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Leselupe.de > Humor und Satire
Winterfreuden
Eingestellt am 05. 01. 2004 16:34


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Tapir
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Ich habe lange gezögert, diese Geschichte zu erzĂ€hlen. Weil man vielleicht denken könnte, ich wollte mich wichtig machen. Aber das ist es nicht. Ich finde nur, der wahre Verlauf der Geschichte muß auch dann ans Tageslicht treten, wenn es nur um die kleinen Dinge geht. Und das ist der einzige Grund, warum ich jetzt mein Schweigen breche.
Es war vor vier Jahren. Die Planung des verlÀngerten Winterwochenendes mit Jana war nicht einfach gewesen. Ich bin Alpinskifahrer. Ich liebe es, auf bequemen Sesseln, in schaukelnden Kabinen oder gar mit in den Berg gehauenen U-Bahnen in luftige Höhen befördert zu werden, um dann rasant talwÀrts zu schwingen.
Jana ist LanglĂ€uferin. Sie kann nichts dafĂŒr. Aufgewachsen in den WĂ€ldern ThĂŒringens waren ihr richtige Berge ebenso fremd wie Skilifte oder Jagertee. Sich die HĂ€nge hinabzustĂŒrzen kam fĂŒr sie nicht in Frage. Sie vermochte, wie sie sagte, das eigentlich sportliche im Alpinskifahren nicht zu erkennen – fĂŒr sie wĂ€ren wahre Winterfreuden und saftige EndorphinschĂŒbe untrennbar mit weit ausholenden Arm- und Beinbewegungen und einer durch einen glitzernden Winterwald gespurten Loipe verbunden.
In Balderschwang, dem kleinen, höchstgelegenen Dorf Deutschlands, war beides möglich und ich versprach ihr, mich wenigstens fĂŒr ein paar Stunden auch mal in der mir ungewohnten Fortbewegungsart zu versuchen. So betrat ich am zweiten Tag das an der Dorfstraße gelegene SportgeschĂ€ft von Luggi Endrös und verließ es wenig spĂ€ter mit einer kompletten – natĂŒrlich geliehenen – LanglaufausrĂŒstung. Da die ParkplĂ€tze an der Talstation des Skilifts - gleichzeitig Ausgangspunkt der Loipe - bereits belegt waren, ließ ich das Auto oben im Ort stehen und wanderte mit geschulterten Skiern und Stöcken die wenigen hundert Meter talwĂ€rts.
Meine schlimmsten Vorahnungen wurden bestĂ€tigt. Was aus der Ferne und bei Könnern leicht und beschwingt aussieht, gestaltete sich bei mir zu einer anstrengenden Tortur. Ins Gleiten kam ich nie, schritt eher durch die Loipe mit diesen viel zu langen Brettern an den FĂŒĂŸen, die sich nur dann von selbst in Bewegung setzten, wenn es leicht bergab ging – um sofort Panik in mir auszulösen, hatte ich doch keinerlei Kontrolle ĂŒber dieses dĂŒnne Gehölz, daß sich weder durch einen Schneepflug noch durch ein beherztes Bremsmanöver im Parallelschwung zum Stehen bringen ließ. Auf den versprochenen Rausch der Endorphine wartete ich vergebens. Lediglich einige AdrenalinstĂ¶ĂŸe konnte ich verzeichnen, wenn wieder Gegenverkehr in Sicht kam, dem es auszuweichen galt. Als wir den fĂŒnf Kilometer entfernt liegenden Nachbarort Hittisau erreicht hatten, tat mir alles weh. Muskeln, von deren Existenz ich vorher nicht die leiseste Ahnung hatte, die FĂŒĂŸe von den anscheinend zu engen Schuhen und an den HĂ€nden hatten sich bereits Blasen gebildet. Ich brauchte jetzt dringend eine Pause.
Wir kehrten in einer LanglĂ€uferhĂŒtte ein. Zwischen all den ausgemergelten, asketischen Nordischen, die mit Begeisterung einen Energy-Drink nach dem anderen in sich hineinschĂŒtteten, kam ich mir wie ein Fremdling vor. Uns Alpine trennt von diesem Menschenschlag doch mehr als die Breite unserer Ski. Schon nach einer halben Stunde zog es mich wieder hinaus - in der festen Absicht, die nĂ€chsten fĂŒnf Kilometer zu den letzten auf einer Loipe in meinem Leben werden zu lassen. Aber: die Skier waren weg. Die Stöcke hatte ich mit in die HĂŒtte genommen, aber von den nagelneuen Leihskiern war dort, wo ich sie abgestellt hatte, nichts mehr zu sehen.
Meine Wut kannte keine Grenzen. Laut den Tag, den Urlaub und ĂŒberhaupt diesen ganzen Langlauf verfluchend, stapfte ich durch den Schnee rund um die HĂŒtte. Zwecklos. Die Skier waren weg und ich mußte jetzt irgendwie zurĂŒckkommen. Als winziger Ausgleich fĂŒr das mir entstandene UnglĂŒck stellte sich heraus, daß die Verbindungsstraße zwischen beiden Dörfern unweit der HĂŒtte war. Ein Spaziergang auf dem Asphalt wĂŒrde bedeutend einfacher sein als sich entlang der Loipe durch den tiefen Schnee zu quĂ€len. So verabschiedete ich mich von der eigentlichen Urheberin all diesen Übels und machte mich auf den Weg zur Straße.
Die Stöcke hatte ich erst geschultert. Nach den ersten hundert Metern stellte sich dies jedoch als unbequem heraus. Immer noch auf der Höhe meines Wutpegels hĂ€tte ich sie am liebsten weit weg in den Schnee geworfen, aber Gott sei Dank fiel mir noch rechtzeitig ein, daß ich sie dann auch hĂ€tte ersetzen mĂŒssen. Also nahm ich sie in die HĂ€nde und hieb sie bei jedem Schritt wĂŒtend auf den Asphalt. Etwa einen Kilometer hatte ich so zurĂŒckgelegt, mit weit ausholenden Armbewegungen, den Boden mit den Stöcken torpedierend und großen Schritten - ich wollte ja ankommen – als mir ein Ă€lteres Ehepaar entgegenkam, dick vermummt, die Arme ineinander verhakt, Fellschuhe an den FĂŒĂŸen. Ich bemerkte die Irritation auf ihren Gesichtern, als ich nĂ€her kam. Grußlos wollte ich an ihnen vorbeistapfen, konnte aber ihrer Frage nicht ausweichen:
„Haben sie ihre Skier vergessen?“
„Nein, ich laufe immer so!“ blaffte ich zurĂŒck. Die Leute sind so dumm!
Wenige Minuten spĂ€ter ĂŒberholte mich ein Minivan. Ein paar hundert Meter spĂ€ter wendete er, kam zurĂŒck, wendete wieder, schien mich dann ĂŒberholen zu wollen, blieb aber auf meiner Höhe. Die Fensterscheiben senkten sich. Vier Frauen, offenbar Anfang Vierzig und bester Laune.
„Mache Sie desch öfter?“ Ich hasse SchwĂ€bisch.
„Ja, das ist ein neuer Extremsport!“ Meine Worte kamen wie Granatgeschosse.
„Un, was isch des?“
„Nordic Walking!“ Nie wieder nordisch, dachte ich mir. Morgen wieder alpin.
Die Seitenfenster surrten hoch und der Wagen beschleunigte. Nach einer Stunde hatte ich völlig ausgepumpt, verschwitzt und immer noch wĂŒtend das SportgeschĂ€ft erreicht. Jana hatte auf der Bank vor dem Schaufenster bereits die Nachmittagssonne genossen. Ich ging ins GeschĂ€ft, entledigte mich meiner nordischen Kleidung, den Schnabelschuhen sowie den Stöcken, bezahlte die gestohlenen Skier mit meinem guten Namen und verließ das GeschĂ€ft.
„Nie wieder“, stieß ich hervor, wĂ€hrend ich mich neben Jana auf die Bank fallen ließ.
„Ich findÂŽs herrlich“, sagte sie und erschien mir in diesem Moment unendlich fremd. „Und es gibt jetzt was Neues. Haben eben ein paar Frauen erzĂ€hlt. Nordic Walking. Die haben den Luggi gefragt, ob er dafĂŒr eine AusrĂŒstung hat.“
Gestern habe ich mich im Volkspark auf eine Bank gesetzt und mal gezĂ€hlt. Vierunddreißig Nordic Walker in einer Stunde – man sieht auf den Wegen sogar schon ĂŒberall die EindrĂŒcklöcher von den Stöcken. Das hat mich dann doch ein kleines bißchen stolz gemacht.


© by Stefan Schrahe, Dezember 2003

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flammarion
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prust,

kicher, lach! was ne köstliche geschichte! gut erzĂ€hlt, fachmĂ€nnisch gebastelt und von großem unterhaltungswert. damit kannste dich ĂŒberall sehen lassen.
nur eine frage: was is n Jagertee? vielleicht ein JÀgertee? dann tÀt sch gern wissen, woraus er is.
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Tapir
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Liebe Flammarion,

danke fĂŒr Dein Lob!

Jagertee - "Jagatee" wird es glaube ich sogar geschrieben - ist das Zeug, was sich alle in den SkihĂŒtten geben. Was da aber genau drin ist, kann ich Dir auch nicht sagen.

Tapir

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flammarion
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aha.

danke fĂŒr die freundliche aufklĂ€rung. ist also was zum warmwerden und kein gerĂ€t. als brandenburger buddelkasteninsasse weiß man ja so was nicht . . .
deine geschichte hat es sich in meiner sammlung gemĂŒtlich gemacht!
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Minds Eye
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Soweit ich mich erinnere, ist Jagertee ÂŽne ganz ĂŒble Mischung aus verschiedenen SchnĂ€psen, heiss serviert. Nach dem Genuss fĂ€hrt man Schuss, ĂŒberschlĂ€gt sich und reißt sich den linken Arm an einer Tanne auf.
Schöne, witzige Geschichte.
GrĂŒĂŸe,
ME.

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Prust
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`Mache Sie "desch"ÂŽ öfter ist natĂŒrlich nicht schwĂ€bisch, sondern höchstens ein Schreibfehler. Selbst Schwaben machen nicht jedes "S" zum "Sch".
Aber ansonsten recht witzig fĂŒr diese doch manchmal recht bemĂŒhten Geschichten in dieser Rubrik.

Gruß M. Prust

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