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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Winterschluss
Eingestellt am 08. 02. 2009 09:51


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Chrisch
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Registriert: Jan 2009

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WINTERSCHLUSS

Der Wind wehte diese Nacht hier oben besonders heftig, doch durch die dichte Jacke, die er bis obenhin geschlossen hatte, sp├╝rte er die eisige Luft nicht, die ihn sonst fr├Âsteln lie├če. Er selbst bezeichnete sich gern als ÔÇ×Frostbeule", aber die Sommerhitze, ab achtundzwanzig Grad, mochte er auch nicht. So stand er hier, schaute in den kalten Nachthimmel und hatte doch keine Augen f├╝r die Sterne, die sich tausendfach glitzernd und gl├Ąnzend zeigten. Diesmal kamen sie ihm fremd vor und waren ihm feindlich gesinnt, so meinte er. Stolz und kalt starrten sie auf ihn herab als wollten sie sagen: ÔÇ×Du nichtiger Staub. Selbst, wenn du so strahlen k├Ânntest wie wir, w├╝rde dich niemand sehen.ÔÇť
Unbeachtet war er hierherauf gestiegen. Die letzte Tr├Ąne erstarrte in seinem Gesicht, getrocknet vom Sturm, der dies Haus seit f├╝nfzig Jahren versuchte umzublasen. Nichts konnte ihn aufhalten und auch dieses Haus w├╝rde einst verschwinden, so wie alles von Menschen gemachte.

Noch am Morgen hatte es anders ausgesehen. Schnee war ├╝ber Nacht gefallen und angenehm knarrend dr├╝ckten seine Stiefel neue Spuren in die wei├če Fl├Ąche.
Er entschloss sich, den Fu├čweg zu nehmen, der zwar beschwerlich und weit war, aber die Bewegung w├╝rde ihm gut tun. Kurzatmige Wolken kamen aus seinem ge├Âffneten Mund und das Gesicht r├Âtete sich zusehends von der k├╝hlen Morgenwitterung. Die lustvolle Anstrengung zauberte wei├čen Reif auf seine Augenbrauen. Jetzt kam er zum Fluss. Ab hier h├Ątte er sowieso laufen m├╝ssen. Das Wasser str├Âmte ruhig dahin. Es war kein Eis mehr zu sehen und immer noch lagen alte Herbstbl├Ątter herum und machten den Weg an einigen Stellen glatt und glitschig. Vorsichtig schritt er, aber doch kr├Ąftig und z├╝gig unter der Stra├če den Tunnel hindurch. Enten schwammen im Wasser und er freute sich, dass dicke Socken in seinen Stiefeln steckten und er deshalb immer noch warme F├╝├če hatte. Am Mausoleum wollten sie sich treffen. Er hatte noch viel Zeit und so beschloss er sie zu ├╝berraschen. Angekommen bem├╝hte er sich einen Schneemann zu bauen. Als seine H├Ąnde, schon fast blaugefroren, ihm den Dienst versagen wollten, setzte er den, doch etwas schiefgeratenen, Schneemannkopf oben auf das Gebilde. "Ein K├╝nstler bin ich wirklich nicht.", stellte er l├Ąchelnd fest und steckte zwei Tannenzapfen in den klebrigen Kopf. Bedauernd dachte er, dass der arme Herr Schneemann; denn wie sollte er ihn auch sonst nennen, nicht einmal eine warme M├╝tze oder wenigstens einen Hut hatte, der ihm sein kurzes kaltes Leben w├Ąrmen w├╝rde.
Die nahe Rathausuhr verk├╝ndete, dass die Verabredungszeit gekommen war, aber weithin war kein Lebewesen zu bemerken, jedenfalls im Augenblick nicht.
Sie kam, wie er, sonst nie zu sp├Ąt, eine der Eigenschaften, die er sehr hoch sch├Ątzte. So lange kannten sie sich eigentlich noch nicht, aber doch lang genug, um sich gegenseitig, an ihrem Kamin, zu w├Ąrmen und sie z├Ąrtlich stumm zu streicheln, w├Ąhrend sie ruhig an seiner Brust schlief.
Er war gl├╝cklich gewesen als er schon bald erfuhr, dass sie schwanger war. Da hatte er sich stark gef├╝hlt und sein Magen war aus Marzipan, wie Weihnachten, Bescherung und Familiengl├╝ck in Einem. Dann klingelte sein Handy und teilte ihm mit, dass sie in dem Caf├ę, in der N├Ąhe, wartete. Wenige Minuten sp├Ąter sch├╝ttelte er den Schnee von den Schuhen, nachdem er eingetreten war, wollte gerade durch einen Ruf auf sich aufmerksam machen, als er den Mann neben ihr bemerkte, der sich zu ihr beugte. Sie umschlang seinen Nacken, wie sie es so oft bei ihm getan hatte und dann, ihm blieb das Herz stehen, k├╝sste sie ihn w├Ąhrend er seine Hand auf ihren gew├Âlbten Leib legte.
Offensichtlich f├╝hlte sie, dass er sie beobachtete, sprang auf und wie durch dicken Nebel, h├Ârte er ihre Erkl├Ąrungen, aber er verstand sie nicht. Nur eines war deutlich: Sie hatte sich in diesen Kerl verliebt und das schon vor Monaten. Sie habe es ihm ja sagen wollen, aber es war so schwer, wenn er sie so angeschaut hatte. "Es tut mir so leid. Aber bitte versteh mich. Wir kannten uns doch schon so lange. Damals dachte ich, dass es zu Ende war als du auftauchtest. Und dann", sie stockte, schlug die Augen nieder, "dann bemerkte ich, dass ich von ihm schwanger war. Ich wollte es dir doch sofort sagen, aber..." mehr konnte er nicht h├Âren, weil er aus dem Restaurant floh. Blind irrte er durch den Schnee und bald stand er wieder vor seinem Kunstwerk, das ohne Mund mit Tannenzapfenaugen stumm begann vor sich hinzuschmelzen, was bei drei Grad plus auch dem wei├čen Wasser auf den B├Ąumen geschah. Mit verschleiertem Blick sah er ringsumher wie die B├Ąume mit ihm weinten.

Nun stand er hier, schwindelfrei wie er war, direkt am Rand des Daches und sah hinunter auf die kleinen Wesen, die so wie er liebten und litten und verzweifelt waren. Wie viele von ihnen sahen keinen Ausweg mehr und hatten alle Hoffnung begraben? Der Weg nach unten war weit. Es w├╝rde aber nur Sekunden dauern und dann war ewiger Schlaf und alles w├Ąre vergessen und begraben. Seine Frau, sein Kind, alles zerplatzt, so wie ein K├Ârper der abrupt durch den Asphalt gebremst wurde. Er zog den Ring, den er gestern f├╝r sie gekauft hatte, aus der Tasche. Er funkelte im Sternenlicht. Dann warf er ihn weitausholend hinaus in den Nachthimmel. Vielleicht w├╝rde er nie wieder eine Frau so lieben k├Ânnen, aber besser den Ring als sein Leben wegwerfen. Er verfolgte dessen Weg nach unten und lauschte, meinte dann das ÔÇ×PlingÔÇť zu h├Âren, obwohl der Wind versuchte es zu ├╝bert├Ânen.


__________________
"ist wie Schach, nur ohne W├╝rfel" Lukas Podolski

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