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Leselupe.de > Erzählungen
Widersprüchliche Entwicklungen
Eingestellt am 19. 06. 2019 15:58


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Penelopeia
Autorenanwärter
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Widersprüchliche Entwicklungen

Mit dem verbrannten Chip kehrt sich bei M. die leichte Demenz in ihr Gegenteil um: die Verwirrung lässt nach, die Erinnerungen kommen klarer – meint er.
Doch die Wunde heilt nicht. Er ruft seinen Sohn an.

In den folgenden Tagen ging es dem alten Mann, einerseits, besser: Er schlief unerwartet schnell ein, schlief manchmal sogar durch bis zum Morgen; Alpträume verschonten ihn weitgehend, ja: seit Jahren wieder flatterten durch seine Träume, wenn sie denn kamen, angenehme Erscheinungen, weibliche Wesen mit zartbunten Flügeln, durchsichtig-kurzen Röcken, hauchdünnen Bikinis, goldenen Sandalen… Wenn er allerdings versuchte, sie im Fluge zu erhaschen, stoben sie kichernd davon oder verwandelten sich in einen schillernden Tautropfen, der langsam über ein giftgrünes Blatt lief, einen Moment am Rande verharrte, um dann, urplötzlich, wie erwacht, mit Entschiedenheit in die Tiefe zu stürzen, auf dem Boden aufzuschlagen und in tausend feinste, diamantstaubgleich schillernde Sonnenstäubchen zu zerspringen…
Sein Appetit besserte sich, der Druck in den Schläfen ließ nach.

Andererseits heilte die Brandwunde nicht. Sah es wenige Stunden nach dem heimischen Brandunfall noch so aus, als beruhige sich das offenliegende Gewebe und beginne zu heilen, nahmen die Schmerzen am Tag darauf merklich zu. Das Gewebe verfärbte sich lila und grün, die Wunde suppte und brannte.
Der alte Mann war ratlos. Sollte er ohne Chip zu einem der Apotheken-Roboter gehen und sich eine Diagnose und eine Heilsalbe geben lassen? Der Robo würde nicht reagieren können, er konnte ja keinen zerstörten Chip lesen!
Ihm fiel ein: Er konnte gar nicht zu irgendwem gehen! Der Chip war auch Wohnungsschlüssel, alle hatten eine solchen Schlüssel für ihre Wohnung, für das Auto, wenn sie denn eins besaßen, oder für die Klappe der Mülltonne. Er war ohne Chip nicht in der Lage, seine Wohnung zu betreten oder zu verlassen…
Früher oder später würde er trotzdem die Behörden telefonisch informieren müssen, falls die ihm nicht zuvorkamen. Bis zu diesem irgendwann nicht weiter aufzuschiebenden Zeitpunkt musste es aber doch möglich sein, den Zustand der neuen Unbeschwertheit, des guten Schlafens, freien Träumens und wiedererwachten Appetits zu genießen!
Der alte Mann erinnerte sich einer Hausmethode aus vergangenen Zeitaltern, er bestrich die Wunde mit Honig. Der Honig verkrustete, wurde hart. Das Blut pulste unter der Kruste. Der Schmerz wurde stärker. Zwei Tage weiter brach der Eiter hervor, braun und gelb und stinkend, und der alte Mann begann zu fiebern. Das Wohlgefühl verschwand so plötzlich, wie es gekommen war.
Sollte er sich doch umgehend melden? Er zögerte. Was würden die Behörden sagen, wenn er sich jetzt mit dem schadhaften Chip meldete? Vermutlich gäbe es eine Geldstrafe für die verspätete Meldung, sein Score würde damit noch weiter ins Minus rutschen. Die Behandlungskosten würde ihm die Krankenkasse aufbrummen, wahrscheinlich argumentierte sie in diesem Falle mit der Verschlimmerung der Wunde durch Verschleppung der Behandlung. Was aber das Schlimmste wäre: Ein Soziocontroller, von dem man nicht wusste, ob es sich um einen Angestellten oder Beamten des Staates, eine Maschine oder um eine Mensch-Maschine-Kombination handelte, käme zum Einsatz, der unter Einbeziehung der Ist-Situation, soziologischer Analysen und staatlicher Vorgaben, den weiteren Umgang mit einem gesellschaftlich auffälligen Mitbürger berechnete und festlegte.
Selten ging eine solche Rechnung zum Vorteil des Betroffenen aus. Meist wanderten derartige Fälle in Einrichtungen, von denen man nichts Gutes bisher hörte.
Der alte Mann wälzte sich zwei weitere Tage in seinem Bett. Das Fieber stieg. Mit zitternden Händen griff er zum Handy, schaltete es ein, wieder aus; schob es unter die Bettdecke. Schließlich wählte er doch die Nummer seines Sohnes.

Das Verhältnis des alten Mannes zu seinem Sohn war weder schlecht noch gut, es war kühl und emotionslos. Vater und Sohn hatten sich nicht viel zu sagen. War das immer so?
In den paar Jahren, die Vater und Sohn zusammenlebten, wurde eine Menge geredet. Allerdings meist in eine Richtung. Der Vater meinte, er müsse seinen Sohn auf das Leben vorbereiten, indem er ihm beizeiten möglichst viel Wissen und die Lust am Lernen und lebenslangen Wissenserwerb sowieso anerziehe. Er verbot ihm also zunächst grundsätzlich das Fernsehen; dann las er ihm ganze Stapel Weltliteratur vor; erklärte Buchstaben, solange, bis der Kleine die ersten Worte daraus kombinieren konnte – und zeigte nicht die geringste Spur von Zufriedenheit.
Sein Vater wusste genau, welche Bücher in Frage kamen! Er bestimmte jedoch nicht nur die Auswahl des seiner Meinung nach geeigneten Schrifttums, sondern auch die Geschwindigkeit ihrer Abarbeitung. Es ist nicht leicht für ein Kind, die Projektionen der Eltern auszuhalten. In diesem Fall war es allerdings besonders hart für den Jungen, denn sein Vater verfocht die eigenen Meinungen teilweise mit heiligem Ernst und der Zuhilfenahme diverser Mittel wie Kalender, Uhr, abschätzig verzogenem Mundwinkel…
„Was?“, mahnte der Vater den Sohn, „du hast in der letzten Woche nur zwei Seiten geschafft? Wann wollen wir denn fertig werden mit dem Werk, ich höre? Die Zeit verstreicht, sie fliegt, und zurückbleiben werden jene, die nie verstehen werden, worum es geht!“
Irgendwann probte der Sohn, da war er vielleicht zarte acht oder neun Jahre, den Aufstand. Er ließ sich erwischen beim Lesen von Büchern, die sein Vater per ordre de mufti auf eine ungeschriebene Indexliste gesetzt hatte. Bücher waren das wie „Pippi Langstrumpf“, Moby Dick, Robinson. Sein Vater war der Meinung, in „Pippi Langstrumpf“ stecke eine Menge Menschenverachtung und Kolonialattitüde drin, man könne das eindeutig festmachen an rassistischen Begriffen wie „Neger“ oder „Mohr“, oder an Behauptungen wie der von Pippi, im Kongo lögen die Menschen von früh um Sieben bis zum Sonnenuntergang. Und zur Bildung trügen diese Werke sowieso nicht bei. Reine Unterhaltungsliteratur…
Also nahm der Vater dem Sohn die schlechten Bücher weg und legte wieder jene hin, der er selbst für „bildungsunverzichtbar“ hielt: Graf Schenk von Stauffenberg, Anne Frank, Luther…
Der Junge schmiss die Werke in die Ecke und stellte die unverschämte Frage, für was Eltern eigentlich da seien. Sein Vater hielt inne, sah seinen Sohn lächelnd an und erklärte in feierlich-triefendem Tonfall, die Aufgabe der Eltern sei es, ihren Kindern eine gute Erziehung angedeihen zu lassen, Wissen zu vermitteln, ein Beispiel für ein sinnerfülltes Leben zu geben, sie quasi in die richtige Spur zu bringen. Der Kleine warf den Kopf in den Nacken, sah seinen Vater mit einem vernichtenden Blick an und bohrte weiter: „Und für was, nun sag, sind dann die anderen da?“ Da ging seinem Vater die Geduld aus und die Hand wurde selbstständig, landete unversehends auf des Knaben zarter Wange.

Riesengeschrei.

Die herbeigeeilte Mutter mischte sich ein, zog ihren weinenden Sohn an sich, schüttelte den Kopf und schalt den wie überflüssig und begossen dastehenden Ehemann den unfähigsten, sturköpfigsten Idioten-Pädagogen, der ihr je untergekommen sei.
Der Ehemann rächte sich wiederum an seiner Ehefrau mit spontanen Besuchen diverser Apppartements.
Die Streitereien wiederholten sich, die gegenseitigen Beschimpfungen dabei wurden intensiver, ätzender; der Mann der Familie tauchte häufiger ab, suchte sich Ablenkungen, wo sie leicht zu bekommen sind, wenn man dafür zahlt.
Irgendwann, so nach cirka zehn Jahren, es war genug gestritten, empfohlen, bevormundet, gewertet, gefetzt, verletzt worden – brach die kleine Familie auseinander. Mutter zog mit den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Ruhe an allen Fronten. Ruhig war es fortan in der Wohnung des Verlassenen, sehr viel lauter dagegen in der neuen Wohnung seiner nunmehrigen Exfrau, die den Kindern die Freiheit der Auswahl von Lesestoff und Fernsehkanal weitgehend überließ.
Trotz der Ruhe im Stübchen des verlassenen Vaters und gescheiterten Erziehers von eig‘nem Blut und Fleisch, zog in einem anderen Stübchen keine rechte Ruhe ein – wir reden von seinem Oberstübchen. Er machte sich Vorwürfe. Was war schiefgelaufen? Warum waren Frau und Kinder weg? Warum kam er nicht mit seinem Sohn zurecht, und mit der Tochter auch nicht?
Er wiederholte, was er wusste. Las trockene Bücher mit Titeln wie „Zur Bedeutung, des methodischen Ansatzes der Kritischen Erziehungswissenschaft für die erziehungswissenschaftliche Forschung“; wühlte selbst in nicht mehr ganz aktuellen, jedoch sehr viel angenehmer und unterhaltsamer zu lesenden Werken der Psychoanalyse herum, in denen es um den Ödipuskomplex, Kastrationsängste oder Kindheitstraumen durch den Akt der Beschneidung ging.

Nichts half. Nichts ließ Ruhe in seinen Kopf einkehren. Das hohl-blecherne Getöse, das wohl vom Vorwurf in sein Bewusstsein ratterte, versagt zu haben, das blieb. Es half auch nicht, sich die eigene Meinung immer wieder kritisch vorzuhalten: Er fand keinen Kritikpunkt. War es nicht sonnenklar, dass ein erfahrener Mensch einem unerfahrenen den Weg weisen musste? Spielte bei diesem Vorgang nicht auch ein gewisser Druck eine Rolle, ja: war dieser, bis hin zu kleinen körperlichen Züchtigungen, nicht nur nicht statthaft, sondern sogar höchst sinnvoll und also notwendig? Wie sollte Erziehung ohne Vorgabe von Grenzen, ohne die Definition von Verboten und ohne Lob und Tadel funktionieren? Das Leben eines Kindes konnte doch nicht dem Selbstlauf überlassen werden, der eignen Lust und Laune! Das endete doch immer bei einem narzisstischen Monster, das sich zum Terroristen über seine Umwelt aufschwang, oder? War nicht selbst ein solch umstrittener und archaisch anmutender Akt wie der einer Beschneidung eigentlich eine ordnungsstiftende Erziehungsmaßnahme, die zwar einen traumatischen Schmerz auslöste und mitunter zu irreparablen Schäden führte, dem Sabberkind aber eindrücklich und nachhaltig verdeutlichte, dass nun Schluss sei mit Dauersabbat und paradiesischem Rundumwohlgefühl und der Ernst der alltäglichen Kultur beginne? Was war also an einer kleinen Backpfeife auszusetzen? Er verstand die Welt nicht mehr.
Seine Frau hatte er ohnehin nie so recht verstanden.

Natürlich brach mit dem Auszug der Kindesmutter und der Kinder aus der gemeinsamen Wohnung der Kontakt zwischen Vater und Sohn nicht völlig ab. Es gab ja Gesetze, Rechte, sogar für geschiedene Väter! Infolgedessen verbrachten nun Sohn und Tochter die Wochenenden, sich einander abwechselnd, beim Vater.
Der veränderte sein Verhalten: Bei ihm durften die Kinder jetzt ebenfalls machen, was sie wollten. Sie konnten sich ihre Fernsehkanäle einstellen; sie durften sich ihre Bücher mitbringen; sie warfen die Bauklötzer und Barbies durch die Zimmer und keiner drängte sie, den Kram aufzuräumen, bevor sie abgeholt wurden. Sie husteten ungeniert über den Tisch und zogen den Rotz durch die Nasenhöhle bis ins Gehirn, anstatt ihn ins Taschentuch zu schniefen.
Einziges Ziel des Vaters war: die Kinder sollten zufrieden und, nach Möglichkeit beeindruckt von den anderthalb „Vatertagen“, zur Mutter zurückkehren.
Das taten die auch und schwärmten ihrer Mutter vor, wie toll es wieder gewesen wäre, und warum das nicht schon vorher möglich war…
Trotz der neuen Freiheiten, die der alte Mann damals seinen Kindern einräumte, änderte er Teile seiner Meinung nicht. Als sein Sohn in der Neunten in eine schwere Krise geriet, in der Schule und mit sich selbst nicht mehr zurechtkam, verweigerte er ihm, in Übereinstimmung mit seiner Ex, den Wunsch nach einem Wechsel vom altsprachlichen Gymnasium auf eine verbundene Haupt- und Sekundarschule.
Der Junge begann gegen Vater und Mutter zu kämpfen. Mittels einer Anorexie. Er wurde dünn und dünner, ums Haar wäre er verschwunden.
Nach einer langwierigen Behandlung in zwei Spezialkliniken für Essstörungen nahm der Junge wieder zu. Wurde entlassen, setzte die Schule fort bis zum Abitur. Studierte Informatik, begann in einem Start-up an Apps zu basteln…

Doch das Verhältnis zu seinem Vater behielt einen Riss. Sprachen sie miteinander, vermied der Junge alle Formen von Anrede, die Nähe hätte zum Ausdruck bringen können. Es kam kein „Vati“ oder „Vater“ mehr über seine Lippen. Für ihn war das Thema Vater mehr oder weniger „gegessen“.
Sie telefonierten sehr selten, sahen sich noch seltener. Das ging so all die Jahre, bis aus dem jungen Vater ein alter Mann und aus dem liederlichen Jungen ein anerkannter und erfolgreicher Programmierer in einem Unternehmen der staatlichen Gesundheitsindustrie geworden war.

Nun saß dieser alte Mann in seiner Wohnung und wählte fiebernd die Nummer seines Sohnes. Eine halbe Stunde später verschaffte sich Frank per RFID-Chips und mittels darauf gespeicherter Berechtigung Zutritt.

Sein Vater machte einen erbärmlichen Eindruck. Er fröstelte und fieberte, wahrscheinlich war er dehydriert. Schweiß lief ihm in dünnen Rinnsalen von der Stirn. Er war stark abgemagert, die Ellbogen stießen und eckten gegen ein viel zu weites Hemd, die Knie spitzten durch knittrige Hosenbeine, die ganze Erscheinung wirkte hinfällig. Auf dem Fußboden: Krümel, Papierfetzen, umgekippte Flaschen, undefinierbare Pfützen. Machte sich der alte Mann ein? Kam er nicht mehr zur Toilette? Frank glaubte, die blassen Schatten getrockneter Urinflecke auf den Teppichen zu sehen.
Er rief den Rettungsdienst.

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