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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Windstille
Eingestellt am 06. 04. 2005 17:08


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Annabeth
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Registriert: Oct 2004

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Windstille
Zu einer Fotografie von Michael Bry (1962)

Auf der Straße hatte sich eine kleine Menschenmenge eingefunden. Sie franste an den RĂ€ndern aus, wenn Leute in Eile oder Leute, die das Interesse verloren hatten, ihren Platz verließen und weitergingen, doch es stießen immer wieder neue Zuschauer zu dem Kreis.
In der Mitte standen vier MĂ€nner. Zwei davon waren Polizisten. Ihre dunklen, steifen Uniformen umschlossen ihre Körper wie Gipsschalen und die Plaketten, auf denen BERKELEY, 87 POLICE stand, glĂ€nzten in der weißen FrĂŒhlingssonne. Der eine trug eine Sonnenbrille und hatte die Arme verschrĂ€nkt, der andere sah sich um, als wĂ€re es ihm nicht recht, dass sich so viele Schaulustige hier aufhielten.
Die Kleidung der beiden anderen MĂ€nner flatterte und schlug aus in dem kĂŒhlen Wind, der vom Meer herĂŒber wehte. Sie hielten jeder eine blass gelbe Blume in der Hand und einer von ihnen, dessen Haut dunkel war und der eine Brille trug, hielt seine den Polizisten auffordernd entgegen.
„Nehmen Sie die Blume“, sagte er und seine Stimme war sanft wie der gerade abflauende Wind. „Sie werden sich besser fĂŒhlen.“
Der nĂ€chste Luftzug ließ ein BlĂŒtenblatt davon segeln. Es tanzte als winziger gelber Fleck auf dem weiten grauen Kreas der Straße und verschwand.
Ein Polizist seufzte.
„Sie können hier nicht mitten auf der Straße stehen bleiben und Leute belĂ€stigen“, sagte er.
„Wir werden gehen“, war die Antwort.
Die Schultern der Polizisten entspannten sich etwas. Sie wirkten erleichtert. Ungern hĂ€tten sie vor so vielen Menschen zwei harmlose Hippies weggefĂŒhrt, die auf der Straße Blumen verschenkten und den Verkehr ein bisschen aufhielten. Aber es war nun einmal ihre Pflicht, zu handeln.
Die beiden anderen MĂ€nner jedoch rĂŒhrten sich nicht. In ihren Augen tanzten Sonnenstrahlen und mit den HĂ€nden schĂŒtzten sie ihre Blumen vor einem Windstoß, der sich im Himmel verlor, wo die Straße einen Hang hinunter zur Innenstadt fĂŒhrte.
„Die Blume, Officer“, sagte der zweite. Er trug ein geblĂŒmtes Stirnband und seine im Wind zuckenden Haare waren lang. „Es ist schwer, Frieden zu schließen, aber Sie mĂŒssen es versuchen. Wenn Sie statt der Waffe die Blume nehmen, haben Sie den ersten Schritt getan.“ Auch er redete in weichem, eindringlichem Ton. Der Polizist, der automatisch zu seiner Waffe gegriffen hatte, schreckte ertappt zusammen und ließ die Hand sinken.
„Also gut“, meinte er mit einem Blick auf die versammelten Leute und streckte die Hand aus. „Wir nehmen die Blume und Sie rĂ€umen dann ohne Protest die Straße...“
Der Mann mit den langen Haaren zog die Blume zurĂŒck und schĂŒttelte den Kopf. In seinen Augen lag trotz der Sonnenstrahlen EnttĂ€uschung.
Ratlos sahen sich die beiden Polizisten an und zuckten mit den Schultern.
Die Menge um sie herum löste die andĂ€chtige Stille von ihren MĂŒndern und begann zu murmeln, doch die MĂ€nner mit den Blumen hatten sich bereits umgedreht und verließen den Kreis.
SpĂ€ter erzĂ€hlte man, der Wind habe sie zum Meer begleitet, wo sie ihre Blumen traurig dem Wasser ĂŒbergaben.

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