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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wie alt ist jung?
Eingestellt am 27. 05. 2001 19:45


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Die Erinnerungen kommen schnell: Berliner Mauerbau, die 68er, Vietnamkrieg, Woodstock, Mondlandung. Zeit, in der ich ankam und aufbrach, eine Welt zu erobern, die ich bis dahin nur aus den gewisperten Geschichten meiner Mutter kannte: Wenn des Abends ihre HĂ€nde den geschwollenen Leib befĂŒhlten, wenn das zuckende Schluchzen ihre Rippen hob und mich in meiner kleinen Höhle bedrĂ€ngte. Dann endlich, hinausgequetscht in einen Kosmos, den ich mit zitterndem Schrei in die Schranken wies: Das hier ist mein Platz!

Tage, die wie verblassende Sterne meinen eigenen kleinen Himmel fĂŒllen.
Wo sind sie hin?

Das Alter einer Frau ist ihr bestgehĂŒtetes Geheimnis, sagt man. Nun, ich habe kein Problem damit. FĂŒnfunddreißig zu sein, ist beinahe angenehm. Mit meinem Körper habe ich lĂ€ngst einen kompromissreichen Frieden geschlossen: Beschenke du mich mit Gesundheit, dann darfst du an der einen oder anderen Stelle getrost ĂŒber die Strenge schlagen. An diesen Handel hĂ€lt er sich eifrig. Und ich gehe mit Gleichmut zur nĂ€chsten KleidergrĂ¶ĂŸe ĂŒber. Dann sage ich mir: Es kann fĂŒr eine Frau nicht von Nachteil sein, zu ihren sichtbaren Reizen zu stehen, ist ein satter Busen doch ein erstaunliches Kommunikationsmittel, sich Gehör zu verschaffen.

Aber auch sonst wird die Reife einer Frau von Äußerlichkeiten bestimmt. Feine FĂ€ltchen um Augen und Mund erzĂ€hlen von Kenntnis und Leidenschaft und tun kund, dass es sich bei dieser Dame keineswegs um ein pubertĂ€res Dummchen handelt. Ihrer Erfahrung zufolge, kann sie beinahe jedes Genre bedienen, ob es sich nun um Arbeit, Kinder oder Haushalt dreht. Von der Liebe ganz zu schweigen! NatĂŒrlich weiß eine gestandene Frau, wie sie MĂ€nner glĂŒcklich macht! Was kĂŒmmert sie ihre ĂŒberteuerte Kunstfrisur, wenn ER sie in die feuchten Kissen drĂŒckt? Was stört sie seine Bauchfalte, wenn ER sich ihr entgegen bringt? Es gibt so vieles im Leben, dass es lĂ€nger zu betrachten nicht lohnt, Hauptsache ist doch, man ist erfahren genug, um zu wissen, wo vor man besser die Augen verschließt!

Nein, wirklich. Ich habe durchaus kein Problem mit meinem Alter. Es bietet sogar Anlass zu allerlei Albernheiten. Erst kĂŒrzlich wollte ein MittfĂŒnfziger aus allen Wolken fallen, als er von meinem Alter erfuhr. Sofort nahm er mich wahr. Sein Blick wechselte von meinem Ausschnitt, in dem ein außerordentlich interessantes Kettchen glitzerte, auf mein Gesicht. Er sah mir in die Augen, besser gesagt, er sah auf die FĂ€ltchen drum herum und dachte wohl bei sich: Es hĂ€tte so schön werden können! -- Es wurde trotzdem ganz nett. Wir plauderten aneinander vorbei, das heißt: Ich erzĂ€hlte von mir, er sah zum Fenster hinaus , gĂ€hnte ein ums andere Mal verhalten. Kaum sprach er ĂŒber sich, schon lehnte ich mich ihm gespannt entgegen und ging in Gedanken die Einkaufsliste durch. Immer wieder sank sein dösender Blick in meinen Ausschnitt hinab, als suchte er dort nach einem Ruhekissen fĂŒr sein silbern ergrautes Haupt. Als ich ihn verließ, dachte ich darĂŒber nach, ob ich das nĂ€chste Mal besser einen Anzug trĂŒge.

Überhaupt altern MĂ€nner anders als Frauen. PopulĂ€r ausgedrĂŒckt: MĂ€nner werden mit den Jahren aromatischer, Frauen werden fad. Ähnlich bei Butter und KĂ€se: Das eine wird ranzig, dass andere nennt sich „gereift“. Was soll ich weiter ausfĂŒhren? -- Auch mit der Schönheit des Mannes kann Frau nicht konkurrieren. Sie setzt sich aus Dingen zusammen, die der Frau schon rein biologisch abgehen. Wie zum Beispiel die Manneskraft. WĂ€hrend Frau sich, vom Überlebenskampf im Sumpf der AlltĂ€glichkeiten körperlich und geistig geschwĂ€cht, allabendlich schwer seufzend zur ehelichen Ruhe bettet, strotzt seine Libido vor ungeahnter Lebendigkeit. Und weil die kluge, gestandene Frau um ihr Dahinwelken weiß, rechnet sie es ihm hoch an, dass er zum FrĂŒhstĂŒck wieder zu Hause ist. Über dem Marmeladentiegel hinweg tauschen sie atemlose Blicke aus. „Ein alter Hase“, denkt sie dann und er denkt: „Olle Schachtel!“

Nun, mein Lebensalter ist mir wirklich schnuppe. Es erschreckt mich nicht „auf die Vierzig zuzugehen“. Ich bin jung, weil ich mich gut fĂŒhle, ich bin schön, weil ich mich jung fĂŒhle und ich bin gut, weil ich jung und schön bin. Das Alter ist in weiter Ferne.

Soweit weg wie meine Geburt.

Und plötzlich ĂŒberlĂ€uft es mich siedend heiß. Ich stehe hier und frage bange: Ist das des RĂ€tsels Lösung? Kann es sein, dass nicht das Ende mir zu schaffen macht, sondern mein Beginn? Warum denke ich denn all das Zeug, von Mann und Frau und Butter und KĂ€se? Weshalb dieser spöttische Blick, auf Äußerlichkeiten beschrĂ€nkt? Als hĂ€tte ich alle Zeit der Welt, als trĂ€fen Alter und Tod nur die Anderen, niemals mich. Jedenfalls nicht so bald. Eine schwache Rechtfertigung nur: Wie kann ich erkennen, ob ich den Zenit bereits passierte, wenn ich nicht weiß, wann sich mein Leben beschließen wird?

Anders verhĂ€lt es sich mit meiner Ankunft. Sie ist auf die Sekunde genau protokolliert. Sie ist exakt festgehalten, unverrĂŒckbar, immerwĂ€hrend in die Zeit gemeißelt. Mein Alter zu nennen, bereitet mir kein Unbehagen. Doch die Frage nach meinem Geburtsjahr erschrickt mich fast zu Tode: 1965.

Und ich versinke vor Scham: 1965 hört sich sehr in die Jahre gekommen an. 1965 – das ist beinahe Mitte voriges Jahrhundert! 1965 – das ist ein anderes Jahrtausend gar! Ich bin so alt, wie das Automobil, wie die Atomwissenschaft, wie zwei Weltkriege – ach, was sag ich – wie die Kreuzritter!!

Daran gibt es nichts zu deuteln; hier steht’s, mit amtlichem Nachdruck in meinen Pass geschrieben: geboren 1965.

Ich bin ein Relikt aus einer lÀngst vergangenen Zeit.

TatsÀchlich, ich bin alt.

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flammarion
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bis

kurz vor schluß eine gute, optimistische geschichte. laß dich nicht runterziehen von deinem geburtsjahr, die falten kommen von ganz allein, da mußt du dir nicht selber kummer machen. ĂŒbrigens - es heißt: es erschreckt mich zu tode. ich erschricke nicht, sondern erschrecke. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Katrin Volkmann
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tatsÀchlich

es war kein Schreibfehler. Nicht selten schreibt man so, wie man spricht, vor allem ich. Danke fĂŒr den Tipp. (Aber das Ende war kein bitteres Wehklagen, wie ĂŒberhaupt die ganze Geschichte nicht. Lasst mich ein bisschen weibisch jammern, es tut so gut zuweilen.)

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flammarion
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ah so.

nun, dann jammere weiter so (fĂŒr uns) erbaulich. aber schaff dir auch ein paar lachfĂ€ltchen, zb darĂŒber, daß du im moment ein junior bist. ich habe mich vor ein paar monaten fast scheckig gelacht, als ich junior war. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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