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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Wieder mal abgelinkt
Eingestellt am 17. 06. 2016 16:27


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Hagen
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Wieder mal abgelinkt

Irgendwann zwischen drei und vier kippte mir Linda in der Kneipe heißen Kaffee auf die Hand. Ich war ihr nicht böse, da sie mit Besoffenen zu tun hatte. Es war nur ärgerlich, aber die Besoffenen gaben aber bald Ruhe und ich konnte wie üblich meinen Kaffee trinken. Taxifahrer brauchen das, hin und wieder mal einen Kaffee während der unendlich langen Nachtschicht.
Meine nächste Fahrt führte mich in die Nähe der Notdienstapotheke. Ich fuhr sie an und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis die leicht verschlafen dreinblickende Apothekerin entlang kam und die kleine Klappe öffnete. Ich fragte nach einer Salbe gegen Brandblasen und steckte die Hand durch die Klappe.
„Ach, Sie sind’s wieder! Hat Ihr Taxi gebrannt?“, fragte sie leise.
„Äh, was?“
„Das sieht ja schlimm aus! Moment, ich lasse Sie mal rein.“
Die Türen glitten zur Seite. Etwas irritiert betrat ich die Apotheke. Der Kittel der Apothekerin war von blendendem Weiß, ihre Haare trug sie rund um den Kopf hochgesteckt, ohne festigendes Haarspray. Eine zeitintensive Frisur, die im Lauf der Nacht langsam zerfällt. Einige Löckchen fielen bereits in Hals und Nacken und zwei, drei Haarsträhnen umwehten ihre Augen bei jeder Bewegung. Diese Bewegungen waren sorgsam, präzise dimensioniert und drauf bedacht, nichts zu berühren oder umzustoßen, als sie bedächtig hinter die Theke glitt.
Erst jetzt erkannte ich sie. Wir waren schon mehrmals im Taxi zusammen gefahren, und ich fand sie sehr nett.
„Dann lassen Sie mal sehen! Wie ist das denn passiert?“
Sie strich mir etwas Salbe auf die Hand und klebte ein Pflaster auf die Brandblase.
„Kleiner Unfall beim Heilfasten“, hörte ich mich sagen. Irgendwie war ich auf einmal gut drauf und hatte den Wunsch, die schöne Apothekerin zum Essen einzuladen.
Sie lachte hell auf. „Dass Sie Heilfasten, nehme ich Ihnen nicht ab.“
„Naja, wir haben anschließend Feuerlaufen gemacht, ging bei mir auch glatt durch, die Nummer mit barfuß über glühende Kohlen. Ich war etwas skeptisch danach und hab’ mal eine der Kohlen angefasst. – Tja ...“
Einfach zum Essen einladen, also, das lief absolut nicht, da musste bei dieser Frau schon originelles Beiwerk her.
„Auch das glaube ich Ihnen nicht!“ Lachfältchen bildeten sich um die schönen Augen der Apothekerin, „aber eine hübsche Geschichte. Im Grunde genommen ist es mir egal, ob die Geschichte stimmt, oder nicht. Hauptsache sie ist gut.“
Ergänzend zu den Lachfältchen hob sie ihre Mundwinkel und legte die Schneidezähne mit mildem Lächeln frei.
„Stimmt. Die Wahrheit ist meistens etwas zu langweilig. Ich musste einen Grund finden, Sie mal wieder zu sehen, um Ihnen ein Lächeln zu entlocken. Darum habe ich den Kühlwasserbehälter meines Taxis mal etwas leichtsinnig aufgeschraubt ... Tja“, ich zuckte die Achseln, „und dann möchte ich Sie, wie gesagt, gerne zum Essen einladen.“
In ihren Augenwinkeln verstärkten sich die lächelnden Fältchen. Das Gestell der Brille, die sie trug, war von konventionellem, strengem Schwarz, aber einige farbige Tupfer schwächten den strengen Ausdruck etwas ab, wie ein kleiner Ausflug in die Flippigkeit. Deshalb hatte ich sie nicht gleich erkannt.
„In der Tat. Aber welche Möglichkeit hätte ich sonst gehabt, Sie wieder zu sehen?“
„Ach Sie ...“, ihre ferrariroten Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, „ich fahre doch immer mit Ihnen. Wenn ich mal Zeit habe können wir mal essen gehen … und wir hinterher noch etwas Originelles tun …! – Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“
„Keinen, den Sie mir erfüllen würden. Nur, dass Sie am Wochenende mal mit mir essen gehen ...“
Ganz vorsichtig hob sich ihre linke Augenbraue, ‘sprich’s aus!’
Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich einen Kuss von ihren ferrariroten Lippen hätte pflücken dürfen, wenn nicht jetzt, dann später.
„Vielleicht möchten Sie ja mal mit mir picknicken“, fragte ich vorsichtig, „auf lauschiger, mondlichtdurchfluteter Lichtung mit einem Fläschchen Prosecco, in einem Wald aus knorrigen Bäumen und mit wispernden Farnen ...“
Ich suchte noch nach einem originellen Spruch, da kam ein grobschlächtiger Kerl, der aussah, als hätte einer an seinem Gesicht schnitzen geübt, herein und wollte ganz schnell ein Präparat gegen Falten haben. Eins aus der Fernsehwerbung, die man täglich nehmen sollte, um eine glatte Haut zu kriegen und bei denen es auf einen Tag nicht ankommt.
Die Apothekerin löste ihr gespanntes Lächeln, sie trennte ihren Blick von mir und wandte sich dem Mann mit den Falten zu.
Ich schaute nachdenklich in ein kleines Aquarium mit Goldfischen und stellte mir vor, mit der Apothekerin in einer niveauvollen Bar nach dem Essen zu später Stunde noch einen Whisky zu trinken ... der Klavierspieler spielt as time goes by ... der Barkeeper gähnt ein wenig verhohlen während er an irgendwelchen Gläsern rumpoliert ... schließlich gehen wir Arm in Arm zum Taxi ... ich halte ihr die Tür auf, weil der schofelige Fahrer seinen Hintern nicht raus kriegt ... sie gleitet ins Taxi, nennt ihre Adresse und schmiegt sich an mich ...
Um nicht verrückt zu werden, beobachtete ich eine Goldfischdame, die ihre zahlreichen Babys unter einen Stein in der Ecke des Aquariums trieb, oder war es ein Herr?
Egal.
Die kleinen Fische kümmerten sich überhaupt nicht darum.
Auch egal.
Der Mann kaufte das Präparat ging wieder raus.
„Hab‘ doch glatt vergessen, die Tür zu schließen“, sie lächelte, machte irgendwas hinter Theke, worauf ein metallisches Geräusch an der Tür ertönte.
„So, jetzt stört uns keiner mehr.“ Die Mundwinkel der Apothekerin glitten wieder in die Höhe.
Ich sah sie herausfordernd an.
„Tja ...“, jetzt musste schnell etwas Originelles her. Ich zahlte mit einem großen Schein und steckte die angebrochene Salbentube ein.
Sie tat den Schein in die Kasse und gab mir das Wechselgeld.
„Sie habe gar nicht geprüft, ob der Schein echt ist. Ich mache das manchmal, Geldscheine fälschen, wenn ich auf Kunden warte. Habe ich von meiner Oma gelernt, wir haben damals Rabattmarken gefälscht.“
„Ach, tatsächlich?“
„Wissen Sie, wenn meine Oma mich damals zum Kindergarten gebracht hat, hab ich immer auf dem Weg Granatsplitter gesammelt. Meine Oma kannte sich da aus. Sie war im Krieg Flakhelferin. Sie hat mir sogar rein theoretisch beigebracht, wie man eine Flak abfeuert. Egal. Die Granatsplitter habe ich auf dem Heimweg bei einem Buntmetallhändler gegen Zigarettenbildchen eingetauscht, vorzugsweise die mit Flugzeugen. Die habe ich dann wiederum alleine gefälscht und eingetauscht, bis ich eine Serie echter Bildchen komplett hatte. – Gehen Sie denn jetzt am Sonntag mit mir essen?“
„Und was machen wir anschließend?“ Ihr Blick loderte mir entgegen. Es war kein sinnliches Begehren, es war ein Begehren nach etwas ungewöhnlichem, originellem, nicht Alltäglichem, nicht was von jedem Kerl kommt, der alles anbaggert, was zwei Brüste hat.
Bisher zeichnete sich eine heiße Nacht dynamisch ab, nicht so ein rumgezicke wie mit den Frauen, die ich bisher zum Essen eingeladen hatte. Diese Frau wollte etwas Originelles, fast hätte ich ‘Dynamitfischen’ gesagt. Ins Bett gehen und guten Sex haben war natürlich auch total daneben.
„Wir könnten eine Zockerrunde hoch nehmen“, sagte sie, „wäre ein gelungener Abschluss für einen interessanten Abend. Meinen Sie nicht auch?“
„Klar, das machen wir. Ist mal was Anderes.“
War natürlich ins Blaue geschossen, und nicht ernst gemeint. Ich erwartete einen Lacher, so einen, den der Zuschauer abgibt, wenn während eines humorigen Films einer in eine Tonne fällt.
Die Apothekerin blieb ernst, „das machen wir.“
„Diesen Sonntag habe ich leider schon was vor. Wie wäre es mit Sonnabend?“
Sie lächelte verschmitzt.
„Ich denke, das klappt! Geben Sie mir sicherheitshalber Ihre Telefonnummer? Ich rufe Sie dann an. Nur für den Fall, dass wir bis dahin nicht nochmal zusammen Taxi fahren.“
Sie schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn mir. War tatsächlich eine Telefonnummer drauf. Und ihr Name: Gerlinde von Ehrenkroog. Ein schöner Name. Ich schrieb meinen Namen und Telefonnummer auch auf einen Zettel.
„Jetzt nehme ich Sie beim Wort“, fuhr ich fort, „erst gehen wir essen und dann nehmen wir eine Zockerrunde hoch. Haben Sie schon einen Plan? Eine Pistole nebst Munition habe ich. Den Rest besorgen Sie.“
„Woher haben Sie denn eine Pistole?“, fragte sie.
„Habe ich mal einem Fahrgast weggenommen, eine Steyr M-A1 Pistole Modell M40-A1“, sagte ich mit treuherzigem Gesicht, „der hat sie plötzlich gezogen und wollte mein Wechselgeldportemonnaie haben. Silvester war das. Ich hab‘ sie ihm weggenommen, ihm eine geknallt und ihn dann aus dem Taxi geschmissen. Mitten im Wald bei einer Saukälte. Der macht sowas bestimmt nicht mehr wieder.“
„Sind Sie denn nicht zur Polizei gegangen, den Mann anzeigen und die Pistole abgeben? Bei Ihnen kann man nämlich nie wissen, ob Sie nur ein Märchen erzählen, oder es ernst meinen.“
„Zuviel Nerverei, so mit zur Polizei gehen und Protokolle ausfüllen! – Außerdem weiß doch jeder, dass ich niemals lüge! Wir können die Pistole gut gebrauchen, wenn wir die Zockerrunde hochnehmen.“
„Ja, das stimmt! Den Plan sollten wir allerdings gemeinsam erarbeiten. Nachher teilen wir die Beute halbe halbe. Das trifft sich gut, mein Auto ist nämlich irreparabel kaputt, ich brauche unbedingt ein Neues.“ Sie sah mir verschwörerisch in die Augen als ich den Zettel mit ihrer Telefonnummer sorgsam faltete und einsteckte.
„Eine ruhige Nachtschicht noch ...“
Meine Stimme war ein ganz klein wenig heiser als ich sagte: „Danke. Das wünsche ich Ihnen auch.“
Ich drehte mich langsam um und ging zur Tür. Sie schaute mir versonnen nach, ich sah es im Spiegel der Glasscheiben in den Türen.
„Nicht vergessen, nach dem Essen nehmen wir eine Zockerrunde hoch“, sagte sie und die Türen glitten zur Seite, „ich nehme Sie beim Wort!“
„Was denn sonst?“
Ich fühlte mich ein wenig beklommen, als ich in die Nacht hinaustrat.

Dass Gerlinde von Ehrenkroog mit mir eine Pokerrunde hochnehmen wollte, glaubte ich nicht im Ernst, überhaupt nicht.
Ich sah sie in der nächsten Zeit nicht mehr, aber sie rief mich am Sonnabend, als ich gerade mal Schichtfrei hatte, an und wollte sich nur nochmal vergewissern, ob ich sie nicht vergessen hätte, und ich sollte meine geladene Pistole mitbringen, weil wir nach dem Essen eine Zockerrunde hochnehmen wollten, sie wäre ja schon ganz gespannt und hätte die anderen Sachen schon besorgt.
„Welche anderen Sachen?“, fragte ich.
„Naja, ich habe zum Beispiel ein Gas besorgt, das deine Stimme verfälscht. Du bist doch Taxifahrer, recht bekannt. Da soll man dich doch nicht an deiner Stimme erkennen! Ups, jetzt habe ich einfach ‚du‘ gesagt, ist das in Ordnung?“
„Natürlich. – Gut, dass du dran gedacht hast!“
„Och, ich habe sonst auch an alles gedacht“, plauderte Fräulein von Ehrenkroog weiter, als würde sie einen Einkaufszettel durchsprechen, „da ist erst mal die Skimütze oder Sturmhaube, oder wie das heißt, und einen Pullover, den du später ausziehen und wegwerfen kannst.“
„Was?“
„Ja, Moment, ich bin noch nicht fertig! – Ich habe rausgefunden, dass am Sonnabend immer im Hinterzimmer der Bierschwemme illegal gepokert wird. Da liegen Summen auf dem Tisch, da träumst du von! Das Hinterzimmer hat einen zweiten Eingang zum Garten. Du kannst da ganz leicht rein, indem du mit einer Axt die Tür einschlägst. Dann kannst du die Pokerrunde hochnehmen. Ich würde vorschlagen, du schießt erst mal die Lampe über dem Tisch aus und sammelst dann das Geld, das auf dem Tisch liegt, ein und packst das in einen unauffälligen Jutesack. Die Axt habe ich, und dann fahren wir mit Fahrrädern in die Kleingartenkolonie hinter der Bierschwemme, ganz unauffällig …“
„Na, toll!“, unterbrach ich, „und wo kriegen wir die Fahrräder her?“
„Habe ich auch schon besorgt! Die stehen am Bahnhof, ganz unauffällig. – Wir radeln dann zu mir nach Hause und … äh … trinken ein Glas Rotwein und dann … äh … schauen wir mal.“
„Na, wenn das mal gut geht.“
„Was soll denn schief gehen? Du hast doch eine Pistole, hast du jedenfalls gesagt. Oder hast du mich da etwa angesponnen?“
„Weiß doch jeder, dass ich niemals lüge! Da bietet sich meine Steyr M-A1, doch förmlich an. Da sind noch acht Schuss drin. Allerdings habe ich noch nie daraus geschossen.“
„Die Pistole ist ein technisches Gerät“, sagte Fräulein von Ehrenkroog, „da kann man nie wissen!“
„Die Frage bei einem technischen Gerät muss nicht lauten warum es kaputt geht“, antwortete ich, „sondern wann! – Aber den einen Schuss wird sie schon noch durchhalten, denn umlegen werde ich keinen!“
„Das verlangt ja auch niemand! Aber glücklicherweise wissen das die Anderen nicht.“
„Eben! – Haben wir’s? Oder gibt es noch was zu besprechen?“
„Details können wir beim Essen besprechen. Ich glaube aber an alles gedacht zu haben.“
„Ja, ich auch. Weißt du, liebe Gerlinde, langsam beginnt mir die Sache auch zu gefallen! Bisher hieß es nämlich immer: Mach du mal! Das eine Frau etwas organisiert und dabei an alles denkt, sogar an ein Gas, welches die Stimme verfälscht, ist für mich absolut ungewöhnlich.“
„Da kannst du mal sehen, was Frauen so alles können! – Sehen wir uns in zwei Stunden beim Chinesen am Bahnhof?“
„Natürlich! Und dann lassen wir die Kuh fliegen.“
„Prima! Ich freue mich!“
„Ich auch!“
Ich hätte gerne noch ein paar Wortblümchen abgelassen, aber Fräulein von Ehrenkroog legte einfach auf.
Was half’s?
Ich zog mich um, den guten Anzug mit ganz normaler Tiger of Sweden – Krawatte und steckte die Pistole ein. Die Krawatte könnte ich bei dem Hochnehmen der Zockerrunde unter dem Pullover tragen und anschließend wegwerfen. Ich konnte sie sowieso nicht mehr sehen, zu spießig. Für später band ich probehalber eine der Sorte Schlipse um, wie Ganoven, die sich für geschmackvoll halten, sie tragen, wenn sie nicht wie Ganoven aussehen wollen. Irgendwie mochte ich derartige Krawatten und war mir sicher, dass Fräulein von Ehrenkroog das auch tat.
Sodann stopfte ich mir Watte in die Ohren und feuerte aus der Steyr einen Schuss ab. Ging einwandfrei, nur in der Wand meiner Küche war nun ein Loch. Machte nix, ich würde gelegentlich einen Zierteller drüber hängen.
Ich nahm die Watte aus den Ohren, öffnete das Küchenfenster, und steckte die Pistole ein.
Und dann kam Ingelore Logemann, meine Nachbarin. Ich hatte ihr mal einen Schlüssel gegeben, damit sie mein Alpenveilchen gießt, wenn ich mal im Urlaub war, rein und behauptete einen Schuss gehört zu haben.
„Wie, Schuss?“, fragte ich, „ich habe nix gehört.“
„Das war aber ganz deutlich“, meinte Frau Logemann, „wieso stinkt das hier so, als hätte man eine Kanone abgefeuert?“
„Ach das meinen Sie? Ich habe nachher ein Date und da habe ich zur Beruhigung ein Räucherstäbchen entzündet. Hat aber nix genützt, ich bin immer noch total aufgeregt.“
„Ach du meine Güte, da wollen Sie doch nicht etwa diese Krawatte tragen?“
„Warum nicht? Manfred Krug alias Paul Stoever im Tatort trägt auch immer derartige Schlipse.“
„Das ist ja auch was anderes! Soll ich Ihnen mal von meinem Mann eine modische Krawatte holen? Der ist dies Wochenende im Sauerland auf Montage und bin wieder so alleine …“
Ingelore Logemann machte ein betrübtes Gesicht und warf mir einen lodernden Blick zu.
„Da soll Kaffee trinken gut gegen sein“, sagte ich „so viel Zeit haben wir gerade noch.“
Ich wollte gelegentlich mal mein Glück bei ihr versuchen, wenn es mit der Apothekerin nicht klappen sollte.

Ich war sogar schon fünf Minuten eher da, beim Chinesen, Fräulein von Ehrenkroog wartete schon und schaute demonstrativ zur Uhr. Ich nahm sie kurz in den Arm, setzte mich ihr gegenüber hin und bestellte, weil der Kellner sofort herbei gewieselt kam, zwei Tsingtao – Bier und eine ‚Verlobungsplatte‘.
„Ist dir doch recht, oder?“
Sie nickte und der Kellner entfernte sich.
„Wenn du nachher, wenn wir die Zockerrunde hochnehmen, auch so kurz entschlossen bist, habe ich da keine Bedenken. – Zeig mir bitte erst mal die Pistole!“
Das tat ich. Sie nahm die Waffe, öffnete sie routiniert und zählte die Geschosse im Magazin.
„Sehr gut! Du scheinst es also erst zu meinen!“
„Natürlich! – Gehen wir anschließend zu dir oder zu mir?“
Sie senkte die Pistole unter den Tisch weil die Biere kamen. Der Ober schenkte etwas lieblos ein und meinte: „Die Verlobungsplatte dauert noch einen kleinen Moment. Der Chef möchte es ganz besonders schön für sie machen.“
„Das ist nett“, meinte Fräulein von Ehrenkroog, „wir haben aber mächtig Hunger.“
„Gut Ding will lange Weile haben“, sagte ich und hob mein Glas während sich der Kellner wieder entfernte, „‘Egészségedre‘, meine Liebe.“
„Was?“
„Ach so. In Ungarn sucht man beim Anstoßen zuerst den Augenkontakt, hebt das Glas auf Augenhöhe und sagt “Egészségedre” was so viel wie "Prost" bedeutet. Bei der Aussprache von “Egészségedre” muss man aber vorsichtig sein, denn die falsche Aussprache kann auch schnell "für deinen Hintern" anstatt "für deine Gesundheit" heißen.“
„Ah ja. – Jámas! Ich war kürzlich mal in Griechenland. Warst du schon mal in Ungarn?“
„Noch nie. Was soll ich da auch? Ich finde nur den Trinkspruch so schön. “Egészségedre”, das hat doch was. Weil die Österreicher ihren Sieg über die Ungarn mit dem Anstoßen mit Bier feierten, wurde dieser Brauch in Ungarn verboten. Wir sind aber nicht in Ungarn, sollten deshalb Anstoßen und endlich trinken.“
„Sollten wir.“
Sie gab mir die Pistole wieder, ich stellte mein Glas ab, steckte die Waffe wieder ein und hob mein Glas erneut. Wir stießen an und tranken.
Und wir redeten und tranken viel, sie erfreuten meine phantasievollen Geschichten, wobei es sie nicht interessierte, ob die Episoden aus meinem Geschichtenfundus als Taxifahrer stimmten oder nicht. Die Verlobungsplatte kam auch bald, wir aßen schweigend und mit Genuss, und dann sollten wir noch einen Digestif zu uns nehmen, die Zockerrunde hochnehmen und zu ihr nach Hause fahren.
Klar, dass ich einverstanden war und während des Digestifs noch mal schnell zur Hochform auflief.
Fräulein von Ehrenkroog sah mich mit großen Augen an und schüttelte den Kopf.
„Du solltest Bücher schreiben“, meinte sie. „So, können wir dann die Zockerrunde hochnehmen und dann zu mir fahren?“
„Wir können natürlich auch zum Baggersee fahren und kleine Steinchen ins Wasser werfen“, meinte ich.
„Ach, jetzt bist du doch zu feige, die Zockerrunde hochzunehmen? Habe ich mir gleich gedacht! Die Männer sind doch alle gleich! Erst große Sprüche machen und dann kneifen!“
„Sollte ein Witz werden. Natürlich nehmen wir die Zockerrunde hoch! Aber nun sollten wir uns wirklich beeilen!“

Wir gingen unauffällig, wie ein verliebtes Paar durch den Tunnel unter den Gleisen hindurch. Ich nahm ihr einen der beiden Jutesäcke, die sie beim Chinesen sorgsam verborgen hatte, ab und nahm sie in den Arm. Sie ließ es geschehen bis wir wieder aus dem Tunnel herauskamen und zum Fahrradständer gingen. Ich zog mich um wie einer, der sich zu einem ganz normalen Ausflug mit dem Fahrrad umzieht. Fräulein von Ehrenkroog steckte meine gute Jacke einfach in einen Jutebeutel und gab mir den Anderen. Dort war die Axt drin und eine Sturmhaube. Sie schloss zwei alte Hollandräder auf und gab mir einen Pullover. Ich band meinen geschmacklosen Schlips ab und die Tiger of Sweden – Krawatte um, zog den Pullover an und meinte: „Jetzt können wir eigentlich.“
„Moment noch!“
Fräulein von Ehrenkroog fummelte eine Sprühdose aus ihrem Jutebeutel, „da hätte ich doch fast das Gas vergessen, dass deine Stimme verstellt.“
„Ah, ja. Helium.“
„Quatsch, Helium! Helium ist leichter als Luft, deshalb bekommst du dadurch auch eine Micky-Maus-Stimme und man nimmt dich nicht ernst. Zudem hast du nach ein paar Sätzen deine alte Stimme wieder, und das wollen wir ja nicht! Du kriegt ein Gas, das schwerer ist als Luft! Schwefelhexafluorid! Es ist allerdings schwer, das Zeugs in Sprühdosen zu kriegen. Du musst intensiv einatmen!“
„Was?“
„Schwefelhexafluorid ist ein relativ inertes, ungiftiges Gas. Es verursacht eine tiefere Stimme, solange man es in ausreichender Menge in den Lungen hat und zum sprechen benutzt. Da die Abatmung von Kohlendioxid verhindert wird und es als Gas mit höherer Dichte als das Atemluftgemisch ist, verbleit es in der Lunge und verdrängt den Sauerstoff. Du bekommst auch eine schöne, tiefe Stimme, musst aber aufpassen, dass du nicht erstickst! Du wirst nachher einen Handstand machen müssen um das Gas wieder aus deiner Lunge auszulassen! – Nun mach mal den Mund auf, es guckt gerade keiner!“
„Na, da bin ich aber gespannt!“
Sie zischte mir etwas von dem Zeug in den Hals, „los, sprich mal einen Satz!“
„Ich kenne kein Problem, welches man nicht durch Sex, Pizza, Alkohol, Drogen, Erpressung, Weinen, eine Therapie oder Mord beheben könnte“, sagte ich, weil mir zu dem Zeitpunkt nichts Besseres einfiel. Meine Stimme klang schon merklich tiefer, kaum noch zu identifizieren.
„Das war schon mal ganz ordentlich, aber einen kleinen Schuss brauchst du noch! Du hast wahrscheinlich nicht intensiv genug eingeatmet. Mach den Hals noch mal auf!“
„Auf Befehle reagiere ich seit meiner Bundeswehrzeit nicht mehr!“
„Dann mach bitte nochmal den Mund auf! Etwas tiefer muss deine Stimme schon sein, sonst kommst du nicht glaubhaft rüber!“
„Na, gut! Aber nicht, dass das Zeugs rauschartige Zustände hervorruft. Rauschartige Zustände können wir anschließend mit etwas Rotwein oder Bier bei dir erlangen!“
„Ja, natürlich können wir das. – Aber jetzt mach den Mund bitte nochmal auf!“
„Aber nur, weil du das Zauberwort benutzt hast.“
Ich machte den Mund auf, Fräulein von Ehrenkroog sprühte, ich atmete tief ein.
„So, und nun sag‘ mal einen Satz.“
„Gute Menschen brauchen keine Gesetze um gezeigt zu bekommen, was sie nicht dürfen, während böse Menschen einen Weg finden werden, die Gesetze zu umgehen.“
Meine Stimme war erstaunlich tief, wirkte tatsächlich bedrohlich und war nicht zu erkennen.
„Sehr gut!“, sagte Fräulein von Ehrenkroog. „Wo nimmst du eigentlich immer die Sprüche her?“
Doch ohne eine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Fast hätte ich ja auch noch die Handschuhe vergessen! Zieh die bitte an, wisch‘ die Axt damit ab und hinterlass‘ nirgends Fingerabdrücke! – Und jetzt fahren wir! Beuge dich bitte nicht nach vorne, sonst entweicht das Gas aus deiner Lunge!“
„Oh man, an was man nicht alles denken muss!“

Etwas flau im Magen stieg ich auf das Fahrrad, Fräulein von Ehrenkroog folgte mir und wir radelten die kurze Strecke zur Bierschwemme. Es war seltsam ruhig in der Stadt, keine Menschenseele ließ sich blicken, nur vor der Bierschwemme stand das Taxi der `Kreolen-Roswitha´.
„Holt die jemanden ab, oder bringt die jemanden?“, fragte ich, „wir sollten abwarten.“
Wir fuhren um die Ecke und beobachteten.
„Hier ist Übrigends der Garten hinter der Bierschwemme“, meinte Fräulein von Ehrenkroog, „und dahinten die Außentür zum Hinterzimmer.“
Ein etwas ungepflegtes Gärtchen breitete sich vor uns aus, eingezäunt mit einer Art Jägerzaun und kleiner Pforte, die nur noch an einer rostigen Angel hing. Einige Solarlampen erhellten mühsam den Weg, einige waren entweder kaputt oder wegen asthmatischer Akkus schon erloschen. Durch eine Lücke in der Buchsbaumhecke konnte ich sehen, wie sich die `Kreolen-Roswitha´ bemühte, einen offensichtlich schwer Bezechten in ihr Taxi zu kriegen, wie es sich um diese Zeit und vor dieser Kneipe gehörte.
„Sag‘ nochmal einen Satz“, flüsterte Fräulein von Ehrenkroog.
„Moral ist, wenn man so lebt, dass es gar keinen Spaß macht, so zu leben“, sagte ich leise, „aber wir wollen jetzt Spaß haben.“
„Klingt gut! Zieh die Handschuhe an, wisch‘ die Axt ab und dann hinein. Ich warte hier.“
Die `Kreolen-Roswitha´ schien ihr Problem mit dem Fahrgast gelöst zu haben, denn sie startete ihr Taxi und fuhr weg.
Stille breitete sich wieder aus.
„Du hast zwar das Zauberwort vergessen, ich gehe aber trotzdem“, sagte ich leise, nahm die Axt aus dem Jutebeutel, wischte sie ab, zog die Sturmhaube und die Handschuhe über und ging los.

Es war nicht sonderlich weit und die Tür zum Hinterzimmer der Bierschwemme war noch nicht mal abgeschlossen. Ich öffnete sie, warf die Axt in ein Gebüsch, zog meine Pistole und trat ein.
„Guten Abend die Herren. Schön die Hände auf den Tisch legen und keine Zicken“, sagte ich mit tiefer Stimme und fuchtelte ein wenig mit der Pistole herum. War wirklich geil, das Gas, denn die Leute am Tisch kamen meiner freundlichen Aufforderung sofort nach. Sogar mein Boss, der auch am Tisch saß, neben Frau Doktor Gelbspötter und dem Typen, der mich dereinst Scheißhaufen genannt hatte. Die anderen drei Leute kannte ich nicht.
Es lag tatsächlich einen Menge Geld auf dem Tisch, ohne Umweg über irgendwelche Chips. Wie es sich gehörte standen auch einige Whiskyflaschen rum und Zigarillos qualmten in den Aschenbechern. Gerau das Klischee wie aus den guten, alten Filmen, die ich so sehr liebe.
Ich schloss erst mal die Tür zum Schankraum ab und begann das Geld auf dem Tisch mit der Pistole in meinen Jutesack umzuladen. Ging ganz einfach, ich brauchte nicht mal die Lampe auszuschießen. Etwas bedauerlich war allerdings, dass mein Boss seine Karten in der Hektik offen auf den Tisch gelegt hatte. Kreuzstraße bis zum Ass!
Ärgerlich, aber nicht zu ändern, zumal er eine Glückssträhne zu haben schien. Konnte für mich nicht besser laufen und auf dem Tisch lag auch noch eine sauteure Uhr, eine Hublot Big Bang Evolution in Gelbgold.
Die sackte ich natürlich auch ein und der Typ, der mich damals Scheißhaufen genannt hatte, trug eine Breitling for Bentley Motors am Handgelenk. Ob es eine Limited Edition war oder nicht, konnte ich so schnell nicht sehen, aber ich tippte auf mein Handgelenk, zeigte auf ihn und deutete in den Jutesack.
Der Mann begriff nicht sogleich. Die Lampe wollte ich nicht unbedingt ausschießen um meiner freundlichen Bitte etwas Nachdruck zu verleihen, sie war die einzige Lichtquelle im Raum. Einfach in die Decke schießen ginge zwar zur Not, war aber etwas unter meiner Würde. Stattdessen schoss ich eine der Whiskyflaschen vom Tisch. Schade drum, aber es war nur ein bescheidener Bourbon, nicht etwa ein vierzehn Jahre alter Single Malt mit leicht torfigem Aroma. Den hätte ich wahrscheinlich auch mitgenommen um ihn nach dieser Aktion in Ruhe zu genießen. Egal, es rumste zwar fürchterlich in einem geschlossenen Raum, und der wurde auch gleich mit beißendem Qualm angefüllt, aber der Mann begriff plötzlich, legte die Uhr ab und in meinen Jutesack.
Obwohl mir die Ohren noch ein wenig klingelten, bedeutete ich Frau Doktor Gelbspötter mit einigen ähnlichen Gesten sich ihrer Halskette, Ohrringen und Armbänder zu entledigen und in den Jutesack zu überführen. Nicht, dass ich unbedingt scharf darauf war, Frau Doktor Gelbspötter um ihre Kleinodien zu erleichtern, aber irgendwie wäre es aufgefallen, sie bei meinem Raubzug zu verschonen.
Obwohl mein Boss eine Rolex demonstrativ am Handgelenk trug, lies ich sie dort, denn er wäre in den nächsten Tagen sicher etwas übellaunig gewesen, was ich hätte ausbaden müssen, wenn ich ihn von diesem Chronometer entbürdet hätte. Die Geschichte von der Kreuzstraße bis zum Ass reichte schon, und nachdem Frau Doktor Gelbspötter ihre Klunker auch in den Jutesack gelegt hatte, verabschiedete ich mich mit den Worten: „So, meine Damen und Herren, es war mir ein Vergnügen! Bis zum nächsten Mal, und immer schön fröhlich bleiben!“, denn irgendjemand wummerte von außen gegen die Tür zum Hinterzimmer.
Der Schuss war den Leuten in der Kneipe mit Sicherheit nicht entgangen und sie stellten möglicherweise Überlegungen an, die in die Richtung liefen, doch mal nachzusehen, was denn im Hinterzimmer so los war.
Ich beeilte mich also diese gastliche Stätte zu verlassen.

Fräulein von Ehrenkroog war nicht mehr da und die Fahrräder auch nicht.
Was half’s?
Nichts half’s!
Ich rannte zunächst in die Kleingartenkolonie, weit weg der Bierschwemme. Fast überall waren irgendwelche Gartenfeste am laufen, sodass ich kein dunkles Plätzchen fand, um mich umzuziehen und einen Handstand zu machen, das wäre sicher irgendwie aufgefallen. Nur die Sturmhaube riss ich vom Kopf und warf sie in eine Hecke, den blöden Tiger of Sweden-Schlips und die Handschuhe auch.
Ich ging weiter. Schließlich fand ich doch ein dunkles Plätzchen, an dem ich einen Handstand absolvieren konnte, um das Gas aus meinen Lungen wieder abfließen zu lassen, und ich hängte den Jutebeutel an einen Zaunpfahl.
Kaum hatte ich zum Handstand angesetzt, löste sich ein Radfahrer aus der Dunkelheit, schnappte sich den Jutebeutel mit meiner Beute und entschwand wieder in der Dunkelheit.
„Es gibt zwei Dinge, die unendlich sind“, sagte ich laut, „die menschliche Dummheit und das Universum. – Beim Universum bin ich mir noch nicht so sicher.“
Meine Stimme klang wieder normal, aber ärgerlicherweise hatte ich die Steyr auch in den Jutebeutel getan.

Epilog:
Als ich einige Tage später in die Apotheke ging, um Kopfschmerztabletten zu kaufen, tat Fräulein von Ehrenkroog so, als ob sie mich nicht kennen würde.
Zu denken gab mir allerdings, dass sie eine Hublot Big Bang Evolution in Gelbgold am Handgelenk hatte. Die Ohrringe, die sie trug, gehörten sicherlich auch mal zu Frau Doktor Gelbspötter, aber welcher Mann achtet schon groß auf Bijouterie?
Als ich wieder wegfuhr, fiel mir der nagelneue Barchetta vor der Apotheke auf …

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