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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Winterschlaf
Eingestellt am 30. 12. 2007 01:03


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Daunelt
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Winterschlaf


Was ist Weihnachten schon ohne Schnee ? In diesem Jahr haben wir Gl├╝ck: p├╝nktlich am 23., fast wie bestellt, f├Ąngt es an zu schneien und bald sind Stadt und Tal von einer Zuckerwatteschicht bedeckt, aus der nur T├╝rme und Schornsteine herausschauen.

Ich habe vor l├Ąngerer Zeit einen Bauernhof gekauft, der einige Kilometer au├čerhalb der Stadt, in einem Dorf unterhalb der Berge liegt. Seit Jahren lade ich meine Freunde und ihre Familien ein, und wir verbringen Weihnachten gemeinsam. Ein paar Tage vor dem Fest reisen sie an und belegen die vielen kleinen, gem├╝tlichen Zimmer. Die Kinder haben Platz zum Spielen, tausend Winkel und Ecken warten, Katzen und Pferde k├Ânnen gestreichelt werden. Wir Erwachsenen aber beginnen mit den Festvorbereitungen. Dabei spielt vor allem der Einkauf von Lebensmitteln eine wichtige Rolle, denn wir bleiben lange zusammen und brauchen Vorrat.

Am Heiligen Abend, wenn die Gesch├Ąfte schlie├čen, treffen wir uns in einer Kneipe, T├╝ten, K├Ârbe und Netze voll mit letzten Besorgungen. E├čwaren, Getr├Ąnke und Menschen, alles wird in den Autos verstaut. Auf die Reifen haben wir Ketten gezogen, ├╝ber knirschenden Schnee geht es heraus aus der Stadt mit ihren Lichterketten und Neonreklamen. Ganz still liegt das Dorf. Heimlich und warm, inmitten der wei├čen Einsamkeit, nimmt uns der Hof auf. Fr├╝h wird es dunkel.

Unser Weihnachten l├Ąuft ├╝brigens etwas anders ab als bei den Nachbarn. Nat├╝rlich steht der geschm├╝ckte Weihnachtsbaum in der gro├čen Diele, und jeder und jede bekommt ein kleines Geschenk. Aber irgendwie ist es nicht ├╝berm├Ą├čig feierlich, mehr ausgelassen und fr├Âhlich, eine einzige Folge von Festessen, Punschrunden und Kaffeetafeln.

So geht es ├╝ber die Feiertage. Anfangs haben wir noch ausgedehnte Spazierg├Ąnge und Schlittenfahrten unternommen. Aber im Laufe der Zeit werden wir tr├Ąger und fauler, verbringen die Zeit mit Spielen und tiefsinnigen Gespr├Ąchen. Kaum geht noch jemand vor die T├╝r, nur mal einen Augenblick in den Stall, die Tiere versorgen, nur einen kleinen Weg um die Ecke und dann wieder hinein in die W├Ąrme des Hauses, an den Kamin, an den Tisch zum n├Ąchsten Essen.

Bis Silvester leben wir so; alle sind dick und rund geworden. In dieser Nacht findet der gr├Â├čte Festschmaus statt. Die Tische sind voll mit kalten und warmen Platten, dampfende Sch├╝sseln werden herumgereicht, Unmengen von Bier, Bowle und Sekt getrunken. Das Feuerwerk um Mitternacht nimmt niemand mehr wahr. Man m├╝├čte hinausgehen in die K├Ąlte ÔÇô wof├╝r ? Besser am Tisch bleiben ! So geht es bis in den Morgen.

Es gibt nun nicht mehr viel zu tun. Der Januar ist gekommen, der h├Ą├člichste, l├Ąngste und k├Ąlteste Monat des Jahres. Und das ist der Neujahrstag: grau, tr├╝b, kalt, still, Schneematsch, ├╝berfrorene Stra├čen, Hoffnungslosigkeit, Langeweile, Katzenjammer.

Deswegen wollen wir schlafen gehen. M├Ąnner, Frauen und Kinder verschwinden fett und m├╝de in ihren Zimmern. Die Gespr├Ąche werden leiser und bald ist im Haus bei den Menschen und im Stall bei den Tieren absolute Ruhe.

Wir werden lange schlafen, mindestens drei Monate, besser vier. Wenn die Sonne wieder mit Kraft scheint, werden wir geweckt. Von den Stimmen der V├Âgel, von der Kirschbl├╝te, vom Fr├╝hling.

├ťbrigens haben wir vorgesorgt: sollte es einmal wider Erwarten keinen Fr├╝hling mehr geben, schlafen wir einfach weiter. Unser Schlaf wird immer tiefer und ohne da├č wir es merken, setzt das Herz aus. Und dann, wenn alles gutgeht, erwachen wir weit dr├╝ben jenseits von Lethe und Styx, im Elysium, von dem es hei├čt: dort wird immer Fr├╝hling sein.



__________________
Die Aufgabe des Dichters ist nicht, Wege aufzuzeigen, sondern Sehns├╝chte zu wecken (Hermann Hesse)

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