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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wie im Traum
Eingestellt am 21. 08. 2004 09:10


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Nicole Nohr
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2004

Werke: 4
Kommentare: 2
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Ich beobachte dich. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Du sitzt da. An deinem Platz am anderen Ende des Raumes. Vorbeigehende Personen nehmen mir immer wieder die Sicht, aber ich lasse dich nicht aus den Augen. Ich, Emily Truman. Jahrgangsbeste. SchĂŒlersprecherin. Der Liebling aller Lehrer. Nein, halt - der Liebling fast aller Lehrer. Ich wĂŒnsche, es wĂ€re anders. Ich hoffe es. Aber bei dir bin ich nicht sicher. Du bist undurchschaubar. Versteckst dich hinter deiner Fassade. LĂ€sst niemanden in dich hineinschauen. Ich wĂŒnsche, ich könnte es. Noch so ein Wunsch von mir. Wenn ich dich ansehe, an dich denke, dann habe ich so viele WĂŒnsche. Werden sie jemals wahr werden? Wahr werden können? Wahr werden dĂŒrfen? Ich weiß es nicht.
Ich sitze hier alleine an einem kleinen Tisch. Abschlussball. Das Ende ist gekommen. Die acht Jahre hier im Internat neigen sich heute Abend dem Ende entgegen. Morgen sitzen wir alle im Zug nach Hause. Im Zug in ein neues Leben. Nach nirgendwo. PlĂ€ne. WĂŒnsche. Gedanken. Was wird die Zukunft bringen? Werde ich dich je wieder sehen? Man sagt, man sieht sich immer zweimal im Leben. Stimmt das? Ich hoffe es, glaube daran.
Ich beobachte dich noch immer. Aus der Entfernung. Wie ich es schon seit langer Zeit tue. Schweigen und Beobachten. Das ist meine SpezialitĂ€t geworden, wenn es um dich geht. Meine Klassenkameraden haben es nicht bemerkt. Wie denn auch? Sie sind eben nur Jungs – nein, junge MĂ€nner, die nur MĂ€dchen und Fußball im Kopf haben oder kreischende MĂ€dchen, die fĂŒr irgendwelche Stars schwĂ€rmen, die nĂ€chsten Monat schon niemand mehr kennt. Lernen, lesen, sich mit Problemen auseinander setzen, das ist ihnen fremd. Spaß ist ihre Devise. Probleme werden nicht gelöst, sondern ausgesessen. Aber du bist anders. Das fĂŒhle ich. Das spĂŒre ich. Ein plötzlicher Tumult lenkt mich von dir ab. Vorne auf der TanzflĂ€che: Steve-ich-trau-mich-nicht-McMilliam hat es vor ein paar Minuten endlich geschafft und Hannah Smith zum Tanzen aufgefordert. Jetzt steht er mit ihr mitten auf der TanzflĂ€che, eng umschlungen. Die Lippen vereint. Die SchĂŒler um sie herum applaudieren. Steve ist erwachsen geworden. Auch die anderen aus meinem Jahrgang amĂŒsieren sich und haben ihren Spaß. Nur ich, die kleine Besserwisserin, die Spaßbremse, die Streberin, ich sitze hier alleine herum. Von niemandem beachtet. Meine Augen suchen dich. Schock. Dein Platz ist leer. Bist du gegangen? Wo bist du hin? Ich verfluche meine pubertierenden MitschĂŒler, die mich von dir abgelenkt haben. Der Abend scheint gelaufen. Ich will weg. Weg, aus dem Saal. In mir herrscht vollkommene Leere. Hier gibt es nichts was mich noch hĂ€lt. Ich warte auf einen gĂŒnstigen Moment, um unauffĂ€llig zu verschwinden. Aber da mich sowieso niemand beachtet kann ich gehen-sofort. Ich erhebe mich. Dann bringt eine sanfte Stimme mich halb in der Luft hĂ€ngend zum Stoppen. „Sie wollen schon gehen, Miss Truman?“ Mir lĂ€uft es eiskalt den RĂŒcken hinunter. Diese Stimme. Die Stimme, die mich jedes Mal fesselt, die unter die Haut geht. Deine Stimme. Ich werde unsicher. Was soll ich dir sagen? „Guten Abend, Mr. Miller“ höre ich mich. Du bist nicht gegangen. Ich lasse mich wieder auf meinen Stuhl fallen. Drehe mich zu dir um. Du stehst direkt vor mir. Zwei GlĂ€ser in der Hand. Du fragst, ob du dich setzten darfst. Ich nicke, unfĂ€hig etwas zu sagen. Du reichst mir ein Glas. Willst mit mir anstoßen. Warum ich hier so alleine sitze, möchtest du wissen. Was soll ich sagen? Kann ich ĂŒberhaupt etwas sagen? Ich fĂŒrchte mehr als ein KrĂ€chzen wird mir nicht gelingen. Ich schweige. Du schweigst ebenfalls. Siehst mich mit deinen dunklen Augen an. Deine Augen, die mir schon so oft den Schlaf geraubt haben. Dunkel, wie ein Bergsee. Klar und doch undurchsichtig. Ich verliere mich, kann den Blick nicht von ihnen abwenden. Auch du hĂ€ltst meinem Blick stand. Die Zeit bleibt stehen. Nur du und ich. Ich und du. Ich wĂŒnsche, der Moment wĂŒrde nie vergehen. Ich versuche mir dein Gesicht einzuprĂ€gen. Jeden Quadratmillimeter. Als Erinnerung. Eine Erinnerung an meine erste große Liebe. Ja, das bist du. Ich bin mir sicher, habe oft und lange darĂŒber nachgedacht. Du verursachst ein Kribbeln in meinem Bauch, wenn ich nur an dich denke. Das muss Liebe sein. Nicht verliebt sein. Liebe. Dein Gesicht zeigt Spuren. Ist nicht makellos. Die Jahre haben dich gezeichnet. Du bist Ă€lter geworden. Interessanter. Ein aufregender Anblick, der mich jedes Mal aufs Neue fesselt.
Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Du hast dich erhoben. Willst du wieder gehen? Ich langweile dich. Ich, deine SchĂŒlerin. Du bist mein Referendar, bist Ă€ltere GesprĂ€chspartner gewöhnt. Aber ich irre mich. Du gehst nicht. Du streckst deinen Arm aus. Nimmst zĂ€rtlich meine Hand und ziehst mich hoch. Du lĂ€chelst mich an. Ein LĂ€cheln auf deinem Gesicht scheint das grĂ¶ĂŸte GlĂŒck fĂŒr mich zu sein. Ich habe dich nie lĂ€cheln gesehen. Du fĂŒhrst mich zur TanzflĂ€che, ziehst mich an dich heran. Ich bin wie in Trance. Funktioniere nur noch. Lasse alles mit mir geschehen. Ich spĂŒre deinen Atem in meinem Haar. Du riechst gut, nach KrĂ€utern und MĂ€nnlichkeit und After Shave. Die Kombination raubt mir die Sinne. Wenn du mich jetzt loslĂ€sst, ich könnte nicht selbststĂ€ndig stehen. Meine Beine scheinen aus Gummi. Aber du lĂ€sst mich nicht los. Willst mich nicht los lassen. Ziehst mich enger an dich heran. Das Lied ist zu Ende. Kurze Stille. Dann die ersten Takte des nĂ€chsten Liedes. Sanfte Klaviermusik. Du ziehst mich noch enger an dich heran. Ich lasse es geschehen. Die Welt steht wieder still. Es gibt nur uns Beide. Mann und Frau. Paul und Emily. Ich bin nicht mehr deine SchĂŒlerin. Du nicht mehr mein Referendar. Ich spĂŒre deinen Atem an meinem Ohr. Du flĂŒsterst mir zĂ€rtliche Dinge zu. Deine Hand streichelt sanft ĂŒber meinen RĂŒcken. Ich lege meinen Kopf an deine Schulter. Bin glĂŒcklich. GlĂŒcklich wie noch nie. WĂŒnsche, dass dieser Moment ewig dauert. Du knabberst zĂ€rtlich an meinem OhrlĂ€ppchen. Dein Mund wandert meinen Hals entlang. Ich schließe die Augen. Halte die Luft an

Plötzlich zieht jemand an meinem Arm. „Emily? TrĂ€umst du? Komm, beeil dich. Wir mĂŒssen zum Chemieunterricht.“

Ende

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