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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wetterumschwung
Eingestellt am 20. 03. 2002 16:59


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Friederike K.
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Registriert: Mar 2002

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Wetterumschwung

Wenn sie den rechten Arm ausstreckte, konnte sie den Himmel berĂŒhren. Er fĂŒhlte sich zart an, ein Schleier aus geflochtenen Wolken. Und kalt war er, Eis war nicht kĂ€lter.
Durch den Fensterspalt wehte ein FrĂŒhlingswind und ließ den Winterhimmel schmelzen. Er rann in schmalen Spuren ĂŒber ihre Wangen und nĂ€ĂŸte den Halsausschnitt ihres T-Shirts.
Manchmal war sie morgens traurig.
Ein langer Weg, den sie morgens hatte. Vom Bett zum Schrank, vom Schrank zum Bad, vom Bad zum KĂŒchentisch. Auf dem Weg zum Schrank ließ sie ihre TrĂ€ume hinter sich, zerwĂŒhlte Bettlaken ohne wĂ€rmenden Inhalt. Auf dem Weg zum Bad faltete sie ihre Phantasie auf die GrĂ¶ĂŸe eines Taschentuchs zusammen, das sie in der Hosentasche verschwinden ließ. Mehrere Male hatte sie es vergessen und in der 40 Grad WĂ€sche mitgewaschen, deshalb war es schon ein bißchen löchrig geworden und ließ sich abends manchmal nicht mehr auffalten. Ihre KreativitĂ€t sperrte sie in das Badezimmer. Immer öfter fing sie an, zu quengeln und wollte mit zur Arbeit genommen werden. Das ging nicht, KreativitĂ€t war auf der Arbeit nicht erlaubt. Sie drehte den SchlĂŒssel zweimal um. Hinter der TĂŒr hörte sie ein leises Weinen. Ein langer Weg. Sie bestrich ein Toast mit Butter und Marmelade, steckte eine Flasche Wasser in den schwarzen Rucksack und schaltete das Radio an. FĂŒnf Minuten Musik, um einen Mundwinkel nach oben zu bekommen. Der andere hing. Vielleicht wĂŒrde GesichtbĂŒgeln helfen. Über der Idee fing sie an, zu lachen. Ein paar Sekunden konnte sie den Mundwinkel oben halten, dann rutschte er in eine endgĂŒltige Position zurĂŒck. Sie mußte sich beeilen, um den Bus noch zu kriegen.
Die Landschaft rauschte an ihr vorbei. Da waren viele ZĂ€une, die verhinderten, daß die Felder fett wurden, und kleine FeldbĂ€che, die sich an StraßensĂ€umen schmerzhaft verengten. Das Gras war cholesterinĂŒberdĂŒngt. HĂ€user bekamen puterrote Köpfe und atmeten mĂŒhsam durch viel zu kleine Fenster. Alles stand kurz vor dem Herzschlag. Ihr wurde ĂŒbel, sie wandte sich vom Plastikfenster ab und starrte auf den Boden. Sie starrte noch auf den Boden, als sie ausstieg. Sie lief ĂŒber einen Plattenweg in der FußgĂ€ngerzone. Zwei Jugendliche mit Nike-Turnschuhen rempelten sie an.
Da lagen viele plattgetretene Kaugummis. Auf den dunklen Platten sahen sie aus, wie Wolken an einem Winterhimmel. Sie mußte das Taschentuch aus der Hosentasche ziehen und sich die Nase putzen. Sie blickte nach oben und sah eine gelbe Leuchtreklame. Nagelstudio, stand da. Hinter der beklebten Glasscheibe saß eine Ă€ltere rosagekleidete Frau und lackierte sich die FingernĂ€gel. Die Farbe war, sie trat nĂ€her, die Farbe war pink. Sie schaute auf ihre eigenen FingernĂ€gel. Nichtssagender Klarlack. Auf der Computertastatur konnte sie ihre Finger tagtĂ€glich verfolgen. Wie sie von Buchstabe zu Buchstabe klapperten, ohne Schattenwurf, dafĂŒr waren sie zu schnell. Sie hinterließen nichts. Nicht mal Tintenflecke. Es klingelte leise, als sie eintrat. Ein Gemisch aus Aceton und Lavendel schlug ihr entgegen. Die rosafarbene Dame blickte auf und lĂ€chelte ihr zu.
„Guten Tag“, sagte sie, „ich dachte, sie kommen nicht mehr.“
„Wie bitte?“
„Ich habe sie da draußen schon eine ganze Weile beobachtet, aber sie sahen aus, als wollten sie weiter gehen.“
„Ach so, also... nein.“ Sie blickte sich im Raum um und betrachtet eine Reihe von Bildern und Fotos mit bunten FingernĂ€geln. Manche waren einfach lackiert, aber es gab auch welche, die mit Glitzerpulver bestreut waren und verschiedene Farben und Motive hatten.
Die rosa Frau drehte das pinkfarbene NagellackflÀschchen zu und wedelte ihre Finger durch die Luft.
„An was hatten sie denn gedacht?“
Sie blieb vor einem Foto stehen. „Vielleicht so was?“
„Nein“, sagte die Frau, „das ist viel zu grell fĂŒr sie. Oder arbeiten sie in einer Tanzbar.“
Sie blickte an sich hinunter, braune Lederschuhe ohne Absatz, schwarze Jeanshose, darĂŒber eine dunkelblaue Jacke aus Cordstoff. Nichts an ihr sah irgendwie nach Tanzbar aus.
„Also, ich lackiere NĂ€gel individuell“, sagte die rosa Frau und wirkte dabei ganz individuell in ihrem pastellfarbenen Kleid mit RĂŒschen am Ärmel. Sie stand auf und ging hinter einen Vorhang.
Wenn ich schnell bin, bin ich weg, dachte sie, und komme pĂŒnktlich.
Der Vorhang raschelte, als die rosa Frau zurĂŒck kam. Sie trug einen Kasten mit vielen kleinen FĂ€chern. Auf der einen Seite lagen in jedem Fach kĂŒnstliche FingernĂ€gel in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen und Formen, auf der anderen Seite waren kleine Glitzersterne und –herzen und Sachen, die man frĂŒher mal in Poesiealben geklebt hatte.
„Setzen sie sich doch, ich hole noch eine Auswahl von Nagellacken.“
Sie nahm ihren Rucksack ab und setzte sich auf einen gelben Plastikschalenstuhl. Auf dem Tisch stand ein Telefon, daneben lag eine Zigarettenspitze und ein Block mit kleinen Zeichnungen von Landschaften. FrĂŒher hatte sie auch mal gemalt. Die Landschaften gefielen ihr gut, sie waren winzig aber man konnte alles erkennen, BĂ€ume und das Meer und die Wolken.
„So!“, sagte die Frau und setzte sich ihr gegenĂŒber. Sie stellte eine Palette mit verschiedenen Nagellackfarben auf dem Tisch ab. „Haben sie sich fĂŒr etwas entschieden?“
„Was wĂŒrden sie mir den vorschlagen?“
Die rosafarbene Frau lĂ€chelte und griff nach ihren HĂ€nden. „Sie haben schöne HĂ€nde. Und krĂ€ftige FingernĂ€gel“, sagte sie. „Sie inspirieren mich. Könnte ich etwas an ihnen ausprobieren?“
Sie wurde rot. „Ja“, sagte sie, „von mir aus.“
„Sie mĂŒssen auch nur den halben Preis bezahlen“, sagte die Frau, „weil es ein Versuch ist.“
Sie trĂ€ufelte etwas Nagellackentferner auf einen Wattebausch und nahm den farblosen Lack von ihren NĂ€geln. Dann schob sie die Nagelhaut mit einem OrangenholzstĂ€bchen nach hinten. „So“, sagte sie, „dann wollen wir mal!“
Sie schraubte FlĂ€schchen mit blau und grau auf, und silber, weiß und goldgelb. Erst lackierte sie eine Schicht Unterlack auf die linke und rechte Hand, dann kam eine Schicht blau mit etwas silber, aber nur an einigen NĂ€geln, manche ließ sie aus, nahm etwas dunkelblau und griff dann zum weiß, auf dem Daumennagel benutzte sie den goldgelben Lack.
Zwischendurch trocknete sie die Schichten mit einem Warmluftfön, der ihre HĂ€nde aufwĂ€rmte, so daß sie prickelten. „Sie haben wirklich schöne und gesunde FingernĂ€gel!“, sagte sie nebenbei, „Sonst klebe ich oft kĂŒnstliche NĂ€gel an, aber bei ihnen ist das nicht nötig.“
„Jetzt noch eine Schicht Überlack, dann bin ich fertig!“, sagte sie nach einer Weile und strich sich das graumelierte Haar zurĂŒck. Ihre Wimpertusche war unter dem linken Auge etwas verlaufen. Sie fönte ĂŒber die HĂ€nde, betrachtete die NĂ€gel prĂŒfend und schnalzte mir der Zunge. „Gar nicht schlecht“, murmelte sie, „wirklich gar nicht schlecht!“ „So, fertig!“, sagte sie einen Moment spĂ€ter. „Schauen sie doch.“

Sie hat mir einen Himmel auf die HÀnde gezaubert, dachte sie und betrachtete ihre FingernÀgel. Einen Winterwolkenhimmel.
„Hier habe ich die Sonne gemalt“, sagte die rosafarbene Frau und zeigte auf ihren rechten Daumen. „Wissen sie, ohne Sonne wĂ€re es zu eintönig gewesen. Ich hoffe, es gefĂ€llt ihnen.“ „Warum weinen sie denn?“, fĂŒgte sie dann hastig hinzu, als sie sah, wie die TrĂ€nen auf ihre Cordjacke hinuntertropften. „GefĂ€llt es ihnen nicht? Soll ich es wieder ablackieren?“
„Nein!“, sagte sie und wischte die TrĂ€nen ab, „nein, lassen sie es so, ich finde es schön. Sie haben das ganz toll gemacht.“
Die rosa Frau blickte sie aufmerksam an, wie sie ihr Taschentuch aus der Hose holte und sich die Nase putzte. „Wissen sie“, sagte die rosa Frau und betrachtete das zerfledderte Taschentuch, „sie sehen etwas verloren aus. Gehen sie nach Hause und tun sie sich etwas Gutes. Bei mir hilft manchmal schon eine heiße Schokolade.“ Sie lĂ€chelte ihr aufmunternd zu und wĂŒhlte dann in der Tasche ihres RĂŒschenkleides. „Hier!“, sagte sie, „nehmen sie das!“ Sie drĂŒckte ihr eine Packung TaschentĂŒcher in die Hand und schob sie zur TĂŒr. „Das Lackieren war kostenlos. Kommen sie wieder, wenn der Lack abblĂ€ttert, ich wĂŒrde mich freuen.“ Die Ladenglocke lĂ€utete leise. Dann stand sie außen, vor der großen bunten Fensterscheibe und setzte ihren Rucksack auf. Die rosa Frau winkte ihr zu und verschwand hinter dem Vorhang.

Sie setzte sich in Bewegung. Die Packung TaschentĂŒcher hielt sie mit der Hand umklammert. Sie preßte sich fest in ihre HandflĂ€che. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen und zog die Packung aus der Jackentasche. Das Silber auf den NĂ€geln blitzte. Sie zog ein schneeweißes Taschentuch heraus und schĂŒttelte es auf. Der Wind griff hinein. Es blĂ€hte sich auf und flatterte wie eine Fahne. Lange betrachtete sie es. Dann öffnete sie die Winterhimmelfinger und es flog fort. Sie sah ihm nach, wie es fortflog, durch die Straße tanzte und immer höher, ĂŒber die DĂ€cher sprang. Die Sonne auf ihren NĂ€geln entflammte und schnitt die graue Luft in Streifen. Sie lachte.
Daheim sprang eine TĂŒr auf, Wind fegte durch die leeren Laken und fĂŒllte sie mit warmer FrĂŒhlingsluft.


FĂŒr meine liebe Kristina zum Geburtstag

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
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Liebe Friederike,

ein beeindruckender Text, sprachlich schön, und am Shcluß möchte ich mit"ihr" befreit lachen. Danke!

Gabi

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annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

liebe friederike,

ein schöner text, mit einem feuerwerk an einfÀllen.

viele grĂŒĂŸe von annabelle
(mit langweiligen klarlackfingernÀgeln)

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