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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Winterreise
Eingestellt am 01. 12. 2014 22:03


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Arno Abendschön
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Im ReisebĂŒro wussten sie nicht, wo N. liegt. Ich musste es wie immer erklĂ€ren: in Mannheim umsteigen und das letzte StĂŒck nicht ĂŒber SaarbrĂŒcken, sondern vorher die Nebenstrecke nehmen 
 Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich lĂ€ngst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise. Den anderen im Zug schien es ebenso zu gehen – Gesichter wie in der U-Bahn nach BĂŒroschluss. Alle schwiegen, sie lasen oder dösten.

Die AnschlĂŒsse klappten. Nach sieben Stunden stand ich auf unserem Hauptbahnhof, der diese Bezeichnung so wenig verdiente. Jedes Mal erschien er mir bei der Ankunft kleiner als bei der vorigen Abreise. Die Umgebung meiner Kindheit war ein Land fĂŒr Liliputaner geworden, in das ich mich fĂŒr ein paar Tage hineinzwĂ€ngte.

Es war spĂ€ter Abend, eine frostige Nacht schon. Die ĂŒbrigen Reisenden zerstreuten sich innerhalb von zwei Minuten. Ich stand allein in der Halle, sie gewann dadurch wieder etwas an GrĂ¶ĂŸe. Ich wollte zu Hause anrufen, damit meine Eltern mich abholten, wie jedes Jahr. Zu Hause war ich dort allerdings schon lange nicht mehr.

Ich wĂ€hlte ihre Nummer und ließ es lĂ€uten. WĂ€hrend ich in den Apparat hineinlauschte, sah ich ihr kleines Wohnzimmer vor mir, so still und mit Tag und Nacht heruntergelassenen RolllĂ€den. Sie bewohnten es so wenig wie das große Wohnzimmer daneben. Es wĂŒrde einige Zeit dauern, bis meine Mutter aus der im Souterrain gelegenen KellerkĂŒche am Apparat war. Nach dem vierten Klingeln ertönte das Besetztzeichen. Ich wartete zwei Minuten und wĂ€hlte erneut. Vielleicht hatte sie versehentlich die Gabel berĂŒhrt. Es blieb beim Besetzt, auch nach einem weiteren Versuch. Meine Mutter hatte neulich in einem Brief ĂŒber Herzbeschwerden geklagt - ich verscheuchte jetzt die Vorstellung, wie sie, ĂŒberanstrengt vom eiligen Treppensteigen, auf dem Teppich zusammengebrochen war, den Hörer noch in der verkrampften Hand 


Ich ging zur Haltestelle und hatte GlĂŒck. Schon nach drei Minuten kam ein Bus aus der Stadt herauf. Eigentlich brauchten sie mich nicht abzuholen. Der Bus rollte die HĂŒgel auf und ab. Die wenigen FahrgĂ€ste stiegen nach und nach aus. Ich blieb als Letzter zurĂŒck, schon nahte die Endhaltestelle. Da entdeckte ich sie, als wir am Friedhof vorbeifuhren. Mein Vater lenkte den Wagen umsichtig vorbei, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und blickte geradeaus. Sie kamen nicht auf den Gedanken, in den Bus hineinzusehen, sie selbst benutzten ihn nie. Ich versuchte, sie durch Winken auf mich aufmerksam zu machen, und kam mir, wie ich im leeren Bus gestikulierte, ein wenig lĂ€cherlich vor. Die beiden sahen weiter starr geradeaus, ich geriet nicht in ihr Blickfeld. Mein Vater fuhr jetzt im Alter wieder wie ein FahrschĂŒler, sehr vorschriftsmĂ€ĂŸig, ganz auf den Verkehr konzentriert. Er chauffierte vergeblich zum Bahnhof, sie wĂŒrden bald zurĂŒck sein.

Erleichtert verließ ich den Bus und ging zwischen den StadtrandhĂ€usern langsam den Hang hinauf. Ich bog von der Asphaltstraße ab und schlug den Feldweg ein, der zwischen Wiesen auf ein WĂ€ldchen zielte, in ihm verbarg sich das Elternhaus. Der Weg war voller Schlaglöcher, die PfĂŒtzen in ihnen zu dĂŒnnen Eisdecken gefroren. Wenn ich auf sie trat, zersplitterten sie krachend. Sonst war es vollkommen still, eine helle Nacht, wolkenlos. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne am Himmel gesehen zu haben. Im Wald war es sehr dunkel, die Kronen der hohen Robinien und Vogelkirschen verflochten sich ĂŒber mir und ließen so gut wie kein Licht durch. Meine Augen hatten sich noch kaum an die Finsternis gewöhnt, ich war fast blind weitergegangen, da tauchte ihr weißes Haus auf der Lichtung auf. Diese Lichtung, vor einem Vierteljahrhundert beim Hausbau gerodet, wuchs von den RĂ€ndern immer mehr zu, sie verkleinerte sich mit jedem Jahr.

Ich vertrieb mir die Zeit damit, den Himmel zu betrachten. Aber ich kannte mich mit Sternbildern nicht aus und wusste nicht mal, wo der Abendstern stand. Ich ging am Haus auf und ab und spĂŒrte die KĂ€lte vom Boden in meinen Körper eindringen. Eines Tages, dachte ich, wĂŒrden die Eltern tot sein. Vielleicht wĂŒrde ich dann ebenso einsam wie jetzt um das verlassene, totenstille Haus herumgehen. Eine traurige Vorstellung, doch beinahe noch mehr bedrĂŒckte mich die Sorge, dieser Lage nicht gewachsen zu sein. Meine Eltern hatten sich eine neue Redensart angewöhnt: Das ĂŒberlassen wir unserem Nachfolger 
 Mal davon abgesehen, dass ihre VerhĂ€ltnisse ziemlich verwickelt waren – da stand jetzt das große Haus, leer an Menschen, dafĂŒr vom Keller bis zum Boden mit Kram angefĂŒllt, fĂŒr den ich keine Verwendung hatte. Ich lebe weit weg, sagte ich mir, mir fehlt die Zeit, das alles aufzulösen. Ich werde mich auf andere verlassen mĂŒssen - wird man mich betrĂŒgen?

Schon nach zehn Minuten kamen sie zurĂŒck und erklĂ€rten mir, weitschweifig und sich gegenseitig ins Wort fallend, dass das Telefon seit Tagen defekt sei. Als es vorhin nur kurz gelĂ€utet hatte, waren sie gleich zum Bahnhof gefahren, ich war ja erwartet worden. Sie fragten mich wie ĂŒblich nach dem Verlauf der Reise, die sie selbst nie unternommen hatten. Ich stellte wie immer die Gegenfrage nach ihrer Gesundheit. Damit waren wir schnell fertig. Mein Vater gĂ€hnte, und eine halbe Stunde spĂ€ter waren wir alle schlafen gegangen.


Am anderen Morgen frĂŒhstĂŒckten wir gemeinsam in der KellerkĂŒche. Die Eltern erschienen mir im grellen Neonlicht Ă€lter als je zuvor. Es war nicht nur so, dass ich sie ein volles Jahr nicht gesehen hatte – sie waren rascher gealtert als frĂŒher in derselben Zeitspanne. Das Alter hatte die letzten Spuren weiblicher Schönheit vom Gesicht meiner Mutter weggewischt. Von anderen Greisinnen unterschied sie nur der Höcker unterhalb der linken Schulter. Dieser Buckel verzerrte die große, schlanke Gestalt, er machte sie kleiner, es war eine zunehmende KrĂŒmmung und aussichtslos das BemĂŒhen, durch ein Hauskleid mit strengem Rautenmuster vom HinfĂ€llig-Asymmetrischen der Erscheinung ablenken zu wollen. Dennoch war meine Mutter viel rĂŒstiger als mein Vater. Ihm hĂ€tte ein Friseurbesuch gutgetan. Das frĂŒher so krĂ€ftige dunkle Haar, damals lockig und widerspenstig, umringelte jetzt in langen, kraftlosen grauweißen StrĂ€hnen die kahle Stelle auf der SchĂ€delmitte, die ich noch nicht kannte.

Ihre seltsamen Tischsitten hatten sich noch stĂ€rker ausgeprĂ€gt. Ihnen lagen Pedanterie und SelbstquĂ€lerei zugrunde, beide im Bewusstsein, nur das Gute und Richtige zu tun, ja insoweit nie genug tun zu können. Meine Mutter konnte keine zwei Minuten am Tisch sitzen bleiben. Immer war noch etwas fĂŒr die Mahlzeit des Gatten, des Sohnes zu besorgen. Mein Vater hielt nach wie vor strenge DiĂ€t ein. Er litt seit Jahren an einer chronischen Verdauungsstörung, die er nicht behandeln ließ, aus Starrsinn, aufgrund unsinniger Ängste und da er Geschmack am Martyrium gefunden hatte. Er schnitt sich den Zwieback klein. Mit dem Messer fegte er auch die Brösel zusammen, exakt von den vier Ecken des FrĂŒhstĂŒcksbretts her. Er schob den angehĂ€uften KrĂŒmelberg mit dem Zeigefinger auf die Schneide und fĂŒhrte sie langsam zum Mund.

Nach jeder Mahlzeit ruhte der Vater auf dem Sofa, das in der KellerkĂŒche stand. Er verbrachte, in eine Wolldecke gewickelt, einen großen Teil des Tages darauf. Die Katze lag dann oft in dem Winkel, den FĂŒĂŸe und Unterschenkel bildeten und der durch die Falten der Decke ausgepolstert war. Beide schliefen dort einen sehr leichten Schlaf, der es ihnen erlaubte, die GerĂ€usche und VorgĂ€nge in der KĂŒche noch zu ĂŒberwachen. Gelegentlich sah ich hinĂŒber zu dem Mann, der mein Vater war, mit dem bekannten Bild des Vaters jedoch kaum Ähnlichkeit hatte. Die Wangen waren eingefallen, so tief in die Mundhöhle eingesunken, wie ich es anatomisch nie fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte. Diese riesigen, schon fast völlig vom Fleisch entblĂ¶ĂŸten Jochbeine – gehörte diese atmende Totenmaske meinem Vater? Sie war das Negativ zu dem Bild, das ich in Jahrzehnten von ihm gewonnen hatte und dessen einzelne Bestandteile mir schon seit langem nicht mehr bewusst waren, sondern unauflöslich verschmolzen mit seinem Gesamteindruck. Da es jetzt fehlte, erkannte ich mit einem Mal, was bisher der Grundzug in seinem Gesicht gewesen war: die stĂ€ndige Anstrengung, gute Miene zu einem Spiel zu machen, das ihm innerlich widerstrebte. Dieses BemĂŒhen um Ausgleich und Zustimmung, siebzig Jahre durchgehalten, hatte ihn zu Tode erschöpft. Ich konnte diesen Anblick nicht lange ertragen und suchte ihn dennoch immer wieder von neuem.

Wenn er nicht schlief, versuchte er ab und zu, ein GesprĂ€ch mit mir in Gang zu bringen. Es gelang kaum einmal. Von klein auf hatte ich mich daran gewöhnt, ihm zu widersprechen und alles besser zu wissen. TatsĂ€chlich wusste ich inzwischen ĂŒber fast alles genauer Bescheid. Dies wenigstens war ihm bekannt, daher war er unsicher, zögerte beim Reden und hörte nicht selten mitten im Satz auf. Statt mich nachgiebiger zu stimmen, reizte mich seine Verlegenheit und ich antwortete gewöhnlich schroff. Er wollte ĂŒber die abgedroschensten Fragen der Politik sprechen, lauter Angelegenheiten, ĂŒber die es nichts Neues zu sagen gab und von denen ich nichts weiter hören wollte. Noch mehr erbitterte mich das stille LĂ€cheln, das seine einzige Antwort war, wenn ich doch einmal auf etwas ausfĂŒhrlicher einging und mir MĂŒhe gab, eine Sache zu erklĂ€ren.

Mit der Mutter ging es besser. Es fand sich immer irgendein GesprĂ€chsstoff. Gewöhnlich bezog er sich auf die praktische LebensfĂŒhrung – das Essen, den Haushalt – oder auf die Familiengeschichte. Ich brauchte selbst wenig zu sagen. Meine Mutter war nicht neugierig. Mein eigenes Leben spielte sich fern von ihnen wie hinter einem dichten Vorhang ab. Außerdem war sie dankbar dafĂŒr, selbst reden zu können. Sie hatte ein ganzes Jahr lang mehr als genug geschwiegen und wollte nur, dass ich ihr ein Stichwort gab, das den aufgestauten Redefluss entfesselte. Meinen Vater interessierten ihre Themen nicht, er unterbrach sie jedoch nie. Ihr Geplauder deckte nur das Schweigen zu, das in Wahrheit zwischen uns herrschte.

Am Tag nach meiner Ankunft war es draußen trĂŒb und neblig. Ich verließ das Haus nicht.


Am folgenden Tag klarte es auf. Ich ging zum Friedhof, um die GrĂ€ber der Großeltern zu besuchen. So wollte es die PietĂ€t. Kein Mensch war auf den Straßen. Einmal kam mir ein Auto entgegen, an dessen Steuer vielleicht ein alter Lehrer von mir saß. Doch ich war mir nicht sicher, und was lag schon daran.

Der ausgedehnte Urnenfriedhof erstreckte sich von der Leichenhalle bis zu den GrĂ€bern der Soldaten und Kriegsgefangenen. In der NĂ€he lag das Vatergrab des berĂŒhmten Politikers. Meine Großeltern hatten die Leute gut gekannt, aber auch das bedeutete nichts mehr. Und war es nicht widersinnig, den eigenen Leichnam verbrennen zu lassen, der Asche dann jedoch wieder eine Parzelle zu sichern, ganz so als ruhten da doch Gebeine? Wozu ĂŒberhaupt die Asche, den flĂŒchtigsten aller festen Stoffe, in ein metallenes GefĂ€ĂŸ fĂŒllen und darĂŒber ein kleines Denkmal errichten? Diese GrĂ€ber waren zu klein fĂŒr wahre Trauer und treues Gedenken und zu groß zum bloßen Vergessen. In jĂŒngster Zeit wĂ€hlte man zunehmend grĂ¶ĂŸere und kostbarere Grabsteine. Meine Großmutter hatte fĂŒr ihr Doppelgrab einen schwarzen polierten Marmorstein ausgesucht. Die obere Kante lief in zwei angedeuteten Arabesken aus, ein letzter Nachklang aus der Zeit, als der Jugendstil modern und sie selbst jung war.

Vom Friedhof ging ich nicht gleich zurĂŒck. Auf einem Umweg kam ich an vielen stillen HĂ€usern vorbei, Eigenheimen in winterlichen GĂ€rten. Ich konnte oft in die Wohnzimmer hineinsehen. In ihnen standen fast immer geschmĂŒckte WeihnachtsbĂ€ume. Manchmal sah ich daneben Bildschirme flimmern. Seltsamerweise gelang es mir nie, die menschlichen Bewohner dieser Behausungen zu entdecken. Vielleicht hockten sie in schlecht beleuchteten Winkeln, die ich nicht einsehen konnte. Da sich, von ein paar vorbeirollenden Autos abgesehen, auch draußen nichts regte, dachte ich plötzlich, so mĂŒsste es nach einem Angriff mit der Neutronenbombe aussehen.

Daheim fragte mein Vater, ob ich Bekannte getroffen hĂ€tte. Die Frage war ich gewohnt, sie kam seit Jahren bei dieser Gelegenheit. Und wie immer antwortete ich auch jetzt wieder: Nein, die Leute sind mir ja fremd geworden, und außerdem geht hier keiner mehr zu Fuß.


Bei den Eltern drehte sich fast alles um die Katze. Ihr weißes Fell hĂ€rte sich stark. Sie war anhĂ€nglich und ließ sich bei Tisch fĂŒttern. Mein Vater schnitt ihr von seinem HĂŒhnerbein immer wieder kleine Fleischstreifen herunter. Diese FĂŒtterung fĂŒllte inzwischen den grĂ¶ĂŸten Teil seiner Mahlzeit aus und die Katze bekam mehr als die HĂ€lfte seiner Fleischportion. Danach ruhte sie mit dem Vater auf dem Sofa.

Die Eltern sprachen auch mit ihr. Sie benutzten dabei eine eintönige Lautmalerei, wie sie Erwachsene im Umgang mit SĂ€uglingen verwenden. Meine Eltern erzeugten mit den StimmbĂ€ndern tief im Kehlkopf kurze, fast ununterscheidbare klagende Laute, die ebenso gut lauter Behagen ausdrĂŒcken konnten. Die Katze antwortete ihnen in gleicher Weise. Sie stimmten völlig ĂŒberein. Es war unwahrscheinlich, dass meine Eltern der Katze die menschliche Sprache beibringen wollten. Es lief darauf hinaus, dass die Katze meine Eltern domestizierte und durch den Gebrauch einer Art Babysprache ihren eigenen schwach differenzierten Ausdrucksmöglichkeiten anpasste.


Meine Mutter hatte noch ein Geschenk fĂŒr mich. Aus ihrem Fundus oder Depot bekam ich am Tag vor meiner Abreise jenen Krug. Von weitem sah er prachtvoll aus, ein neobarocker Prunkhumpen, wie ich Ă€hnliche im Museum fĂŒr Kunst und Gewerbe gesehen hatte. Er fasste einen halben Liter und war aus bemaltem und reliefartig verziertem Steingut. Aus der NĂ€he betrachtet, konnten nicht alle Details ĂŒberzeugen. Am schönsten war noch der Sockel: auf blauem Grund braune Medaillons, von cremefarbenen Rocaillen umspielt. Weiter oben die Hauptsache: Mutter Germania, eine violett gewandete Heroine mit langem kastanienfarbenen Haar. Ein schwarzer Adler spreizte sich auf ihrer knapp sitzenden grauen Bluse, mit seinen FlĂŒgeln liebkoste er den prallen Busen. Ein weiterer Adler hockte zu ihrer Rechten, mit wulstig gebogenem Schnabel einem Papagei nicht unĂ€hnlich. Die Germania umfasste mit der Linken ein Schwert wie aus LĂŒbecker Marzipan und mit der Rechten stemmte sie eine Krone, die einem Napfkuchen Ă€hnlich sah. Von der ganzen Figur gingen Strahlen aus, so regelmĂ€ĂŸig wie bei einer Rosenkranzmadonna.

Ein verknotetes schwarzweißrotes Band umflatterte die figĂŒrliche Darstellung 
 und auf dieser Flagge ein frei schwebender Tisch 
 und auf dem Tisch ein frei schwebendes Bierfass. Aus ihm zapfte eine spröde Saaltochter fĂŒr sechs winzige Gestalten, die ihre Humpen hoben, ihre Spazierstöcke in die Luft warfen. DarĂŒber: „Parole Heimat!“ und rechts und links vom gebogenen Henkel zwei lange Namensreihen: Becker I und Becker II, Bleibtreu, Presser, SchĂ€fer I und SchĂ€fer II und noch andere 
 Am oberen Rand des Kruges stand in fetter Fraktur der Name seines vormaligen Besitzers: Schneider I, der Ă€ltere Bruder meines Großvaters. Der Krug war von 1905.

Von 1905 war auch die Fotografie des angehenden Reservisten, die meine Mutter dazu legte. Es war ein Brustbild in Uniform. Sie war ihm lĂ€stig, offenkundig. Er streckte den Hals ein wenig nach rechts aus dem hohen Kragen heraus. Er war ein hĂŒbscher Junge um die zwanzig mit sehr dunklem Haar, das gerade noch einen Scheitel zuließ. Ein mittelgroßer Schnurrbart, ein wenig aufgezwirbelt. Schöne dunkle Augen mit großen glĂ€nzenden Pupillen. Die Ohren zu groß und auch noch leicht abstehend. Im Ganzen war das Gesicht oval geschnitten mit hoher und breiter Stirn. Weich war das Kinn, weich die Unterlippe, nur die Oberlippe ein strenger Strich.

Er lĂ€chelte nicht. Leise fragend sah er in die Kamera. Was geschieht mit mir, schien er zu fragen. Und: Warum – warum?

Ich drehte das Foto um. Das Atelier verwies auf glĂ€nzende Empfehlungen, etwa auf das Cabinet- und Dankschreiben Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen von Neapel, auf Hohe Anerkennung Seiner Königlichen Hoheit, des Herzogs Max Emanuel in Bayern, und auf die krönende Allerhöchste Anerkennung durch Kaiser Wilhelm II. Auch konnten die Fotografierten der Zukunft sorglos entgegensehen: „Platten werden aufbewahrt & können jederzeit AbzĂŒge und VergrĂ¶ĂŸerungen davon gemacht werden.“ Wie gut, der Reservist Schneider I hatte nicht mehr oft Gelegenheit, sich portrĂ€tieren zu lassen. Wenige Jahre spĂ€ter starb er in Belgien den Soldatentod. Ich durfte das Foto behalten.

Die Wettervorhersage im Radio lautete: Eisregen in der Nacht, am Morgen gefÀhrliche EisglÀtte.


Es war noch dunkel, als ich aufstand. Mein Vater war schon vor der TĂŒr gewesen und sagte, der Regen habe aufgehört, der Boden sei zentimeterdick mit Eis ĂŒberzogen. Ich mĂŒsste versuchen, den Bahnhof per Bus zu erreichen.

Mein Vater ging mit, als ich nach dem FrĂŒhstĂŒck aufbrach. Ich nahm den weichen, am Vorabend gepackten Handkoffer. Ich öffnete ihn noch einmal, den Krug wĂŒrde ich doch lieber dalassen. Aber meine Mutter wollte sich unbedingt von diesem Gegenstand der Erinnerung trennen. Sie stopfte Zeitungspapier hinein und umwickelte ihn mit einem Handtuch.

Draußen sah ich das Eis zunĂ€chst nicht, es war noch zu finster. Dann ein mattes Schimmern im kleinen, runden Schein der Taschenlampe, die mein Vater vor meine Schritte richtete. Dabei bestand kaum Gefahr auszugleiten, so rau und steinig war der Weg hier. Dann standen wir vor der Asphaltstraße: eine abschĂŒssige Eisbahn unter strahlender elektrischer Beleuchtung. Kein Mensch unterwegs, die Gehwege dick vereist und noch völlig unberĂŒhrt. Mein Vater sagte, wir sollten durch die VorgĂ€rten gehen. Wir betraten die weichen RasenflĂ€chen, wir umgingen die Blautannen und Forsythien, wie hielten uns an EssigbĂ€umen und JĂ€gerzĂ€unen fest, wenn wir doch einmal auf den nicht gangbaren Gehweg ausweichen mussten.

Nach zehn Minuten hatten wir den Abstieg zur Haltestelle geschafft. Von hier an war schon Salz gestreut, die Fahrbahn feucht und gefahrlos. Mein Vater verabschiedete sich rasch und kehrte sogleich um.

Immerhin – der Krug war gerettet.


Version vom 01. 12. 2014 22:03
Version vom 08. 12. 2014 18:04
Version vom 10. 12. 2014 11:17

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aligaga
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Bravo, Arno!

Selten hab ich eine „Winterreise“ mitmachen dĂŒrfen, in der wirklich alles so schrecklich froststarr war wie auf dieser. Es ist dir gelungen, die Objekte, die frĂŒher einmal Menschen waren, sprachlich so gekonnt zu zeichnen, dass der Leser Interesse bekommt, ganz genau hinzusehen: Er stellt fest, dass diese Menschen, der Protagonist eingeschlossen, bereits vor ihrer Aschewerdung versinnlosen und dass die graue Schicht, die ĂŒber ihrem Äußeren und inwendig an ihren GemĂŒtern liegt, kein Puderzucker ist, sondern aus Eiskristallen besteht, wie sie sich spĂ€ter auch auf dem Weg zum Bahnhof finden.

Ich glaube, dass man sich eine solche ErzĂ€hlung nicht aus den Fingern saugen kann und, vor allem, dass man sehr gute Nerven braucht, um sie so sorgfĂ€ltig aufzuschreiben, wie du’s getan hast.

Ich bin hingerissen!

Einziger (winziger) Kritikpunkt: Der Bruder des Großvaters sollte nicht „ins Gras beißen“ mĂŒssen. Das ist platte Kalauersprache, die in einem kultivierten Text wie diesem eigentlich nichts verloren hat. Ich wĂŒrde den jungen Mann ganz profan fallen lassen. Dann kann sich jeder Leser selbst vorstellen, wie erbĂ€rmlich.

Gruß

aligaga


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aligaga
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Hallo Arno,

ich nochmal.

Der vorstehende Kommentar veranlasst mich zu der Bemerkung, dass ein aufmerksamer, einfĂŒhlsamer Leser niemals auf die Idee kommen könnte, in deinem StĂŒck wĂŒrde thematisiert, wie sich das VerhĂ€ltnis eines Kindes zu seinen Eltern ĂŒber Jahrzehnte nachhaltig verĂ€nderte.

Es wird vielmehr offenbar, dass der "Besucher" auch schon vorher nie wirklich bei seinen Eltern zuhause war. Man darf ganz zu Beginn nicht ĂŒberlesen, dass es dort heißt:

quote:
Ich hatte die Reise schon oft gemacht, meist am Tag vor Heiligabend. Die einzelnen Fahrten unterschied ich lÀngst nicht mehr, es war immer die gleiche Reise.
Und man muss sich fragen, wie weit entfernt einem Eltern sein mĂŒssen, dass man ein "ReisebĂŒro" braucht, dem man erklĂ€ren muss, wo man ĂŒberall umsteigen muss, um zu ihnen zu gelangen.

Vielleicht lĂ€sst die Melancholie, die das StĂŒck gleich zu Beginn bedeckt wie Mehltau die BlĂ€tter einer KĂŒrbispflanze, per se keine freundliche Reminiszenz zu. Aber es gibt auch spĂ€ter nicht einmal einen Ansatz von Bedauern, dass die Physis der Eltern ebenso wie deren mentale PrĂ€senz vom Fleisch fallen. In der beschriebenen Gesellschaft scheint nicht bloß jahreszeitlich bedingt Winter zu herrschen, sondern Permafrost. Wahrscheinlich hat die besagte Neutronenbombe dort bereits vor der Geburt des ErzĂ€hlers eingeschlagen.

Diese Erkenntnis ist deshalb so bedrĂŒckend, weil sie jeden Gedanken an eine Erlösung ausschließt.

Gruß

aligaga

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Hallo Arno, welch bedrĂŒckende AtmosphĂ€re Du hier geschaffen hast! Du rĂ€umst grĂŒndlich mit allen Eltern-Kind-Klischees auf. Hier gibt es keine Liebe, keinen Hass, ja nicht einmal Mitleid, hier gibt es nur noch GleichgĂŒltigkeit.
Das ist so verstörend wie wahr herausgearbeitet.

Sehr gut.

LG DS

Eine Kleinigkeit stört mich: Die "spröde Saaltochter". Was meint dieser Ausdruck und wie lÀsst sich die Sprödigkeit auf einem Krug erkennen?!


__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Hallo Arno,

dieser Text ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben - ist er doch einer Deiner besten. Diese auf den Punkt gebrachte, einfĂŒhlsame ErzĂ€hlung eines obligatorischen Weihnachtsbesuches, der zugleich das VerhĂ€ltnis zwischen Sohn und Eltern schonungslos beleuchtet - ohne falsche Scham und ohne Klischees. Die Winterreise, die nur Erstarrtes hervorbringt, verdient den Stempel zu Recht.

Sehr gerne vergeben von

DS mit vielen GrĂŒĂŸen!
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