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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wintergeschichte
Eingestellt am 20. 01. 2004 01:22


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black sparrow
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Wintergeschichte



Der Gro├čvater meines Freundes hatte nur einen Arm.
Im Sommer, wenn er kurz├Ąrmelige Hemden trug, sah man den Stumpf
wie den Sch├Ądel eines Babys aus dem ├ärmel ragen.
Ein Sch├Ądel mit einer Furche in der Mitte.
Bei Hemden mit langem Arm steckte er den Ärmel in den Hosenbund. So konnte man nie darüber hinweg sehen,dass etwas an ihm fehlte.
Es verst├Ârte mich immer wieder aufs Neue, und immer war dieses Gef├╝hl ein wenig anders, wenn wir ihn besuchten, oder wenn ich aus dem Fenster sah, und er die Stra├če entlang ging.
Das Wort obsz├Ân kannte ich damals nicht, aber so empfand ich es mit meinen sieben Jahren. Dieser Widerwille, den ich sp├╝rte, war kein Ekel, aber ich fand, dass es so etwas nicht geben sollte.
Manchmal dachte ich so verbissen dar├╝ber nach, dass ich Kopfschmerzen bekam, und ich sp├╝rte genau, dass mein Kopf zu klein war f├╝r das, was ich hinein stopfen wollte.
Unsere Gro├čeltern waren keine gro├če Hilfe, denn wenn man sie nach dem Krieg fragte, wurden sie einsilbig.
Bernds Opa erz├Ąhlte nur, dass er den Arm in Russland durch eine Granate verloren hatte, und dass der Winter dort kalt war, ungef├Ąhr dreimal so kalt wie bei uns, und nur der Hunger noch schlimmer war. Dann sagte er noch:
„ Aber ihr werdet so was zum Gl├╝ck nicht erleben!“ und wir gingen wieder spielen, und zerbrachen unsere K├Âpfe mit Fragen. Wie f├╝hlt es sich an, zu hungern, zu frieren, angeschossen zu werden und die Angst aushalten zu m├╝ssen, die wir in den Stimmen unserer Gro├čeltern wahrnahmen, wenn sie sich erinnerten, obwohl der Krieg schon Jahrzehnte zur├╝ck lag?
Und wie war es wohl, zu sterben, und warum schoss man ├╝berhaupt aufeinander? Oder warf Bomben auf Frauen und Kinder, denn auch unsere Gro├čm├╝tter waren von diesem Krieg nicht verschont worden.
Wenn man sie ausreichend bedr├Ąngte, erz├Ąhlten sie von brennenden H├Ąuserzeilen, Phosphorbomben, deren Br├Ąnde man nicht l├Âschen konnte und Menschen, die wie Fackeln durch die Stra├čen liefen.
Die Geschichten unserer Eltern waren weniger spektakul├Ąr, daf├╝r aber verst├Ąndlicher. Mein Vater hatte zwar seinen Wehrdienst abgeleistet, aber seine einzige Heldentat hatte darin bestanden, an einem Wochenende, w├Ąhrend einer Ausgangssperre ├╝ber den Kasernenzaun zu klettern und trotzdem nach Hause zu fahren, um seine Freundin zu sehen. Es war die Zeit des Prager Fr├╝hlings, und sowjetische Truppen waren in die damalige Tschecheslowakei einmarschiert, um den Aufstand nieder zu schlagen.
Meine Eltern schienen sich jedenfalls sehr aufeinander gefreut zu haben, denn neun Monate sp├Ąter kam ich zur Welt.
Die Russen waren schuld, und die Feldj├Ąger, die meinen Vater ein paar Tage sp├Ąter abholten, hatten es nicht verhindern k├Ânnen.

An einem Tag im Januar spielten wir im Schnee. Es hatte seit Tagen geschneit. Auf den Feldern um unsere Siedlung sank man bis zu den Knien ein, und in manchen Verwehungen reichte der Schnee bis zu den H├╝ften.
Wir spielten in einem kleinen Waldst├╝ck zwischen den Acker-
fl├Ąchen, deren Parzellen nicht mehr zu unterscheiden waren.
Alles war wei├č und still, bis auf den Wald, in dem ├äste brachen und Kinder schrieen, die mit Holz- und Plastikgewehren aufeinander schossen und dazu die entsprechenden Ger├Ąusche machten.
In dem Wald gab es viele Mulden, von denen eine ausgesucht wurde, um sie zu erobern. Dazu wurden zwei Gruppen gebildet,
meistens Russen und Amerikaner, und jede Armee bestand aus drei bis vier Kindersoldaten.
Regeln gab es kaum, au├čer der, dass wer getroffen wurde, umfallen musste und nicht zur├╝ckschie├čen durfte.
Die Streitereien, die sich daraus ergaben, waren meist erbitterter als der Krieg, den wir spielten.
„Du kannst nicht zur├╝ckschie├čen! Du bist tot, Idiot“!
„Na und? Dann hab ich mich eben mit letzter Kraft auf dich drauf fallen lassen mit ner Handgranate!“
Oder es wurde gen├Ârgelt: „Ich will nicht immer Russe sein!“
Aber wir einigten uns meistens schnell, denn wer wiederholt die Regel brach, durfte nicht mehr mitspielen.
Anf├╝hrer gab es keine. Am Ende waren doch alle tot und froren in durchn├Ąssten Sachen.

An diesem Tag gingen die Anderen gegen Abend nach Hause, und ich blieb. Ihre Stimmen wurden in der Ferne vom Schnee geschluckt, wie die Spuren der Leute, die ihre Hunde ausf├╝hrten; alle Unterschiede verwischt.
Eine Zeitlang sa├č ich da und h├Ârte ins Nichts. Nicht einmal Motorenger├Ąusche von den entfernten Stra├čen waren zu h├Âren
Die Fahrzeuge fuhren zu langsam , und ihre Scheinwerfer verdeckte der fallende Schnee.
Dann musste ich aufstehen und mich bewegen, denn von dem ganzen sich sterbend im Schnee w├Ąlzen war ich bis auf die Haut nass. Selbst die Socken und meine M├╝tze, die ich nur auf behielt, weil ich sonst noch mehr gefroren h├Ątte. Der Wind schien mir ohnehin schon kleine Muster in die Stirn zu ritzen.
Da war ich also, ein einsamer, deutscher Soldat, der seine Truppe verloren hatte und durch die Tundra irrte.
Ich entfernte mich immer weiter von dem Wohngebiet in meinem R├╝cken und weg von dem Wald, mit dem Blick auf weite, zugeschneite Fl├Ąchen, ohne Wege, ohne Spuren.
In der Ferne sah ich einige kleine, erleuchtete Fenster und stellte mir vor, dort wohnten Feinde, und w├Ąre mir jemand entgegen gekommen, ich h├Ątte mich versteckt, oder ihn vielleicht erschreckt.
Doch eigentlich war ich dazu schon zu schwach.
Ich brauchte meine Kraft, um mich in Zeitlupe durch den Schnee zu schleppen, wobei ich immer wieder in versteckte, gefrorene Pf├╝tzen einbrach. Ich wusste zwar, wo die asphaltierten Wege entlang liefen, auf denen der Schnee nicht ganz so hoch und gleichm├Ą├čiger verteilt lag, aber ich wollte wissen, wie lange ich das durchhielt.
Ein Zeitempfinden hatte ich bald nicht mehr. Nur meine wachsende Schw├Ąche war ein Ma├č.
Bald zitterte ich auch beim Gehen und bekam Seitenstiche
Manche Hautpartien sp├╝rte ich nicht mehr, nicht einmal, wenn ich sie ber├╝hrte. Dabei fiel mir auf, dass ich auch meine Finger nicht mehr f├╝hlte und beschloss, zur├╝ckzugehen.
Dumm war nur, dass ich den R├╝ckweg nicht eingeplant hatte, bei meiner ├ťberlegung, so weit zu gehen wie ich konnte.

Irgendwo in der Dunkelheit lag das Dorf, in dem ich wohnte,
Ich w├╝rde es nie erreichen. Und Hunger hatte ich, weil ich seit dem Fr├╝hst├╝ck nichts gegessen hatte. Zwischen Rippen und Becken lag nur ein hohles Loch mit leichten Schmerzen.
Doch in dem Moment, als ich am meisten Lust hatte aufzugeben, ver├Ąnderte sich etwas in mir, und von da an schleppte ich mich automatisch weiter, unbewusst und mechanisch, bis ich vor den ersten H├Ąusern unseres Wohngebietes stand, und zwei Stra├čen weiter gab es ein warmes Haus mit Bett und gef├╝lltem K├╝hlschrank.
Diese Aussicht gab mir einen Grund, noch ein wenig zu warten, und in Sichtweite noch eine Weile herum zu laufen, bis ausgerechnet Bernds Opa nach drau├čen kam, der mich vom Fenster aus gesehen hatte. „Was machst du denn noch so sp├Ąt drau├čen?“ fragte er. „Komm, ich bring dich nach Hause! Deine Eltern machen sich bestimmt Sorgen!“

„Wie siehst du denn aus?“ fragte meine Mutter mit gro├čen Augen, als ich in der T├╝r stand.
„Wei├čt du, wie sp├Ąt es ist?“
„Nee!“ Ich starrte auf ihre F├╝├če.
Sie sch├╝ttelte den Kopf und zog mich ins Haus.
„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“
Dann zog sie mich die Treppe rauf ins Badezimmer, lie├č Wasser in die Badewanne und zog mich aus, weil ich meine Finger nicht benutzen konnte.
„Du musst erst mal raus aus den nassen Klamotten! Wie siehst du blo├č aus!“
Darauf sah ich in den Spiegel und verstand, was meine Mutter meinte. Meine Haut war in einem hellen schmutzigen Blauton gef├Ąrbt. Ich hatte violette Lippen und tiefe Ringe unter den Augen .
„Ich hab Hunger!“ sagte ich.
„Du musst dich aufw├Ąrmen! Geh erst in die Wanne!“
Das Wasser war lauwarm, aber ich schien mich zu verbr├╝hen,so hei├č kam es mir vor, und Millimeter f├╝r Millimeter lie├č ich mich hinein.
So war das also als Soldat an der Ostfront. Wenn man nicht umkam, fror und hungerte man, bis man ein warmes Pl├Ątzchen fand, wo es hei├čes Wasser und belegte Brote gab.
Nur die Einschussl├Âcher und abgerissenen Gliedma├čen passten immer noch nicht ins Bild.
Aber das war meine Art, Wissen zu verinnerlichen, und so ist es geblieben.






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Betty Blue
Guest
Registriert: Not Yet

Wundersch├Ân



Hallo Black Sparrow

Deine Geschichte hat mich sehr ber├╝hrt.

Ich sehe ihn vor mir, den kleinen Jungen ... wie er durch den Schnee stapft um herauszufinden, wie K├Ąlte und Hunger sich anf├╝hlen ... wie er auf der Suche ist und doch nur einen Teil des Ganzen erfassen kann.

Sowohl inhaltlich, wie auch vom Stil her halte ich diese Geschichte f├╝r mehr als gelungen und freue mich schon darauf, mehr von dir zu lesen.

Einen wundersch├Ânen Tag w├╝nscht dir

Betty Blue




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Nordlicht
Hobbydichter
Registriert: Jan 2004

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***Ich sehe ihn vor mir, den kleinen Jungen ... wie er durch den Schnee stapft um herauszufinden, wie K├Ąlte und Hunger sich anf├╝hlen ... wie er auf der Suche ist und doch nur einen Teil des Ganzen erfassen kann***

Diesem Kommentar von Betty m├Âchte ich mich anschlie├čen. Eine Geschichte, die unter die Haut geht.

Gru├č
Gudrun

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black sparrow
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Jun 2002

Werke: 93
Kommentare: 276
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Hallo ihr Beiden!

ich freue mich, dass euch die Geschichte gefallen hat.
Auch wenn der Winter schon lange genug dauert, und es wieder
Fr├╝hling werden sollte.

Liebe Gr├╝├če

black sparrow

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Minouche
Guest
Registriert: Not Yet

Wow !

Hallo black sparrow !

Die Muse hat dich anscheinend heftigst geknutscht. Sie ist sehr sch├Ân und bewegend, deine Geschichte. Nun habe ich sie dreimal gelesen und etliche Interpunktionsfehler gefunden, ├╝ber die ich mich diebisch freue. (ich entschuldige mich postwendend f├╝r meine Schadenfreude...) Aber das tut der Dramatik, dem Spannungsbogen und der Intention deiner Geschichte keinerlei Abbruch. Sie ist so wunderbar erz├Ąhlt, dass ich selbst mich f├╝hlte wie jener kleine Junge. Und derweil sang in meinem Kopf Hannes Wader. Denn der hatte mal eine ganz ├Ąhnliche Geschichte zu erz├Ąhlen. Das Thema deiner Geschichte ist mir durchaus nicht fremd. Meine Gro├čeltern sind samt und sonders Fl├╝chtlinge. Mein Gro├čvater war in sibirischer Kriegsgefangenschaft.
Meine Gro├čmutter war Italienerin in Nazideutschland. Ich k├Ânnte einiges erz├Ąhlen. Sch├Ân, dass du es getan hast. So eindrucksvoll, so wundersch├Ân.

Danke ! Es war ein Genu├č.


Ich danke dir.

Einen wundersch├Ânen Abend, w├╝nsche ich !

Liebe Gr├╝├če
Minouche

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pipi-barfuss
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 52
Kommentare: 312
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hallo frank,

ich mache es kurz und schmerzlos.

gef├Ąllt mir deine wintergeschichte. manches ist mir bekannt vorgekommen, das stapfen durch den schnee.....

bis bald,

l.g. sandra

p.s pass auf dich auf!


__________________
Lebe den Augenblick,auch wenn du mit einem Bein schon in der Zukunft stehst und mit dem anderen noch in der Vergangenheit

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