Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
69 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Wie verrückt ist das denn?
Eingestellt am 20. 02. 2007 00:46


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
wondering
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Oct 2002

Werke: 72
Kommentare: 355
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um wondering eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich muss vorweg schicken, dass ich ein "Energie-Junkie" bin. Das heißt, ich glaube daran, dass die Energie die man losschickt auch auf einen zurückfällt. Schicke ich gute Absichten und gute Gedanken (alles Energien) los, dann findet diese Energie einen gleichen Pol und wirft ihn zurück... negativ geladen läuft das ebenso, bloß eben negativ. Ok, ich könnte jetzt tausend Beispiele bringen, aber ich glaube, es ist klar, was ich meine.

Jetzt frage ich mich, auf Grund eines ganz konkreten Beispiels, das ich gleich beschreibe, in Form von ein, zwei Fragen:
Warum ist es für manche(?) Menschen so schwer zu verstehen, dass es den gleichen Energieaufwand bedeutet, freundlich und zugewandt zu sein, anstatt unfreundlich und abweisend? Warum kapieren solche Leute nicht, dass sie mit WENIGER Energieaufwand leichter ihr Ziel erreichen, indem sie freundlich und zugewandt sind, anstatt reichlich Energie und Nerven zu vergeuden und das Ziel quälend erreichen?
Es gibt bestimmt viele zwischenmenschliche Situationen, bei denen man sich genau diese Fragen stellen kann. Ich beziehe mich aber auf eine spezielle, wiederkehrende Situation, und zwar die Pflegesituation in der Psychiatrie.

Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Pflege- und Versorgungssituation im Gesundheitswesen allgemein derzeit unendlich schwierig ist und sowohl zu Lasten der Kranken als auch zu Lasten der Pflegekräfte geht.
Ich möchte konkreter werden:
Wir befinden uns auf einer geschlossenen, gerontopsychiatrischen Station eines großen Krankenhauses, dass sich auf die Versorgung psychisch kranker Menschen spezialisiert hat.
"Oha, der ist im LKH gelandet, der hat ne Klatsche." - so das Stigma.
Ob das Leiden organischer, psychosozialer, genetischer oder sonstiger Ätiologie ist, vermag der vorgenannte Volksmund nicht zu unterschieden - ist auch nicht wichtig für das, was mir auf der Seele brennt. (Wenn es auch für das Hinsehen und Mitbeurteilen der Gesamtsituation für den Volksmund jederzeit von Interesse sein sollte, schließlich kann jeder von uns heute oder vielleicht morgen "im LKH landen")

Zurück zum Punkt, zum konkreten Fall:
Man stelle sich vor, dass ein Mensch an einer Manie erkrankt ist und dies schon vor vielen Jahren, immer wieder rezidivierend, also wiederkehrend. Der Mensch in seiner konkreten Situation fühlt sich toll, verbessert zuerst die Psychiatrie, dann das Land und schließlich die ganze Welt - und das von 5h in der Früh bis ungefähr 2h in der Früh. Es besteht kein Grund für diesen Menschen, an seiner Größe, Tatkraft und Genialität zu zweifeln. Zwischen 2h und 5h erwacht dieser Mensch mehrfach aus seinem kurzen Schlaf und verlangt nach dem Pfleger.
"Dazu ist der ja da und ich kann nicht allein aufstehen, weil mir von den Medikamenten so schwindelig ist!"
Klingt logisch.

Der Pfleger aber ist gerade dabei, einen anderen Patienten wieder anzukleiden, der beschlossen hat, um Mitternacht einen Nackttanz im Aufenthaltsraum der Abteilung aufzuführen. Und außerdem muss Frau XYZ zur Toilette und Herr ABC hat Hunger.

Reninent, wie es sich für eine ordentliche (übrinx nicht selbst verschuldete) Manie gehört, besteht unser Mensch auf die Aufmerksamkeit des Pflegers und ruft, nein schreit inzwischen nach ihm. Nach einiger Zeit ermöglicht ihm die Reihenfolge der Dringlichkeit (das ist Erfahrung), nach unserem Mensch zu sehen und er wird empfangen mit einem Schwall an Vorwürfen und Verbesserungsvorschlägen zu eigentlich nachtschlafender Zeit. Der Mensch muss mal Pipi! Aber halt nicht einfach nur Pipi, sondern muss mal manisch Pipi - das heißt... jetzt reichts (dem Pfleger).

Der Leser, sofern er dem Volksmund angehört, mag langsam unruhig werden. (Wer hält denn sowas aus?)
Die Fachkraft, falls Leser, spürt an Leib und Seele, wovon ich schreibe und
der Betroffene, falls zwischen den Episoden gerade auch mal Leser, wird hoffentlich jetzt nicht "getriggert".

Zurück zum Pfleger vs Kranker (ich nenne es auch gerne Gekränkter):
Pfleger: Sie gehen sofort wieder in ihr Bett!
Gekränkter: und wenn ich das nicht tue?
Pfleger: Sie sind hier nicht die/der Einzige auf Station! Ab ins BEtt
Gekränkter: Ich bin aber nicht müde!
Pfleger: Leg dich jetzt hin!
(aus Zimmer 13 schellt es)
...Oder muss ich Gewalt anwenden?
Gekränkter: Sie dürfen mich nicht wieder fixieren! (und legt sich hin)


Am Morgen treffen unser Mensch, der mit der Manie und alle anderen Menschen, die mit der Demenz, der Depression, der anderen Demenz, der Schizophrenie und die Pfleger, die anderen, im Aufenthaltsraum zum Frühstück wieder zusammen. Der eine Patient beginnt wieder sich auszuziehen, unser Mensch mit der Manie dreht das Radio auf "volle Pulle", der Mensch mit der Depression hat Angst (er kennt die Situation, dass es gleich Ärger gibt) und beginnt zu wandern...
die beiden (!) Pfleger (für 25 Patienten) füttern, fangen ein, tragen auf, wischen ab, ziehen an, beruhigen, schalten das Radio leiser, schenken Kaffee nach mit ihren 200 Armen und bleiben (scheinbar) cool.
...bis sie wieder die Gewalt androhen müssen, damit unser Mensch, der mit der Manie, auf seinem Zimmer frühstückt - freiwillig... ganz freiwillig.

Bald kommt ja die Betreuung (die privat finanzierte - z.B. ich) und nimmt uns ein bißchen, zumindest was DEN Menschen angeht, für zwei Stunden den Druck raus.

Ich nehme den Menschen bei der Hand und nenne ihn beim Namen. Ich schenke ihm mein Guten-Morgen-Lächeln und der Mensch geht mit mir mit auf sein Zimmer. Er weiß, ich habe Zeit mir alle seine Ideen, die Welt zu verbessern, seine neue Partei zu gründen und den Speiseplan der Psychiatrie zu verändern, anzuhören.
Nach zwei Stunden entlässt mich der Pfleger (mit bösem Blick) aus der geschlossenen Abteilung.

Komisch - er guckte schon so, als ich kam.

(aus meiner Sammlung an Gedanken zu Erfahrungen innerhalb der Ausbildung zur Psychotherapeutin)
__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


rosste
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2004

Werke: 85
Kommentare: 606
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um rosste eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo wondering, waldemar, pipi-barfuss,
ein paar gedanken von mir dazu:
das "verrückte" ist ein teil unserer welt, also nicht unnatürlich. es ist interessant und ein universum ohne psychiatrie gibt es eben nicht...
ja, die konkreten zustände sind oft traurig wahr...
die "gekränkten" brauchen uns - und wir brauchen sie - das sollen wir nicht vergessen.
vieles hier gesagte, hat mit uns zu tun, ist also nichts fremdes, nichts externes. manches ist reflexion...
ja, die pharmaindustrie spielt leider folgende rolle: "ferner dirigent".
in einigen konkreten fällen kann die hilfe so aussehen: vergebung, versöhnung, erlösung. diesen job muss der "patient" fast allein machen. unsere "behandlung" ist hilfe zur selbsthilfe.

lg

Bearbeiten/Löschen    


pipi-barfuss
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 52
Kommentare: 312
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um pipi-barfuss eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Rosste,

natürlich brauchen die "gekränkten" uns wie du so schön schreibst. Ich arbeite in so einem Beruf.
Verrückt "ver - rückt" nicht mehr am Platz.
Die Menschen dort abholen wo sie stehen aber auch die eigenen "befindlichkeiten" erkennen damit sie nicht im Umgang mit einfließen.
Ja die Zustände sind teilweise traurig,Nachtdienst für ein Haus alleine,schnell mal ein paar Pillen einwerfen bei Unruhe,keine Besuche und manchmal,wie es im KH üblich ist "die Galle von Zi 5","der Demente schon wieder".

Vielleicht sind wir eines Tages an seiner Stelle und laufen mit Schlafanzugoberteil,Anzugshose und verschiedenfarbigen Socken über Station und wünschen uns doch "nur" so angenommen zu werden wie wir sind.Mit Respekt und Würde.

L.G
__________________
Lebe den Augenblick,auch wenn du mit einem Bein schon in der Zukunft stehst und mit dem anderen noch in der Vergangenheit

Bearbeiten/Löschen    


7 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!