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Leselupe.de > Anonymus
Wie aus dem kleinen, faulen Fuchs ein gefeierter Schriftsteller wurde
Eingestellt am 22. 03. 2006 11:42


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Er war kein gewöhnliches Kind. Ein solch weiches, langhaariges Rotfellchen, solch riesige, vertrĂ€umte Augen, keck-bewegliche Ohren und ein derart wohlgeformtes SpitzschnĂ€uzchen hatte man bisher im Walde noch nie gesehen. Er war ein wahres Knuddeltier und der ganze Stolz seiner Mutter, die ihn von Anfang an grenzenlos verwöhnte. EifersĂŒchtig schĂŒtzte sie ihn vor den Neckereien seiner Geschwister, stecke ihm die besten Bissen zu, leckte stundenlang sein Fell, wachte ĂŒber seinen Schlaf, ĂŒber seine ersten Gehversuche, ĂŒber seine ganze Kindheit. Sie nannte ihn zĂ€rtlich „SchnĂ€uzchen“.
Wie es liebenden MĂŒttern oft ergeht, so erging es auch unserer Fuchsmutter: Sie ĂŒbersah alle Fehler ihres geliebten Kindes. Und die zeigten sich, fĂŒr die Geschwister und die anderen Waldbewohner, schon ziemlich zeitig.
„SchnĂ€uzchen“ war von Anfang an ein Kind voller WidersprĂŒche. Mal spielte er ĂŒbermĂŒtig und ausgelassen vor dem Bau, haschte nach trĂ€gen Schmetterlingen, lauerte bunten Finken auf oder kampelte sich mit seinen Geschwistern. Kamen Ă€ltere FĂŒchse vorbei, Bekannte, Onkel und Tanten, grĂŒĂŸte er höflich, verbeugte sich auf zierlichste Weise vor ihnen, oder zeigte einen eleganten Kratzfuß. In solchen Momenten bewunderten alle seine offensichtlich schon weit gediehene gute Erziehung.
An anderen Tagen schlief er viel zu lange, und wenn er erwachte, blieb er in seiner Ecke liegen, gab auf Fragen keine Antwort, starrte ins Nirgendwo. Schubste ihn seine Mutter zĂ€rtlich aus dem Bau, fauchte er wĂŒtend oder biss und fetzte alles, was in die Reichweite seiner Beißer kam. Gab es Fressen, verzog er angewidert sein Maul und rĂŒhrte keinen Happen an. Kurz gesagt: sein Wesen war ein wandelbares, es reichte von der kindlich-unbedarften Spiellaune ĂŒber die himmelhoch jauchzende Euphorie bis hin zum beinahe manisch-depressiven Waldschmerz. Noch dazu konnte der kleine Fuchs hinterhĂ€ltig sein. So freundlich er die alten Leute grĂŒĂŸte, kamen sie am Fuchsbau vorbei, so ungewiss war, was in seinem Kopf vorging. Dem alten Dachs, der nicht mehr richtig sah, gab er freundliche Hinweise, die Schritte doch ein bisschen mehr linker Hand auszurichten, dort sei der Weg besonders eben. Dass sich dafĂŒr an einer Stelle unerwartet eine tiefe Mulde auftat, wusste er sehr wohl. Als der arme Alte dann aus der Mulde um Hilfe schrie, rannte er zu seiner Mutter und erzĂ€hlte ganz aufgeregt und glaubhaft durcheinander, in welch schlimme Situation der alte Dachs gerĂ€ten sei und wie sowas nur passieren könne...
Nachdem man den verunglĂŒckten Dachs mit viel MĂŒhe aus dem Loch gezerrt hatte, erhielt „SchnĂ€uzchen“ vor versammelter Mannschaft ein dickes Lob fĂŒr seine schnelle Reaktion – von seiner Mutter. Aber auch dem Waldvorsteher, dem von allen Tieren respektierten BĂ€ren, fiel nichts weiter ein als wohlwollend zu nicken. Der kleine Fuchs strahlte mit der unschuldigsten Miene, machte einen hĂŒbschen Kratzefuß, und antwortete schĂŒchtern und auf sehr gewinnende Art, sein Einsatz sei doch selbstverstĂ€ndlich, wenn es um alte, hilfsbedĂŒrftige Leute gehe.

„SchnĂ€uzchen“ wuchs heran zu einem jungen Fuchs. Aber mit ihm wuchs – die Faulheit. Seine Mutter liebte ihn nach wie vor ĂŒber alles. Doch konnte sie nicht mehr vor allen MerkwĂŒrdigkeiten die Augen verschließen. Wie war es zu verstehen, wenn ihr „SchnĂ€uzchen“ niemals mit auf Pirsch ging? Warum weigerte er sich grundsĂ€tzlich, bei Nacht einmal mit ins nĂ€chste Dorf zu schleichen? Man kannte doch genau die Höfe ohne Hund, man wusste, wie tief und fest die Bauern schnarchten, es bestand also nicht die leiseste Gefahr! Ihr „SchnĂ€uzchen“ lag stattdessen lieber den ganzen langen Tag auf einer sonnigen Waldlichtung und trĂ€umte des Nachts von komenden großen Dingen – im warmen, sicheren Fuchsbau. Kam die Mutter mit einer Ente oder einem Huhn aus dem Dorf zurĂŒck, war er der erste, der sich auf die Leckerei stĂŒrzte.
Auch sonst war nicht viel Bereitschaft erkennbar, etwas VernĂŒnftiges zu lernen. Weder das Anschleichen noch das gerĂ€uschlose Reißen von Beute, weder das Anlegen von Verstecken noch die Überwindung von ZĂ€unen oder das UnterwĂŒhlen von HĂŒhnerstĂ€llen waren ihm beizubringen. Die allgemeine, wichtige und grundsĂ€tzliche Kunst des TĂ€uschens und Tricksens dagegen beherrschte er von Anfang an. Seine Mutter musste sich immer hĂ€ufiger bei der Verwandtschaft und Fremden fĂŒr die Untaten ihres Sohnes entschuldigen.
Vater Fuchs schwieg jahrelang zum Treiben seines Sohnes. Er wusste, er wĂŒrde bei der leisesten Kritik Mutter Fuchs gegen sich aufbringen. So schwieg er also und schwieg, oder er biss sich vor lauter Verzweiflung in die Pfote. Bis er eines Tages verschwand, ohne Gruß, ohne BegrĂŒndung, ohne mit seinem Schwanz Abschied zu wedeln.

Mutter Fuchs wurde nachdenklich. Was sollte aus ihrem geliebten „SchnĂ€uzchen“ werden? Sie beschloss, sich Rat beim BĂ€r zu holen.

Und so sah man eines schönen Tages Mutter Fuchs mit ihrem Sohn in Richtung BÀrenhöhle laufen.
Mischa empfing die beiden sitzend in seines Großvaters Lehnstuhl, welcher auch schon ein BĂ€r und weise gewesen, Mischa geheißen und weithin respektiert worden war, genauso wie sein Vater. (Falls hier einer wissen möchte, wieso die BĂ€ren immer Mischa heißen, so kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen: BĂ€ren heißen eben Mischa und sind in der Regel in irgendeinem Vorstand oder einer Funktion zu finden, das ist, unter UmstĂ€nden, ein Naturgesetz.)
Er hörte sich den Kummerbericht von Mutter Fuchs an, wackelte lange und bedĂ€chtig mit dem Kopf, und meinte schließlich, es kĂ€me wahrscheinlich nur eine ganz bestimmte Laufbahn in Frage. Mutter Fuchs stellte die Lauscher auf. Der BĂ€r machte eine lange Pause, dann schickte er „SchnĂ€uzchen“ vor die TĂŒr. Ihr Sohn könne, eröffnete er der staunenden Fuchsmutter, vielleicht eine Lehrstelle beim Waldfunk bekommen, dort werde momentan ein Lehrling als MĂ€rchenschreiber gesucht. Er könne sich einsetzen fĂŒr ihren Sohn, ja, er habe da Möglichkeiten.
Mutter Fuchs war ĂŒberglĂŒcklich. Sie kĂŒsste den BĂ€ren heftig auf die Nase, schob ihm ein GlĂ€schen Honig hin, und wanderte mit ihrem Söhnchen fröhlich zum heimatlichen Bau zurĂŒck.

Der BĂ€r hielt Wort. Die Bewerbung des jungen Fuchses um eine Ausbildungsstelle beim Waldfunk in der Fachrichtung „ ZweckmĂ€rchen“ hatte Erfolg. Im Herbst begann der junge Fuchs seine Lehre.

Er lernte nicht eifrig, aber schnell. Dank seiner guten Auffassungsgabe war er noch vor dem Ende seiner Lehrzeit in der Lage, MĂ€rchen auf Bestellung zu verfertigen.
Der Waldfunk sendete je nach Stimmungslage. Im Winter, wenn es sehr kalt war und der Hunger die Waldbewohner plagte, mussten MĂ€rchen vom FrĂŒhling, von besseren Zeiten, von wĂ€rmender Sonne und lauen Winden her. Im Sommer, wenn es heiß war und die MĂŒcken jedermann aufs Blut reizten, wurden WintermĂ€rchen produziert, die von den Freuden des Schneeballwerfens und Eisfischens schwĂ€rmten. Und fĂŒr die Waldbewohner, denen – winterschlafbedingt – solche Themen nichts sagten, wurden pĂŒnktlich zum Herbstbeginn MĂ€rchen von erntesatten, reifen Feldern, honigschweren Bienenstöcken oder prallgefĂŒllten Speichern, Tennen, Scheuern gedichtet. FĂŒr jeden Geschmack, fĂŒr jede Stimmung, fĂŒr jede Jahreszeit, fĂŒr jede individuelle Befindlichkeit sollte es das passende MĂ€rchen geben, man war in jenem Walde im Punkte der gezielten Befriedigung von Ablenkungs- und UnterhaltungsbedĂŒrfnissen schon sehr weit.

Doch als „SchnĂ€uzchen“ seinen Gesellenbrief als „geprĂŒfter ZweckmĂ€rchenfacherzĂ€hler“, kurz: GZmfe, erhielt, erlahmten die rudimentĂ€ren Reste seines Fleißes. FĂŒr das große Sommerfest z.B. verfasste er ein KurzmĂ€rchen von gerade einmal vier Zeilen, das in Wirklichkeit kein MĂ€rchen war:

Im Sommer ist es trocken,
im Winter ist es kalt,
das ist wahrlich kein MĂ€rchen,
auch nicht in unserm Wald.

Seine Kollegen reagierten sehr unterschiedlich, das Spektrum ihrer Reaktionen reichte von EnttĂ€uschung ĂŒber Langeweile und Entsetzen bis hin zu heller Empörung. „SchnĂ€uzchen“ beeindruckte das in keiner Weise. Im Gegenteil. Er kĂŒndigte an, sich kĂŒnftig stĂ€rker den wirklich wichtigen Themen widmen zu wollen. Die Kollegen vom Waldfunk sahen sich verstĂ€ndnislos an, zuckten mit den Schultern und gingen ihrer Wege. Immerhin: man war gespannt.

Wenig spĂ€ter schrieb und produzierte er rein gar nichts mehr. Sondern beschrĂ€nkte sich auf VorschlĂ€ge und Kritiken, die er vollmundig an seine Kollegen austeilte. Nach kurzer Zeit hatte er seinen neuen Namen weg. Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn schlicht – die Großschnauze.

Aber unser GroßschnĂ€uzerich war nicht dumm. Er verbreitete ĂŒber Funk das GerĂŒcht, er gĂ€be keine Interviews mehr. Wenig spĂ€ter kolportierte er, keine Statements zu politischen Fragen abzugeben, die Wald- und Wiesenpresse sei ohnehin unter seinem Niveau. Außerdem habe er sich von profanen Themen abgewandt, solches sei mit seinem hohen kĂŒnstlerischen Anspruch nicht vereinbar. Er wolle sich hinkĂŒnftig den wirklichen existentiellen Fragen von Waldseele, Waldschmerz und Weiterleben ĂŒber das große Waldsterben hinaus beschĂ€ftigen. Seine Kollegen schmunzelten anfangs, sie meinten, es könne nicht mehr lange dauern, bis er sich selbst erledigt habe.

Aber sie irrten. Von seinem ersten GerĂŒcht an begann der Stern unserer Großschnauze zu strahlen, hell und immer heller. Er wurde ein lebender Mythos. Noch dazu Ă€nderte er seinen Lebensstil gravierend: ein HĂŒhnchen, Ă€lter als drei Wochen, bezeichnete er als „indiskutables Altaas“. Ein FuchsmĂ€dchen, Ă€lter als drei Jahre, desgleichen. Bei sonstigen Damen bezeichnete er ĂŒberhaupt nichts mehr, sondern setzte seine Zeichen – voller Arroganz beim Tanz und mit dem – aber das mĂŒssen wir hier nicht weiter ausbreiten. Und doch – ob man es glaubt oder nicht –: Sie bewunderten ihn dafĂŒr.
Wie auch die eigene Zunft: wer so wenig leistete und soviele AnsprĂŒche hatte, musste ein ganz besonderes Tier sein! Die Zahl der Interviewangebote nahm sprunghaft zu. Unser Großschnauzerich hielt sich zurĂŒck, er wusste: zuviel schadet dem Nimbus.

Heute reicht es, wenn er schlapp mit seinem Schwanz wedelt und dazu noch ein belangloses Stichwort absondert. Dann zieht er sich erschöpft zurĂŒck und schlĂ€ft oder feiert ausgiebig. No comment. Heerscharen gelehrter Interpreten fallen augenblicklich ĂŒber das Stichwort her oder begutachten GroßschnĂ€uzerichs Schwanzwedeln auf den tieferen Sinn hin, es entstanden bereits ganze Bibliotheken mit den unterschiedlichsten Auslegungen. Er ist halt ein großer Fuchs und seine Mama sehr stolz auf ihn.

Und der Waldfunk rĂŒhmt sich immer noch seines einstigen, nun waldberĂŒhmten Mitarbeiters.

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Sehr vergnĂŒglich Warum anonym? Rechnest du mit VergeltungschlĂ€gen?

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Danke, Gabi. Aber: was sind schon Namen!

LG

A.

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