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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wie immer
Eingestellt am 19. 08. 2012 21:58


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Die halbe Flasche Wein nach Mitternacht war wohl doch zu viel, denkt Achim, als er sich am späten Vormittag mit schmerzendem Kopf aus dem Bett hievt. Aber er lässt ungern eine angebrochene Flasche bis zum nächsten Tag stehen, das Zeug schmeckt dann einfach nicht mehr. Außerdem kann man am Wochenende ruhig mal ein Glas mehr trinken.

Langsam zieht er die Vorhänge auf. Die grelle Sonne blendet ihn, unwillkürlich kneift er die Augen zusammen. Allmählich könnte sich der Sommer verabschieden, wenn es nach ihm ginge. Er schlurft missmutig auf seinen kleinen Balkon, der glücklicherweise um diese Tageszeit noch im Schatten liegt, zündet eine Zigarette an und versucht sich zu erinnern, was er gestern Abend im Kurzgeschichten-Forum veröffentlicht hat. Meistens kommen ihm am späten Abend die besten Ideen. In letzter Zeit musste er sich allerdings des Öfteren eingestehen, dass ein nochmaliges Korrigieren am nächsten Morgen dem Text ganz gut getan hätte.

Nach dem Duschen und einem starken Kaffee fĂĽhlt er sich besser. Eigentlich wollte er heute mal wieder eine Runde joggen, aber bei der Hitze? AuĂźerdem gibt es sicher viele interessante Neuigkeiten im Forum.

Achim loggt sich ein, überfliegt die neuesten Beiträge (auch andere Mitglieder scheinen nachts die vermeintlich besten Einfälle zu haben) und konzentriert sich bei der nächsten Zigarette noch einmal auf seinen eigenen mitternächtlichen Text. Sooo schlecht liest sich der gar nicht, nur einige Flüchtigkeitsfehler waren offensichtlich der späten Stunde geschuldet. Er bessert hier und da ein wenig aus, ärgert sich (nur ganz kurz!), dass sein Werk bisher nicht öfter angeklickt wurde, und versendet die korrigierte Fassung.

Noch eine Zigarette, und Achim ist endlich wieder in Bestform. Er beschlieĂźt, die Idee, die ihm letzte Nacht kurz vor dem Einschlafen durch den Kopf ging, gleich heute zu einer neuen Geschichte zu verarbeiten, und beginnt umgehend zu schreiben.

Achims Begeisterung für diese wirklich brillante Handlung steigt mit jeder Zeile. Er feilt angespannt an seinen Formulierungen und vergisst dabei völlig die Zeit. Erst als er irgendwann hungrig wird, nimmt er wahr, dass schon später Nachmittag sein muss. Eine Pizza vom Lieferservice wäre jetzt gerade recht. Geliefert wird wie immer prompt, und Achim verdrückt die Pizza gleich am Schreibtisch, dazu genehmigt er sich ein erstes Gläschen Wein. Heute will er sich aber mit dem Alkohol zurückhalten und auf jeden Fall früher schlafen gehen.

Nach dem Essen, bei einer weiteren Zigarette auf dem Balkon, stellt er fest, dass die Wärme erträglicher geworden ist. Vielleicht sollte er einmal um den Block gehen und dabei auch gleich Zigaretten mitbringen. Achim kann überhaupt nicht verstehen, dass Leute den ganzen Tag vor dem Bildschirm verbringen und vom Leben draußen kaum noch etwas mitbekommen. Zum Beispiel seine Schwester, diese naive Gans! Sie ist ein hoffnungsloser Fall von Internetsucht. Was der neulich passiert ist ... Sie hatte jemanden im Internet kennengelernt und sich mit ihm getroffen. Leider passten das Foto des Mannes und sein wahres Aussehen nicht so recht zusammen, und Achim musste tagelang ihr Gejammer am Telefon anhören. Er selbst hält grundsätzlich mehr Abstand zu seinem Forum, er gibt niemals persönliche Daten preis.

Der kleine Spaziergang tut ihm gut, unterwegs kommen ihm weitere Ideen fĂĽr den Fortgang seiner Geschichte. Er setzt sich Zuhause sofort wieder an den PC und schreibt weiter.

Ein paar Gläser Wein und zwei Stunden später ist der Text fertig. Achim ist sehr zufrieden mit seinem neuesten Werk. Mit dem Absenden will er sich diesmal Zeit lassen, zuvor möchte er die aktuellen Kommentare lesen.

Das gibt’s doch nicht! Jemand erdreistet sich, Achims gestrigen Beitrag, den er mittags so sorgfältig überarbeitet hatte, ziemlich herablassend zu besprechen. Darauf muss er diesem Wichtigtuer sofort antworten. Wohltuend ist dagegen diese nette Jungredakteurin. Sie hat seinen Text wie immer mit sehr blumigen Worten gewürdigt. Die Dame würde er ganz gern mal kennenlernen. Ob er ihr das vorschlagen sollte? Vielleicht könnte sie ihm ein paar Tipps geben!

Je länger Achim darüber nachdenkt, desto reizvoller erscheint ihm seine Idee. Beschwingt öffnet er eine weitere Flasche. Er träumt eine Weile vor sich hin, liest das Geschriebene ein letztes Mal flüchtig durch und schickt es dann ab. Das wird einschlagen wie eine Bombe, davon ist er felsenfest überzeugt!

Achim schaltet den PC aus und räumt die zwei leeren Flaschen in die Abstellkammer. Der Wecker zeigt 1.47 Uhr, als endlich das Licht ausgeht.



Version vom 19. 08. 2012 21:58
Version vom 21. 08. 2012 17:28

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Paloma
???
Registriert: Aug 2002

Werke: 40
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Hallo Ciconia,

wenn du deinen Protagonisten als einen selbstgefälligen Hobbyautor darstellten wolltest, der mal eben schnell, möglichst noch betrunken, etwas runterschreibt – Flüchtigkeitsfehler als „nicht so schlimm“ ansieht, seine Texte abschickt und auf Applaus wartet, dann ist dir das gelungen. Er ist megaunsympathisch. Leider gibt es solche Schreiberlinge auch in der Realität, zum Glück kommen sie nicht so allzu häufig vor.
Inhaltlich hast du das schön wiedergegeben – für mich ist das Trash im positiven Sinn.

Die Umsetzung finde ich handwerklich nicht so gelungen. Ich würde dir empfehlen, deinen Text noch mal auf Adjektive zu untersuchen und das ein oder andere – oder auch sehr viele – durch Handlung zu ersetzen.

Einige Sätze würde ich umformulieren, z. B.

quote:
Als er nach dem Essen auf eine Zigarettenlänge hinaustritt,

das ist ungenau – wo tritt er denn hin?

oder

quote:
Was der neulich übrigens passiert ist… so etwas würde es bei ihm nie geben. Sie hatte doch tatsächlich einen Mann über ein Internet-Forum kennengelernt und sich mit ihm getroffen.

Mal davon abgesehen, dass vor den ... ein Leerzeichen kommt, denke ich mal, er wird wohl auch keinen Mann im Netz suchen, zumindest gibt es keinen Hinweis darauf, dass er homosexuell ist.

Außerdem sind in deinem Text sehr, sehr viele Füllwörter – da könntest du bequem auf mindesten 2/3 verzichten.

Ich meine, es lohnt sich dran zu bleiben.

Liebe GrĂĽĂźe
Paloma

__________________
Plot - POV - Pointe

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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Danke fĂĽr die Kommentare!

Ich glaube, man muss gar nicht so viel hineininterpretieren.

quote:
selbstgefälligen Hobbyautor
quote:
Er ist megaunsympathisch

So unsympathisch wollte ich Achim gar nicht darstellen. Ich dachte eher an einen etwas schwachen Menschen mit Selbstüberschätzung und guten Vorsätzen, der jeden Tag wieder genau daran scheitert. Da ist es eher nebensächlich, dass er zufällig "Hobbyautor" ist, er würde mit seinen Charakterzügen auch in anderen Bereichen dassselbe erleben.

Ich habe Kleinigkeiten im Text geändert und versucht, einige leidige Füllwörter loszuwerden.

@ USch: Danke für Deine Interpretation der Füllwörter! Ich nehme an, sie war nicht ernst gemeint?!?

@ Petra: Könntest Du mir bitte auf die Sprünge helfen, wie Dein Satz zu verstehen ist?

Danke und GruĂź
Ciconia

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