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Leselupe.de > Kindergeschichten
Wie Fische im Wasser schlafen
Eingestellt am 13. 05. 2017 20:10


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Tintenkleckser
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2017

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Wie Fische im Wasser schlafen

Wie Fische im Wasser schlafen
(ErzĂ€hlt mach einer Bildergeschichte aus Alltagsgeschichten von Heiner MĂŒller, Bd. 139, „Beim Zelten“)

Schon lange wollten Tim und ich ein kleines Abenteuer erleben. Ganz allein, ohne Eltern. Doch wie sollten wir das anstellen? Immer wenn wir etwas planten, hatten wir stĂ€ndig unsere Eltern im Nacken. Sie passten immer auf uns auf, damit uns kleinen Knirpsen nichts Böses geschieht. Doch so klein waren wir nicht! Schließlich war Tim schon 9 und ich bereits 10 Âœ!

Eines Nachmittags saßen wir auf unserem Lieblingsplatz, der Kirchmauer, in der Sonne, baumelten mit unseren Beinen und beobachteten das Treiben auf dem Dorfplatz. Doch da war nichts zu sehen. Kein Treiben, einfach nichts. Der ganze Platz war wie ausgestorben. Lediglich der kleine Springbrunnen in der Mitte des Dorfplatzes plĂ€tscherte leise vor sich hin.

Auf einmal kam Bewegung in Tim. Seine ganze Gestalt straffte sich und sagte: „Wir mĂŒssen etwas tun! Irgend etwas, sonst sterbe ich noch vor Langeweile hier auf der Kirchenmauer!“

„Ja und was?“

„Keine Ahnung. Lass dir doch mal etwas Gutes einfallen!“

Tja, da stand ich nun. Sonst ist Tim immer etwas eingefallen, damit in unserem Dorf etwas los war. In der letzten Woche war der Springbrunnen dran gewesen, der plötzlich nur noch dunkelblaues Wasser spuckte!
Wie da die Erwachsenen böse Gesichter gemacht hatten! - Und die anschließende Diskussion im Hirschen, unserer Dorfkneipe. Was ging es da laut her, als einer dem anderen die Schuld in die Schuhe geschoben hatte!
- Also ich schwöre! Es gab beinahe eine Keilerei zwischen unserem Pastor Mönke und dem Apotheker Albrecht! - Aber wer wirklich dahintersteckte, ... Na ja, es ist niemals laut ausgesprochen worden, dass Tim und ich es waren, doch ich weiß, dass unser Lehrer Friederich am nĂ€chsten Tag die Chemikalien in unserem Chemieraum durchging und schon eine ziemlich genaue Ahnung hatte, wer von seinem Unterricht inspiriert wurde, solchen Schabernack zu veranstalten.

„Also, ist dir jetzt was eingefallen?“, fragte Tim, „sonst gehe ich nach Hause und gucke Lassie im Fernsehen!“

„Ach, Lassie ist langweilig.“, entgegnete ich ihm. „Lass uns doch ein richtiges Abenteuer machen. Lassie ist genauso langweilig wie Flipper!“

Ganz aufgeregt sagte er dann auf einmal zu mir: „Warum fragen wir deinen Vater, ob wir hinter eurem Haus zelten dĂŒrfen?“

„Das kann ich ruhig tun“, erwiderte ich ihm damals. „Was soll uns das nutzen? Zelten hat doch nichts mit Abenteuer zu tun. - Und langweilig ist das auch!“ Doch Tim entgegnete freudestrahlend: „Und wenn wir ganz allein das Zelt aufbauen und die Nacht ganz allein darin verbringen?“

Allein! Das war es. Das war es, was wir Jungs brauchten. Total allein in der Wildnis zelten! John Wayne, die Leute von der Shiloh Ranch und Lederstrumpf kamen mir in den Sinn!
Ja, das war das, was wir Jungs brauchten! Ein richtiges Abenteuerunternehmen – und das ganz allein! Ohne irgendwelche Erwachsenen als Aufpasser!

Wir setzten Tims Idee in der Tat um. Wir fragten unsere Eltern. Und, oh Wunder! Zu unserer Überraschung, hatten sie gegen unsere neue Idee nichts einzuwenden. Kein Wenn und Aber, gar nichts!

Also besorgte Tim das alte Zelt seines Vaters und ich die Schlafmatratzen und Proviant. Als Proviant hatten wir eine riesengroße Haribo – BonbontĂŒte mitgenommen. Tims Mutter gab ihren Sohn noch ihre KĂŒchenschere mit, damit wir die BonbontĂŒte aufschneiden konnten. Wir waren also bestens ausgerĂŒstet und unser Abenteuer konnte nun endlich beginnen.

Schon bald waren wir hinter unserem Haus damit beschĂ€ftigt eine passende Stelle fĂŒr das Zelt auszusuchen. Unsere Familie hatte damals ein riesengroßes GrundstĂŒck, das an einem Berghang lag. Selbst ein kleiner Bach floss dort, wo die drei großen alten Tannen standen. Nach einigem Suchen hatten wir ganz hinten an unserem GrundstĂŒck einen passenden Platz gefunden. Nun lag diese Stelle dort, wo der Berghang anfing. Unser Zeltplatz war also nicht eben, sondern neigte sich dem Berg nach oben hin zu. Doch das störte uns damals nicht. Es war in unseren Augen eine wirklich gute Stelle um ein kleines Abenteuer zu erleben.

Recht schnell bauten wir am Nachmittag das Zelt auf. Tim hielt die Zeltstangen grade und ich war damit beschĂ€ftigt die Heringe in den Boden zu hĂ€mmern. - Also, fĂŒr alle, die noch nicht gezeltet haben, eines zur ErklĂ€rung: Auch wenn das einige von euch jetzt so verstanden haben sollten, aber beim Zelten nimmt man keine Fische mit, sondern kleine Eisenpfosten, an denen man mit SchĂŒren das Zelt am Boden befestigt. Diese Eisenpfosten nennt der Zeltexperte nun einmal Hering. - Warum, das weiß ich nicht.

Schließlich stand das Zelt. Es hatte ein klein wenig Schieflage, weil es, wie bereits kurz erwĂ€hnt, am Berghang aufgebaut war und auch die Plane hing ein wenig durch. Aber es stand stabil und wĂŒrde unserer Meinung nach sicherlich jeden Sturm standhalten. Voller Stolz klopften wir uns auf die Schulter und meinten: „Jetzt kann unser großes Abenteurer in der freien Wildnis beginnen !“ - Wie recht wir mit dieser Aussage hatten, konnten wir bis dahin noch gar nicht abschĂ€tzen!

Alles fing ganz harmlos an, als wir am Abend bereits im Zelt waren. Die Stimmung im Zelt war grandios! Es war zwar ein bisschen eng und Ameisen hatten sich wohl in unserem Domizil verirrt. Aber das gehörte schließlich zu einem echten Abenteuer dazu.

Nach einer Weile hörten wir auf der Zeltplane ein kleines Pochen. Erst vereinzelt, doch dann immer öfter und stÀrker. Ein kurzer Blick aus der Zeltöffnung betÀtigte unsere Vermutung. Es fing an zu regnen.

„Das macht nichts!“, sagte Tim zu mir und gönnte sich noch eine Lakritzschnecke.

Na ja, dachte ich bei mir noch, hoffentlich bleibt es auch trocken!

Nun, und wie es der Zufall so wollte, wurde aus dem leisen tröpfeln, ein richtiger Regen, der begleitet von heftigen Windböen, zu einem wahren sintflutartigen Sturmregen wuchs. - TatsĂ€chlich schĂŒttete es wie aus Eimern!

Tim blickte einmal aus dem Zelt und meinte: „Zum GlĂŒck sitzen wir hier im Trockenen! Da draußen schĂŒttet es ja fĂŒrchterlich!“ „Dann mach schnell die Zeltplane zu.“, rief ich. „Sonst saufen wir noch ab! Ich habe keine Lust wie die Fische im Wasser zu schlafen.“ Nein, das wollten wir wirklich nicht! Wie Fische im Wasser zu schlafen wĂ€re bestimmt ganz unangenehm. Ich zog die Zeltplane zu und schon wurde es gemĂŒtlich in unserem Zelt. Es wurde so schön gemĂŒtlich, dass wir kurze Zeit spĂ€ter einschliefen und im Land der Indianer und Cowboys und allerlei Abenteurern befanden.

Doch im Verlaufe der Nacht regnete es weiter und weiter. Es schĂŒttete so stark vom Himmel, dass das Wasser in kleinen Rinnsalen an den BergrĂŒcken nach unten strömte. FĂŒr gewöhnlich floss das Regenwasser in die Kanalisation unten auf der Straße ab. Auch sammelte mein Vater ein klein wenig Regenwasser, um seine Blumen im Garten damit zu gießen. Doch diesmal sammelte sich das Regenwasser auch an einer anderen Stelle, nĂ€mlich ein klein wenig oberhalb des Berghanges, genau dort, wo wir unser Zelt mit viel MĂŒhe errichtet hatten.

WĂ€hrend wir fest schliefen, hatten sich die Wassermassen vor unserem Zelt gesammelt! Still und heimlich floss es durch die geschlossene ZelttĂŒr. Es hatte sich schließlich so viel Wasser in unserem Zelt an der bergab hĂ€ngigen Seite gesammelt, dass sich die Zeltplane wie ein Ballon an dieser Stelle nach außen wölbte!

Wir merkten nichts und schliefen den tiefen Schlaf der Gerechten. Doch plötzlich bekamen wir kalte FĂŒĂŸe. Sie lagen bereits im kalten Regenwasser. Tim und ich wachten auf.

„Was ist denn los?“, fragte Tim schlaftrunken. „Ich weiß es nicht!“, krĂ€chzte ich heiser und rappelte mich aus dem Schlafsack: „Mach doch mal das Licht an!“ Tim suchte nach seiner Taschenlampe und schaltete sie ein. „Was ist das denn?“, rief er erstaunt.

Was wir dann im diffusen Licht der Taschenlampe sahen, versetzte uns einen kleinen Schock! Die linke Seite unseres Zeltes war mit Wasser gefĂŒllt! Unsere RucksĂ€cke schwammen zwischen den HandtĂŒchern, der braunen Hose von mir und den Schuhen von Tim. Ein kurzer Blick nach Draußen aus dem Zelt genĂŒgte und bestĂ€tigte nur, dass weiterhin Regen von oben und herabfließendes Wasser vom Berghang ins Zelt strömen wĂŒrde. TatsĂ€chlich hatten wir die Nacht genau so wie die Fische verbracht: im Wasser!

„Aber ich wolle doch nicht wie ein Fisch schlafen“, fing Tim an zu weinen. „Wenn das unsere Eltern wĂŒssten!“ „Ach stell dich nicht so an!“, versuchte ich ihn zu trösten: „Das kriegen wir schon ganz schnell hin.“ „Und wie willst du das denn nun anstellen “, fragte Tim verheult, „Ich bin noch so jung und will nicht ersaufen. Ich will noch was erleben! Ich möchte noch ganz viele Abenteuer erleben!“

Tim war außer sich. Er konnte sich nicht mehr beherrschen und weinte fĂŒrchterlich. Nun kam das Wasser nicht nur vom Regen ins Zelt, sondern auch von Tim. Denn er heulte ganze SturzbĂ€che von TrĂ€nen! So eine Memme, dachte ich.

Nun wurde es wirklich kritisch. Ich musste mir schleunigst was einfallen lassen. Ich bin schließlich der Ältere von uns beiden. Was sollte ich nun machen? Auf meinem Freund Tim war kein Verlass mehr! Ich war zunĂ€chst ratlos. Solch eine Situation hatte ich in meinen 10 Âœ Lebensjahren noch nie erlebt.

Plötzlich hatte ich eine Eingebung! Wenn das nicht klappen sollte, dann saufen wir wirklich in unserm eigenen Zelt ab oder mussten unser Abenteuerunternehmen aufgeben und mitten in der Nacht nach Hause gehen.

Ich erinnerte mich an die KĂŒchenschere, die Tims Mutter in seinen Rucksack gepackt hatte, damit wir die Haribo-TĂŒte aufschneiden konnten. Diese Schere suchte ich nun in dem Chaos, welches der Regen in unserem Zelt hinterlassen hat. Ich musste sie unbedingt finden. Sie war der SchlĂŒssel zu unserer Rettung! Wo war sie nur?

Ich musste ziemlich lange suchen denn wir hatten die Schere nicht wieder in Tims Rucksack zurĂŒckgelegt. Ordnung gehörte schließlich nicht zu dem Vokabular eines Abenteurers. Und außerdem musste ich die Schere allein suchen, denn Tim heulte und heulte und heulte. Noch nicht einmal die Taschenlampe konnte er ruhig halten! Doch schließlich fand ich die KĂŒchenschere auf den Boden im Wasser liegend, genau zwischen der leeren Haribo-TĂŒte und einigen aufgeweichten GummibĂ€rchen.

Schnell nahm ich sie auf, hastete, nur in Unterhosen bekleidet, aus dem Zelt und ging eilig daran, das notwendige fĂŒr unserer Rettung zu tun. Kurz entschlossen schnitt ich mit der Schere ein großzĂŒgiges Loch in die ausgebeulten Zeltwand. Im Nu floss das Regenwasser mit einem großen Schwall aus unserem Zelt und wir saßen wieder im Trockenen. Naja, nicht trocken, aber wir hatten keinen Swimmingpool im Zelt. Wir waren gerettet! Und ich war der pitschnasse Held dieser Nacht!

Ganz trocken ist unser Zelt nicht geworden. Aber wir brauchten auch nicht wie Fische im Wasser zu schlafen.

Das war wirklich ein richtig waschechtes Abenteuer gewesen! Ein Abenteuer, das mich zum Helden und Tim zum Heulen gebracht hate.

5/2017 - B. Podgorski

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Was irgend etwas außer diesen
betrifft, mein Sohn, laß dich
warnen: Des vielen BĂŒchermachens

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