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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wie lange noch
Eingestellt am 19. 04. 2006 00:50


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Brigitte Kimmerle
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2006

Werke: 20
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Wie lange noch?

Schweratmend erhebt er sich. Die Arme auf den Sessellehnen abgestĂŒtzt, bevor ein letzter Schwung ihn in die Senkrechte bringt. Das kaputte rechte Knie schmerzt bei jeder Bewegung und Belastung. Der Leib verkrampft sich in dauerhaftem Schmerz, der ĂŒber den ganzen Körper ausstrahlt. Ein leises Stöhnen zwingt sich durch die fest zu-sammengekniffenen Lippen. Wie lange noch? Diesmal stellt er die Frage sich selbst.
Zum ersten Mal hat er, ‚es darf nicht sein‘, gemurmelt, als ihn wieder der Gedanke an den Tod anspringt und wie ein hungriger Tiger die Krallen in sein krankes Fleisch schlĂ€gt.
Schon lange weiß er, daß seine Tage gezĂ€hlt sind. Nicht nur das Alter zeichnet Grenzen auf. Letztendlich hĂ€lt ihn nur die Pflicht aufrecht. Er darf noch nicht seinen eigenen GefĂŒhlen nachgeben. Dem Wunsch nach Ausruhen und Schlaf und wunderbarem Nicht-mehr-wach-werden-mĂŒsÂŹsen.
In seinem Alter ..., er verzieht die Lippen, als er durch die TĂŒr zum Krankenzimmer, dem gemeinsamen Schlafzimmer, zu seiner Frau humpelt. Noch drei Schritte, dann muß er wieder gerade und aufrecht gehen, als wĂ€re gar nichts. Diese verdammte Scheinwelt. Hinter seinen Augen schimmert es leicht feucht. Doch sie wird es nicht sehen und erkennen.
In diesem hohen Alter leben schon sehr viele nicht mehr. Viele haben einen Scheinfrieden in der Nutzlosigkeit des nicht mehr Gebrauchtwerdens. Da gibt es nur noch das Ableben der Zeit, ein Verbrauch der Stunden, eingegrenzt in Essen, Schlafen, Essen , Verdauen und ... endlich wieder ein Tag vorbei. Ein Tag, der den Rest des Lebens verkĂŒrzt, vielleicht der letzte ist. Viele vermögen diesem Alter und diesem Rest nichts mehr Gutes abzugewinnen. Trotzdem klammern sie sich eisern an dieses StĂŒck Leben. Klammern, selbst wenn sich der Verstand ausklammert.
LĂ€nger als achtzig Jahre lebt er auf dieser Welt. Jahre, angefĂŒllt von all dem, was ein Leben zu bieten hat. Die Bi-lanz an guten und schlechten Dingen hĂ€lt sich die Waage. Er lebte stets gern und hatte auch viel GlĂŒck in seinem Leben. Auch oder gerade in den langen Jahren des Krieges, den er von Anfang bis Ende, an fast allen Brennpunkten mitgemacht hat.
Nein, er lebte gewiß nicht am Leben vorbei. Im Gegenteil, erlebt einer Liebe. Einer Liebe, die kaum ein Mensch verstehen, erleben oder nachvollziehen kann.
So sehr ihn auch der Schmerz zerreißt, bei diesen Gedanken wird alles anders. Das ist der Gegenpol zu seinem normalen Leben. Manchmal legt er die Mundwinkel in ein LĂ€cheln, wenn er die Anzeigen in den Zeitungen liest: Potenzmittel fĂŒr MĂ€nner im mittleren Alter. Weiß Gott, was mit diesen Menschen los ist. Er hat jetzt noch mehr davon, als viele junge Menschen. Vielleicht ist dies der Ausgleich zu seinem Leiden. Vielleicht holt sich der Körper darin und daraus Reserven. Kraft und Willen zum Überleben. Positives Denken unter der Last des Alltags. Jedoch ist es auch sehr oft Qual, weil er diese GefĂŒhle nicht durchleben kann.
Selbst jetzt noch ist er vorsichtig bei der Menge des Essens. Bis zuletzt will er seine Fußspitzen beim Senkrecht-nach-unten-Sehen sehen können. Er hĂ€lt sich sauber, gepflegt und ist geistig auf voller Höhe. DafĂŒr ist er dem Schicksal dankbar.
Mit einem LĂ€cheln beugt er sich ĂŒber seine Frau. Sie muss sauber gemacht werden, will Kaffee trinken, muss gefĂŒttert werden. Auf dem schwenkbaren Tablett stehen einige Nippesfiguren, die ihr immer gut gefallen haben. Sie soll es noch schön haben. Eine kurze Weile schauen ihre Augen wach und dankbar. Als er sich jedoch wieder ins Zimmer nebenan zurĂŒckziehen will, wehrt sie sich dagegen. Er darf nichts mehr fĂŒr sich alleine haben, weder das Fernsehen noch vereinzelt Telefonate. Argwöhnisch verfolgt sie jedes Wort, fragt und gibt zitternd ihre Kommentare dazu. „Was wollen die denn von uns. Sie sollen uns in Ruhe lassen.“
Er schweigt zu diesen VorwĂŒrfen, versucht immer wieder VerstĂ€ndnis fĂŒr sie zu haben. Manchmal fĂ€llt es ihm schwer, aber er nimmt es hin. Schicksal.
Alleine dann, versucht er noch etwas von seinem Leben zu leben, wenn der Schmerz es möglich macht. Dann gehen seine Gedanken zu den Menschen, die ihm außer seiner Frau wichtig waren und noch sind. Wie lange noch ...



































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Kultakivi
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Brigitte,

Ich finde deine Geschichte nicht schlecht. Du schreibst ĂŒber das, was uns alle mehr oder weniger bewegt. Das Alter und den Tod.
Marcel-Reich-Ranicki hat einmal gesagt. Es gibt nur zwei Dinge, die es wert sind, dass darĂŒber geschrieben wird: Das sind die Liebe und der Tod. Ich denke, da steckt viel Wahrheit drin. Du hast beide Themen in deiner Geschichte verarbeitet. Und zwar durchaus gelungen. Do könntest nur noch etwas an deiner Dramaturgie arbeiten, finde ich. Ich meine damit, den Aufbau der Handlung in deiner Story und einigen Wiederholungen. Du schreibst z.B.

Quote:
In diesem Alter leben schon viele nicht mehr.

Anschliessend wiederholst du das Wort Viele noch einige Male. Da wĂŒrde ich etwas anderes nehmen. Z.B. Die meisten, der grösste Teil etc. An dieser Stelle schwimmt die Handlung gleichzeitig fĂŒr ein Weilchen, da der Protagonist, der alte Mann sich zunĂ€chst ĂŒber sein Alter beklagt, um anschliessend seine noch vorhandene Spannkraft hervorzuheben. Das erscheint mir ein wenig widersprĂŒchlich. Insgesamt aber eine durchaus aussagekrĂ€ftige Geschichte, die bei entsprechender Ausarbeitung richtig gut werden könnte.

Lg


Kultakivi


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