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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wina geht vorbei
Eingestellt am 01. 10. 2006 03:10


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Peter Gottwalt Harnisch – Walt genannt – der jugendliche Held aus Elterlein in Jean Pauls Roman Flegeljahre, liebt Wina, die Tochter des Generals Zablocki. Der General hat ein Rittergut in Walts Heimatort.
Von welcher Art diese Liebe ist, werden Sie gleich sehen, wenn wir eine Stelle aus den Flegeljahren zitieren. Kurz bevor Walts Bruder Vult in einem Park der Residenz Haslau ein Flötenkonzert gibt, begegnet der verliebte Dichter Walt seiner heimlichen Liebe. Jean Pauls Beschreibung: Die Menge verhĂŒllte Wina bald, so wie den Weg auf der fernen Seite, den sie an ihre alte Stelle zurĂŒck genommen. Walt sah sie da wieder mit dem himmelblauen Kleide; und er schalt sich, daß er vom verschwundenen Gesicht nichts behalten als die Augen voll Traum und voll GĂŒte.
Es ist also eine schĂŒchterne Liebe auf Entfernung. Weil die Geliebte Wina sogleich entschwindet, muß sich Walt das Gesicht des schönen MĂ€dchens ganz genau einprĂ€gen. So ist die erste Liebe. Walt, der Phantast, besingt seine Liebe in einem zweiten Jean-Paul-Zitat innerhalb dieser kleinen Besprechung: SĂŒĂŸe FreudentĂ€ler hinter den Bergen, ich möchte auch hinĂŒberziehen in das morgenrote Leben, wo die Liebe nichts verlangt als eine Jungfrau und einen Dichter - ich möchte drĂŒben in wehender FrĂŒhlingsluft mit einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell aufhören, wenn Wina vorbeiginge.
Die meisten von uns wußten zwar schon lĂ€ngst, wie die erste Liebe ablĂ€uft, aber Jean Paul hat es uns noch einmal mit wenigen Worten unĂŒbertrefflich und 100%ig zutreffend gesagt: Walt macht sich sein Bild von Wina. Er schmĂŒckt dieses Bild mit seinen Phantastereien aus, und sein Gesang muß verstummen vor dem neuerlich unverhofften Erscheinen der Geliebten.
Ist das nicht schön! Gott bewahre. Der große Goethe-Verehrer Friedrich Nietzsche urteilt 1880: Jean Paul wußte sehr viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunstgriffe in den KĂŒnsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe nichts ungenießbar, aber hatte keinen Geschmack... Im ganzen war er das bunte starkriechende Unkraut, welches ĂŒber Nacht auf den zarten Fruchtfeldern Schillers und Goethes aufschoß.
Unerhört und fĂŒr uns Jean-Paul-Verehrer doch niederschmetternd! Unser Jean Paul soll ein Unkraut sein! Und auch noch starkriechend. Machen Sie die Probe aufs Exempel. Nehmen Sie die Flegeljahre zur Hand und lesen Sie. Leider werden Sie - 126 Jahre nach Nietzsche - zugeben mĂŒssen, unser Naumburger Starphilosoph hatte Recht. Aber da steht zwischen dem wuchernden, hunderte Seiten langen UnkrĂ€utern das zarte PflĂ€nzchen, das kleine GewĂ€chs, die Beschreibung der aufkeimenden Liebe zwischen Walt und Wina. Der Leser, der genug Geduld aufbringt und nicht vorher von Jean Paul langsam aber sicher zur Verzweiflung getrieben wird, findet wahre Poesie in dem Prosawerk Flegeljahre. Das betrifft die Beantwortung unserer heutigen Kardinal-Frage, die da lautet: Muß der Poet ein Phantast sein?
Wir neigen zu der Antwort: Ja. Leider können wir uns den Nachsatz nicht verkneifen: Der Poet Jean Paul hÀtte von den Flegeljahren gut dreihundert Seiten Unkraut wegkarren, also, vor uns ungeduldigen Nachgeborenen, die wir mit Nietzsche in einem Boot sitzen, verbergen können.
HĂ€tte, Wenn und Aber – sind die erlaubt, wenn es um unser Erbe geht, quasi ums Eingemachte? Immerhin sprechen wir gerade ĂŒber eines unserer besten ErbstĂŒcke, die Flegeljahre. Das Eingemachte soll verdorben sein? Nein! Oder doch ein bißchen? Ratlosigkeit macht sich breit. Sollen wir jetzt und gleich unsere AusfĂ€lle, auch ein wenig durch Freundchen Nietzsche evoziert, zurĂŒcknehmen? Wir grĂŒbeln und grĂŒbeln und können uns nicht entschließen.
Unverhofft greift uns plötzlich Peter Sprengel unter die Arme. In seinem Buch Jean Paul im Urteil seiner Kritiker (ISBN 3406072976) zitiert er auf Seite 56 eine Rezension aus dem Erscheinungsjahr der Flegeljahre, die höchstwahrscheinlich einem Karl Leopold Heinrich Reinhardt zuzuschreiben ist. Letzterer resĂŒmiert: Welch ein Chaos von reifen und unreifen Kenntnissen, - von Brocken aus allen FĂ€chern der Gelehrsamkeit,... von echtwitzigen... und platten EinfĂ€llen - von erhabenen, tiefgedachten und seichten, falschen Gedanken - von schönen und zarten, - krĂ€nklichen und ĂŒberspannten GefĂŒhlen - ĂŒberhaupt von Trefflichkeiten und Bizarrerieen jeder Gattung in den Schriften dieses genialen, originellen Schriftstellers!!
Dankbar greifen wir nach dem Notanker, den uns der Rezensent, unser wirklicher Retter, zuwirft. Wir halten praktisch die makellose Lösung unseres schwer wiegenden Problemchens, fertig gedacht und vor ĂŒber zwei Jahrhunderten bereits voll ausformuliert, in den HĂ€nden. Jean Paul wird auch von uns heute keinesfalls verteufelt! Der geduldige Leser ist gefragt, der sich durch das Unkraut liest und hie und da eine Wunderblume auffindet.
Mit der Poesie könnte es vielleicht so sein: Diese gedeiht meistens inmitten flÀchendeckenden Unkrautes im Verborgenen.
In den Flegeljahren ist noch viel viel mehr auffindbar. Da steht am Textanfang eine köstliche Geschichte. Sieben BĂŒrger möchten den vermögenden verblichenen Van der Kabel beerben, gehen aber bei der Testamentseröffnung allesamt zunĂ€chst leer aus. Man schimpft, man flucht sogar und ist sehr zornig. Da wird aber in der nĂ€chsten Klausel des Testaments bestimmt, wer von den sieben Herren den Verstorbenen zuerst mit deutlich sichtbaren TrĂ€nen beweint, erbt ein Haus. Einer der Nebenerben schafft die ungeheure GemĂŒtsbewegung tatsĂ€chlich. Das ist nicht die einzige Stelle jeanpaulschen Humors im Roman. Zum Beispiel zankt der General mit seinem verschĂŒchterten Ritterguts-Personal. Tochter Wina ĂŒbersetzt den polnischen Sturmwind wie eine Äolsharfe.
Jean Pauls Humor macht nicht laut Lachen. Wie bei jedem wahren Humor ist uns andauernd wie Lachen, aber wir können nicht. Na und dann sind die ZwillingsbrĂŒder Walt und Vult auch noch Autoren, die an einem richtigen Roman im Roman schreiben. Hoppelpoppel oder das Herz soll das Kunstwerk einmal heißen – ein Doppelroman. Und ein testierter Biograph J. P. F. Richter tritt im Auftrage eines Hochedlen Stadtrats auf. Und so fort. Wenn wir nicht oben Nietzsches attraktives botanisches Bild vom arg verunkrauteten teutschen Poeten-GĂ€rtlein bemĂŒht hĂ€tten, sprĂ€chen wir von einer ĂŒberschĂ€umenden Phantasie des Autors. Ja, SchĂ€ume! Jede Menge buntschillernde Seifenblasen zerplatzen pausenlos nur so rings um den Leser und verdecken halb die Sicht auf Jean Pauls ganz blaue Laube, aus lauter blauen Blumen gewebt. Blauer Enzian - blaue Sternblumen - blauer Ehrenpreis - blaue Waldreben gehören auch noch mit ins Bild.

Jean Paul - das ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter - wurde am 21. MĂ€rz 1763 in Wunsiedel geboren und starb am 14. November 1825 in Bayreuth.

Jean Paul: Flegeljahre. Eine Biographie
Roman (1804)

Reclam Stuttgart 1970. 572 Seiten

Hedwig Storch 10/2006
__________________
Hedwig

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