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Leselupe.de > Humor und Satire
Wie die Mark nach Dingsda kam
Eingestellt am 21. 01. 2003 21:54


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M├Â├čner, Bernhard
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Wie die Mark

(aus: M├Ąrchen aus Dingsda)
Es ist eine schreckliche Schande, wie viele Unwahrheiten schon ├╝ber das kleine Land Dingsda, mit seiner gleichnamigen Hauptstadt, und ├╝ber seine liebensw├╝rdigen Bewohner verbreitet wurden.
Die Leute aus Dingsda liebten ihren K├Ânig, der ein sehr g├╝tiger Landesvater war, ├╝ber alles in der Welt, denn sie konnten mit ihm reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war!
Mancher Staatsmann k├Ânnte sich von seiner Art, zu regieren, etwas abschauen. Dabei kannte er sich in seinem Land aus, wie in seiner Hosentasche.
Das kam daher, dass er jeden Sommer seinem Thron und den Regierungsgesch├Ąften f├╝r einige Wochen den R├╝cken kehrte, um mit Stock und Wanderschuhen durchs Land zu streifen.
Am liebsten wanderte er unerkannt ├╝ber die sieben hohen Schwarzwaldberge, hinter denen Dingsda verborgen lag, wobei er auch nach den Zwergen schaute, die damals in Felsspalten und H├Âhlen auf den Gipfeln hausten.
Stets ├╝bernachtete der K├Ânig in einfachen H├╝tten, er schlief zusammen mit H├╝tejungen und Kuhm├Ągden in deren engen Gesindekammern ├╝ber Heuschuppen und Viehst├Ąllen.
Manche der Hirten erkannten ihn und r├╝ckten respektvoll zur Seite, damit er sich im Schlaf einmal umdrehen und strecken konnte. Auch da, wo er unerkannt blieb, nahm man ihn vertraulich auf, denn die Gastfreundschaft war den Bewohnern von Dingsda heilig! Nie w├Ąre es vorgekommen, dass man ihn oder auch fremde Wanderer, die um Obdach baten, abgewiesen h├Ątte, wie dies in andern L├Ąndern manchmal geschieht. Wenn er morgens aufbrach, packten ihm die einfachen Gastgeber noch frische Butterbrote, Milch und ein St├╝ck K├Ąse ein und verweigerten daf├╝r jede Bezahlung.
So fehlte es ihm bei seinen ausgedehnten Wanderungen an fast nichts. Doch manchmal, wenn er sich nach einem m├╝hsamen Aufstieg hinsetzen musste, um zu verschnaufen oder um zu vespern, dann w├╝nschte er sich eine Holz- oder Steinbank herbei. "Ich bin ├Ąlter geworden", sagte er dann zu sich selbst, "fr├╝her hat mir nie eine Bank gefehlt. Wenn ich zur├╝ckkomme in mein Schloss und in meine Hauptstadt, werde ich mit dem Kanzler dar├╝ber reden. In allen L├Ąndern, sogar im sparsamen Schwabenland, stehen B├Ąnke, nur bei uns besteht daran ein Notstand".
So befahl er dem Kanzler gleich nach seiner R├╝ckkehr, dass in seinem Land an allen Wanderwegen, sowie im k├Âniglichen Park, B├Ąnke aufgestellt werden m├╝ssten, auf denen sich m├╝de Wanderer ausruhen k├Ânnten. Der Kanzler versprach, daf├╝r zu sorgen, obwohl er in seinem ganzen Leben noch nie eine Bank gesehen oder gar vermisst h├Ątte.
Er besuchte am anderen Tag gleich alle Tischler in der Stadt, die zwar wundersch├Âne M├Âbel, Kisten und Kasten anzufertigen wussten, aber leider in punkto B├Ąnke v├Âllig ahnungslos waren. H├Ątte ihnen der Kanzler allerdings gesagt, dass der K├Ânig lediglich ein stabiles Sitzbrett w├╝nschte, mit vier Beinen und einer Lehne, sie h├Ątten sich wohl getraut, so etwas zusammenzuleimen.
Nur in Folge dieses Missverst├Ąndnisses konnte es geschehen, dass in einer gro├čen ausl├Ąndischen Wochenzeitung, deren Namen ich hier nicht nennen darf, diese Anzeige erschien: "Gesucht wird ein Bankspezialist, der in der Lage ist, f├╝r den k├Âniglichen Park zu Dingsda eine Bank zu entwerfen und gegen ein angemessenes Preisgeld als Musterexemplar zu erstellen".
Bereits am andern Tag stellte sich beim Kanzler ein junger Mann aus einem benachbarten Alpenstaat vor, der eine abgeschlossene Banklehre, sogar mit Diplom, nachweisen konnte. Er erkl├Ąrte sich bereit, im k├Âniglichen Park eine Bank zu errichten, eine Landesbank, wie er es nannte, und als der Kanzler nachfragte, ob es denn gleich eine Landesbank sein m├╝sse, und wie hoch die Mehrkosten daf├╝r w├Ąren, winkte der B├Ąnkefachmann ab und sprach von baldiger Amortisation des daf├╝r angelegten Kapitals.
Wie der Kanzler h├Ârte, dass die Bank eigentlich gar nichts koste, sondern Geld einbringe, erteilte er ihm den Auftrag, sofort mit der Fertigung zu beginnen. "Gleich?", fragte der Alpenl├Ąndler und der Kanzler best├Ątigte mit: "sofort!"
Der Kanzler, der nahe beim Park wohnte, wunderte sich dann doch etwas, als M├Ąnner in blauer Arbeitskleidung einen hohen undurchsichtigen Zaun mitten im Park errichteten und daran ein Schild anbrachten, auf dem stand: "Zutritt f├╝r Unbefugte verboten!" Auch drang durch den Zaun manchmal seltsamer L├Ąrm an des Kanzlers Ohren.
Der K├Ânig, den er davon unterrichtete, erz├Ąhlte ihm aus eigener Reiseerfahrung, dass die Bewohner des betreffenden Alpenlandes etwas langsam seien im Denken und umst├Ąndlich beim Sprechen und Arbeiten. Deshalb einigte er sich mit seinem Kanzler, eine amtliche ├ťberpr├╝fung der Bankherstellung erst nach einem halben Jahr vorzunehmen.
Und p├╝nktlich nach sechs Monaten trafen sich die beiden vor dem Bauzaun, an dem noch immer das Schild hing: "Zutritt f├╝r Unbefugte verboten!"
"Was bedeutet: Unbefugte", fragte der K├Ânig den Kanzler, doch der wusste es auch nicht, und sie beschlossen, dass es in ihrem Land noch nie Unbefugte gegeben h├Ątte. Nun spickten sie zusammen durch ein Loch im Zaun und der K├Ânig staunte nicht schlecht, als er sah, dass auf der Wiese, auf der bisher in jedem Fr├╝hsommer die pr├Ąchtigsten Orchideen gebl├╝ht hatten, hohe Steinmauern standen. Da fragte der Kanzler einen Arbeiter, der auf der andern Seite des Zaunes eine Schubkarre hin oder her schob, wo sie den Mann finden k├Ânnten, der hier eine Bank herstellen sollte. Der f├╝hrte sie zu einem Wagen, an dem "Bauleitung" geschrieben stand.
Dort fanden sie auch ihren Mann aus dem Alpenland, und der K├Ânig fragte ungehalten, wieso er f├╝r eine Sitzbank solche Mauern ben├Âtige.
"Was", sagte der Bankexperte zum Kanzler, "was faselt dieser Herr von einer Sitzbank? Ich habe den Auftrag, hier eine Landesbank zu bauen!"
Der K├Ânig sah seinen Kanzler und dieser sah den K├Ânig an, und der K├Ânig fragte, wozu Dingsda eine Landesbank brauche, auf der man nicht einmal sitzen kann.
Der Bankfachmann erkl├Ąrte ihnen die Funktion einer Landesbank, die zu einer Hauptstadt geh├Âre, wie die Nase zum Gesicht und f├╝hrte sie durch die halbfertigen R├Ąume. Genau in der Mitte war ein fensterloser Raum abgeteilt, in dem ein st├Ąhlernes Unget├╝m stand, und der K├Ânig wollte wissen, wof├╝r ein solcher Eisenkasten gut w├Ąre. "Das ist", sagte der Mann, ein Tresor; keine Bank der Welt kommt heute ohne Tresor aus, schon gar nicht eine Landesbank! Im Tresor werden Devisen und fremde W├Ąhrungen aufbewahrt". Der K├Ânig wandte ein, dass er noch nie Devisen oder W├Ąhrungen besessen habe, sondern Goldgulden und Taler, worauf ihn der Bankenmensch so anschaute, dass er sich augenblicks sch├Ąmte und verstummte.
"Nun ja", meinte darauf der K├Ânig, "wenn jetzt jedes Land eine Landesbank mit einem Tresor braucht, dann bauen wir in Gottes Namen weiter. Aber irgendwo muss eine Sitzbank aufgestellt werden, auf die man sich setzen kann. Das ist ein k├Âniglicher Befehl!"
Inzwischen sitzt der g├╝tige K├Ânig alle Tage auf der schmalen Sitzbank vor dem Eingang des neuen Bankgeb├Ąudes. Er ist so traurig und arm wie eine Kirchenmaus. Seine ganzen Goldgulden und Silbertaler hatte er, genau wie alle seine Landeskinder, dort abliefern m├╝ssen, damit das pr├Ąchtige Haus, mit viel get├Ântem Glas und echtem Marmor, fertig gebaut werden konnte.
Da sich sein armes Land keine neue W├Ąhrung h├Ątte leisten k├Ânnen, traf es sich gut, dass ein benachbarter Staat seine W├Ąhrung mit Mark und Pfennigen gerade abgeschafft hatte, und all sein guterhaltenes Geld hochoffiziell vernichten sollte. Auf Bitten des K├Ânigs wurden diese Scheine und M├╝nzen vor dem Verbrennen und Einschmelzen bewahrt und nach Dingsda gebracht.
Seither kann sich das L├Ąndchen vor Touristen, meist Preu├čen, Sachsen, Hessen, Franken und Rheinl├Ąnder, kaum noch retten; sogar sparsame Schwaben und Alemannen vom Oberrhein wurden schon gesichtet. Die Fremden mit den seltsamen Dialekten kaufen an den Verkaufst├Ąnden und Buden Ansichtskarten und s├╝ndhaft teuren Obstler als Dingswasser, oder sie nehmen f├╝r ihre Verwandten Souvenirs mit heim, wie etwa geschnitzte Madonnen und Holzteller aus Plastik. Wenn sie an lauen Sommerabenden vor ihren Hotels gesellig beisammensitzen, freuen sie sich, dass sie noch einmal mit ihrer guten alten Mark, und den vertrauten Groschen zahlen d├╝rfen.
Mit Tr├Ąnen in den Augen singen sie zuletzt vielstimmig:
Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde, vor meinem Vaterhaus steht eine Bank....




__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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LuMen
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Hallo Bernhard,

Du erz├Ąhlst da ein feinsinnig ironisches M├Ąrchen, das ich als gut gelungen empfinde! Die Geschichte ist keine knallharte Satire, hat aber gerade in dieser m├Ąrchenhaften Form ihren besonderen Reiz.

Herzlichen Gru├č
LuMen

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flammarion
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oh mann,

es ist noch so fr├╝h am morgen und schon komme ich in den genuss einer erlesenen k├Âstlichkeit!
ich gratuliere dir zu diesem gelungenen werk. das gibt punkte und aufnahme in meine sammlung.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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M├Â├čner, Bernhard
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Wie die Mark....

Hallo LuMen,
hallo Flammarion!
Wie um alles in der Welt habt ihr meine lange unbeachtete Glosse oder Geschichte in der Leselupe wieder ausgegraben?
Ich werde eure positive Bewertung, f├╝r die ich mich herzlich bei euch bedanke, zum Anlass nehmen, eine weitere Geschichte aus dem Narrennest "Dingsda" in die Lupe zu stellen.
Da es mir oft sehr an Zeit mangelt, besuche ich die Rubrik "Humor & Satire" nur sporadisch, so entgeht mir sicher manches Vergn├╝gen.
├ťber Flammarions Adam und Eva musste ich schmunzeln. Die biblische Sch├Âpfungsgeschichte hat mich auch auch schon mehrmals zum Glossieren verf├╝hrt.
Liebe Gr├╝├če!
-Bernhard-
__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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