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Leselupe.de > Kurzprosa
Winterfurcht
Eingestellt am 26. 01. 2005 09:03


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dasZottel
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Registriert: Nov 2004

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Die Eier sangen ihr brutzelndes Lied und Kartoffelbrei wartete fertig zusammengerĂŒhrt im Topf neben dem Herd. Anna stand am Fenster, zitternd, zusammengekauert. Beide Arme um ihren Körper geklammert schaute sie schluchzend, hektisch atmend auf die schneebedeckte Landschaft hinter dem Haus. Er war schon lange fort, hoffentlich ging es ihm gut. Etwas roch verschmort, erst nur ein wenig, dann stĂ€rker und als sich das FrĂ€ulein umdrehte, war es schon zu spĂ€t. Die Eier wanderten in den grĂŒnen mit Plastik ausgelegten Eimer. Hunger verspĂŒrte sie so oder so nicht. BefĂŒrchtungen plagten sie und ihr kleines tugendhaftes Herz. Nie hatte sie sich etwas zu Schulden kommen lassen, nie. Warum traf es sie dann jetzt so hart? Er hatte sie verlassen. Ob er zurĂŒckgeschlichen kommt? Heimlich, ja ohne Entschuldigungen, ohne ReuegefĂŒhle, sich zur HintertĂŒr hereinstiehlt und alles wĂ€re wieder bester Ordnung? Er könnte den Kartoffelbrei essen, den mochte er schon immer gern, schon damals, als ich ihn zu mir nahm und jetzt lag Nichts vor ihr, keine Hoffnung, keine Zuneigung, keine Zukunft mit ihm, nur weißgetrĂ€nkte Felder, HĂ€user mit WattemĂŒtzchen und von Eiweiß gekrönte BĂ€ume, ebensolches Weiß, welches ihr eben in der Pfanne verbrannt war.
Noch immer stand sie am Glas, am kalten Fenster mit verschrĂ€nkten Armen, steif und in Gedanken versunken, nur bei ihm mit allen Ängsten, allem Kummer, ob er an sie denkt? Und ob er sie vermisst? Oder hat er sich schon ein neues MĂ€dchen an seiner Seite gesucht, ihr die TĂŒr zu seinem Herzen geöffnet? Wird er nach ihrer Pfeife tanzen? Bei Anna hatte er es nie getan, stets ging alles nach seinem Kopf und sein Wille war Gesetz. Doch sie bangte weiterhin und salzige Tropfen benetzten stumm den kalten Linoleumboden zu ihren FĂŒĂŸen. Dieser blöde Boden, wie oft hatte Anna hier mit ihm gespielt, seine Triebe befriedigt, wie oft hatte sie ihm hier, auf diesem Belag, ihr Herz geschenkt und seine Augen hatten gestrahlt wie die Seen bei Sonnenuntergang es zu tun pflegen, wegen dieses einen Blicks hĂ€tte sie alles fĂŒr ihn getan. Doch nun war er fort, seine Augen und sein Geruch mit ihm, dieser herrliche Duft von WĂ€rme und Geborgenheit. Könnte sie ihn doch wieder riechen, nur ein Mal wollte sie ihn noch in sich aufsaugen diesen lusttrunkenen Wohlgeruch, auch er wollte spielen.
Zögernd drehte sich Anna vom Fenster weg, mĂŒde blickten ihre Augen unter dem stumpfen zerzausten Haar hervor, sie waren gerötet von den TrĂ€nen der Furcht, den Trauermeeren um ihn. Er gehörte ihr, hatte immer ihr gehört, soll es auch weiterhin. Hörte sie doch nur die TĂŒr klappen, dieses kleine Klacken, wenn die Angeln zurĂŒckschnellten, bitte dieses vorsichtige Schnappen des Holzes.
Anna trabte, wie ein SchlĂŒckchen PfĂŒtzentĂŒmpel in sich zusammengefallen, in Richtung Wohnstube, zum Sofa, Kuscheldecke auf 12 Uhr. So oft hatte sie dieses fĂŒrchterliche StĂŒck Stoff mit ihm geteilt, wollte sie mit keinem anderen teilen, auch die Decke hatte seinen Geruch verloren. Zwei Wochen war er nun schon fort. Bitte komm wieder!
Es hatte wieder zu schneien begonnen, große weiße Tropfen Weiß schwebten und tanzten vorm Fenster. Die alten Fotoalben lagen aufgeschlagen auf dem kleinen Glastisch vor der Couch. Lange hatte sie die Bilder schon betrachtet und noch viele Stunden wird sie die bunten Figuren, ihn und sich zusammen, glĂŒcklich und vereint, beschauen. Jedes wird sie eine TrĂ€ne kosten, jedes eine Erinnerung beleben und ihren Schmerz verstĂ€rken, ihre Furcht.
Ein paar im Wind schaukelnde Zweige schlugen gegen die TĂŒr zum Balkon. Anna sprang auf, erwartungsvoll, die Äuglein weit aufgerissen, den Mund einen Spalt weit geöffnet, doch sogleich fiel sie enttĂ€uscht zurĂŒck in das verflucht einsame kuschelige Weich und in die alles umfassende Melancholie. Das arme MĂ€dchen trĂ€ufelte durch verblichene Galerien, fĂŒhlte sich StĂŒck fĂŒr StĂŒck erfasst vom Strom des Vergehens, von der reißenden unbarmherzigen Strömung, die auch ihn genommen hatte. Es klatschte wieder und wieder an die Scheibe, doch Anna reagierte nicht, sie starrte wie gebannt, in Trance, auf all die verflossenen, verschneiten Erinnerungen, es krachte und schrubbte, es kratzte und kratzte und kratzte unablĂ€ssig. Nun musste sie doch aufmerksam werden.
Sie konnte es kaum glauben: Er war es! Da stand er, durchnĂ€sst und mit rotunterlaufenen Augen. Was war nur geschehen? Wo war er gewesen, welchen Weg hatte er beschnuppert und welches Revier ausgekundschaftet? Er bot einen jĂ€mmerlich verwahrlosten Anblick. Rasch und rascher sprang Anna auf und öffnete hastig die BalkontĂŒr, als hinge ihr Leben davon ab, um den Heimkehrer, ihren Schatz in die Arme zu schließen, nie wieder wollte sie ihn von sich lassen, nie wieder sollte er fortgehen, nie wieder wollte sie so leiden.
Er war wieder da, bei ihr und tÀtschelte ihr Herz mit lieblicher Freude.
Schwanzwedelnd huschte er auf’s Sofa und rollte sich in der roten Wolldecke zusammen. LĂ€chelnd setzte sich Anna neben ihn, streichelte seinen Bauch, wie er es mochte. Danke, dass du zu mir zurĂŒck gekommen bist. Und keine Sorge: Die Flöhe kriegen wir auch bald wieder aus’m Pelz. Sie drĂŒckte ihn so herzlich, er hĂ€tte um die Entlassung aus dieser Umarmung bangen mĂŒssen. Er leckte ihren Hals, schnaufte zufrieden und schlief, die Tatze auf Anna’s Schulter geparkt, unĂŒberhörbar ein.
Alles strahlte vor heimischer WĂ€rme. Es schien als lĂ€chle das Haus, der KĂŒchenboden, die Kuscheldecke, jedes Ding und Mobiliar mit Anna und freue sich ĂŒber den alten neuen Mitbewohner.

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Wer sagt, er lese Gedichte, um sich daran zu erfreuen, lĂŒgt. Wer sagt, er lese Gedichte, ohne sich daran zu erfreuen, lĂŒgt ebenfalls.

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