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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Winter. Spätsommer.
Eingestellt am 19. 02. 2001 12:41


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Daniel Ketteler
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Winter. Spätsommer.

Er erwartete eine Reaktion von mir, aber ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mich auf eine Unterhaltung mit ihm einzulassen.
Tim hatte sich verändert in der letzten Zeit, vielleicht hatte aber auch ich mich gewandelt und betrachtete meinen langjährigen Freund jetzt von einer mir sonst nicht zugängigen Perspektive aus. Neuronenverknüpfungen neuer Art halten das Mark des Lebens in ständigem Flusse, Erfordernisse höchster Priorität, was meine Meinung angeht.
Noch vor Kurzem hätte ich mein Gegenüber als ein wenig unrealistisch, komplexgequält und vor allem verletzlich charakterisiert, im Moment erlebte ich Tim als durchaus abgeklärt und geordnet. Seine verdorbene Weltsicht auf meine Wenigkeit abgewälzt, spielte er nicht den mit sich im Reinen Menschen, hatte er keine überdimensionale Maske auf wie so oft, nein, er war sichtlich zufrieden, was dazu führte, dass ich mich umso schwächer und ausgehöhlter in seiner Gegenwart fühlte.
Ich, ein Häufchen Kot, schwimmend in einem phosphorizierenden Kanal voller Unrat und Fäkaliengestank. Beißender Dunst lässt meine Brille beschlagen in diesem Kanalrohr der Superlative. Das bebrillte Gesicht umherbewegend, besudelt mit braunem Schleim, erblicke ich schwach umrissen meinen sonst so zerwühlten Freund auf einer Trieme neben mir. Ich, gekentert mit meiner Nussschale, havariert auf dem Weg zum göttlichen Gully, gepriesen sei unser aller Vater.
Hildegards Leiche schwamm an uns vorüber. Gelangen Kadaver etwa eher zur Apotheose? "Hast du das gesehen Tim?" schreie ich, im Abwasser rudernd, meinem Antipoden hinüber. "Bitte Tim, wenn es sich so verhält, dann lass mich ersaufen." Seine dünne, selbstsichere Stimme drang an mein Ohr: "Ich kann dir
hier nicht helfen, retten musst du dich schon selbst." Wie recht er damit hatte. In solch brisanter Lage kann man sich nur mit den hauseigenen Rettungsreifen in Sicherheit bringen.
Einst wurde ich von einem meiner Patienten in der Psychiatrischen bekehrt: "Der Tod hat seine Zeit, das Wachwerden, der Schmerz, das Licht, die Geburt, die Liebe, die Sonne, das Pflanzen. Sollen wir da nicht danken unserem Schöpfer Zebaoth, für so viel Wohltaten, die er an uns armen, armen Menschenkindern macht?"
Wie recht auch dieser geschundene Geist hatte.
Ich schreckte aus meinem Halbschlaf auf und registrierte, dass Tim mit mir sprach: "... zeigt seine Bilder nie, sondern lagert sie auf dem Dachboden, hängt sie nicht mal in seine eigene Wohnung". "Ach, ja?" entgegnete ich, um meine Gedankenversunkenheit zu überspielen. Tim sprach von dem Künstler Pietrovski, den wir gerade besucht hatten. Dieser Mann malte nun seit Jahren, zeigte seine Bilder jedoch niemand. Tim, der Extrovertierte, verstand solche Zurückhaltung nicht. Heute nach 3 Jahren, ich sprach ihn letzte Woche, versteht Timo diese Scheu, heute studiert er Kunst und weiß, dass jeder Blick auf eines seiner Bilder deren sukzessive Demontage bedeutet. Herr Pietrovski: Ein seltsamer Kauz: Er sei 59 Jahre alt, wirkte auf mich jedoch hilflos wie ein Fötus. Ich mochte den hageren Herrn, mir behagte seine Bescheidenheit und Ehrlichkeit. Schüchtern hatte er uns, Tim und mich, in seine Wohnung gebeten.
Obgleich seine etwas dunkle Behausung sehr wohnlich eingerichtet war, wirkte der spitzbärtige, angegraute Mann wie ein Fremdkörper in seinem Haus.
Irgend etwas schien sich in diesem Hause gegen den mageren Pietrovski verschworen zu haben. Dieser war zerstreut, blickte mit seinen nervösen Augen glasigen Blickes von mir zu Tim. Da er mich nicht kannte, sah er Tim kurz fragend an. Er machte den Eindruck, als habe er lange Zeit keinen Besuch gehabt.
Zunächst, leicht verunsichert, auf Tim fixiert, redete er in Sätzen wie: "Tim, setz` dich" oder Was möchtest du, äh, ihr trinken? Tee?", wobei er mich in seiner unbeholfenen nicht unhöflichen Art regelmäßig übersah.
"Schön das du, äh, ihr mich besuchen kommt, "Herr P. war sichtlich erfreut. Angestrengt blickte er zu mir herüber. Seine Augen leuchteten wie die eines kleinen Kindes. Trotz seines pharisäischen Aussehens verbarg sich hinter seiner Lesebrille die Mimik eines eingeschüchterten Jungen. Er würde sich am
liebsten hinter dem Rücken seiner Mutter verkriechen, wenn er nur könnte. Im abendlich, winterlichen Dunkel wirkte der ergraute Herr wie ein Eremit, der an seiner Einsamkeit scheitert. Dieser Mensch war gestrandet, aufgelaufen an der harten Küste der großen Städte.

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