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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Wintertag (Langzeilensonett)
Eingestellt am 09. 02. 2012 20:18


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Bernd
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Wintertag

Shall I compare thee to a summer's day?
William Shakespeare, Sonett 18


Du bist geworden wie ein Wintertag, nur k├Ąlter noch und starr und voller Eis,
und du zersplitterst schon beim kleinsten Schlag, im rauhen Wind gefriert dir kalter Schwei├č.
Der Vollmond scheint und f├Ąrbt den Himmel schwarz, an Fenstern wachsen Blumen aus Kristall,
man repariert das Himmelszelt mit Harz, die Sterne schleichen langsam durch das All.
Die Schneekristalle werden langsam grau, denn ewiglich wird hier nicht Winter sein,
der Tod treibt Bl├╝ten auf der gr├╝nen Au, und selbst im Boden stellt sich Wachstum ein.
Solange keiner vor der Haust├╝r kehrt, bleibst du - und diese Welt - begehrenswert.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

Version vom 09. 02. 2012 20:18
Version vom 09. 02. 2012 20:39

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gitano
Guest
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Hallo Bernd!

Label hast Du mit diesem Scherz ;D schon auf┬┤s Glatteis gef├╝hrt!

Eigentlich ist es die historisch gesehen "korrektere" Schreibweise (aus alten Handschriften) f├╝r die italienisch st├Ąmmige Sonett-Form!
So wie sie nach pedi und voltae von den Autoren geordnet wurden! Wobei hier leider nicht zum Ausdruck kommt, da├č die voltae ja drei!! Endecassillabi lang sind - also: drei mal elf Silben plus Zwischenr├Ąume...dies war damals schon eine sehr laaaange Zeile!

Es waren schlie├člich die Buchsschreiber und manche Autoren selbst, die dann die pedi und voltae in grafische Einheiten zerhackten, um sie besser und layout gerecht auf die Schreibfl├Ąche zu bekommen!

Von der dichterischen Seite her ein brutaler Akt von Einmischung und Zerst├Ârung!
...und heute schreibt die halbe Welt in Kurzzeilen..
so kanns gehen!

und eher nicht typisch f├╝r die englische
die wurde in zehn/elfsilbler Zeile
"en bloc" notiert.

Dies ist also keine neue oder innovative Form von Sonett! ;D

(siehe Peter Weinmann (1989) Sonett-Idealit├Ąt und Sonett-Realit├Ąt, Promotionsarbeit. Kap. 3. Reihe ROMANICA MONACENSIA. Gunter Narr Verlag T├╝bingen)
... ich habe noch ein Lagerbestandsexemplar bekommen

unsere heutigen Schreibweisen sind oft gewissen Formaten geschuldet...im Mittelalter den Handschriftenformaten, heute den DIN Formaten...

Schade, da├č in der LL nicht jeweils ein pedi aus zwei Endecassillabi auf eine Zeile pa├čt! Man w├╝rde wirklich anders lesen und die Schwachstellen fallen leichter auf!

W├Ąre dies nicht mal ein Verbesserungsvorschlag? f├╝r die LL...bi├čchen mehr Platz pro Zeile!
Woanders geht dies ja auch...(z.B. Hier klicken Lyriker.de dort pa├čt es)

Grafische Darstellung w├Ąre (sonets cantenatus typ):
v-v-v-v-v-v(A) v-v-v-v-v-v(B)
v-v-v-v-v-v(B) v-v-v-v-v-v(A)
v-v-v-v-v-v(A) v-v-v-v-v-v(B)
v-v-v-v-v-v(B) v-v-v-v-v-v(A)
v-v-v-v-v-v(C) v-v-v-v-v-v(D) v-v-v-v-v-v(E)
v-v-v-v-v-v(C) v-v-v-v-v-v(D) v-v-v-v-v-v(E)


beim englischen Typ, ist es ja am Ende eher anders, wg. der epigrammatischen Schlu├čsequenz

Nr. 18 suche ich mir gleich mal raus...

Vielleicht bis sp├Ąter
gitano

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gitano
Guest
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Nachtrag:
Dein Reimschema: ABAB CDCD EFEFGG (eher englisch)

Nr. 18 suche ich mir gleich mal raus...

Alles bi├čchen wild durcheinander, finde ich:
-keine klare Sonettkadenz (du nennst es aber Sonett)
-Langzeilenschreibung ital. historisch
-inhaltlicher Gestus eher im englischen Stil

Experimentell weil ein wilder MIX? Im Experimentellen geht alles?
hm, mixen ist f├╝r mich keine Innovation...

Was mir unanbh├Ąngig von der Formdiskussion sehr gut gef├Ąllt sind die sch├Ânen poetischen Bilder!

Vielleicht bis sp├Ąter
gitano

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Bernd
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Hallo, Gitano, Du hast meine Gedanken hierbei wiederholt und erweitert.
Der experimentelle Charakter liegt in drei Punkten:

1. Wie wird heute ein Sonett mit langen Zeilen (vom Umbruch wegen der Leselupe abgesehen) aufgenommen?
2. Ich habe auf anachronistische Weise die Form des Shakespeare-Sonetts mit dem Langzeilensonett verbunden, das man bei n├Ąherer Besch├Ąftigung aus der Geschichte des Sonetts kennt. Du hast es gut beschrieben, das brauche ich nicht zu wiederholen.
3. Eine umkehrende Nachdichtung des Shakespeare-Sonetts, eine Art Parodie oder Travestie.
Urspr├╝nglich hatte ich die Reimform sogar noch verschr├Ąnkt, das aber dann ge├Ąndert. Es w├Ąre eine zu starke Mixtur der Formen geworden.
abba cddc effe gg
Ich hoffe, man erkennt den Zusammenhang mit Shakespeares 18. Sonett. Davon habe ich auch selbst schon ├ťbersetzungen versucht.

Urspr├╝nglich nannte ich das Sonett "18", das k├Ânnte aber missverstanden werden - als rechtsextremes Symbol. Deshalb fiel es unter meine Zensurschere.


Die urspr├╝ngliche Version war:

18

Shall I compare thee to a summer's day?
William Shakespeare

Du bist geworden wie ein Wintertag, nur k├Ąlter noch und starr und voller Eis,
im rauhen Wind gefriert dir kalter Schwei├č; und du zersplitterst schon beim kleinsten Schlag.
Der Vollmond scheint und f├Ąrbt den Himmel schwarz, an Fenstern wachsen Blumen aus Kristall,
die Sterne schleichen langsam durch das All; man repariert das Himmelszelt mit Harz.
Die Schneekristalle werden langsam grau, denn ewiglich wird hier nicht Winter sein;
und selbst im Boden stellt sich Wachstum ein, der Tod treibt Bl├╝ten auf der gr├╝nen Au.
Solange keiner vor der Haust├╝r kehrt, bleibst du - und diese Welt - begehrenswert.


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gitano
Guest
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Lieber Bernd!
Du hast manchmal schon sehr WILDE IDEEN!
Shakespeare also...auch in den Originalbildern! Toll!

Deine Umformung f├Ąllt eigentlich kaum auf im Text.
Es liest sich so, als w├Ąre dies das Original...
Dies spricht f├╝r Shakespeares Gliederung der rhetorischen Figuren im Sonett
und f├╝r Dich
weil Du es erkannt und genutzt hast!

Das ist aber insgesamt ganzsch├Ân SPEZIELL
...mehr was f├╝r ausgesprochene Sonettliebhaber!

Danke f├╝r Deine tolle "Erhellung" der Idee!

Nr. 18 lese ich trotzdem...gleich beim Caf├ę

Bis bald!
gitano

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Bernd
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Hier eine ├ťbersetzung (├ťbertragung) von mir:

├╝bersetzt und zitiert nach "Shakespeare Online" Hier klicken

William Shakespeare
Sonett 18

Vergleiche ich dich einem Sommertag?
Du bist viel lieblicher und nicht so wild:
wenn Wind des Maien Knospen st├╝rmen mag,
borgt dir der Sommer allzukurz sein Bild:
Das Himmelsauge scheint manchmal zu hei├č,
und oft ist auch sein Goldgesicht versteckt,
was man auch sieht, es unterliegt Verschlei├č --
durch Zufall, oder weil Natur sich reckt.
In dir soll nie die Sommerzeit vergehn,
soll nie die Sch├Ânheit enden, die du tr├Ągst,
soll nie der Tod nur prahlend Beute sehn,
wenn du dich endlos in die Zeit bewegst.
Solang man atmen oder sehen kann,
bleibt das bestehn und tr├Ągt dir Leben an.

Original:
Shakespeare Sonett 18

Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm'd;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature's changing course untrimm'd;
But thy eternal summer shall not fade
Nor lose possession of that fair thou owest;
Nor shall Death brag thou wander'st in his shade,
When in eternal lines to time thou growest:
So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this and this gives life to thee.

Eine alte deutsche ├ťbersetzung von Friedrich Bodenstedt findet man hier: Hier klicken
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