter setzte ich mir in den Kopf, Regenbeobachterin zu werden, vielleicht als Angestellte einer Stadtverwaltung, die Wert darauf legt, dass in allen Stra├čen rechtzeitig vor dem gro├čen Gu├č alle Markisen heruntergelassen werden k├Ânnen.
Ich stellte mir meinen Arbeitsalltag so vor, dass ich auf einem hohen Turm sitzen oder auf einem Hochhausdach liegen w├╝rde und tagaus tagein und eventuell gegen Gehaltszulage auch noch nachts, den Himmel beobachten w├╝rde. Jede bedrohliche und Regen ank├╝ndigende Ver├Ąnderung w├╝rde ich nat├╝rlich sofort melden.
Diese Vorstellung h├Ârte sich f├╝r mich sehr verlockend an; denn wer den ganzen Tag so nah am Himmel ist, muss ein sehr gl├╝cklicher Mensch sein. Blau ist auch eine beruhigende Farbe, und durch die ver├Ąndernden Farben und Formen der Wolken w├╝rde es sicher nicht langweilig werden. Dachte ich.
Eines Besseren belehrt wurde ich, als ich auf dem Schuppendach meiner Gro├čeltern einen Nachmittag probelag. Ich konnte meinen Blick einfach nicht am Himmel halten, ohne geblendet, abgelenkt oder gelangweilt zu sein, so dass mir die Augen zufielen.

Ich lie├č alle exotischen Berufsw├╝nsche hinter mir und absolvierte eine Lehre zur Friseuse.
Mittlerweile, nach einem guten Dutzend Berufjahren samt Meisterpr├╝fung und Er├Âffnung eines eigenen Ladens, wird mir immer mehr bewusst, dass ich mich nicht so weit von meinem urspr├╝nglichen Berufswunsch entfernt hatte, wie einst angenommen. Wenn ich heute Kundschaft meinen Laden betreten sehe, brauche ich ihnen nicht erst in die Augen zu schauen, um dort nach ihren W├╝nschen zu forschen. Ich lese sie an ihrer K├Ârperhaltung ab, an ihrem gesenkten Blick, der grauen betonartigen Haarmasse, die ihren Sch├Ądel umh├╝llt wie ein mittelalterlicher Helm. Die meisten Menschen, die das erste Mal zu mir kommen, kommen geb├╝ckt.
Meine Aufgabe ist zwar nicht, an den grauen Wolken das Wetter abzulesen, aber trotzdem bewahre ich auch heute noch die Menschen vor dem Nasswerden.
Wer meinen Salon verl├Ąsst, steht nicht da wie ein begossener Pudel, sondern mit stolz erhobenen, glatt, gelocktem, kurz, langem, nat├╝rlich, gef├Ąrbtem Haupthaar.
Ich habe nicht nur in der Hand, den Menschen das Wetter vorrauszusagen- nein, ich erschaffe es an ihnen. Wer sich mit seinem Kopf in Einklang f├╝hlt, kann den Tag rundum genie├čen. Und das ist doch das Wetter, auf das es ankommt, nicht wahr, meine Damen und Herren? Der innere Sonnenschein, den man und frau sich durch wohlwollende Blicke auf die eigene Haarpracht zusammensammelt.
Ich lasse niemanden aus meinem Salon heraus, der kein L├Ącheln auf den Lippen mit sich tr├Ągt- und zwar ein echtes L├Ącheln, kein Muskelzucken der Lippen. Einmal habe ich einer Frau, die mit ihren "zu" kurz geschnittenen Haaren nicht ganz zufrieden war, eine Per├╝cke ├╝berlassen. F├╝r den ├ťbergang- denn gefallen sollten einem seine Haare schon.
Bei der Wahl der Akkoustik lasse ich jedoch keine Kompromisse zu: Radio rund um die Uhr. Und zweimal st├╝ndlich einen guten Wetterbericht: Das muss schon sein. Mindestens.

Ich selbst trage ├╝brigens eine Glatze, die ich jeden Abend gr├╝ndlich nachrasiere.
Eine Regenwarnerin sollte schlie├člich nicht wasserscheu sein

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La Luna
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Hallo liebe Ingwer,

hm....ich wei├č nicht recht, ob ich in deinem Beitrag nicht a bisserl Ironie lese, oder lesen sollte.
Das Gl├╝ck dieser Erde in einer wohlgeformten Frisur zu finden, erscheint mir doch als ein etwas zu oberfl├Ąchliches "Gl├╝ck", als das es ein wirkliches sein k├Ânnte.
Ist es nicht eher so, dass der Friseur an den Auswirkungen des Unmuts herumschnippelt und die Ursachen f├╝r diese Unzufriedenheit, mit sich selbst und meist auch mit der Umwelt, ganz tief in der Seele vergraben liegen - in der Tiefe, die nie ein Friseur zuvor gesehen hat?

Sinnende Gr├╝├če
Julia

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Ingwer
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Bingo...

Im w├Ârtlichen Sinne ernst war das alles sicher nicht gemeint- deshalb auch der letzte Satz. Du hast nat├╝rlich recht mit allem, was Du schreibst- das habe ich nie anders gesehen. Und nichts anderes wollte ich mit dem Geschichtchen auch ausdr├╝cken- vielleicht ein bisschen auf provokante Art aufmerksam machen.
Ja, Ironie sollte es sein.

Liebe Gr├╝├če
Ingwer

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flammarion
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hallo,

das ist eine sehr nette kleine geschichte. in ihr begegnet mir eine der liebenswertesten friseusen, die ich je kannte. die glatze is super! ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Ingwer
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Freut mich, dass sie Dir gef├Ąllt!
Kleine ├ťbung, um NICHT nur ├╝ber mich selbst zu schreiben- bin n├Ąmlich keine Friseuse ;-)
Liebe Gr├╝├če,
Ingwer

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