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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Winter der Kindheit
Eingestellt am 03. 11. 2009 22:07


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Smuhssa
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Registriert: Jun 2009

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Endlich! Sie ist vorbei.
Die Zeit der fetten, gelben Sau, die mich vom Himmel angebr├╝llt hat.
Auch dieses Jahr mal wieder viel zu langÔÇÖ!
Warum ich so denke?
Ich bin ein Februarkind.
Immer wenn ich mich an sch├Âne Zeiten zur├╝ckerinnere war Winter.
Schnee, Eis, Rote Ohren, Rotznase. Herrlich!
Ja, die festgefrorenen Schneebatzen an den selbstgestrickten Wollf├Ąustlingen nervten,
die musste man zur Schneeballschlacht immer ausziehen. Und Roman, der Sack, hatte schon Fingerhandschuhe aus einem Plastikderivat. Aber die waren zu steif, um damit Schneeb├Ąlle zu formen, also ausgezogen. Im Pausenkrieg zwischen zweiter und dritter Stunde waren wir nun alle gleich und unsere nackten Finger wurden erst wei├č und dann in der dritten Stunde, Geschi bei Herrn Kopacek, ganz rot und warm. Die Nasen wurden hochgezogen und ein neuer Angriffsplan ausbaldowert. Wozu war Geschichte denn sonst da? ÔÇ×Sch├╝tzt mir die rechte Flanke.ÔÇť Dolchsto├člegende und Pausenschlacht lag so eng beieinander.
Mama hatte schon gekocht. Die Spaghetti mit Tomatensauce und W├╝rstchenragout st├Ąrkte mich und dann ging es im glei├čenden Licht des reflektierenden Schnees gleich zu Liesewolfs Koppel. Von dort schallte schon das kindliche Vergn├╝gen her├╝ber. Ein Rodelberg mit nat├╝rlicher Sprungschanze. Selbst die Kinder aus dem Dorf kamen hierher, obwohl es bestimmt eine halbe Stunde zu Fu├č war, mit Schlitten noch l├Ąnger. Ich konnte abk├╝rzen, ├╝ber den See, zu dem die Koppel abfiel. Hier noch das flache Land von Angeln, dort schon die Geest. Genau hier h├Ârte vor 20.000 Jahren die letzte Eiszeit auf und nun fuhren wir, auf dieser Endmor├Ąne hei├če Rennen. Ich hatte meinen Einer-Schlitten dabei. Damit waren die weitesten Spr├╝nge drin. Es ging dabei nicht um den Schlag bei M├Ądchen, die waren sowieso noch doof, lediglich den Dorfjungs musste es gezeigt werden. Unsere kleine Clique von ÔÇ×WilhelmslustÔÇť, zwei Jungs und ich, waren nun komplett. Heute war es hart. ÔÇ×UnsereÔÇť Koppel war mit Dorfjungs ├╝berv├Âlkert. Selbst gro├če vierzehn, vielleicht f├╝nfzehnj├Ąhrige Jungs waren dabei. Aber wir kannten den besten Weg ├╝ber die Rampe. Zun├Ąchst f├╝hren wir unsere Kufen ein. Sogar ├╝ber Nacht wurden sie stumpf mit einem Anflug von Rost. Ein paar Jungs hatten Kerzenstumpen dabei und rieben die Kufen ab. Vom Wachsen hielten wir nichts; vielmehr waren wir zu faul den Schlitten zu pr├Ąparieren. Wir sahen uns unsere Konkurrenten an. Die Plastikbobs waren ohnehin schon au├čen vor. Seit das letzte Mal nach einem Sprung einer beim Aufprall zersplitterte, das gab richtig ├ärger zuhause, traute sich keiner mehr auf die Rampe. In Frage kamen ohnehin nur die Holzleistenschlitten, alle anderen waren zu teuer oder zu schlecht. Dann fielen noch die ÔÇ×viererÔÇť und ÔÇ×f├╝nferÔÇť Schlitten weg, die waren zu lang und hoben nicht ordentlich ab. Blieben noch etwa 10 Dorfkinder ├╝brig. Zwei davon waren ÔÇ×SitzrodlerÔÇť, wie langweilig. Der Rest probierte sich schon vorsichtig an der Rampe, aber noch war es Spa├č. Gleich mein erster Sprung war die Kampfansage des heutigen Tages. Mit zwei kraftvollen Schritten, den Schlitten vor meinem Brustkorb haltend, startete ich in Richtung Rampe. Mit einem weiten Ansprung, direkt auf die Kufen des Schlittens hatte ich bereits gute Fahrt aufgenommen. Der Einer-Schlitten, den ich besa├č war der einzige weit und breit. Ich hatte ihn eines Tages in unserem Schuppen gefunden. Er war noch aus den Tagen, als meine Mutter und mein Onkel die Tageswertung Rodelberg ÔÇ×Liesewolfs KoppelÔÇť f├╝r sich zu entscheiden versuchten. Die Einer-Schlitten waren viel zu klein, selbst f├╝r einen Sechstkl├Ąssler wie mich, deshalb wurden sie wohl nicht mehr gebaut. Aber gerade das war mein Vorteil. An den beiden nach oben laufenden Kufen konnte ich mich festhalten. Der Schlitten endete im Beckenbereich, das hie├č, meine Beine hingen frei in der Luft und so konnten die F├╝├če famos steuern. Ich war in der idealen Bahn, nun kam die dunkle, da ausgefahrene Kuhle, der ÔÇ×AnlaufÔÇť zur Rampe, einer Bodenwelle im Hang. Das Zischen der Kufen verstummte einen Moment, dann nahmen sie umso ger├Ąuschvoller wieder Kontakt mit dem Boden auf. Das seitliche Abdriften in der Flugphase konnte ich leicht mit meinen F├╝├čen ausgleichen, so dass ich sauber bis zum Ufer des Sees ausrodelte. Kein Klatschen, kein Jubeln. Doch mit diesem Sprung hatte ich die neue Warteschlange zur Rampe entstehen lassen. Auch ich tat so, als w├Ąre es nur ein ganz normaler ÔÇ×RittÔÇť gewesen. Denn die ÔÇ×TagesmeisterschaftÔÇť war kein offenes Turnier, sondern ein geheimes, nie ausgesprochenes Mutritual. Ich trottete den H├╝gel wieder hinauf, schaute mir die normale Piste an und nat├╝rlich die Sprungschanze. Oben angekommen reihte ich mich vorbildlich in die Schlange ein. Ein kurzer Blickwechsel mit meinen Cliquenmitgliedern zeigte mir, dass meine Fahrt sehr hoch in der Bestenliste stand. Nach einem weiteren Durchgang war es nun meine Aufgabe, als Wertungsf├╝hrender sozusagen, den Schwierigkeitsgrad zu erh├Âhen. ÔÇ×La├č` uns die Rampe vereisenÔÇť, sagte ich und ein Gemurmel best├Ątigte mein Vorhaben. Wir fuhren alle gemeinsam zum Seeufer. Das Wasserloch von gestern, vorgestern und so weiter war schnell wieder ge├Âffnet. Die alten Eimer bald gef├╝llt. Jeder mit einem Eimer voll Wasser ging schnell in Richtung Rampe und sch├╝ttete den Inhalt auf Schneise der Sprungschanze. Nach drei oder vier Eimern f├╝r jeden war die Schanze f├╝r die n├Ąchste Zeit gesperrt. Auf dem einfachen Hang f├╝hren wir Kunstst├╝ckchen und Ketten (jeder hielt sich an den Versen des Vordermanns fest). Die Spannung stieg. Erst nach einer geschlagenen Stunde durfte das Eis getestet werden. Es war hart und bereit f├╝r die Finalrunden. Zun├Ąchst begann die Aufw├Ąrmrunde. Ich hatte die Ehre das Eis auszutesten. Ich musste mir jeden Hubbel und jede Unebenheit merken, um im n├Ąchsten Sprung zu punkten. Das weiche Rauschen der Kufen wich einem hartem Holpern und Klopfen. Es sollte etwas Gro├čartiges heute werden. Ich hatte es im Gef├╝hl. Dann wurde in umgekehrter Reihenfolge gestartet. Ich war also der Letzte an der Rampe. Ich konnte einige durchaus beachtliche Spr├╝nge sehen, die ich aber bei einer konzentrierten Fahrt ├╝berbieten k├Ânnte. Es begann langsam schummrig zu werden, es bleib mir also nur ein Versuch. Wenn dieser mir gelang w├╝rden sofort alle anderen sagen, dass sie jetzt nach Hause m├╝ssten. Anderenfalls w├Ąre eine weitere Runde f├Ąllig, bei der ich nicht mehr mitfahren w├╝rde, weil ich schnell nach Hause gemusst h├Ątte. Noch Einer stand vor mir. Meine Clique war durchschnittlich gut nach unten gekommen und schon wieder auf dem langen Weg nach oben. Ich musste also aufpassen, irgendetwas stimmte nicht mit der Bahn. Sie war in der kurzen Zeit wieder feuchter geworden, die meisten M├╝tzen steckten bereits in den Taschen der Parkas. Es begann zu tauen. Mit Gl├╝ck war es der letzte Rodeltag des Winters. Mit Gl├╝ck, weil ich den Gesamtsieg heute nach Hause fahren konnte. Dabei z├Ąhlten nicht einmal die Siege der Tage und Wochen vorher, sondern lediglich der heutige, letzte Renntag.
Es war an mir. Ich hatte alles auf den Kufen. Drei gro├čartig feste Schritte gaben mir den Schwung, den ich brauchte. Ich lag perfekt in der Spur. Meine F├╝├če ber├╝hrten nicht den Boden, so wurde ich noch schneller. Im Eis hatte sich bereits eine Spur gebildet. Ich fuhr auf einer milden Wasserschicht, wie auf einer Schiene. Ich versank kurz in der Kuhle und wurde dann auf der Rampe in den Himmel entlassen. Ich flog. Ich sp├╝rte, dass der Spirit des Schlittens alles gab. Ich flog noch immer. Unter mir h├Ârte bereits die geeiste Bahn auf. Leider fing mein Schlitten an sich leicht quer zu stellen, das durfte nicht passieren. Ich verlagerte mein Gewicht. Unmerklich zog er sich zur├╝ck in seine Bahn. Dann begann erst mein Sinkflug. Der Aufprall w├╝rde sehr hart werden, das war mir klar, doch es ging vielleicht um den Gesamtsieg. Mit einem Krachen zersplitterte der Schlitten in viele Einzelteile, ich schlug unsanft auf. Der Sprung war gewaltig, doch durch das zerbersten meines Schlittens hatte ich den Sprung nicht gestanden. Doch was sagte die Jury, die aus allen Teilnehmern bestand, dazu? Ich schaute auf. Ein Jubeln schallte ├╝ber ÔÇ×Lieselwolfs KoppelÔÇť. Ja. Ich war es. Ich hatte es geschafft. Die ganze Meute kam auf mich zu, sah ob ich mir etwas getan hatte, klopfte mir auf die Schulter und lachte und gr├Âlte. Mir taten die Knochen ziemlich weh, aber das lie├č ich mir nicht anmerken. Ich stand auf und sah, dass von dem Schlitten wirklich nicht viel ├╝brig geblieben war. Daf├╝r lag ich fast in der Auslaufzone zum See, enorm weit entfernt vom Schanzenteller. Ich lie├č mich dazu hinrei├čen beide Arme in die H├Âhe zu werfen. Doch diese Geste wurde mit einem weiteren Ansturm von Jubel honoriert. Nun war es geboren. Das offizielle Schanzenspringen, das seit jenem Jahr von den Kindern der Gegend durchgef├╝hrt wird. Viele G├Ąste aus den D├Ârfern der Gegend kommen zum Rodelberg, um einmal ├╝ber die Schanze zu fahren. Doch am letzten Wochenende im Februar wird seit dieser Zeit das Rampenturnier ausgetragen, f├╝r das ein ganzer Winter trainiert wird, sollte Schnee liegen. Mit dem Schlitten wird versucht m├Âglichst ausgetrickst ├╝ber die Rampe zu kommen. Der Gewinner ist der mit der besten K├╝r und dem gr├Â├čten Einsatz. Doch bisher bin ich der einzige Gewinner des Rampenturniers, der seinen Sprung nicht gestanden hat. Und tats├Ąchlich erz├Ąhlen sich die Kinder beim Rodeln, wenn denn mal Schnee liegt, die Geschichte vom Gr├╝ndungstag des Rampenturniers und dem Sprung, der jetzt bereits direkt bis zum Seeufer reicht.
Es war der erste Abend an dem alle Rodler gemeinsam und freundschaftlich nach Hause gingen. Ich musste in die andere Richtung und schlenderte mit den zwei Kufen und einem B├╝ndel Kleinholz gen Heimat. Das Eis begann schon zu knacken und zog peitschenartig lange dunkle Risse ├╝ber den See. Am n├Ąchsten Morgen hatte der See bereits gro├če dunkle Flecken, der Winter war vorbei, der Fr├╝hling sollte kommen, auch wenn er noch einige M├╝he hatte sich durchzusetzen. Ich jedenfalls war der erste offizielle, oder besser halboffizielle, Rampenturniergewinner.

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