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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Winternacht
Eingestellt am 08. 01. 2006 18:14


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LydiaG
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2006

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Winternacht

Es gibt ein Bild von ihr in meinem Kopf, das sich wohl f├╝r immer dort eingebrannt hat. Manche Erinnerungen an sie sind verblasst, bei einigen frage ich mich sogar, ob die Ereignisse so geschehen sind, ob sie selbst tats├Ąchlich so gewesen ist. Aber wie sie damals im diffusen Licht der wenigen Stra├čenlaternen zwischen den B├Ąumen die breite Allee am Schloss entlang ging, das sehe ich vor mir, als w├╝rde es jetzt gerade geschehen.
Ich mag, wie sie geht. Sie macht schnelle, kleine Schritte und ihre Arme bewegen sich kaum, sie nehmen den Rhythmus ihres K├Ârpers nicht auf. Daf├╝r schwingen ihre H├╝ften umso mehr. Das wirkt anmutig und verloren zugleich. Eigentlich scheint sie nicht zu gehen, sie scheint vielmehr zu schweben. Sie wirkt wie ein Geist, der zuf├Ąllig auf dieser Erde gelandet ist und nun seinen Weg finden muss.

In einer Kneipe sah ich sie zum ersten Mal. Sie hatte ein Buch bei sich, in dem sie nachl├Ąssig las. Ab und zu sah sie auf die Uhr, als w├╝rde sie auf jemanden warten. Es kam aber niemand und irgendwann stand sie auf, steckte ihr Buch in die Tasche und ging. Etwas an ihr elektrisierte mich. Es war nicht ihre Sch├Ânheit, es war vielmehr ihre Verlorenheit. Ich wollte sie besch├╝tzen. Viel mehr noch, ich wollte sie wecken. Ich wollte diese merkw├╝rdige Teilnahmslosigkeit, die sie ausstrahlte, durchbrechen. Und sie, sie hatte mich nicht einmal wahrgenommen.

Ich bin daran gew├Âhnt, dass Frauen mich nicht wahrnehmen. Ich bin nicht besonders h├Ąsslich, aber auch nicht besonders sch├Ân, nicht besonders gro├č und auch nicht besonders klug. Vermutlich habe ich noch nie etwas gesagt oder getan, was eine Frau veranlasst h├Ątte, mich l├Ąnger als einige Sekunden anzusehen. Ich wei├č nicht, wie andere M├Ąnner das machen. Wie sie die Distanz der Frauen durchbrechen, in ihre Welt eindringen mit Worten. Mir ist das nicht gegeben. Insofern war ich nicht erstaunt, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Ich dachte seltsamerweise trotzdem, meine Stunde bei ihr, mit ihr w├╝rde schon noch kommen.

Vielleicht war sie neu in der Stadt. Jedenfalls traf ich sie nach diesem ersten Mal immer wieder. Auf unserem Markt kaufte sie Pilze, Salat und Wein. Ich beobachtete sie dabei und fragte mich, ob sie wohl ein Essen f├╝r sich alleine zubereiten w├╝rde. F├╝r sich und eine Freundin, vielleicht? Oder ob ein Mann sie besuchen w├╝rde? Den Gedanken mochte ich nicht.

Das n├Ąchste Mal traf ich sie im Kino. Es lief kein Film, den sich eine Frau normalerweise alleine anschauen w├╝rde. Und wieder machte ich mir Gedanken ├╝ber sie. Mag sein, dass sie einfach nicht schlafen konnte, oder dass ihr langweilig war. Aber vielleicht sah sie sich diesen Film auch an in der Hoffnung, einen Mann zu treffen? Einen Mann, der ihr von diesem Film erz├Ąhlt hatte? Einen, der ihr die lange Nacht vertreiben w├╝rde?
Es war merkw├╝rdig mit ihr. Immer war sie allein und immer schien sie auf etwas oder auf jemanden zu warten. Ich wurde nicht schlau aus ihr. Aber ich bemerkte, dass sie mir nach dem Film im Foyer des Kinos ein sch├╝chternes L├Ącheln schenkte. In dieser Nacht tr├Ąumte ich von ihr. In meinem Traum war sie nackt, ich durfte sie anschauen und sogar ber├╝hren. Sie erz├Ąhlte von sich und sie h├Ârte mir zu. Und endlich nahm sie mich in ihre Arme. Das war sch├Ân.

Danach, wie zur Strafe, war sie weg. Ich sah sie wochenlang nicht. Anfangs dachte ich oft an sie und hoffte, sie wieder zu treffen. Immer wieder ging ich in diese Kneipe und ins Kino. In unserer kleinen Stadt gibt es nicht so viele Wege und Treffpunkte. Und endlich, nachdem ich schon fast beschlossen hatte, sie zu vergessen, war sie wieder da.

Sie setzte sich an den Tresen, bestellte ein Glas Wein, las ein wenig in ihrem Buch und ging, wieder mit einem kleinen L├Ącheln f├╝r mich, im Vor├╝bergehen. Dieses Mal folgte ich ihr, die verschneite Allee entlang. Ihr merkw├╝rdiger Gang und ihre Haare im Wind begeisterten mich. Ich ging einfach hinter ihr her, sie war so sch├Ân anzusehen. Ihre Schritte wirkten sicher, sie hatte schwere Stiefel an und sie schien es nicht eilig zu haben. Einmal schaute sie ├╝ber die Schulter nach hinten. Ich war nicht sicher, ob sie mich bemerkt hatte. Aber sie schien danach schneller zu gehen. Darauf hatte ich nur gewartet. Ihre Verunsicherung erregte mich. Hatte sie mich endlich wahrgenommen? Oder bildete ich mir ihre pl├Âtzliche Eile und ihre Hast nur ein?
Ich wollte n├Ąher zu ihr, beschleunigte meine Schritte deshalb ebenfalls und verk├╝rzte die Distanz. Sie schien zu z├Âgern, hielt einen Moment inne und griff nach ihrer Handtasche. Mein Herz raste, aber sie z├╝ndete sich nur eine Zigarette an. Ich atmete auf. Noch einen Moment lang hatte ich Angst, sie w├╝rde mich ansprechen und wom├Âglich fragen, was ich von ihr wollte. Darauf h├Ątte ich keine Antwort gewusst.

Sie ging jedoch weiter. Ich z├Âgerte kurz, aber ich konnte nicht aufh├Âren, ihr zu folgen. Langsam kam ich ihr wieder n├Ąher. Ab und zu konnte ich schon ihren Atem h├Âren. Gleich w├╝rde sie in die Hauptstra├če einbiegen. Der Gedanke, sie dort zu verlieren, erschreckte mich. Jetzt rannte ich schon fast hinter ihr her. Pl├Âtzlich war ich neben ihr. In ihrem Gesicht sah ich ├ťberraschung, Unwillen und Angst. Gleich w├╝rde sie weglaufen. Verdammt, das wollte ich nicht. Nur um sie daran zu hindern, ergriff ich ihren Arm. Jetzt war sie ├╝berhaupt nicht mehr teilnahmslos. Sie versuchte, sich loszurei├čen.
Ihre Stimme klang w├╝tend und ├Ąngstlich zugleich, die gef├╝rchtete Frage: ÔÇÜwas willst du von mir?ÔÇÖ lie├č mich endg├╝ltig verstummen.

Ich konnte nicht sprechen, obwohl ich in diesem Augenblick bereits die letzten Hemmungen verloren hatte. Ich war zu weit gegangen. Jetzt konnte ich nicht mehr umkehren, das war mir klar. Ich sah ihre Wut und ihre Furcht und wollte doch nur, dass sie still h├Ąlt und bei mir bleibt. Dann h├Ątte sie auch erkannt, wie sehr ich sie liebte. Ich lie├č sie nicht los, obwohl sie schrie. Aber ich verpasste ihr einen Schlag ins Gesicht, weil ich wollte, dass sie aufh├Ârt zu schreien und mich endlich einmal richtig anschaut. Noch nie zuvor hatte ich eine Frau geschlagen. Danach h├Ârte ich nur noch ihren und meinen Atem. Diese Stille, ihre Sprachlosigkeit konnte ich noch viel weniger ertragen. Ich sch├╝ttelte sie, als k├Ânnte ich Worte aus ihr heraussch├╝tteln. Aber sie sagte nichts mehr. Stattdessen lachte sie. Es war ein seltsames Lachen, laut und schrill. Ich hatte mir ihre Stimme und ihr Lachen anders vorgestellt. Es verletzte mich, dass sie so ganz anders war, als ich es erwartet hatte. Und wieder war da dieser Gedanke ÔÇÜdu kannst jetzt sowieso nicht mehr zur├╝ck.ÔÇÖ Also schlug ich erneut zu. Ich schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Sie taumelte und fiel zu Boden. Weil ich sie nicht losgelassen hatte, fiel ich mit ihr in den Schnee. Jetzt hatte ich sie. Ihr Mantel und ihr Rock waren keine Hindernisse auf meinem Weg zu ihr. Ihre W├Ąrme war die einzige W├Ąrme im Schnee.
Ich werde sie nie vergessen.

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F Fuller
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Hallo Lydia:

"Sie hatte ein Buch bei sich, in dem sie nachl├Ąssig gelesen hat."

Dieser Satz besch├Ąftigt mich in zwei Punkten. Zum einen bin ich mir ncht sicher, ob Du wirklich "nachl├Ąssig" meinst - das bedeutet so etwas wie "schlampig" oder eher aussagen willst, dass sie "andauernd" in dem Buch gelesen hat.
Und sollte es nicht heissen: "Sie hatte ein Buch bei sich, in dem sie nachl├Ąssig las."?
Die Antwort darauf m├Âchte ich aber gerne an jemanden weiterreichen, der sich besser mit Grammtik auskennt als ich. Generell w├╝rde ich Dir empfehlen, den ganzen Text auf Zeitfehler hin zu untersuchen, ich glaube, da gibt es noch einiges zu tun.

Stilistisch sagt miur der Text nicht 100% zu, aber das ist schlie├člich reine Geschmacksache.

Die Handlung an sich ist interessant und die Situation, die sich aus dem Verhalten dieser beiden zur├╝ckhaltenden und unsicheren Personen entwickelt stimmt mich nachdenklich und ich frage mich, wie die Geschichte wohl augegangen w├Ąre, wenn zumindest eine von beiden etwas mehr Selbstsicherheit an den Tag gelegt h├Ątte ...?

Gruss
F.


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LydiaG
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Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von F Fuller
Die Handlung an sich ist interessant und die Situation, die sich aus dem Verhalten dieser beiden zur├╝ckhaltenden und unsicheren Personen entwickelt stimmt mich nachdenklich und ich frage mich, wie die Geschichte wohl augegangen w├Ąre, wenn zumindest eine von beiden etwas mehr Selbstsicherheit an den Tag gelegt h├Ątte ...?

Gruss
F.




Hallo F Fuller,

ja - das ist eine interessante Frage, was w├Ąre dann passiert? Zumindest h├Ątte die Geschichte nicht diesen Ausgang genommen. Wobei ihr Selbstvertrauen wohl anhand meiner Geschichte nicht zu ermessen ist. Sie war ├╝berrumpelt. Es ging mir um die Schilderung der ebenso unrealistischen wie fatalen Beziehung, die er in seiner Phantasie bereits zu ihr aufgebaut hatte, lange bevor es zu der letzten Begegnung kam.
Und ja - ich werde den Text auf Zeitfehler untersuchen. Im von dir angef├╝hrten Beispiel denke ich, deine Meinung ist richtig. Nachl├Ąssig gelesen erschien mir nicht unpassend. Sie las ohne allzu gro├če Konzentration. Wei├čt du ein Wort, das es besser trifft?

Danke dir f├╝r deinen (meinen ersten!) Kommentar!

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F Fuller
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"Sie las ohne allzu gro├če Konzentration."

Wenn du das meinst, dann ist nachl├Ąssig okay. Falls du ein anderes Wort haben m├Âchtest: fl├╝chtig oder oberfl├Ąchlich w├╝rden es tun.

"Wobei ihr Selbstvertrauen wohl anhand meiner Geschichte nicht zu ermessen ist."

Das sehe ich anders. Entweder ist sie fast genauso unsicher wie er, oder sie steht (was ich zun├Ąchst vermutet habe) unter einem grossen Druck. Jedenfalls kommt sie f├╝r mich nicht so r├╝ber, als ob sie glaube, ihr Leben sei so, wie sie es sich w├╝nscht (Tip: "Ab und zu hat sah sie auf die Uhr, als w├╝rde sie auf jemanden warten." Und in diesem Satz f├Ąllt sofofrt ein Fl├╝chtigkeitsfehler auf! )

Keine Ursache wegen des Kommentars - die sind bei mir (wenn es Zeit und Muse zulassen) h├Ąufiger als "einfache" Bewertungen...

F.

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