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Leselupe.de > Kurzprosa
Winterimpressionen
Eingestellt am 06. 03. 2007 11:42


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Winterimpressionen

Nein, was ist das fĂŒr ein atemberaubender Anblick von dieser JagdhĂŒtte in eintausendachthundert Metern Höhe! Wenn doch bloß meine Wanderfreunde nicht unaufhörlich plappern wĂŒrden! Nicht hier. Nicht jetzt!

Ich verspĂŒre den heißen Wunsch, hier, hoch oben in den verschneiten Davoser Bergen, die Stille mit allen Sinnen einzusaugen. Ich wĂ€re jetzt zu gern allein und nur mit meinen Gedanken unterwegs.
Ja, ein Glas Rotwein wird meine innere Freude ĂŒber diese eindrucksvolle Winterpracht abrunden. So soll es sein.

Mein Herz öffnet sich nach einem GlÀschen, und die Gedanken nehmen ihren Lauf:

Der Winter hat die schroffen BergwĂ€nde und spitzen Gipfel stark gepudert und die sanfteren HĂ€nge des weiten Sertigtals mit einer weißen Decke von fast fĂŒnfzig Zentimeter Schnee ĂŒberzogen. Die verschneiten Fichten an der JagdhĂŒtte bewegen sich sanft vom leichten Bergwind, und die Sonne lacht aus einem fast unnatĂŒrlich anmutenden blauen Himmel. Schneekristalle am Bergwiesenhang funkeln wie Diamanten. Das muss ich fotografieren.

Ich fĂŒhle mich frei und unbeschwert. Ist es schon die Wirkung von Rudis selbst gebrannten KrĂ€uterschnaps und dem Glas Rotwein? Vielleicht. Und wenn schon!
Ich empfinde eine unbegreifliche, anmutsvolle Stimmung. Der weite Blick auf das weiße Bergparadies setzt wahrscheinlich GlĂŒckshormone frei.

Von der Mittagsonne schmelzender Schnee tropft in einem fort vom HĂŒttendach. Ein Dompfaffweibchen sitzt auf dem Holzzaun und beobachtet mich neugierig. Das Signalhorn vom Postbus ertönt im Tal. TÀÀ-ta-tÀÀ! Wie in alten Zeiten.
Meine vier Wanderfreunde haben es sich in der warmen HĂŒtte bereits gemĂŒtlich gemacht. Ich sitze aber lieber noch ein Weilchen hier draußen auf der Holzbank. Ich brauche Ruhe.

Mein Blick schweift wieder zu den Bergen, die majestĂ€tisch, stolz und unverrĂŒckbar erscheinen. Raum und Zeit schwinden in diesem Augenblick.
Die Bergmassive offenbaren mir eindrucksvoll unsere menschliche VergÀnglichkeit. Hier gibt uns der Herrgott ein Zeichen, da bin ich mir ganz sicher.
Ein FĂŒnkchen Traurigkeit beschleicht mich bei dem Gedanken an unsere viel zu kurze Zeit auf Erden.
Einen Teil dieser winzigen Lebensspanne verschwenden wir mit unsinnigen Kriegen und absurden privaten und beruflichen Streitereien.
Ich bedaure, dass den meisten Menschen dieser herrliche Blick versagt bleibt und das sie deshalb nicht zu Àhnlichen Einsichten gelangen.
Die GraubĂŒndner Bergluft erscheint mir heute besonders trocken. Ein weiteres GlĂ€schen sollte ich mir auf jeden Fall noch gönnen. Sehr zum Wohle!

Wie mag sich wohl diese Landschaft im Sommer zeigen? Die Matten grĂŒn. Schneereste in den höheren Berglagen. Alpenveilchen, blauer und gelber Enzian blĂŒhen mit tausend anderen Pflanzen. Pilze lugen aus dem Waldboden und wollen gesammelt werden. KĂŒhe, Schafe und Ziegen sehe ich im Geiste auf den saftigen Bergwiesen und vernehme ihr GlockengelĂ€ut. Dort oben in der Klamm könnten Gamsen Ă€sen, ein Rudel Rotwild zieht im Berghang die FĂ€hrte. An einem Steinfeld spielen Murmel vor ihrem Bau.

Hier sollte ich öfter sitzen, der inneren Stimme lauschen und wieder mal demĂŒtig werden vor der Schöpfung.
In den seltenen Augenblicken der Stille hÀltst du den Dialog mit deinem Herzen. Eine kostbare Erfahrung!
Von meinem PlĂ€tzchen aus mĂŒsste doch jeder Mensch die Ehrlichkeit der Natur begreifen! Jeder Mensch?

Was ist das fĂŒr ein hĂ€ssliches GerĂ€usch? Wer wagt es, meine innere Einkehr zu stören? Ein gelber Helikopter. Ein Bergunfall? Nein, ich beobachte mit dem Fernglas vier Heliskifahrer, die unbedingt von den höchsten Gipfeln ihre Lines ins Tal ziehen mĂŒssen! Vor einigen Jahren sagte man dazu noch „wedeln“. Sie fahren quer durch die FichtenwĂ€lder. WĂ€lder, die dem Wild als Deckung dienen. Die oft von Eis und Schnee aufgescheuerten LĂ€ufe der Tiere werden durch die weiten Fluchten unnötig strapaziert. Das geht an die letzten Reserven.

Muss denn dieser Irrsinn sein? Begreifen wir Menschen denn ĂŒberhaupt nichts mehr? Ist manchen Zeitgenossen die Natur so gleichgĂŒltig? ZĂ€hlt nur noch die verdammte Gier nach Profit und dem ultimativen Adrinalinkick? Sogar noch bei Nacht auf beleuchteten Pisten?

Plötzlich erschrecke ich. Bin ich ein Moralist? Oder gönne ich den anderen Wintersportlern ihren Spaß nicht, weil ich zum Freeriden und Snowboarden in den Monsterpipes schon zu alt bin?
Ja, du bist ein ganz mieser Heuchler! FĂ€hrst selbst Ski, erwartest ĂŒberall gepflegte Pisten, die modernsten, schnellsten Berg- und Kabinenbahnen und flottesten Skilifte!
Berge und Wiesen wurden dafĂŒr brutal vergewaltigt und das Wild aus seinen EinstĂ€nden vertrieben. Du bist keinen Deut besser. Nein, du bist durch die Nutzung der unzĂ€hligen Mammutanlagen ein noch viel grĂ¶ĂŸerer UmweltsĂŒnder!
Ich will mich noch einmal stĂ€rken – meine Gedanken muss ich erst einmal verarbeiten.

Die Sonne wandert langsam nach Westen. Ihre Strahlen brechen rechts durch die Fichtenzweige. Ein kleiner Schatten fĂ€llt auf mein Gesicht und den Manuskriptblock. Ein Zeichen, mich wieder auf die HĂŒttengemeinschaft zu besinnen. Ich werde bereits unmissverstĂ€ndlich zur Brotzeit gerufen. Gut so, denn Nachdenken macht hungrig.
Nur ungern erhebe ich mich und genieße noch einmal staunend die verschneite Bergwelt. Ich lĂ€chle und bin glĂŒcklich – glĂŒcklich ob meiner ehrlichen Erkenntnisse.

Autor:
Wolfgang M. A. Bessel
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__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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