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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wie eine zu Ende gerauchte Zigarette
Eingestellt am 16. 11. 2003 13:19


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Herbert Stahlvogel
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

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Wie eine zu Ende gerauchte Zigarette

Je l├Ąnger er dar├╝ber nachdachte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass er sich von der Realit├Ąt entfernt hatte.

Paul h├Ârte den rauen Wind gegen das Fenster peitschen. Wie in den Tagen zuvor, sah er machtlos zu, wie dieser mit seinen m├Ąchtigen Armen herbstlich goldbraune Bl├Ątter in dem Garten aufwirbelte. In diesem Augenblick konnte man meinen, dass all das Sch├Âne der Welt sich aufb├Ąumte, den Ekel von sich absch├╝ttelte und diese Welt, einer kahlen Erscheinung ├╝berlies.
Doch Paul wusste, der Wind spielte nur sein Spiel. Er griff sie vom Boden auf und wenn er es wollte, lies er sie wieder fallen. Er ├╝berlies sie dem Nichts unter ihnen, noch ehe sie eine Chance hatten dieser Welt zu entkommen.
Er war perfekt, ein Meister seiner Arbeit und er verrichtete sie mit einer erschreckenden Leichtigkeit, die Paul gedanklich zu Boden dr├╝ckte.

Vor 20 Jahren, auf den Tag genau, hatten Anna und Paul beschlossen der Gro├čstadt den R├╝cken
zu kehren. Sie wollten Abgas und Fabrikru├č hinter sich lassen und in einen fernen Ort, jenseits der Grenzen ziehen. Anna schw├Ąrmte zu dieser Zeit von einem Haus mit Garten und einer langen Rutsche, die sie gebrauchen w├╝rde, wenn sie von dieser Welt entr├╝cken wollte. Manchmal hatte er den Gedanken, dass diese Rutsche sie in ein Geheimversteck f├╝hren sollte, indem sie sich sicher f├╝hlte. Ein Versteck, indem sie niemand finden sollte.

Ein Haus zu bauen hielt Paul nicht f├╝r undenkbar, aber der Garten, den sich Anna vorstellte, hatte die Gr├Â├če eines Nationalparks. In Annas Dimensionen zu denken bereitete ihm oft Schwierigkeiten. Sie konnte Sph├Ąren einnehmen, die manchmal nur einem kleinen Schritt vom Wahnsinn entfernt waren. An manchen Tagen hatte sie Angst. An solchen Tagen hatte Anna sogar gro├če Angst und wenn eine Flut des Zitterns ├╝ber sie hereinbrach, erkannte er sie oft nicht wieder. Sie war wirklich stark, aber in solchen Momenten, scheiterte sie an kleinsten Problemen, indem sie sich aus ihren verschachtelten Gedanken nicht mehr befreien konnte. Einmal hatte sie sich vor lauter Angst unter dem Bett versteckt. Paul hatte sie stundenlang gesucht und als er sie endlich fand, schaffte sie es nicht mehr von alleine hervorzukommen. Anna hatte sich innerhalb weniger Minuten eine eigene kleine Welt unter dem Bett geschaffen, in der sie sich sicher f├╝hlte. Jeder andere Ort stellte in diesen Stunden eine Gefahr f├╝r sie dar und ihr dann Weis zu machen, dass sie nun endlich hervor kommen kann, war eine gro├če M├╝he f├╝r Paul. Ein anderes Mal hatte sie sich in der M├╝lltonne tagelang versteckt. Aber sie hatte es ertragen, den Gestank, den Schmach der Fremden und der Nachbarn. Nun war es Zeit gewesen, diesen Ort zu verlassen, ehe sie noch mehr Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

Gott sei dank geisterte der Splin von der Rutsche nur kurze Zeit in Annas Kopf und kurz bevor sie die Gro├čstadt verlie├čen, hatte sie wieder etwas neues gefunden an dem sie sich festhielt, wie eine Spinne an ihrem Netz. Sie hatte in einem Buch von dem blauen Meer gelesen, von hohen Wellen und von paradiesischer Einsamkeit. Seit dem war sie hin und weg, wollte um alles in der Welt die hohen aufschlagenden Wellen sehen, an der K├╝ste entlangen gehen und Muscheln sammeln. Sie hatte ein konkretes Bild, wie alles aussehen musste und so beschrieb sie ihm das Meer mit einer Genauigkeit, dass er wusste, wie es aussah, wie es schmeckte, wie es war in ihm zu baden ohne jemals dort gewesen zu sein.

So fuhren sie wochenlang in dem Auto, durchkreuzten unz├Ąhlige St├Ądte, ├╝berwanden Berge und T├Ąler , als sie pl├Âtzlich stopp sagte und die Landkarte aus der Hand legte.

Sie stieg aus, ging mehrere hundert Meter und blieb f├╝r lange Zeit stumm stehen. Im Auto h├Ârte er das Meer rauschen. Er stieg ebenfalls aus und folgte Anna. So standen sie da und sahen auf das st├╝rmische Meer hinaus, h├Ârten die Wellen schlagen, starrten in den endlosweiten Himmel und f├╝r einen Moment erschien es ihnen, als gebe es nur sie beide auf der Welt. Sie atmeten den Duft des Meeressalzes ein, die frische Luft, die andere Welt.

Paul legte seine Arme um ihre Schultern und sie drehte sich um und fragte ihn leise, fast z├Ąrtlich: “W├Ąrst du bereit, mit mir hier, dein Leben zu verbringen?” Und er hatte mit dem Kopf genickt und ja gesagt. Paul h├Ątte es ihr nie abschlagen k├Ânnen. Er wusste zwar, dass er nur eine Nebenrolle in ihrem Leben spielte. Kein Mensch h├Ątte Anna n├Ąher kommen k├Ânnen, als es ihm selber gelang. Anna hatte ihre eigene Fantasie und alles drehte sich bei ihr um ├Ârtliche Sicherheit. Ihre Gedanken kreisten manchmal tagelang um eine Frage: Wie kann man sich am besten sch├╝tzen? Sie hatte oft wirre Gedanken, wenn auch der Umzug ihr eine Weile verhalf, Zuflucht zu finden.

Sie war schon immer fasziniert von Labyrinthen gewesen. Niemand w├╝rde sie finden, hatte sie ihm einmal gesagt, wenn die Welt ein Labyrinth w├Ąre. Leider hatte sie nicht gemerkt, dass ihre Art zu denken, sie in dieses Labyrinth gebracht hatte, aus der sie nie wieder herausfinden w├╝rde.

Und als er ihr mit “ja” geantwortet hatte, war f├╝r Anna ein lange Zeit die Welt in Ordnung. Sie wusste nicht, dass es ihm eigentlich egal war, wo sie zusammen sesshaft wurden. Sie h├Ątte jedes andere Fleckchen Erde aufsuchen k├Ânnen, eine verlassene Insel oder eine H├╝tte in den Bergen, seine Antwort w├Ąre immer die selbe gewesen, immer und immer wieder, denn er wollte nur eins: Er wollte bei ihr sein.
Er hatte es nie bereut, nicht einen Moment sein Leben mit ihr zu teilen und so zogen die gl├╝cklichen Jahre wie Tage an ihnen vorbei.

Er blickte auf den Kalender in seinem Zimmer. Es war Donnerstag, der 23. Oktober 1982. Vor einem Jahr war sie noch bei ihm gewesen. Vor einem Jahr genau. Er hatte sie geliebt, mehr als man eine Frau lieben sollte. Noch heute sieht er sie vor sich mit ihrem lang gelockten Haar, dem unschuldigen Gesicht, den treuenherzigen schutzsuchenden Augen.

Letzten Endes hatte sie den Wind von allen Seiten genommen. Sie hatte versuchte sich auf den Wellen zu halten und mehr mit den H├Âhen als mit den Tiefen zu gehen.
Aber sie war m├╝de geworden und m├╝de Menschen wollen nichts sehnlicheres als friedlich schlafen. Sie wurde ein Opfer ihrer schwerer Gedanken und selbst der selbe Wind, der in diesen Tagen wieder einkehrte, vermochte sie nicht mehr zu tragen. Er lies sie fallen, so wie er es mit den Bl├Ąttern in Annas Garten handhabte. Manchmal sollte man den Ballast von sich werfen, wenn der Sturm zu Ende ist.
Der Sturm war zu Ende, die Arbeit des Meisters getan. Er lies Anna fallen und ├╝bergab sie dem Ekel der Welt.

Seit Annas Tod war es dunkel geworden. Nicht nur die H├Ąuser hatten ihren Glanz verloren, die Wiesen schienen l├Ąngst verdorrt zu sein und allm├Ąhlich begann sich ein Schatten ├╝ber die Gegend auszubreiten, der nichts mehr gedeihen lies.
Die einstig frische Luft ist nun eisig geworden. Die Menschen in der Stadt verkriechen sich und so scheint die Gegend nicht nur ausgestorben und kalt zu sein, sondern einem Friedhof gleichzukommen.
Und niemand sieht die Mauern, niemand begreift, dass der gewohnte Anblick ein Gef├Ąngnis f├╝r Paul war, der niemals zu einem Ort der Erl├Âsung werden konnte.
Jede Wolke, sagte er sich, war ein Schaf. Der Sch├Ąfer der Wind. Der Sch├Ąfer f├╝hrt die dunkle Herde voran und hinterl├Ąsst schwarze, unheimliche Flecke.

Schwarze unheimliche Flecke waren auch ├╝ber seine Haut, wenn er sich im Spiegel betrachtete. Das Alter macht jedem zu schaffen. Der Spiegel zeigte ihm das Gesicht eines fremden Mannes, eines Greisen, der mit Falten des Zorns ├╝berseht war. Seine Stirn wurde von tiefen Furchen gekennzeichnet, die ├╝ber die Jahre kriegerisch wie Soldaten in Sch├╝tzengr├Ąben sich einnisteten. Der Tod lauert ├╝berall. Die Zeit ist r├╝cksichtslos, mit jeder Sekunde, r├╝cken wir dem Zerfall etwas n├Ąher. Menschen kommen, Menschen gehen.
Am Ende sind wir Asche. Staub ist wie Asche.
Der Wind treibt Tod voran. Wir atmen ein, atmen aus und leben doch, leben noch.
Je weiter W├╝nsche r├╝cken, desto n├Ąher sind Tr├Ąume. “Am Schluss werden Tr├Ąume niemals wahr“, hatte Anna einmal gesagt, als sie ihr Leben nicht mehr f├╝r lebenswert empfand.

Wer seinen Ort verl├Ąsst, hat neue Tr├Ąume, neue Ziele, findet neue Wege. Aber Paul ist geblieben, immer noch am selben Ort, im selben Haus, in dem alten Zimmer auf dem modernden Stuhl, und beobachtet durch das schmale Fenster den schaurigen Moment, die Gegenwart und alles was noch kommen wird. Immer noch nach all den Jahren h├Ąngt er an diesem Ort, mit jeder Erinnerung, mit jedem Gedanken, mit jedem verlorengeglaubten Augenblick. Nur ein paar H├Ąuser sind hinzugekommen, ein paar Strassen und ein paar Kreuze mehr.

Sie hatten sich nicht verabschiedet, nicht einmal gesehen, als sie gegangen war. Sie ging ohne Warnung, ohne ihm etwas zu sagen. Nur ihre Lieblichkeit hatte sie hinterlassen und er wusste, kein Wind w├╝rde ihre Spuren verwischen k├Ânnen und keine Zeit seine Erinnerung verblassen. Kein Wind. Keine Zeit.
Gott wei├č wo sie ist, was sie macht, wem sie nun Freude schenkt. Jeder Gedanke an sie tut weh, rei├čt Wunden auf, wirbelt Staub auf, l├Ąsst Unvergessenes so lebendig werden, wie die treibenden Bl├Ątter vor seinem Fenster.

Manchmal versiegelt ein Gedanke das Schicksal, verriegelt ein Moment die Pforte zwischen Leben und Tod. Nichts h├Ątte sie aufhalten k├Ânnen. Wer die Hoffnung aufgibt, gibt sich selber auf.

Es war ein windiger Tag. Die Wellen hatten ihren H├Âhepunkt in diesem Jahr erreicht. Sie liebte das Fliegen, die Schwerelosigkeit, den Fall und so lie├č sie sich treiben, wie ein Vogel vom Wind. Es war der letzte Wunsch, den sie sich erf├╝llte. Sie hatte Anlauf genommen und sich von der Klippe gest├╝rzt. Es war nach vielen Wochen wohl das erste Mal wieder, dass sie frei war, frei wie ein Vogel. Niemand darf dar├╝ber urteilen, ob es gut oder schlecht war. Anna hatte ihre eigene Welt, ihre eigenen Probleme und jeder Gedanken l├Âst etwas aus. Er konnte es nicht verstehen, aber letztendlich, dachte Paul, hat jeder das Recht, sein Leben wegzuwerfen, wie eine zuende gerauchte Zigarette.


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blaustrumpf
???
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Hallo, Herbert Stahlvogel

Nein, so kann man eine solche Geschichte nicht schreiben. Nicht so nebenher vom Leben und Sterben berichten, nicht so in Kleinigkeiten das ganz gro├če Gef├╝hl aufblitzen lassen. Nein, so kann man eine solche Geschichte wirklich nicht schreiben. Au├čer man kann es, au├čer man tut es.

Gewiss, ein paar Schreibfehler haben sich eingeschlichen, zuweilen stehen Kommas vorwitzig dort, wo sie nun wirklich nichts zu suchen haben. Ja, und? Herzlichen Dank f├╝r eine Geschichte, die ich vielleicht anders erz├Ąhlen w├╝rde, aber die mir im Kopf und im Herzen bleiben wird!

Sch├Âne Gr├╝├če von blaustrumpf

__________________
Daf├╝r bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Herbert Stahlvogel
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Hallo Blaustrumpf,
vielen Dank f├╝r Dein Kommentar, wenn ich angangs auch etwas verwirrt war. Nach mehrmaligen durchlesen habe ich es dann doch verstanden, was Du mir damit sagen wolltest. :-)

Ich nehme es als gro├čes Kompliment an, denn ein solch schwieriges Thema ist, wie Du bereits erw├Ąhntest, wirklich nicht leicht in eine Kurzgeschichte zu verpacken.

F├╝r Deine durch aus gro├čz├╝gige Bewertung noch einmal recht herzlichen Dank.

Gru├č Herbert

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mye
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hallo,

ja was soll ich sagen... die g├Ąnsehaut h├Ąlt noch immer leicht an! eigentlich habe ich kaum zeit, doch als ich erst angefangen hatte deine geschichte zu lesen... da war das dann auch egal; konnte dann nicht einfach damit aufh├Âren! jetzt bin ich gedanklich irgendwie ein wenig durch den wind... tja und daf├╝r danke ich dir auch!

lieben gru├č,

mye
__________________
man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

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Rhea_Gift
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Hi,

eine Geschichte viel zu sehr nach meinem Herzen, meiner Seele geschrieben - wie ein Blick in den Spiegel, dessen Tr├╝bung durch die Zeit man schon ahnen kann, dessen dunkle Schatten einen erschauern lassen, obwohl er noch blank ist...

LG, Rhea
































__________________
...Seele, bist du nun erwacht?...Und sie zittert, und sie lacht allen Himmelssternen zu... (Hesse)

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Herbert Stahlvogel
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

Werke: 15
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Hallo Rea_gift und mye,
auch Euch m├Âchte ich f├╝r Eure positiven Kommentare danken. Es ist sch├Ân zu wissen, dass es noch mehr Menschen gibt, die ├Ąhnlich denken und vor allem freut es mich riesig, dass meine Geschichte so gut ankommt.

Die besten Gr├╝├če
Herbert

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